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Alt 13.03.2019, 09:48   #1
The Wolf
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Zum Glück Berliner.... Mein persönlicher Hauptstadt-Blog





Berlin, wat haste Dir verändert – aber andererseits bist Du immer noch die alte… schön, hässlich, gepflegt, dreckig, interessant, langweilig, aufregend, weltbürgerlich, spießig, verschnarcht, anarchistisch, alles nebeneinander, INTERESSANT eben!

Und jetzt kommt Ihr: Ach nee, Berlin – was soll das denn?
Und in der Tat: Berlin hat zahlreiche Feinde, aber eben auch zahlreiche Freunde! Und Berlin ist bewohnt von Berlinern, man glaubt es kaum, behaupten doch einige neu zugewanderte Jungjournalisten, die Berliner gäbe es gar nicht mehr, die seien inzwischen ausgestorben wie weiland die Saurier. Irrtum, Leute, wir sind noch da und wir sind zahlreich, wir zählen immer noch nach Millionen! Nur gibt es Stellen in der Stadt, da nimmt man uns nicht mehr wahr vor lauter Touristen, da gehen wir einfach unter. Als kluger Mensch meidet man solche Stellen, aber das ist eben nicht immer möglich. Manchmal gilt dann eben nur die Devise „Augen zu und durch!“ Berliner Mundart hilft fast immer und manchmal auch die Ellenbogen. Zimperlich sollte man nicht gerade sein, wenn man in Berlin zurechtkommen will, das stellte schon der alte Goethe fest und verschwand bald wieder in gemütlicheren Städtchen, z.B. nach Weimar zu seinem Freund Schiller.

Berlin, die Gehasste, Berlin, die Geliebte….
Spötter behaupten, Berlin sei eine „Failed City“: Das ist natürlich völliger Blödsinn, denn Berlin funktioniert eigentlich ganz gut. Tatsache ist vielmehr, dass ganz Deutschland momentan ein „Failed State“ ist, in dem nichts, aber auch gar nichts mehr funktioniert. Ich nenne Bahn, ich nenne Post, ich nenne Regionalverkehr in verschiedenen Städten, ich nenne das Gesundheitswesen, die Schulexperimente nahe der Analphabeten- Grenze, und, und, und…...

Liebe Berlin - Besucher, sagt uns nicht, was bei euch angeblich alles besser funktioniert, so wie es der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, jüngst getan hat. (ZITAT: „Wenn ich in Berlin aussteige, sehe ich ein Schild vor mir – Sie haben das Ende des funktionierenden Deutschlands erreicht“). Der grüne Schwabe Boris Palmer gebietet über eine Stadt mit 90 000 Einwohnern. Mein Stadtteil Berlin – Moabit hat 87 000 Einwohner, also nahezu ebenso viele Tübingen, nur dass es hier noch 95 andere Stadtteile von der Größe Tübingens gibt, da dürfen doch die Probleme auch ein bisschen größer sein, oder? Ich erinnere daran, dass meine Heimatstadt auf dem Höhepunkt der „Willkommenskultur“ 80 000 Flüchtlinge aufgenommen und versorgt hat, eine Zahl, die dem Grünen-Paradies Tübingen ebenfalls verdammt nahe kommt, gelle? Leute wie Palmer, denen es offenbar an Fantasie fehlt, sich wahre Größe vorzustellen, nennen wir hier respektlos „Provinzonkels“ - wir mögen die gar nicht, und die Reaktionen der Berliner Bevölkerung und auch der Politik waren auch entsprechend ungnädig mit Herrn Palmer…

Aber euer Flughafen, wird der auch mal fertig?
Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Der wird schon noch irgendwann fertig werden, oder? Ich erinnere daran dass z.B. die Kölner für die Fertigstellung ihres Doms über 600 Jahre gebraucht haben – da gibt es für Berlin also noch massig Luft nach oben…. Berlin hat ja zwei funktionierende Flughäfen, von denen der eine im Jahr 2018 wieder einmal neue Passagierrekorde gebrochen hat, und mich als Berliner interessiert das auch nur am Rande. Wann braucht unsereins mal einen Flughafen? Mein Interesse gilt den S- und U-Bahnen, die brauche ich nämlich täglich und die verkehren zahlreich und (meist) zuverlässig.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich möchte hier nicht lange rumprahlen mit Berlin, die Berliner Superlative kommen ein andermal.

Tut mir bitte einen Gefallen: Verwechselt nicht die Berliner Republik mit Berlin! Es hat sich ja eingebürgert, landauf und landab alles Versagen „denen in Berlin“ in die Schuhe zu schieben, aber dafür können wir als Bewohner dieser Stadt nichts, wir sind genauso Opfer dieser Politfreaks wie ihr, und wir reagieren ausgesprochen allergisch, wenn man uns dafür verantwortlich macht, weil wir uns diese Leute nicht ausgesucht haben. Also lasst das Thema, ja? Bitte!!!

So, lange Rede, kurzer Sinn, hinein ins Getümmel in eine der interessantesten Städte der Welt….

Mein erster Blogeintrag hier wird lauten „THE WOLF MEETS GODFATHER OF BRITISH BLUES“ Bin selbst schon gespannt wie ein Flitzbogen!
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Geändert von The Wolf (22.03.2019 um 10:09 Uhr)
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Alt 13.03.2019, 10:24   #2
The Wolf
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So, das war der Einführungstext. Den habe ich schon vor einigen Tagen geschrieben und habe es mir mittlerweile zum Prinzip gemacht, meine Texte nachträglich weder zu korrigieren noch zu relativieren, denn das wäre ja Selbstzensur, oder?


Trotzdem eine Vorbemerkung: Es geht darum, darzustellen, was einer wie ich in Berlin erlebt, an Speziellem, Herausragenden oder eben Banalem. Ich hoffe, meinen Lesern damit einen Blick hinter die Kulissen einer Weltstadt zu bieten, die momentan einer der angesagtesten Plätze der Welt ist (die jährlich steigenden Touristenzahlen belegen dies eindrücklich).
Warum ich das tue? Nun ja, ich bin bei schönem Wetter mit Kamera und Smartphone unterwegs trotz meiner nun fast 69 Jahre. Ich bin immer wieder nach Berlin zurückgekehrt und habe nach dem Fall der Mauer bewusst die Entscheidung getroffen, in der Stadt zu bleiben, deren Entwicklung vor großen Veränderungen stand. Leider habe ich erst 2006, also viel zu spät angefangen, meine Exkursionen fotografisch festzuhalten und überhaupt auf "Forschungsreise" zu gehen.
In den politischen Diskussionen in diesem Forum in den vergangenen Jahren habe ich immer wieder festgestellt, dass viele Leute über Dinge reden, von denen sie keine Ahnung haben. Es ist halt eine Sache, vom Häuschen am Waldesrand aus sein Gutmenschentum auszubreiten und uns die Welt zu erklären, und es ist eine andere Sache, mittendrin dort zu leben, wo das Leben millionenfach brodelt und manchmal das Fass auch mal überschäumt und jeden Tag der Clash der Kulturen ausgehalten werden muss.


Von daher seid vorgewarnt: Ich spreche so, wie mir der Schnabel gewachsen ist, wie wir hier in Berlin sagen, das heißt: direkt, schnörkellos, politisch unkorrekt, wo das angemessen ist. Das machen wir übrigens hier alle so, das hilft, in diesem Moloch aus 191 Nationen zurechtzukommen, es ist unsere soziale Ausweiskarte und Schutzschild zugleich, und es hilft Auseinandersetzungen verbal zu begrenzen. Und selbstverständlich enthält dieser Thread auch Politik, wo es notwendig ist oder angebracht, dies ist aber nicht der Zweck. im Vordergrund steht die Berichterstattung aus Berlin und der Vorsatz, Euch zwecks besseren Verständnisses einen Blick hinter die Kulissen zu geben.


Stehen Eure Sneakers schon bereit? Na dann los...
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Alt 13.03.2019, 10:56   #3
The Wolf
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The Wolf meets....

Heute ist ein ganz besonderer Tag: Ein GOTTVATER ist in der Stadt, "The Godfather of British Blues "JOHN MAYALL & The BLUESBREAKERS" - und ich werde dabei sein!


Hier ist er schon:


JOHN MAYALL - MISTS of TIME
https://www.youtube.com/watch?v=ovhytbQJf_k


Er leitete seine Band "The Bluesbreakers" seit dem Ende der 50er Jahre, Er war der Ausbilder von Eric Clapton (Cream), Peter Green (Fleetwood Mac) und Mick Taylor (Rolling Stones) und zahlreichen anderen Rock- und Bluesgrößen. Und er hat einen sehr speziellen Gast dabei: Mit CAROLYN WONDERLAND, der texanischen Ausnahme - Gitarristin, haben die "Bluesbreakers" erstmals eine weibliche Leadgitarristin. Hier ist sie:


CAROLYN WONDERLAND - JUDGEMENT DAYS
https://www.youtube.com/watch?v=7b4fJRPnZT0


Heute Abend Columbiahalle, Berlin Tempelhof: JOHN MAYALL 85Years Anniversary Tour 2019 -
Ich bin gespannt wie ein Flitzbogen!
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Alt 13.03.2019, 17:41   #4
Spocky
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Dein Gedanke, hier Berlin aus Deiner Sicht darzustellen, ist verständlich, für einige sicher auch von Interesse. Ich kenne Berlin nur vom Hauptbahnhof, von Taxifahrten zum Hotel und zurück, das Tempodrom zum German Masters im Snooker und einige Museen im erreichbaren Umfeld.
Also berichte bitte mehr.

Aber:
Zitat:
Zitat von The Wolf Beitrag anzeigen
Und selbstverständlich enthält dieser Thread auch Politik, wo es notwendig ist oder angebracht, dies ist aber nicht der Zweck. im Vordergrund steht die Berichterstattung aus Berlin und der Vorsatz, Euch zwecks besseren Verständnisses einen Blick hinter die Kulissen zu geben.
Dir ist bekannt, dass wir aus bereits erörterten Gründen die Diskussion zu Politik hier nicht möchten. Es führt regelmäßig zu Verdruss, zu Streit und auch gewollten und ungewollten Beleidigungen. Und da wieder als Moderator und Schlichter aufzutreten, Entschuldigung, dazu habe ich und das gesamte Team einfach keine Lust und mir ist auch meine Lebenszeit für so etwas zu schade. Nicht für politische Diskussion, sondern für die sehr wahrscheinlich entstehenden Auseinandersetzungen, die die Arbeit der Mods erfordern.

Daher bitte ich Dich dringlichst, dieses Gebot und diesen Wunsch zu berücksichtigen.

Und ehrlich gesagt hat schon Dein Eröffnungspost das Potential dazu.

Den gleichen Appell richte ich an alle Leser im Thread. Eine Meinung darf man haben haben, äußern und auch vertreten. Aber niemand hat Anspruch darauf, dass seine Meinung die einzige und richtige ist.

Wenn das von allen beherzigt wird, könnte das hier ein interessanter Thread werden.

Anderenfalls ist er sehr schnell wieder verschwunden.
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Wenn Du mit dem Kopf durch die Wand willst, überlege vorher, was Du im Nachbarzimmer willst.
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Alt 24.03.2019, 21:10   #5
Cosmic Dream
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Hi Wolf,

mach doch einen Blog, dann kannst du deine Fotos und Texte viel besser präsentieren als in einem Forum und bist zudem unabhängig und frei in der Themenauswahl und Gestaltung.

Zitat:
Es ist halt eine Sache, vom Häuschen am Waldesrand aus sein Gutmenschentum auszubreiten und uns die Welt zu erklären, und es ist eine andere Sache, mittendrin dort zu leben, wo das Leben millionenfach brodelt und manchmal das Fass auch mal überschäumt und jeden Tag der Clash der Kulturen ausgehalten werden muss.
Ich hab im Laufe der Zeit festgestellt, daß es mit individuellen Ausnahmen im Grunde wenig bis gar nichts bringt, gewisse Aspekte als Haupt- & Großstädter mit Kleinstädtern zu diskutieren, die so viele Einwohner haben wie 1-2 Bezirke. Großstädter anderer Länder verstehen manches einfach besser, vor allem dann, wenn deren Städte nochmal größer sind als Berlin
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Alt 26.03.2019, 22:41   #6
The Wolf
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The Wolf meets JOHN MAYALL´S BLUESBREAKERS

Das ist also der große Tag, seit Wochen erwartet. Ich habe mich durch alle möglichen Facebook – Konzertangebote geackert, die wirklich guten Konzerte findet man dort allerdings nicht, sondern ist auf klassische Wege angewiesen: Stadtteilzeitungen, Anschlage auf Plakatwänden und last not least: Augen aufhalten im Stadtdschungel.
Um 18.00 Uhr mache ich mich auf den Weg: Konzertkarte eingesteckt? Hast du auch die richtige dabei? Mit ZZ top werden sie mich nicht reinlassen, fürchte ich…
Das Konzert findet im Berliner Columbia Theater statt, nahe dem alten Berliner Zentralflughafen, seit der Berliner Luftbrücke weltweit bekannt unter dem Namen „Flughafen Tempelhof“. Ich kalkuliere eine Fahrzeit von 45 Minuten ein und werde zu früh da sein…

Das Warten auf den Einlass gibt mir die Gelegenheit, etwas über den Flughafen zu plaudern:
Fliegen in Berlin hat eine lange Tradition und begann im Jahr 1909 mit ersten „Luftschauen“ auf dem Tempelhofer Feld. Später siedelten sich hier Flugzeugfabriken an und ab 1923 nahm die neu gegründete „Deutsche Lufthansa“, ein Zusammenschluss mehrerer Vorgängerfirmen, ihren regulären Flugbetrieb auf. Von Anfang an gehörte der Berliner Flughafen zu den größten auf dem europäischen Kontinent, der internationalen Bedeutung Berlins Rechnung tragend. 1936 begann der Neubau des heutigen bestehenden Flughafens Tempelhof, der durch seine Architektur brillierte, für zwei Jahre das größte zusammenhängende Gebäude der Welt war (bis die Amerikaner das Pentagon bauten). Die moderne Konzeption des Flughafens wurde zum Vorbild aller modernen Flughäfen der Welt, warum der britische Stararchitekt Sir Norman Foster von der „Mutter aller Flughäfen“ spricht. Momentan prüft die UN-Kommission die Aufnahme des Flughafens in die Liste des Weltkulturerbes der Menschheit.

Nach dem 2. Weltkrieg kamen die Amerikaner nach Tempelhof, und der Flughafen diente nicht nur dem zivilen Luftverkehr, sondern auch militärischen Zwecken. Tempelhof wurde eine amerikanische Militärbasis. Die Amerikaner haben sich durch die „Luftbrücke“ und die Erfindung des „Rosinenbombers“ große Sympathie bei den Berlinerinnen und Berlinern erworben, besonders bei den Kindern.

Das Stichwort „Amerikaner“ bringt mich zum Auftrittsort des Abends: Wo sich amerikanische Soldaten ansiedeln, bringen sie ein Stück Heimatkultur mit: Supermärkte, Radiostationen, Kinos, Sportstätten, und so war es auch rund um den Zentralflughafen Tempelhof. Der Auftrittsort von John Mayall heute Abend ist das „Columbia Theater“, das ehemalige Kino der amerikanischen Besatzungssoldaten. Es umfasst ca. 700 Stehplätze und 2 Bars. Die nebenan gelegene „Columbia Halle“ ist das ehemalige Sportzentrum, es fasst bestuhlt 1400 Besucher und als Stehplatz – Veranstaltung 5700 Personen.

Mein Glück heute Abend ist groß, die Kontrollen der Security sind scharf, aber nicht übertrieben. Ich muss als Rentner nicht meine Kappe abnehmen, und ein Patschen auf den Kopf ist gerade noch zumutbar. Ich habe kein Messer und auch keine Atombombe unter der Mütze….
Ich bin einer der ersten im Saal und suche mir ein Plätzchen ganz vorn rechts. Das hat einen besonderen Grund, aber davon später….
Nachdem ich die Anlage inspiziert habe, die sehr zusammengestückelt wirkt, schaue ich mich in den Nebenräumen um – und da entdecke ich IHN.
Da sitzt John Mayall himself an einem niedrigen Plastiktisch auf einem billigen Plastikschemel und verkauft seine CDs ganz persönlich, ganz so wie es mir ein Freund vor Jahren voller Begeisterung mitgeteilt hatte: „Der saß da ganz einfach rum und gab Autogramme, ich habe ihm zwei meiner Plattenhüllen mitgebracht“ Selbstverständlich musste ich damals die Autogramme bewundern und, nun ja, vielleicht war ich sogar neidisch….

Und jetzt bin ich dran. John Mayall verlangt 20 Euro für seine Alben und ich zögere einen Moment, dann stelle ich mich in die Reihe: Es ist nicht irgendeiner, es ist JOHN MAYALL, der Vater des englischen Blues, der zahlreichen Musikern Zu Ruhm und Ehren verholfen hat, dessen Who-Is-Who sich wie ein Rocklexikon liest… Ich habe gezögert, als ich hörte, dass John Mayall in meine Stadt kommt: Was ist von einem Mann zu erwarten, der 85 Jahre alt ist? Will ich mir das wirklich antun? Das Jethro-Tull – Konzert von 2018 fällt mir ein – es hat wehgetan, Ian Andersons kaputter Singstimme zuzuhören, die kaum noch einen Ton rausbrachte. Aber dies hier ist wahrscheinlich die letzte Gelegenheit, dieser lebenden Blues-Legende noch einmal zuzusehen, die vor mir sitzt.

Dann bin ich dran:
„Mr. Mayall, what is your last album? “
“This one here.” Er tippt auf einen großen Stapel frischer CDs und ich betrachte die Hand, die gezeichnet ist von zahlreichen Altersflecken und herausstehenden Adern, die Hand eines Greises. Sein Blick durch die dicken Brillengläser, die er mittlerweile trägt, ist freundlich auf mich gerichtet. Ein 20-€- Schein wechselt den Besitzer, dann greift er eine Scheibe vom Stapel und setzt jahrzehntelang geübt sein Autogramm auf die Papphülle – ich habe ein Autogramm von John Mayall himself!
Ich wage es nicht, ihn zu belästigen, indem ich noch zwei mitgebrachte Plattenhüllen aus der Tasche ziehe und Autogramme bitte, das wäre irgendwie schamlos.
„Good Luck!“ sage ich und er antwortet“ Hope to enjoy.“

John Mayall war immer schon alt. Als ich ihm das erste Mal begegnete, war ich hoffnungsvolle zwanzig Jahre alt und er schon – uuh – sechsunddreißig. Das war damals steinalt, galt doch der Grundsatz „TRAUE KEINEM ÜBER DREISSIG!“ John Mayall war damals als der „Weiße Indianer“ bekannt mit ellenbogenlangen Haaren, Stirnband oder Haarspange, dazu Fransenhemd und Wildlederstiefel. Unsere besondere Aufmerksamkeit galt seinen selbstgebauten Gitarren, der Mann ist ein äußerst geschickter Handwerker, der nicht nur eigenhändig zwei Baumhäuser baute (eines in merry old England und ein weiteres später im Laurel Canyon in Kalifornien), sondern John Mayall ist auch ein äußerst geschickter Gitarrenbaumeister.

Ich habe die Position vorn rechts ganz vorn an der Bühne gewählt, und das aus guten Gründen. Es ist die Position von CAROLYN WONDERLAND, derersten Frau, die in den ca. vierzig verschiedenen „Bluesbreakers“ – Formationen, die John Mayall auf die Beine gestellt hat, die Leadgitarre spielen wird. Ihr kennt Carolyn Wonderland nicht? Macht nichts, da haben wir etwas gemeinsam: Ich habe Carolyn bei einem meiner Streifzüge durch das YouTube – Wunderland entdeckt und sofort beschlossen, sie mal live sehen zu wollen. Als ich durch Zufall erfuhr, dass sie mittlerweile bei den „Bluesbreakers“ spielt und ich sie eine Woche später in natura sehen würde, war ich natürlich überglücklich. Die Bühnenposition habe ich via YouTube ausbaldowert und mich da aufgebaut. Heute Abend wird Generalprobe sein für mein neues Smartphone: Wird es beim Filmen die Erwartungen erfüllen können, und werde ich mich fähig zeigen, es so zu bedienen, dass einige Spitzen – Videoclips herauskommen?
Dann betreten sie die Bühne: John Mayall (Vocals, Harmonica, Guitar, Piano, and Organ), Carolyn Wonderland (Vocals, Lead Guitar, Lap Steel Guitar), Greg RZab (Bass) und Jay Davenport (Drums)
Das erste Stück dauert 8 Minuten, dann hat John Mayall das Publikum der ausverkauften Halle auf seiner Seite. John witzelt mit dem Publikum, hat die Lacher auf seiner Seite, und als sich John und Carolyn Wonderland das erste Duell liefern zwischen Piano und Gitarre, brandet frenetischer Beifall auf. Carolyn Wonderland entwickelt sich schnell zum Mittelpunkt der Band und zeigt mehr als überdeutlich, dass sie mit ihren berühmten Vorgängern Eric Clapton (Cream), Peter Green (Fleetwood Mac), Mick Taylor (Rolling Stones) oder Harvey Mandel (Canned Heat) locker mithalten kann, und als sie erst eine Sangeseinlage gibt, die Janis Joplin aufhören lässt, hat sie den Saal von ihren Qualitäten überzeugt. John Mayall gibt ihr genug Freiheit, zwei ihrer eigenen Stücke vorzutragen, und als sie zur Lap Steel Guitar greift, kocht die Stimmung über. Das kleine unscheinbare Brettchen jault und kreischt in einer erstaunlichen Lautstärke…

John Mayall und seine Band spielen zwei Stunden am Stück ohne Pause, wobei John seine Leute mit ruhiger Stimme führt, immer wieder Witzchen macht, mit dem Publikum scherzt und sich offenbar in seinem Element fühlt. Seine Finger sind geübt, seine typische Falsettstimme ist überraschend laut und kraftvoll. Er bewegt sich vorsichtig auf der Bühne und seine Füße finden sich im herumliegenden Kabelsalat gut zurecht – 60 Jahre Bühnenerfahrung eben. Meine Befürchtung, es mit einem 86jährigen alten senilen Mann zu tun zu haben, bewahrheitet sich nicht – es macht Spaß, ihm zuzusehen und zu –hören.

Dann verschwindet er schlurfend hinter der PA, setzt sich hin und sein Chef-Roadie, ein alter Kerl, der mindestens ebenfalls schon 75 Jahre auf dem Buckel haben muss, reicht ihm eine Wasserflasche…. Das war`s, aber überraschend kraftvoll schwingt John Mayall sich auf die Beine und kommt noch einmal nach vorn und sie geben eine Zugabe…

Zum Abschluss dann noch einmal Autogramm- und Verkaufsstunde mit den „Bluesbreakers“. Um dorthin zu gelangen, mussten die Bandmitglieder den Saal durchqueren, geleitet und vor uns „beschützt“ durch vier Mann Security: „Vorsicht!“ und „Bitte mal Platz machen!“ für John Mayall und seine Bodyguards. John hatte dieses bizarre Schauspiel schnell satt gehabt, hatte die Prozession verlassen und sich einige Reihen weiter hinten durch das Publikum gedrängt, das ihm bereitwillig Platz gemacht hatte. Die Bodyguards hatten John noch hinterher gerufen, aber er hatte sie einfach stehen lassen (ich muss grinsen, während ich dies schreibe)

Und da stehen und sitzen sie nun, die jungen Leute der „Bluesbreakers“ und ziehen ihre Aufgeregtheiten ab. John sitzt ganz links als letzter, und mit einmal wirkt er sehr gebrechlich. Die große hagere Gestalt zusammengefaltet, ein Häufchen langer Glieder. Lächelnd schaut er seinen Bandmitgliedern zu, als hätte er seine acht Enkelkinder vor sich…
Ich kaufe noch ein Album, lasse mir Autogramme auf meine Eintrittskarte kritzeln. Carolyn Wonderland hat eine überraschend kräftige Stimme und einen gewaltigen Wortwitz; John Mayall wirkt daneben etwas verloren, aber er scheint es mit Gelassenheit zu nehmen. Waren ihm seine Schüler nicht schon immer über den Kopf gewachsen, all die Eric Claptons, Peter Greens und wie sie alle hießen? Ich bitte ihn noch einmal um ein Autogramm auf meiner Eintrittskarte...

Es kostet mich Überwindung, dann wage ich doch eine Frage:
„John, wir sind uns schon einmal begegnet, das war 1970 oder 1971 in der Berliner Philharmonie.“
Er schaut zu mir auf, grinst verschmitzt und sagt „Gutes Gedächtnis!“ Ich antwortete: „Das Drum-Set fehlte, und da waren die kleinen orangefarbenen Amplifier!“ „Wow“ macht er, und dann grinsen wir uns an und schieben in einer konzertierten Aktion gleichzeitig unsere Brillen höher auf die Nase… Zwei alte Männer...
Ich bedanke mich für das Konzert… Er schaut auf und lächelt.

Das Bild, wie er da so zusammengesunken sitzt, geht mir nicht aus dem Kopf seitdem. Wird es das letzte Bild sein, das mir von ihm bleibt? Wahrscheinlich, ich gehe nicht davon aus, ihn noch einmal lebend wiederzusehen. Mir graust heute schon vor dem Moment, wo ich seinen Nachruf schreiben muss, diesem Titanen des Blues....
Leb wohl, du Held meiner jungen Jahre. Ich bin dem Thema „Blues“ treu geblieben, und einer der Gründe war dieser Mann…




Das war ein Bericht vom „Bluesbreakers“ – Konzert in Berlin, zweifellos mein persönlicher Konzerthöhepunkt im 1. Quartal 2019 hier in Berlin. Und damit es nicht so trocken wird, gibt es hier einige Kostproben.


John Mayall 85th Anniversary Concert 1 - Columbia Theater Berlin 2019
https://www.youtube.com/watch?v=orXSjW06PCE


John Mayall 85th Anniversary Concert 2 - Columbia Theater Berlin 2019
https://www.youtube.com/watch?v=TJwie0SA_xc


Carolyn Wonderland "Misunderstand" - John Mayall 85th Anniversary Concert 5 - Columbia Theater Berlin 2019
https://www.youtube.com/watch?v=4RnhYZV6aKg


Anmerkung:
Der Gottvater des britischen Blues gibt im April 2019 nochmals 4 Konzerte in Deutschland. Wer in der Nähe wohnt: Unbedingt hingehen! Konzerttermine unter https://www.johnmayall.com/
John Mayall spielt jeden Abend ein stark unterschiedliches Repertoire.



credits: The Wolf
alle Filmclips hergestellt mit Samsung Smartphone Galaxy S9, keine Shutterkorrektur nötig

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Geändert von The Wolf (26.03.2019 um 22:57 Uhr)
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Alt 09.04.2019, 17:16   #7
The Wolf
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Frühling ist da,

und damit beginnt auch die Sport- und Musiksaison in der Hauptstadt aufs Neue.
Am Sonntag begann die Saison mit dem Berliner HALBMARATHON. Dabei treten dutzende von Bands am Straßenrand auf, um den Läuferinnen und Läufern die Zeit bis zum Ziel zu verkürzen. aber seht selbst: Viel Spaß mit


BLACKMAIL !!!




Blackmail - "YOU CAN LEAVE YOUR HAT ON"
https://www.youtube.com/watch?v=7WTHqtInYpA


Es darf gelacht werden..
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Alt 09.04.2019, 21:27   #8
Taurec
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Zitat:
Zitat von The Wolf Beitrag anzeigen
Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Der wird schon noch irgendwann fertig werden, oder? Ich erinnere daran dass z.B. die Kölner für die Fertigstellung ihres Doms über 600 Jahre gebraucht haben – da gibt es für Berlin also noch massig Luft nach oben….
Der Vergleich ist ein bissel unpasend... Die Kölner hatten weder unsere technische Mittel, noch unsere modernen Baustoffe zur Verfügung. Vom wirtschaftlichen Hintergrund brauchen wir gar nicht zu reden. Und immer wieder wurde der Bau auch von Kriegen unterbrochen und durchaus auch mal zwischendurch teilzerstört. Dafür ist ihnen mit dem Kölner Dom aber immerhin ein Bau gelungen, der wahrscheinlich noch stehen wird, wenn unsere supermodernen Bauten alle schon das zeitliche gesegnet haben.

Der Berliner Flughafen hingegen sollte für eine TECHNISCH orientierte Superindustrienation ein Klacks sein. Andere weit weniger industriell veranlagte Länder ziehen solche Bauprojekte in 4-5 Jahren durch. Oder schicken für 50 Millionen eine Sonde zum Mars.
Ich will gar nicht drüber nachdenken, wie viele Gelder sinnlos in diesen Schrottflughafen gepumpt wurden und wohl noch werden, während Rentner Flaschen sammeln müssen, um halbwegs über die Runden zu kommen.

Genauso dämlich wie S21, wobei S21 aber wenigstens noch eine ingenieurstechnische Herausforderung ist. Wenn das Projekt selber auch so gut wie keinen Nutzen bringt.

Aber wie Du schon sagtest: Der normale Berliner Einwohner kann da genauso wenig zu.
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Geändert von Taurec (09.04.2019 um 21:31 Uhr)
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Alt 11.04.2019, 22:35   #9
DodotheGoof
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Zitat:
Zitat von Taurec Beitrag anzeigen
Genauso dämlich wie S21, wobei S21 aber wenigstens noch eine ingenieurstechnische Herausforderung ist. Wenn das Projekt selber auch so gut wie keinen Nutzen bringt.

Also in der Zeit, in der ich in Moabit gewohnt habe, wäre eine S-Bahn-Verbindung vom Westhafen zum Hauptbahnhof für mich so manches mal sehr praktisch gewesen. Außerdem entsteht ja gerade nördlich vom Hauptbahnhof ein komplett neues Wohnquartier, das eine bessere Anbindung an das Schienennetz braucht.
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Alt 12.04.2019, 15:38   #10
shikibu
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Glaubst du man kann jemandem beibringen Berlin zu mögen oder muss man das Flair einfach lieben? Ich wohne erst seit einem Jahr hier aber ich kenne Leute, die sagen sie würden nie nach Berlin fahren haha Ich hab vorher in einer etwas kleineren Stadt mit einer hübschen Altstadt gewohnt , in der es nicht wirklich laut und dreckig war, davon gibts hier aber genug Ecken
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Alt 12.04.2019, 16:14   #11
ingerigar
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Ich finde Berlin toll! Aber wohnen möchte ich da nicht, dafür sind wir inzwischen zu alt und schätzen die Ruhe und die gute Luft auf dem Land.
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Alt 12.04.2019, 17:41   #12
Taurec
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@Dodoo:
Da gibt es sicher trotz der etwas beengten Lage zig andere, günstigere und genauso gute Lösungen, das Gebiet anzubinden. Z.B. Hochbahnen, Stzraßenbahnen etc. Gerade wir SimCity Spieler sollten das Wissen.

S 21 soll ja hauptsächlich die Vorteile eines Durchgangsbahnhofes bieten. Das heißt, der eigentliche Stuttgarter Einwohner hat da keinen Nutzen von. Und wenn der Bahnhof mal fertig ist, bringt er auch für Durchreisende gerade mal 7 Minuten Zeitersparnis.

7 MINUTEN! Und dafür einen 2-Stelligen Milliardenbetrag versenken?? Zeitlich wird sich dieser Bahnhof niemals rentieren. In der ewig langen Bauzeit wird es immer wieder zu Störungen im Verkehr kommen, die für massig Verspätungen sorgen werden. Bis der neue Bahnhof das wieder eingespielt hat mit den lächerlichen 7 Minuten, gibt es unsere Zivilisation gar nicht mehr.

Ach verdammt, sorry. War jetzt ot, hier gehts ja eigentlich um Berlin. Tschuldigung, Wolf.

Ich selber war erst einaml im Leben in Berlin. Aber ich glaube, seit der Wiedervereinigung hat Berlin enorm an Attraktivität gewonnen. Für mich hat Berlin auch eine Symbolfunktion. Seit der Wende ist es eine Art Hoffnungsträger. Damit meine ich nicht die Funktion als Hauptstadt. Ne. Das gerade nicht. Die hätten auch in Bonn bleiben können, und trotzdem hätte Berlin diese Ausstrahlung. Vielleicht wäre Berlin ohne die Bürde der Hauptstadt noch "befreiter".
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Geändert von Taurec (12.04.2019 um 17:46 Uhr)
Taurec ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.04.2019, 23:37   #13
DodotheGoof
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Ach verdammt, sorry. War jetzt ot, hier gehts ja eigentlich um Berlin. Tschuldigung, Wolf.

Genau. Mit S21 meine ich nicht Stuttgart 21 sondern die neue Linie S21, welche den Hauptbahnhof an die Ringbahn anschließt.
DodotheGoof ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.04.2019, 11:52   #14
Taurec
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Alt 14.04.2019, 19:05   #15
Cosmic Dream
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@ Taurec


Das Hauptproblem vom BER hängt auch mit dem Osten, sprich Brandenburg und den alten Aversionen der ex DDR gegenüber dem Ost-Bonzen-Berlin zusammen. Hätte Berlin selbst die Fläche - oder wäre eine (Haupt)stadt innerhalb eines Bundeslandes, sähe manches anders aus.

Es ist zB lächerlich, wenn da kleine Brandenburger Dörfchen klagen (~20 000 Betroffene) wegen "Lärmbelästigung", wegen möglicher Einflugschneisen und durch die Schließung der anderen Berliner Flughafen nun ~ 300 000+ Anwohner extremer Belastung ausgesetzt sind. Gartennutzung nicht mehr möglich. Eigenes Obst-/Gemüse aus dem Garten nicht mehr möglich (im Wasser der Vogeltränke bilden sich Kerosinschlieren), Wäsche draußen trocknen nicht mehr möglich (ist danach schwarz-grau) usw.

Von möglichen Unfallfolgen wie in Amsterdam damals durch den Absturz ganz zu schweigen.

Deutschland ist schon lange "out", was Technik & Innovation betrifft. Das fängt beim Internet/speed und Funklöchern an und hört bei maroden Brücken und Straßen auf (da gabs vor 1-2 Monaten einen Artikel über eine marode Brücke in Berlin die zwei Verkehrsachsen miteinander verbindet und die eigentlich repariert werden müßte.. und wie lange das dann dauert und wie viel es kostet und daß eine Komplettsperrung nicht geht, weil dann noch mehr Verkerhschaos entsteht usw.).

Die Länder, an die du denkst, sind vermutlich China & Co. China hat eine zentrale Regierung, die Bauprojekte straight durchzieht und im Zweifel ganze Dörfer umsiedelt. Südkorea hat eine andere Kultur/Bezug zur Technik, ebenso wie Japan, und darum auch andere Inetabdeckung (wobei es schon erbärmlich ist zu lesen, daß Deutschlands Internet schlechter ist als das der Türkei und Ungarn und das Mobilfunknetz hier schlechter als in Polen (auf die Fläche der Funklöcher bezogen).

Ich glaube, die Berliner sind ganz gut darin, Das Hauptstadt-Sein zu ignorieren

Im Grunde hat Berlin zu jeder Zeit verschiedenste Menschen angezogen. Das ist, wenn man sich für sowas interessiert, ganz spannend, wenn man das geschichtlich mal nachliest (auch, welche Gebiete dann hinzukamen bzw. zB Potsdam zugeordnet wurden oder in welcher Reihenfolge die Bezirke (ehemals Städtchen) enstanden und wie diese dann zusammenwuchsen bzw. zu Berlin eingemeindet wurden).

@ shikibu

Es gibt in jeder Stadt Vor- & Nachteile, auch in Kleinstädten. Berlin zerreibt jene, die nicht stark genug sind. Es kommt auch drauf an, in welchem Bezirk man wohnt/arbeitet. Die unterscheiden sich schon voneinander. Viele denken bei Berlin aber nur an die City und wissen gar nicht, daß es die grünste, wasserreichste Stadt ist. In einem der Szenebezirke wird das Lebensgefühl anders sein als in einem Randbezirk mit vielen Einfamilienhäusern und im Zweifel kann man auch sehr gut innerhalb seines (Kleinstadt)Bezirks leben und die anderen Berlin-Areale ignorieren

@ ingerigar

Solange es nicht so abgelegen ist, daß im Zweifel weder Feuerwehr noch Notarzt noch Taxi verfügbar sind, geht das ja. Ich hab mal für nicht ganz ein Jahr in einem Dorf (3000 Einwohner) gewohnt und das wäre auf Dauer furchtbar gewesen (vielleicht heute mit Inet und amazon etwas weniger, falls die Inet haben

Geändert von Cosmic Dream (14.04.2019 um 19:09 Uhr)
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Alt 14.04.2019, 20:35   #16
ingerigar
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Nun unser Dorf (auch etwa 3000 Einwohner) ist gerade mal 3 km von der nächsten Stadt (etwa 60000 Einwohner) entfernt, hat am Tag halbstündige Busanbindung, Lebensmittelmarkt, Bäcker, Metzger, Apotheke, Blumenladen etc. Es gibt auch einen guten Radweg in die Stadt und Restaurants, Biergarten, Café - es lässt sich hier gut leben. Internet ist auch kein Problem.
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Alt 15.04.2019, 09:38   #17
Mathe Man
 
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Deutschland ist schon lange "out", was Technik & Innovation betrifft.
Dem ist nicht so. Das Problem ist dann aber Technologie und Innovation in Deutschland dann auch in die Fertigung zu bringen oder irgendwo zu bauen. Da sind dann mindestens vier Juristen zwei Jahre damit beschäftigt einen Vertrag auszuhandeln und dann weitere fünf Jahre weil jemand Einspruch erhebt und dann die Akte erst einmal beim Gericht liegt. Bis dann bis du schon längt überholt mit deiner Innovation. Ich mache das schon seit Jahren bei F+E-Verträgen durch. Als ich vor 20 Jahren anfing haben wir einen vier Seiten Agreement mit dem Forschungsgegenstand erstellt und haben dann los gelegt. Heute wird ein 100+ Seiten Projektplan erstellt und mit jedem Projektpartner ein Vertrag von den Juristen ausgehandelt. Die Verträge dauern so lange, dass wir dann die Fördermittel nicht mehr in Anspruch nehmen können. Deutsche Wirklichkeit...
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Alt 15.04.2019, 15:11   #18
Cosmic Dream
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@ ingerigar

Das geht ja, wenn so nah eine größere Stadt ist
Das Dorf, wo ich mal wohnte, hatte in der Nähe nur ein weiteres, etwas größeres Dorf.

Bei dir ist es dann eher so wie die Vororte von Berlin, die sind teils auch in ~45 Minuten Zugfahrt in der Stadt mit Direktanbindung.

Fährt der Bus bei euch noch nach 21/22 Uhr?

@ Mathe Man

Wenn es dann nicht umgesetzt werden kann und die Forschung stagniert oder sich zu sehr verzögert, sind vermutlich andere Länder bis dahin weiter/fertig, oder?

Insofern wird das Potential dann nicht realisiert im Vergleich zu anderen.

(Bei der einen Stadtbrücke zieht sich laut Artikel auch alles jahrelang durch zu umständliche Prozesse in der Vorgehensweise, gilt auch für Wohnungsbau)
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Alt 15.04.2019, 18:15   #19
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Wenn es dann nicht umgesetzt werden kann und die Forschung stagniert oder sich zu sehr verzögert, sind vermutlich andere Länder bis dahin weiter/fertig, oder?
Im Endeffekt läuft es darauf hinaus, oder sie vermelden halt die Erfolgsmeldungen. Nehmen wir zum Beispiel die erst kürzlich verkündigte Messung einer Schwerkraftwelle. Die Meßtechnik dafür stammt aus Deutschland, und um dem Thread-Titel gerecht zu werden, in Teilen aus Berlin. Die sind nämlich dort in der Laser-Techik sehr fortschrittlich. Aber auch bei vielen NASA-Erfolgsmeldungen stammen die eingesetzte Technik in den Instrumenten häufig aus deutschen Forschungslaboren. Die Amerikaner erwähnen das natürlich nicht, wegen Great und First etc.
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Alt 15.04.2019, 19:31   #20
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@Cosmic Dream: Ab 20 Uhr fährt er dann einmal in der Stunde. Wenn's nicht passt, nehmen wir halt ein Taxi. Das ist der Preis dafür, dass wir kein Auto haben.
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Alt 15.04.2019, 20:23   #21
Cosmic Dream
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Na solange dann noch Taxis verfügbar sind ohne 3 Tage vorher zu bestellen, gehts ja
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Alt 15.04.2019, 23:26   #22
The Wolf
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Prominente Gäste in Berlin, heute:

WLADIMIR ILJITSCH LENIN (1895):


Hintergrund: Wladimir Iljitsch Lenin besuchte Berlin mehrmals. Oftmals auf der Durchreise von Moskau nach Paris oder in sein Schweizer Asyl, machte er im Juli 1895 für einige Wochen ganz Station in Berlin. Er nahm Quartier in Berlin-Moabit in der Flensburger Straße 12 * bei einer Frau Kurreick und schrieb seiner Mutter am 10. August:

"Ich bin hier gar nicht schlecht untergekommen, es sind nur wenige Schritte zum Tiergarten **(einem herrlichen Park, dem schönsten und größten in Berlin), zur Spree, in der ich täglich bade, und zur Stadtbahnstation. *** Die Bahn durchquert die ganze Stadt (über den Straßen): alle fünf Minuten fährt ein Zug, so daß die Verbindung mit der "Stadt" (Moabit, wo ich wohne, gilt eigentlich schon ein Vorort) sehr bequem ist...
"Vorgestern bin ich ins Theater gegangen, es gab Hauptmanns "Weber". Obwohl ich vor der Aufführung das ganze Drama gelesen hatte, um der Vorstellung folgen zu können, habe ich nicht alles mitbekommen. Trotzdem verliere ich nicht den Mut und bedaure nur, dass ich für ein ausführliches Sprachstudium zu wenig Zeit hatte."

Er war vor allem über die ungewohnte Aussprache der Deutschen erstaunt - kein Wunder beim Berliner Dialekt. Am 29. August wiederholte er, Berlin gefalle ihm eigentlich ganz gut, er arbeitete viel in der Königlichen Bibliothek, die Berliner Sehenswürdigkeiten waren ihm allerdings gleichgültig. Am 3. August soll er auch eine sozialdemokratische Versammlung im Kreis Niederbarnim **** besucht haben.
Am 19. September kehrte Lenin nach Russland zurück.

aus: LENIN von Hermann Weber, RoRoRo bildmonographien, S. 31-32


*) Die Flensburger Straße gibt es noch heute, ich passiere sie täglich. Das Haus Nummer 12 und die Nachbarhäuser wurden im 2. Weltkrieg zerstört und in den sechziger/siebziger Jahren mit anspruchslos gestalteten Neubaublöcken bebaut. Gegenüber auf der anderen Straßenseite befindet sich eine denkmalgeschützte Häuserzeile, die die Pracht des damaligen "Hansaviertels" erahnen lässt, einer ehemals prominenten Wohngegend mit zahlreichen bekannten Zeitgenossen, oftmals jüdischen Glaubens. Das Hansaviertel wurde bei einem einzigen Bombenangriff komplett zerstört und nach dem Krieg nahezu komplett abgerissen. In der Flensburger Straße befindet sich das "LIR", eine irische Kneipe, die ich als meine Stammkneipe betrachte. Vor der Kneipe stehen im Biergarten die zwei einzigen echten Berliner Palmen, die direkt im märkischen Boden wachsen.

**) Mit dem erwähnten Tiergarten meint Lenin den Großen Tiergarten (es gibt auch einen Kleinen Tiergarten, der sich direkt in Moabit befindet). Der Große Tiergarten beherrbergt eine große Artenvielfalt von Tieren, die größer ist als die des New Yorker Central Park und des Londoner Hyde Park zusammen. Dies liegt daran, dass der Große Tiergarten zahlreiche geschützte Wiesenflächen besitzt, die nicht gemäht und nicht betreten werden und so unzähligen Insektenarten Schutz gewährt. Die Berliner Umweltbehörden bieten den Insekten durch sog. "Insektenhotels" Unterschlupfmöglichkeiten. Im Großen Tiergarten befindet sich die Siegessäule, von uns Berlinern als "Gold-Else" bezeichnet, die "Fanmeile" (die ist in Berlin heftig umstritten), das Brandenburger Tor und der Englische Garten mit dem "Teehaus", das im Sommer an jedem Sonntag zwei Bands für umsonst Auftrittsmöglichkeiten verschafft. (siehe hierzu meine Rezension über MARIE CHAIN, die ich hier zum ersten Mal live erleben durfte)

***) Mit der Bahnstation meinte Lenin den S-Bahnhof Bellevue der Berliner S-Bahn, der von 5 S-Bahnlinien in Ost-West-Richtung bedient wird. Die Zugfolge beträgt hier 2 Minuten: Wer hier nach dem Zug rennt, outet sich als Fremder, kein Berliner rennt hier einer S-Bahn hinterher, das ist nicht nötig. Zum Zentrum West (Bhf. Zoo) sind es zwei Stationen, zum Zentrum Ost (Alexanderplatz) 4 Stationen, verkehrsgünstiger kann man nicht wohnen. Die Strecke ist viergleisig; mit mehr als 1600 Zügen pro Tag ist es die meistbefahrene Eisenbahnstrecke Deutschlands (wobei der Löwenanteil natürlich auf die S-Bahnen entfällt, aber auch die beiden Fernbahngleise sind gut frequentiert. Sie führen nach Paris und Brest und in der anderen Richtung nach Moskau und Wladiwostok...

****) Zu Lenins Zeiten (1895) gab es die Stadt Berlin noch nicht - nun ja, die gab es schon, aber nicht als Groß-Berlin in seiner heutigen Gestalt. An der Stelle des heutigen Berlin gab es nur ein Konglomerat von 8 Städten, von denen Berlin nur eine war. "Berlin" ist ja ein Flußtal mit Sumpf-Untergrund; im Norden und Süden schließen sich "Hochflächen" an, im Norden der BARNIM und im Süden der TELTOW. Der Höhenunterschied beträgt sage und schreibe 20 bis höchstens 30 Meter, das ist zugegbenermaßen nicht gerade der Grand Canyon. Man sollte Berlin aber auch nicht Flachland nennen, denn wo kämen sonst Bezeichnungen her wie "KreuzBERG" oder "Prenzlauer BERG"?
Aus dem von Lenin genannten "Niederbarnim" sind heute die nördlichen Stadtteile Berlins geworden, deren Einwohner nach Hunderttausenden zählen: Wedding, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Pankow. Wahrscheinlich hat er eine Parteiversammlung der SPD im Prenzelberg besucht..

Interessant ist noch die Aussage Lenins, er bade täglich in der Spree: Die Straße, in der ich lebe, quert die Spree mit der Bärenbrücke, und unterhalb der Brücke befanden sich zwei Flussbadeanstalten auf beiden Ufern, natürlich nach Geschlechtern getrennt, wie das damals üblich war. Heute gilt das Spreewasser als schadstoffbelastet und das Baden ist verboten, es gibt aber Pläne, das Wasser soweit zu reinigen, dass man auf der gesamten Länge wieder schwimmen darf. Baden in der Spree ist für die meisten Berliner z.Z. gar nicht vorstellbar, zum Baden fährt man an den Stadtrand oder in die Umgebung Berlins.


So, und damit es nicht gar so trocken wird, gibt es noch einen Music-Clip vom Teehaus im Englischen Garten von 2018: Ob es dem Genossen Lenin gefallen hätte? Viel Spaß mit

TANKUS THE HENGE!
https://www.youtube.com/watch?v=TFmd...Dpj-X&index=17
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Geändert von The Wolf (16.04.2019 um 10:45 Uhr)
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Alt 16.04.2019, 17:09   #23
shikibu
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@ shikibu

Es gibt in jeder Stadt Vor- & Nachteile, auch in Kleinstädten. Berlin zerreibt jene, die nicht stark genug sind. Es kommt auch drauf an, in welchem Bezirk man wohnt/arbeitet. Die unterscheiden sich schon voneinander. Viele denken bei Berlin aber nur an die City und wissen gar nicht, daß es die grünste, wasserreichste Stadt ist. In einem der Szenebezirke wird das Lebensgefühl anders sein als in einem Randbezirk mit vielen Einfamilienhäusern und im Zweifel kann man auch sehr gut innerhalb seines (Kleinstadt)Bezirks leben und die anderen Berlin-Areale ignorieren
Da hast du Recht, ich finde es auch ziemlich albern pauschal zu sagen "Jetzt wohnst du in Berlin, dort kommen wir dich nicht mehr besuchen" Ich mag ja auch manche Städte pauschal eher weniger, aber das ist doch etwas übertrieben
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Alt 03.05.2019, 12:33   #24
The Wolf
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90 Jahre "Blutmai 1929" in Berlin

Aus gegebenem Anlass weise ich auf ein finsteres Ereignis in der Berliner Stadtgeschichte hin, bei dem sich keine der beteiligten Parteien mit Ruhm bekleckert hat und das bis in jüngere Zeit nachgewirkt hat:

Die blutigen Ereignisse um den 1. Mai 1929, bei dem die Berliner Polizei 33 Menschen erschossen und 198 zum Teil schwer verletzt hat.



Beteiligte Parteien:

-Sozialdemokratische Partei Deutschland SPD;
-Kommunistische Partei Deutschlands KPD;
-Berliner Kasernierte Schutzpolizei und unterstützende Polizeieinheiten aus Mecklenburg-Vorpommern, Pommern und Schlesien, SPD-geführt unter Polizeipräsident ZÖRGIEBEL (SPD)

Bekanntlicherweise war die Weimarer Republik von inneren Unruhen auf vielerlei Gebieten geprägt; nach dem frühen Tode von Friedrich Ebert, dem ersten Reichspräsidenten, gaben sich dessen Nachvolger immer schneller die Klinke in die Hand. Im größsten Flächenstaat des Deutschen Reiches war das nicht der Fall: Preußen wurde durchgehend von der SPD regiert, selbstverständlich auch die preussische Hauptstadt Berlin. So verwundert es nicht, dass es mit Wilhelm Zörgiebel einen SPD - Polizeipräsidenten in Berlin gab.

Zur Zeit des 1. Mai 1929 herrschte ein öffentliches Demonstrationsverbot, weil es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen mit Schlägereien und schwer Verletzten und Toten gekommen war. Die Arbeiterschaft war unversöhnlich gespalten zwischen "Gemäßigten" (SPD) und "Radikalen" (KPD) sowie den aufkommenden rechten Schlägertrupps der Nazis, dazu war die blutige Niederschlagung der deutschen Arbeiterrätebewegung durch Noske (SPD) und rechtsradikalen Freikorpstruppen, bei der es Tausende von Toten gegben hatte, unvergessen. Aus diesem Grunde war es schon seit 1924 verboten, sich zum 1. Mai, dem Kampftag der Arbeit, öffentlich zu versammeln und unter freiem Himmel zu demonstrieren. 1928 war das Verbot aufgehoben worden, da die Verhältnisse sich gebessert hatten, dann kam 1928 der sogenannte "Schwarze Freitag" an der New Yorker Börse und die Weltwirtschaftskrise.


1929 befürchtete man wieder Unruhen und verhängte ein öffentliches Demonstrationsverbot. Die Arbeitslosigkeit kletterte in einem Jahr von 1 Million auf 3 Millionen und immer öfter gerieten sich Polizei, Rotfrontkämpferbund und die Nazi-SA auf den Straßen Berlins aneinander (nicht nur Berlins). Es gab Tote und Verletzte, und die Schusswaffe bei der Polizei saß locker.
In dieser Situation (und unter völliger Fehleinschätzung der Lage) versuchte die KPD-Führung, entgegen des Verbots die Demonstration zum 1. Mai UNTER FREIEM HIMMEL durchzusetzen (Erlaubt waren nur Saalveranstaltungen). Man rechnete bei der KPD mit 300 000 bis eine halbe Million Teilnehmern und hielt sich für stark genug, das Demonstrationsverbot zu durchbrechen. Gekommen sind aber nur 15 000 Leute, eine katastrophale Fehleinschätzung der KPD-Führung. Die Berliner Polizei war hingegen damit scharf gemacht worden, die Kommunisten planten einen Umsturz der bestehenden Ordnung.
Und das ist das Resultat: Die Berliner Polizei ging in den Berliner Arbeitervierteln Wedding und Neukölln radikal gegen alles vor, was sie für "Versammlung" hielt, zuerst mit Schlagstöcken, dann mit Feuerwehrschläuchen von Hydranten aus, dann vereinzelt mit Schusswaffen, dann massenweise mit Karabinern und mit Panzerwagen mit Maschinengewehren..


Der erste Tote war ein SPD- Mitglied, der von einer Saalversammlung nach Hause in die Kösliner Straße im Wedding kam und sein Fenster öffnete. Als er auf Aufforderung, zurückzutreten, nicht sofort nachkam, wurde er von der Straße aus erschossen. Als die Bewohner der Kösliner auf die Straße kamen und Barrikaden zu bauen versuchten, um Polizeifahrzeuge draußen zu halten, gab es weitere Tote, ebenso am nahegelegenen Nettelbeckplatz.
Schlimmer noch waren die Polizeimaßnahmen im kommunistisch dominierten Arbeiterviertel Neukölln: Es gab nicht nur ein Versammlungsverbot unter freiem Himmel - hier durfte man kein Fenster zur Hauptstraße öffnen und es durfte abends auch kein Licht im Zimmer sein! In der Neuköllner Hermannstraße, der Hauptstraße Neuköllns, wo heute einige arabische Clanmitglieder ihre Ludenschlitten in zweiter Spur parken und in Shisha-Bars ihre kriminellen Geschäfte abwickeln, fuhren am Abend des 1. Mais gepanzerte Polizeifahrzeuge auf und ab und beharkten mit ihren aufmontierten Maschinengewehren jedes offenstehendes Fenster, jedes Haus, an dem rote Fahnen raushingen und selbst Menschengruppen, die an Straßenbahnhaltestellen warteten. Es gab zahlreiche Verletzte und Tote, und einige wurden IN ihren Wohnungen erschossen von der Straße aus.

Am nächsten Tag begann die Polizei in Neukölln mit der Durchsuchung von Wohnungen und ganzen Häusern auf der Suche nach Kämpfern, Waffenverstecken, kommunistischen Maschinengewehrnestern hinter Schlafzimmergardinen - nur das gab es alles nicht. Es wurde nicht von Hausdächern geschosssen, alles nur Propaganda und Scharfmacherei von Seiten der SPD und ihrer Polizeiführung. Insgesamt hat die Berliner Polizei über 11 000 Schuss Munition gegen die Bevölkerung abgegeben in den 3 Tagen. Heute vor 90 Jahren, in dem Moment, wo ich dieses schreibe, wurde der letzte Unschuldige erschossen, der neuseeländische Journalist McKay, der vermutlich nicht wusste, was abging, als er sein Wohnhaus verließ.

Der "Blutmai" hat tiefe Spuren in der Berliner Stadtgeschichte hinterlassen und der SPD in gewissen Kreisen für Jahrzehnte das Schimpfwort "Arbeiterverräter" eingebracht. Das zog sich hin bis in unsere Zeit, als der Kriminalbeamte und Stasi-Spitzel Karl-Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg ohne Not erschoss, das war 1967. Ich erinnere mich noch gut an die Argumentation von Rudi Dutschke und anderen, die argumentierten: "SIE (der Staat) haben den ersten Schuss abgegeben, WIR haben das Recht, uns zu wehren, Genossen." Das Resultat ist bekannt und führte nach Stammheim...

1.Mai 2019: Was machen wir denn heute? Hoffentlich hält das Wetter durch! Nun ja, vielleucht gar nicht mal so schlecht.





Anmerkung: Der "Blutmai" 1929 kommt auch in der wunderbaren Krimiserie von VOLKER KUTSCHER vor, die unter dem Titel "Babylon Berlin" verfilmt wurde. Ich bevorzuge die hervorragend recherchierte Buchfassung dieser Krimiserie, die das Flair von 1929 zeittypisch und detailgetreu nachzeichnet. Wie Ihr wisst, habe ich den Roman "DER NASSE FISCH" hier rezensiert, Ihr findet die Geschichte mit Kommissar Gereon Rath in meinem Rezensionsthread.
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Geändert von The Wolf (03.05.2019 um 12:43 Uhr)
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Alt 03.05.2019, 13:25   #25
ingerigar
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Ich finde Kutscher auch ausgesprochen lesenswert!
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Alt 05.05.2019, 10:55   #26
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Zitat:
Zitat von ingerigar Beitrag anzeigen
Ich finde Kutscher auch ausgesprochen lesenswert!



Kutscher ist absolut werktreu! Gut recherchiert und auch für mich als alten Berliner birgt er noch Überraschendes. Wer wusste schon, dass der alte Konrad Adenauer im Autohandel mit Ford stand und es am Berliner Westhafen ein Montagewerk gab (die wurden in Teilen angeliefert und hier zusammengebaut). Adenauer hatte finanztechnisch seine Finger im Spiel... Ich wollte es nicht glauben und habs später recherchiert - es stimmt!


Und ich habe gerade eben eine Idee: Es gibt hier das Kriminaltechnische Museum in Berlin-Tempelhof, da steht das Original-Auto von Kripo-Kommissar Gennart, dem "Buddha". Sollte ich dorthin kommen, bring ich ein Foto oder ein Filmchen mit, versprochen. Gennart liegt auf dem Stahnsdorfer Zentralfriedhof begraben, auch ein interessanter Ort: Irgendwann gab es in Berlin keine Friedhofsfläche mehr, und sie haben südlich von Berlin hinter der Stadtgrenze einen Großfriedhof angelegt. Da liegen zahlreiche Prominente, mir fällt spontan Siemens ein oder den Regisseuer Murnau ("Nosferatu"). Gennat hat dort auch sein Grab, ebenso wie Knuts Bärenflüsterer (Name fällt mir jetzt nicht ein), der Eisbärenpfleger. Als die Mauer gebaut wurde, war der Friedhof abgeschnitten und wuchs zu. Auch heute ist er nur teilweise freigelegt, der Rest versinkt im Wald. Unheimlich, die eingewachsenen Grabsteine...
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Alt 05.05.2019, 22:13   #27
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Alt 06.05.2019, 12:25   #28
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Wenn es der Friedhof vom Eisbärpfleger ist, ist das hier falsch:

Zitat:
Irgendwann gab es in Berlin keine Friedhofsfläche mehr, und sie haben südlich von Berlin hinter der Stadtgrenze einen Großfriedhof angelegt.
Zitat:
Der Friedhof wurde am 17. November 1886 eröffnet. Die damals eigenständige Stadt Spandau benötigte einen neuen Platz für Begräbnisse. Diese waren zuvor ausschließlich auf mehreren kleinen Kirchhöfen der Stadt vorgenommen worden. Hinzu kam, dass die Leichenzüge durch die Hauptstraßen von Spandau ziehen mussten. Im Jahr 1886 hatte die Ortspolizei bestimmt, dass der kürzeste Weg durch die Stadt zu nehmen sei. Deshalb war ein Friedhof weit vor den Stadttoren gewünscht.



https://de.wikipedia.org/wiki/In_den_Kisseln
Der Friedhof ist nicht im Süden, sondern im Norden...


Dörfleins Grab



Hier ein interessanter Artikel über das Berlin-Gehirn

Geändert von Cosmic Dream (06.05.2019 um 12:36 Uhr)
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Alt 11.05.2019, 19:31   #29
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Um das Thema "Friedhöfe" noch einmal zu präzisieren:


Meine Annahme, der Eisbärpfleger von Knut, THOMAS DÖRFLEIN, sei auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf bei Berlin beerdigt, ist falsch. Tatsächlich hat Thomas Dörflein seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof "In den Kisseln" in Berlin-Spandau gefunden. Der Friedhof "In den Kisseln" wurde 1886 außerhalb der Ortschaft Spandau angelegt, die damals nicht zu Berlin gehörte. Zugrunde lag damals eine Änderung der preußischen Bestattungsordnung, die eine Beerdigung innerhalb umbauten Raumes aus hygienischen Gründen verbot. Danke an Cosmic Dream für die Korrektur.


Mein eigentliches Thema war aber der Kriminalkommisar ERNST GENNAT aus der Krimiserie von von Volker Kutscher:

Der fand seine letzte Ruhestädte auf dem städtischen SÜDWESTKIRCHHOF Stahnsdorf bei Berlin im Gräberfeld "Block Reformation"


Der Südwestfriedhof in Stahnsdorf bei Berlin wurde 1909 in Betrieb genommen als einer von 4 geplanten Großfriedhöfen für Berlin und den Städteverbund der Berlin umgebenden Städte und Gemeinden. Das starke Bevölkerungswachstum von 1850 bis 1900 im Zuge der Industrialisierung in der Region machte diesen Schritt notwendig.


4 Standorte waren geplant:

-Stahnsdorf bei Berlin im Südwesten
-In den Kisseln in Spandau bei Berlin im Westen (nicht verwirklicht)
-Buch bei Berlin im Norden (nicht verwirklicht)
-Berlin-Friedrichsfelde im Osten

Wie unschwer zu erkennen ist, lagen 1909 drei von vier geplanten Friedhöfen außerhalb von Berlin.

Der Stahnsdorfer Südwestfriedhof ist seiner Natur nach ein Waldfriedhof; er ist flächenmäßig der zweitgrößte Friedhof Deutschlands (nach Hamburg - Ohlsdorf) und gilt als eine der prominentesten Friedhofsanlagen Deutschlands. Er ist berühmt für seine zahllosen Berliner Prominentengräber und seine bedeutenden Grabanlagen. Ihm sind weitere regionale Friedhöfe angegliedert, zum Beispiel der Wilmersdorfer Waldfriedhof und der Friedenauer Waldfriedhof, beide Orte heute Stadtteile Berlins. Die Besonderheit: Hier wurde (und wird) nach "Blöcken" beerdigt, jede Kirchengemeinde und jeder Stadtteil hat seinen eigenen Block, dazu gibt es zahlreiche weitere Blöcke wie z.B. Block "Reformation", in dem Ernst Gennat beerdigt ist. Der Friedhof ist absolut sehenswert! Ein Friedhofsführer mit Lageplan sollte man immer bei sich haben. Wahrscheinlich gibt es auch eine App.



Nachlesen über diese bedeutende Gräberfeld kann man alles Wichtige hier:

https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%B...rf#G%E2%80%93H
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Alt 17.05.2019, 08:57   #30
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Kunst statt Kommerz.... WIR BLEIBEN IM ROCKHAUS

über die Schwierigkeiten der heutigen Kunst- und Musikszene im Zeitalter der Immobilien - Heuschrecken in Berlin: Droht bald das Aus der Berliner Musikszene?

Der verlinkte Artikel des Berliner Kulturradios macht auf ein gravierendes Berliner Problem aufmerksam: Durch anhaltende Geschäftmacherei auf dem Immobilienmarkt verlieren zahlreiche Künstlerinnen und Künstler ihre Ateliers und Probenräume - und finden keinen bezahlbaren Ersatz mehr! Es droht die Abwanderung und die Verödung. Verliert Berlin seine führende Stellung als Kulturhauptstadt Europas?

Der verlinkte Artikel schildert nicht nur das Problem, sondern er zeigt auch auf, wie vielfältig die Kulturlandschaft Berlins immer noch ist. Das ist es, was ich in dieses Forum transportieren will.

Mal sehen, wie lange der Artikel noch zur Verfügung steht.


WIR BLEIBEN IM ROCKHAUS
https://www.inforadio.de/programm/sc...fou4J94buCmK3k
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Alt 19.05.2019, 11:25   #31
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In memoriam HEIDI HETZER (1937 - 2019)

"ICH LEBE NICHT MEHR, ABER ICH HABE GELEBT!" - Heidi Hetzer



Am Ostermontag 2019 verstarb eine der schillerndsten Mitmenschen der Metropole Berlin. Ich spreche von der Autohändlerin, Autosammlerin, Renn- und Rallyefahrerin HEIDI HETZER.

Heidi Hetzer entstammte einer Dynastie von Berliner Autohändlern. Sie wurde 1937 in Berlin geboren als zweite Tochter von Siegfried Hetzer, der nach dem 1. Weltkrieg die Tradition des Fahrzeughandels begründete, der er und seine Familie 95 Jahre lang treu blieben.
Siegfried Hetzer begründete 1919 einen Handel mit Motorrädern der Nürnberger Marke „VICTORIA“. Diese Firma versuchte sich auch im Automobilbau, die Fahrzeuge waren allerdings wenig erfolgreich. Der Handel mit Motorrädern boomte. Siegfried Hetzer sah seine Zukunft allerdings im Handel mit Automobilen; so verwunderte es nicht, dass er ab 1933 nur noch mit Automobilen handelte, wobei er sich auf die Marke OPEL spezialisierte. Das Autohaus OPEL HETZER lag im vornehmen Stadtteil Charlottenburg im Westen Berlins und bestand bis 2012. Das Autohaus wurde eines der berühmtesten Autohäuser West – Berlins, nicht zuletzt wegen seiner späteren Chefin, die das Autohaus zu einer Institution in West – Berlin machte.

DER AUFSTIEG VON HEIDI HETZER

Heidi Hetzer trat 1954 in das Autohaus ihres Vaters ein im zarten Alter von 17 Jahren. Sie erlernte das Handwerk einer KFZ – Mechanikerin. Da hatte sie bereits eine weitere Leidenschaft an sich entdeckt: Schon ein Jahr zuvor, im Jahr 1953, hatte sie an ihrem erste Kraftfahrzeug – Rennen teilgenommen. Auf einem Motorroller der Marke „LAMBRETTA“ nahm die Westberlinerin Heidi Hetzer an der Ostberliner Rallye „Rund um die Müggelberge“ im Südosten Berlins teil. Der damalige Status der Stadt Berlin erlaubte es allen Einwohnern, sich in ganz Berlin frei zu bewegen, nur nicht in Uniform in Dienstausübung. (Es gab keine „Volkspolizei“ in West-Berlin und keine West-Polizei in Ost-Berlin) Wegen „Manipulation am Fahrzeug“ wurde die schnelle Heidi damals disqualifiziert….

DIE GESCHÄFTSFRAU HEIDI HETZER

1969 verlor Heidi Hetzer zuerst ihre ältere Schwester und dann ihren Vater Siegfried Hetzer in kurzem Abstand. Mit 31 Jahren übernahm Heidi Hetzer das Familienunternehmen und baute es zu der Institution auf, die es später in West-Berlin hatte. Das Haupthaus, gelegen in der Charlottenburger Knobelsdorffstraße, war von der Stadtautobahn gut zu sehen. Obenauf standen immer die neuesten Kreationen aus dem Hause OPEL, nachts mit blinkenden Scheinwerfern. Heidi ließ an der Wand zur Autobahn immer in Riesenlettern irgendein Motto anbringen, z.B. „Heidi wird Großmutter – jetzt gibt’s Kindergeld!“ Die Kunden wussten dann, dass es zum Anlass des Moments heftige Preisnachlässe im Hause geben würde, wenn man sich eine neue Blechkiste spendierte. Ihren Rückzug vom Geschäft kündigte Heidi Hetzer ebenfalls mit einem markigen Spruch an: „Opel hat Autos – Hetzer hat Heidi!“

DIE RENNFAHRERIN HEIDI HETZER

In der von Männern dominierten Geschäftswelt des Automobils war Heidi Hetzer nicht nur exotisch, sondern sie war die Erfolgreichste von ihnen allen. Das erlaubte ihr, neben der beruflichen Tätigkeit als Geschäftsfrau zwei weiteren Hobbies nachzugehen: Dem Aufbau einer Oldtimer-Sammlung, die im Lauf der Jahre stattlich wurde, und dem Rennsport. Zu fahren und schnell zu fahren blieb zeitlebens Heidis Lieblingsbeschäftigung. Rennsport: Außer der Rallye Paris – Dakar hat Heidi Hetzer an so ziemlich allen internationalen Rennsportveranstaltungen teilgenommen. Sie fuhr die „Mille Miglia“, sie fuhr die „Panamericana“, sie fuhr die „Rallye Monte Carlo“, sie durchquerte Amerika von Panama City nach Alaska und Europa und Asien von Paris nach Shanghai.. Sie fuhr ihre eigenen Rallyeversionen von Opel – Fahrzeugen, sie fuhr mit ihren eigenen Fahrzeugen Oldtimer - Rennen. Dabei belegte sie immer die vorderen Plätze auf dem Siegertreppchen oder nahe daran. Im Laufe der Zeit hat die schnelle Heidi über 150 Prämien und Pokale gewonnen. Damit wurde die kesse Berlinerin, die niemals einen Berufsabschluss zu Ende brachte, Deutschlands erfolgreichste Renn- und Rallyefahrerin, und es dauerte Jahrzehnte, ehe andere Frauen an die Erfolge von Heidi Hetzer herankamen, auf heutzutage wesentlich besserem und schnellerem fahrbarem Material.

DIE WELTREISENDE HEIDI HETZER

Es ist klar, dass eine aktive Frau wie Heidi Hetzer die Füße nicht stillhalten konnte und den Rest des Lebens ihre Pokale bewundern würde. 2012 war die Stunde der Entscheidung: Im Alter von 75 Jahren verkaufte Heidi Hetzer ihr Autohaus und eine 93-jährige Tradition der Firma in Berlin nahm ihr Ende. Ihre beiden Kinder wollten den Autohandel nicht fortsetzen und ihre Mutter äußerte Verständnis dafür. Unter dem Müßiggang litt die Benzin-Heidi sehr und ihre Kinder machten sich starke Sorgen. Da fasste Heidi Hetzer den Entschluss, sich einen Oldtimer zuzulegen und mit diesem um die Welt zu fahren.
So begann die Geschichte der Weltreisenden Heidi Hetzer mit ihrem 84-jährigen Oldtimer der Marke „HUDSON GREATER EIGHT“, der 1930 in Chicago gebaut worden war und zunächst ein Werbeträger für eine Whiskyfirma gewesen war. Als 77-jährige Frau begann Heidi ihre Reise mit ihrem „HUDO“, die ihr weltweite Beachtung einbrachte. Heidi tauchte in den Nachrichtensendungen in China, den USA, Australien, Russland auf. Die Reise sollte zur Erinnerung an CLÄRENORE STINNES stattfinden, jener unabhängigen Frau, die 90 Jahre früher als erster Mensch überhaupt mit einem Auto die Welt umrundet hat, eine Welt ohne vernünftige Straßen, ohne Tankstellen, Motels, Campingplätze und Nachrichtenverbindungen.
Heidi Hetzer hat sich ihr altes Kastenauto mit Holzspeichenrädern sehr sorgfältig ausgewählt – und später noch ein weiteres als Ersatzteilspender nachgekauft. Für das erste Auto, jenen weltberühmten „Hudo“, hat sie 29 000 Euro hingeblättert. Zum Schluss war ihre Reise mehr als doppelt so lang als die von Clärenore Stinnes und berührte 44 Staaten dieser Erde – die Berliner Benzin-Lady hat also ihr Vorbild Clärenore Stinnes zum Schluss weit übertroffen und sich selbst von einer Krebserkrankung nicht abschrecken lassen.

MEINE BEGEGNUNG MIT HEIDI HETZER

Ich bin seit Jahren Fotograf, Filmer und so eine Art Stadtreporter. Die Stadt Berlin gefällt mir deshalb so gut, weil man sie nie vollständig kennt, es gibt immer noch was zu entdecken. Und eines Tages entdeckte ich „Hudo“, jenes legendäre blaue Kastenauto, bei den Oldtimertagen Berlin-Brandenburg, einem jährlichen Event der CLASSIC REMISE in meinem Stadtteil Moabit. Und gleich daneben die überraschend kleine, braungebrannte Heidi mit ihrer Bubikopffrisur, die bereitwillig mit Berliner Schnauze Auskunft gab, mit Kindern und Eltern posierte für Selfies…. Leider ist die gesamte Fotosession später durch einen Bedienungsfehler verloren gegangen, aber ein Jahr später hatte ich gleich zweimal das Vergnügen, Heidi Hetzer wieder begegnen zu dürfen: Zuerst vor der CLASSIC REMISE, wo sie stundenlang in glühender Sonne mit „Hudo“ und ihrem Opel-Rennwagen von 1911 posierte und erzählte, und wenige Tage später noch einmal bei den „Classic Days“ auf dem Berliner Kurfürstendamm, wo ich ihr ein Autogramm abgerungen habe und nebenbei erfuhr, dass sie noch einmal quer durch Afrika fahren würde… was sie dann auch getan hat.

Heidi Hetzer verstarb am Ostermontag 2019 in ihrer Charlottenburger Wohnung im Alter von 81 Jahren. Sie ist beerdigt auf dem Dorffriedhof in Berlin-Gatow, wo die Familie seit Jahrzehnten ein Sommerhaus besaß und wo der Neustart des Unternehmens nach dem 2. Weltkrieg neu begann. R I P, Heidi!


DAS ENDE VON OPEL HETZER
https://www.youtube.com/watch?v=ZjfqrA87q1Q

HEIDI HETZER
https://www.youtube.com/watch?v=i8zRDqUnbT4

1930 HUDSON GREAT 8 - The Globetrotter
https://www.youtube.com/watch?v=yFzBYi9Csas&t=300s

HEIDI HETZER VERSTORBEN
https://www.youtube.com/watch?v=Hn784KOM_g0




So, und nun wird es doch noch was: Ein Spaziergang durch die CLASSIC REMISE in Berlin Moabit! Ich habe für Euch drei kleine Filmchen gedreht, um Euch einen Eindruck zu vermitteln.

Der 1. Film zeigt einen uralten amerikanischen MOYER in Holzbauweise (hatte nie von einer solchen Firma gehört). Dieses Fahrzeug ist äußerst selten: Die Kutschenbaufirma MOYER in SYRACUSE baute insgesamt nur 400 Kraftfahrzeuge. Allesamt sind handgefertigt. Was dieses Fahrzeug hier zu suchen hat, ist mir schleierhaft: So etwas gehört nicht in den Handel, sondern in ein Museum. Das Fahrzeug ist hier zu verkaufen für 149 000,- €
Der 2. Film streift etwas durch die Sammlung alter und sehr seltener Motorräder von Hoffmann, NSU, BMW aus Eisenach bis zu einer englischen BRADBURY mit geflochtenem Beiwagen aus Korb. So ein Ding fuhr Lawrence von Arabien...
Der 3. Film zeigt nicht nur alle 4 BUGATTI nebeneinander (das gab es weltweit nur hier in Berlin), sondern noch einmal "HUDO", das wohl weltweit bekannteste Auto aus Berlin und erinnert an seine Besitzerin, die Benzin-Heidi... HEIDI HETZER

Ab gehts und viel Spaß!

CLASSIC REMISE 1
https://www.youtube.com/watch?v=IQG9-ufhL8E

CLASSIC REMISE 2
https://www.youtube.com/watch?v=bKHugB9r3Io

CLASSIC REMISE 3
https://www.youtube.com/watch?v=duBSjvQ_OlY
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Geändert von The Wolf (04.06.2019 um 13:27 Uhr)
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Alt 04.06.2019, 23:15   #32
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Willkommen in Moabit!




Ihr seid heute herzlich eingeladen zu einem Streifzug durch den Stadtteil, in dem ich lebe. Ich werde den Stadtteil so schildern, wie mir der Schnabel gewachsen ist, was sonst? Danach stelle ich Euch den Stadtteil in Videoclips vor, Ihr könnt Euch also selbst ein Bild machen. Ich werde versuchen, mich jeglichen wertenden Kommentars zu enthalten; nur so viel: Ich lebe seit 35 Jahren hier, und ich habe gegenwärtig nicht vor, wegzuziehen.


MOABIT, das ist eine Insel.

Eine Insel? Jawohl, auf allen Seiten von Wasser umgeben und mit 25 Brücken mit dem Rest Berlins verbunden. Im Süden bildet die Spree die Moabiter Grenze, im Osten, Norden und Westen begrenzen Kanäle unsere Insel. Eine S-Bahnlinie, die Berliner Ringbahn, führt im Norden vorbei, eine U-Bahnlinie unterquert unser Eiland von Norden nach Süden, und ganz im Süden verbindet die Berliner Stadtbahn, eine Mehrfach-S-Bahnlinie, Moabit mit dem Berliner Zentrum und den westlichen Stadtteilen im Minutentakt.
Wir sind gegenwärtig 78 491 Insulaner hier, bei einer Grundfläche unserer Insel von 7,7 Quadratkilometern macht das eine Einwohnerdichte von 10 200 pro km2. Damit gehört Moabit zu den dicht besiedelten Gebieten Berlins. Der Ausländeranteil in meinem Kiez liegt bei knapp 26%, der Gesamtanteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt bei 45%, Tendenz stark steigend.


Was gibt es hier zu sehen oder anders gefragt: Warum Moabit?

Moabit liegt verhältnismäßig zentral. Was für mich als Berliner von Vorteil ist, dient natürlich auch der Industrie und der Wirtschaft allgemein: In Moabit liegen sowohl der Westhafen (größter und mittlerweile einziger Hafen Berlins), der Zentrale Berliner Großmarkt mit dem Fruchthof und eigenen Bahn- und Autobahnanschlüssen, der Flughafen Tegel 5 Kilometer NW von meiner Haustür, der Berliner Hauptbahnhof einen Kilometer östlich von meiner Tür. Im Westen Moabits gibt es hochspezialisierte Industrie, zum Teil auf Weltniveau: Die Maschinenfabrik Loewe, eine berühmte Waffenschmiede mit denkmalgeschützter Industriearchitektur, einige ebenfalls sehenswerte Groß-Gewerbehöfe und natürlich das Siemens-Gasturbinenwerk, die ehemalige berühmte „Rote Turbine“ der AEG, in der ich Mitarbeiter war und Gasturbinen in aller Welt aufstellen half. Hier gibt es die „BEHRENS“-Halle, Berlins prominentestes Industrie-Denkmal als Teil der ehemaligen AEG-Turbine. Die Behrens-Halle fehlt auf keinem Buchrücken über Berlins berühmte Industrie-Architektur (Zwischen 1871 und 1945 war Berlin die größte singuläre Industriestadt Europas). Die heute hier gefertigte Gasturbine der SIEMENS AG ist die innovativste der Welt, Spitzentechnologie Made in Moabit. Weiter im Osten konnte man sich bis vor kurzem auch ausbilden lassen, als Kämpfer für den IS oder als Gebrauchsterrorist für Berlin. In meinem Kiez fand Anis Amri Unterschlupf, er verkehrte im Fussilet – Moscheeverein in der Perleberger Straße 14. Die Kumpels dort bildeten ihn im Keller an der Waffe aus, sie gaben ihm den Tipp, dass 200 m weiter am Friedrich-Krause-Ufer nachts Lastwagenfahrer kampieren zwecks LKW-Beschaffung, und am Moabiter Nordhafen auf einer Kanalbrücke hat er sein IS-Bekennervideo gedreht. Oftmals stand er draußen vor der Moschee (die ist in einem Mietshaus) und qualmte, während gegenüber aus meinem Polizeirevier die Überwachungskamera mitlief, aber niemand die Bänder auswertete…


Was gibt es noch in Moabit?

Ganz im Westen, in der Wiebestraße, ließ der Kaiser 1914 das größte Straßenbahndepot Europas bauen, um seinen englischen Vettern eins auszuwischen und ihnen zu signalisieren: Seht her, wir könnens besser! Heute ist hier die schon vorgestellte „Classic Remise“, der gesamte Komplex nennt sich „Meilenwerk Berlin“. Hier dreht sich alles um Oldtimer, ihren Handel, ihre Aufbewahrung und ihre fachgerechte Restaurierung. Der Komplex von Fachwerkstätten nimmt es mit JEDER Restaurierung auf, auch die Technikmuseen lassen hier restaurieren. Man muss sich vorstellen: Unter den hier gehüteten Schätzen der Schönen und Reichen Berlins fand ich einmal allein drei Mercedes 300SL aus den 50iger Jahren, Ihr wisst schon, das Traumauto mit den Flügeltüren nach oben; „Eagle-Wing“, wie die Amerikaner sagen…..
Der Hauptbahnhof, Europas größter Turmbahnhof, ein architektonisches Highlight, leider nie ganz fertig geworden: Die obere Glashalle ist zu kurz, was der Fußball-WM 2006 geschuldet war: Ohne fertigen Bahnhof kein deutsches Sommermärchen. Der Bahnhof, chronisch überlaufen, ist heftig angefeindet: Die heftigsten Gegner sitzen in der Hamburger Brandleite, beim SPIEGEL-Verlag: Die lassen nicht nur am Bahnhof kein gutes Wort, sondern an Berlin überhaupt. Nun ja, eine Neid-Debatte eben, das kratzt uns Berliner hier nicht.

Der Osten Moabits ist ehemaliges preußisches Militärgelände vor den Toren Berlins mit großen Kasernen und noch größeren Exerzierplätzen. Das ist alles heute Polizei-Gelände: Hier gibt es Kasernen, Reparaturwerkstätten, hier lagern sie Fahrzeuge, Absperrgitter, wahrscheinlich auch Waffen wie Maschinengewehre und Handgranaten. Hier war früher die Ausländerbehörde; die ist jetzt am Friedrich-Krause-Ufer, just da, wo Amri den polnischen LKW-Fahrer erschoss. Das Moabiter Kriminalgericht an der Turmstraße ist der größte Justizpalast Europas mit Untersuchungshaftanstalt und Justizvollzugsanstalt hinter dem Gericht, und wenn es ganz schlimm kommt, gibt es in der nahe gelegenen Invalidenstraße am Hauptbahnhof das Leichenschauhaus… Überhaupt gibt es in meiner Ecke zahlreiche Gerichte, und auf dem Weg zum S-Bahnhof werde ich manchmal nach dem Weg gefragt. „Heh Meesta, wo is´n hier det Jericht?“ Meine Antwort: „Ja, welchet denn? Ham`se falsch jeparkt oder ham`se een umjebracht?“ Meistens beruhigt das den Delinquenten…


In der Straße Alt-Moabit liegt ein religiöses Baudenkmal, um das es in letzter Zeit heftigen Wirbel gegeben hat: Die evangelische Kirche Sankt Johannes, eine von vier Kirchen des berühmten preussischen Baumeisters SCHINKEL, der Ehrenbürger Berlins ist, aber selbst aus Neuruppin stammte. Die Kirche Sankt Johannis wurde 1835, also während des Biedermeier, als einfache Hallenkirche im Neo-Renaissancestil erbaut und später durch Schinkels Schüler STÜLER 1857 erweitert. Die Kirche wurde später durch weitere Anbauten ergänzt, z.B. durch zwei Schulgebäude für getrennten Unterricht für Jungen und Mädchen und ein Turnhallengebäude. Der Kirchturm wurde ebenfalls später gebaut und erinnert an einen italienischen Campanile. Der ganze Eindruck der Kirchensembles verbreitet durch seine Farbgebung und die Bauweise ein italienisches Flair.
Seit 2017 befindet sich im Hause der Evangelischen Kirchengemeinde die Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee, eine islamische Reform-Moschee, die von der türkischstämmigen Menschenrechtlerin, Rechtsanwältin und Imamin SEYRAN ATES gegründet wurde. In der Moschee beten Männer und Frauen gemeinsam und die Koranverse und deren Interpretation werden von Männern UND Frauen im Wechsel vorgenommen. Die Gründung und Betreibung der Reform-Moschee hat Frau Ates Hunderte von Morddrohungen sogenannter "rechtgläubiger" Muslime eingetragen: Frau Ates steht deswegen rund um die Uhr unter Polizeischutz und kann sich in der Öffentlichkeit nur mit Bodyguards bewegen. Ich wohne 100 Meter entfernt vom Gotteshaus.



Einige Moabiter Irrtümer, sachkundig aufgelöst:

-Nein, das Kanzleramt von Frau Merkel gehört NICHT zu Moabit, es liegt ja südlich der Spree!
-Ebenso das „Haus der Kulturen der Welt“ (HKW), das im Sommer die wunderbare Konzertreihe „Wassermusik-Festival“ aufführt, liegt leider am südlichen Ufer. Das HKW ist die ehemalige Westberliner Kongresshalle des amerikanischen Architekten Stubbins, wegen ihres geschwungenen Dachs von den Berlinern liebevoll „Schwangere Auster“ genannt. Ein außergewöhnliches architektonisches Highlight! Das Haus ist von Spree und Wasserbecken umgeben, das Wassermusikfestival fand früher auf den umliegenden Rasenflächen statt, daher der Name. Irgendwann haben sie mitbekommen, dass jedes Mal im Herbst die Rasenfläche völlig ruiniert war, das war ihnen irgendwann mal zu blöd. Jetzt feiern wir immer oben auf dem Beton unter dem Halbrund des Daches. Siehe hier:

KHALED - Aysha (Wassermusik-Festival 2017)
https://www.youtube.com/watch?v=nisU...PNFNy&index=18

-Wären da noch das Schloss Bellevue, der Regierungssitz des Bundespräsidenten: Gehört leider auch nicht mehr zu Moabit, da am falschen Spreeufer. Ist die gelbe Fahne aufgezogen, ist der Präsident zu Hause. Wenn er verreist, holt ihn der Hubschrauber mit Getöse ab und ich überwache, ob er pünktlich ist oder sich gar Schlendrian einschleicht…
-Und überhaupt: Siegessäule, Großer Tiergarten, das Teehaus im Englischen Garten, wo mir einst eine singende Maid namens Marie Chain begegnete, die gehören auch nicht zu Moabit, und auch nicht das Hansaviertel, wo einst hanseatische Geschäftsleute in großem Stil investierten und eines der nobelsten Viertel Berlins hochziehen ließen. Schon Lenin irrte, da er sich in Moabit wähnte: Die Flensburger Straße, wo er logierte, liegt im Hansaviertel, das sagt doch schon der Name, oder? Nun, der Herr war fremd hier….


Moabit, was für ein seltsamer Name… Die Geschichte Moabits

Moabit, das klingt so nach Bibel, da gab es das Land der Moabiter… Im Berliner Raum findet man Namen aus dem deutschen und aus dem slawischen Sprachraum: Schöneberg, Kreuzberg, Reinickendorf, Hermsdorf – deutscher geht’s nimmer! Die slawisch-wendischen Vorfahren haben auch charakteristische Namen hinterlassen: Spandow (Spandau), Bötzow, Bukow, Rudow, Köpenick (Copnic), Zehdenick, etc. Beim Namen Moabit ist man sich nicht einig: Slawisch für „öde“? Oder benannt nach dem Land der Moabiter aus der Bibel?

Die Geschichte Berlins kommt erst so richtig in Fahrt nach dem Dreißigjährigen Krieg: Da ergreifen die Hohenzollern, das in Berlin ansässige Fürstengeschlecht der Preußen, die Gelegenheit und erheben sich von Kurfürsten zu Königen: Berlin wird Hauptstadt des Königreichs Preußen, eines Gebietes, das sowohl innerhalb als auch außerhalb des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ liegt; dieses Preußen wird im Lauf der Geschichte der größte Flächenstaat im deutschsprachigen Raum und reicht von Litauen bis an die Niederlande und nach Frankfurt am Main. Etwa ab 1680 setzen in Frankreich starke Drangsalierungen der französischen Protestanten ein, und die preußischen Könige bemühen sich, diese Hugenotten als Glaubensflüchtlinge in Preußen anzusiedeln. Ab 1685 kommen erste hugenottische Flüchtlinge in Berlin an: Im Jahr 1716 kommt es zu einer Ansiedlung von Hugenotten westlich von Berlin auf den dortigen Gemeindewiesen, die Gründung der Hugenottenkolonie Moabit. Die Hugenotten sollten versuchen, dort eine Seidenraupenzucht aufzubauen, was letztlich scheiterte. Die Orte Berlin und Spandau wurden durch eine Heerstraße verbunden (heute Straßenzug „Alt-Moabit“), nordwestlich der Stadt Berlin vor dem Brandenburger Tor entstehen erst preußische Truppenübungsplätze, noch weiter westlich erbauen sie Pulvermühlen. Es gibt die ersten hugenottischen Ausflugslokale, die Gegend wird berlinische Sommerfrische. Der Wald südlich der Spree (heutiger Großer Tiergarten und Fanmeile) bleibt umzäuntes Jagdrevier der preußischen Könige und für normales Volk tabu. Später setzt sich auch hier die Nutzung durch Sommergäste in Ausflugslokalen durch („In den Zelten“ – heute Standort des Kanzleramts und des Hauses der Kulturen der Welt)

Ab Beginn des 19.Jahrhunderts werden Industriebetriebe aus den Randbereichen Berlins ganz verdrängt und müssen ins Umland ziehen – von „Feuerland“ (Berlin-Mitte) nach Moabit und Wedding, also aufs Land. Moabit wird im Lauf des 19.Jahrhunderts zum Industriestandort, auch begünstigt durch die Spree als Transportmedium. Die Uferwege, auf denen ich heute jogge, sind ehemalige Hafenflächen, und ich selbst wohne auf dem Gelände der ehemaligen Borsigschen Lokomotivfabrik („Borsig II“). Auch die Borsigsche Fabrikantenvilla befand sich einst in Moabit. Am 1. Januar 1861 wurde Moabit nach Berlin eingemeindet: Die durchaus noch dörfliche Hugenottengemeinde Moabit hatte etwa 6500 Einwohner. 19 Jahre später, im Jahr 1880, hatte Moabit schon 29 600 Einwohner und 1910 betrug die Einwohnerzahl 190 000, also das 2,5 fache der heutigen Einwohnerzahl (78 491). Kein Wunder, dass alte Postkarten immer ein Gewusel auf den Straßen zeigen wie in einem Ameisenhaufen!

Ab 1880 begann die Industrie aus Moabit abzuwandern und sich im nördlichen Wedding modernisiert anzusiedeln, insbesondere im Stadtteil Gesundbrunnen. Die Lokomotivfabrik Borsig wurde in den Berliner Vorort Tegel verlegt und dort zur größten Lokomotivfabrik Europas ausgebaut (1920 nach Berlin eingemeindet) Die frei gewordenen Flächen in Berlin-Moabit wurden in der zeitgemäß üblichen Weise mit „Mietskasernen“ dicht bebaut, die zum Teil den Fabrikbesitzern gehörten und eine dauerhafte krisenfeste Rendite abwarfen. (Mein Haus wurde 1890 erbaut). Die Hauptstraße des Bezirks, die Turmstraße, wurde zu einer repräsentativen Einkaufsmeile ausgebaut, die es mit anderen Einkaufsmeilen in anderen Berliner Städten durchaus aufnehmen konnte. Nach dem Mauerbau 1961 erlebte die Straße ein letztes Mal eine staatlich geförderte Rundumerneuerung.


Moabit heute

Moabit gehört heute zum Berliner Bezirk MITTE, einen Mischbezirk, der aus der Bezirksreform von 2001 entstanden ist. In diesem Bezirk sind der ehemalige Ostberliner Bezirk MITTE und die beiden ehemaligen Westberliner Bezirke TIERGARTEN und WEDDING zusammengefasst. Im engeren Sinn ist Moabit ein Teil des Westberliner Bezirks Tiergarten gewesen, der aus Tiergarten, dem Hansaviertel und Moabit bestand. Wie ich geschildert habe, ist Moabit ein altehrwürdiges ehemaliges Arbeiterviertel, das mit dem vornehmen Bezirk Mitte nicht unbedingt etwas zu tun hat.
Heute ist Moabit geprägt vom Nebeneinander verschiedener Kulturen: Einer wirtschaftlich schwachen deutschstämmigen Restbevölkerung, einer starken türkischen und arabischen Gemeinde und dem Neuen Hipstertum. Die jüngsten Zuwandererwellen kommen aus Afrika und seit Neuestem aus dem Vereinigten Königreich. Die Berliner "Szenebezirke" Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Mitte selbst sind durch Gentrifizierung mittlerweile unbezahlbar geworden, und so drängt junges Publikum mit Macht nach Moabit, dem letzten halbwegs zentral gelegenen Viertel in Mitte. Diese Leute schauen nicht auf Mietspiegel, sie wissen oftmals nicht, was das ist, sie kennen die Strukturen nicht und es interessiert sie meist auch nicht. Sie bleiben ein, zwei, drei Jahre und ziehen dann weiter. Die Vermieter reiben sich über solche unkritischen Mieter die Hände und erhöhen munter bei jedem Wechsel die Mieten. Ich persönlich kann hier nur wohnen, weil mein Mietvertrag schon Jahrzehnte besteht, für vergleichbare Wohnungen im Haus müssen die Mieter vergleichsweise das zwei- oder zweieinhalbfache zahlen. Mein Vermieter hat es geschafft, die alte Hausgemeinschaft vollkommen zu zerstören: Vermietet wird nur noch an junge Durchzügler, viele sprechen nicht oder nur sehr schlecht Deutsch und einander Grüßen im Hausflur ist unüblich geworden. Man darf gespannt sein, welche Zerstörungen die Gentrifizierung auf der Insel Moabit anrichten wird. Ich unterstütze natürlich das Volksbegehren zur Enteignung von Immobilienspekulanten und großen Wohnungsgesellschaften, ich möchte hier wohnen bleiben bis an mein Lebensende. Ich nenne als abschreckendes Beispiel nur die englische Milliardärsfamilie PEARS, der in Berlin mehr als 6000 Wohneinheiten gehören. Pears spekuliert auch in meinem Bezirk, die Schließung eines beliebten Heimwerker-Geschäfts um die Ecke, das seit 60 Jahren besteht, konnte erst kürzlich vorerst abgewendet werden. Ich hatte von dem Problem beim U-Bahnfahren ganz nebenbei erfahren über eine Nachrichtenreklame im Zug…

So, und nun macht Euch selbst ein Bild von meinem Kiez. Viel Spaß! Ich habe Wert darauf gelegt, Euch ein möglichst breites Spektrum zu bieten und dieses zumindest halbwegs zeitlich zu ordnen.



Moabit - Was Ist Das (2004)
https://www.youtube.com/watch?v=romEePZWngs&t=315s

Turmstraße 2011 - Ein Film von Frank Wolf
https://www.youtube.com/watch?v=-blCB-3dDMU&t=382s

Glück in Berlin: Moabit (2008)
https://www.youtube.com/watch?v=2885Q2hmrks

Arminius Markthalle Berlin Moabit
https://www.youtube.com/watch?v=6EAtwNvgaok

Moabit West 21
https://www.youtube.com/watch?v=ME9fUzKAEJg&t=257s

Realer Irrsinn: Die Sitzkiesel von Moabit - NDR extra 3
https://www.youtube.com/watch?v=Ib1NHGvgQzo

Araber terrorisieren Berlin Moabit
https://www.youtube.com/watch?v=yWOtVqXjEs0&t=64s

Europas größtes Strafgericht - Galileo
https://www.youtube.com/watch?v=u93SiGcYHS0

Moscheeverein Fussilet 33 wird verboten
https://www.youtube.com/watch?v=yopaL-cx0_0

Moabit Calvinstraße 21: Dieser Fall hier wurde in ganz Deutschland bekannt und ging durch alle Nachrichtensendungen und viele Talkshows: Aus Geldgier Mietern Fenster zugemauert!
Streit um Haussanierung (Berliner Abendschau)
https://www.youtube.com/watch?v=WPl4QoVJ8-8

Es geht noch krasser, zumindest in Moabit:
Miethorror! Lebensgefahr in Berlin Moabit (Berliner Abendschau)
https://www.youtube.com/watch?v=2KjSiUVgElU&t=338s

Puuhhh! Aber es geht auch anders in Berlin: Willkommen in meinem wunderbaren Waschsalon!

Freddy Leck sein Waschsalon
https://www.youtube.com/watch?v=pD56gXZhjk8

Moabit Waschsalon
https://www.youtube.com/watch?v=pD56gXZhjk8

Berlin Spree, westlich von Moabit bis Charlottenburg
https://www.youtube.com/watch?v=qHqLCPhn4Pw

Invasion der Amerikanischen Sumpfkrebse in Berlin
https://www.youtube.com/watch?v=BX0T_UD4uEY

Haus der Kulturen der Welt
https://www.youtube.com/watch?v=fu0GnT3MQGo



Letzte Meldung: Die Amerikanischen Flußkrebse werden jetzt in Berlin unter dem Begriff "Berlin Lobster" in Markthallen verkauft und in Feinschmeckerlokalen angeboten. Im Jahr 2018 wurden über 40 000 Stück gefangen.

Allerletzte Meldung: Zu den Bewohnern Moabits gehören jetzt auch Biber in der Spree, nachdem die Kormorane schon vor Jahren kamen. Das spricht für die Wasserqualität der Spree. Nachteil: Einige Uferwege mussten gesperrt werden wegen "beschädigter umsturzgefährdeter Bäume" Dinge gibts...


So, Leute, das ist der Stadtteil, in dem ich lebe! Wir sind hier ein Städtchen so groß wie Tübingen, aber das ist nur EINER von 96 Nachbarschaften. Alle zusammen nennen wir uns BERLIN! Und nun: 35° Hitze draußen, und ich gehe jetzt zum Haus der Kulturen der Welt, Tickets fürs Wassermusikfestival kaufen...
Demnächst schildere ich Euch die Begegnung mit einer schönen Frau - The Wolf meets TEXASGIRL...




credits:
Loomzoom
MoabitTV
Moabitinfo TV2
Der Alte Berliner
WatchBerlin
C.W.
Galileo
afpde
Bernd Wonde
FFPBerlin
Videoscout-It Berlin

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Gegenkultur in Berlin: 40 JAHRE UFA - KULTURFABRIK in Berlin - Tempelhof


Am 9. Juni 2019 jährte sich zum 40. Mal der Tag, an dem engagierte BerlinerInnen und Zugereiste aus der alten Bundesrepublik im Zuge der "Berliner Hausbesetzerbewegung" das seit Jahrzehnten leerstehende ehemalige Filmkopierwerk der UFA - Filmgesellschaft besetzten, um ihre Vorstellungen von einem selbst bestimmten Leben umzusetzen.
Diese Gruppe war schon zuvor aktiv: Als "Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk" hatte sie ihr Quartier in der Kurfürstenstraße im West-Berliner Bezirk Schöneberg.

Am 9. Juni 1979 besetzte die ca. 50 Menschen starke Gruppe das leerstehende Gelände in Berlin - Tempelhof friedlich. Ich erinnere mich gut: 1929 begann in West-Berlin der sogenannte "Häuserkampf", auf dessen Höhepunkt zuletzt 161 Häuser besetzt waren. Mit meiner damaligen Freundin war ich auf einer Demonstration (damals demonstrierte man 2-4 mal pro Monat, also nahezu jedes Wochenende), als wir von der erfolgreichen Besetzung erfuhren. Bei tausenden von Menschen brach Jubel aus über dieses erneute Husarenstück (Hausbesetzungen erfolgten zum Teil täglich damals).


40 Jahre ist das jetzt her. Die Besetzung des leerstehenden Geländes blieb nicht lange illegal: Der SPD-geführte Westberliner Senat drückte offenbar ein Auge zu und schon wenige Wochen später hatten die BesetzerInnen einen Nutzungsvertrag nach dem von ihnen erarbeiteten Konzept: ein selbstverwaltetes Kulturzentrum für Jung und Alt und einen Kieztreffpunkt mit Food-Coop, eigener Bäckerei, einem Kinderzirkus und ersten Ansätzen Alternativer Energie. Der Sprecher der Kommune, Juppy Becher, hatte jahrelang den Status eines "geheimen Bürgermeisters Berlins" inne, einen Titel, den er sich mit dem Kabarettisten Wolfgang Neuss teilte. Insgesamt fand die Aktion bei der Westberliner Bevölkerung ein positives Echo.


Die UFA-Fabrik heute ist eines der renommiertesten Projekte Berliner Alternativkultur und hat das nachlassende Interesse an ihr nach dem Mauerfall gut überstanden. Heute ist sie weltweit bekannt und vernetzt und bietet ein Programm mit lokaler bis internationaler Beteiligung. Die fabrikeigene Sambagruppe "TERRA BRASILIS" unter der Leitung von Manni Spaniol tritt weltweit auf.


Und nun noch einiges aus dem Internet:




Berlin - 40 Jahre ufa-Fabrik - Juni 2019
https://www.youtube.com/watch?v=9zqTqkCUo2Q&t=18s

30 Jahre ufa-Fabrik - The First Years
https://www.youtube.com/watch?v=teRRAudvu2w

ufa-Fabrik - Wenn ein Traum Wirklichkeit wird
https://www.youtube.com/watch?v=FVi9llMj-x4








credits:
jockelreacher
Dimitri Limpert
lothwies
__________________
Töpfern statt Tindern? Nö, erst Tindern, dann Töpfern.... Unser Motto: Tindern & More..... MfG Tinderclub Berlin-Moabit

Geändert von The Wolf (18.06.2019 um 10:23 Uhr)
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