Fotostory Tiefer als der Schmerz ♦ abgeschlossen ♦

Innad

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Hallo ihr lieben Simsler,


nachdem ich meine erste Fotostory "Sternenstaub" abgeschlossen habe, möchte ich Euch meine neue und nächte Fotostory "Tiefer als der Schmerz" präsentieren.

Die Geschichte ist schon fertig geschrieben - sie ist wie Sternenstaub schon vor einer Weile entstanden - allerdings ist die Fotostory noch nicht fertig gestellt, das heißt, ich muss mich noch durchfotografieren und einige Änderungen vornehmen.

Trotzdem denke ich, dass ich mit den Fortsetzungen in der Regel nachkommen werde und ihr nicht allzu lange warten müsst.

Zum Inhalt schaut euch am besten den Trailer an:

Sie hatte ein behütetes Leben
Mit allem, was ihr Herz begehrte
Nur eines konnte ihr lange niemand geben:
Wahrhaftigkeit

Doch unsere Wünsche haben oftmals einen hohen Preis
und ob wir ihn zu zahlen bereit sind
weiß ganz allein
unser Herz

Und ob unser Leben ein Albtraum wird
ob unsere Entscheidungen richtig
oder falsch
weiß ganz allein nur unser Schicksal

Doch manchmal ist die Liebe
tiefer als alles andere
doch ist sie auch tiefer
Tiefer als der Schmerz?


Und nun hoffe ich, dass Euch die Story gefällt. Über Kommentare und Kritik freue ich mich natürlich jederzeit sehr und natürlich benachrichtige ich auch.


Übersicht

Prolog (scrollen)
Kapitel 1 - An einem ruhigen Sonntag
Kapitel 2 - Stillstand
Kapitel 3 - Eine schicksalhafte Begegnung
Kapitel 4 - Was nicht recht ist
Kapitel 5 - Tante Tru
Kapitel 6 - Jess
Kapitel 7 - Nur Maskerade
Kapitel 8 - Sozialer Abfall
Kapitel 9 - Irgendwann... wird alles gut
Kapitel 10 - Unter Druck
Kapitel 11 - Enttäuschungen
Kapitel 12 - Flucht
Kapitel 13 - Veränderungen
Kapitel 14 - Unter Beobachtung
Kapitel 15 - Eine entscheidende Schlacht
Kapitel 16 - Eine Verabredung
Kapitel 17 - In der Herbstsonne
Kapitel 18 - Verrat
Kapitel 19 - Aussichtslos
Kapitel 20 - Lass mich nicht allein
Kapitel 21 - Zwischen den Extremen
Kapitel 22 - Einsamkeit
Kapitel 23 - Jasmin
Kapitel 24 - Stille Nacht
Kapitel 25 - Frohes Neues Jahr
Kapitel 26 - Fieber
Kapitel 27 - Wo bist Du?
Kapitel 28 - Zu spät
Kapitel 29 - Losgelöst
Kapitel 30 - In der Falle
Kapitel 31 - Ich liebe Dich
Kapitel 32 - Nach Haus
Kapitel 33 - Was es ist
Kapitel 34 - Eine Entscheidung
Kapitel 35 - Cold Turkey
Kapitel 36 - Versteckspiel
Kapitel 37 - Überraschungsbesuch
Kapitel 38 - Rückfall
Kapitel 39 - Stirb
Kapitel 40 - Nicht mehr allein
Kapitel 41 - Erinnerungen
Kapitel 42 - Überlegungen
Kapitel 43 - Die Liste
Kapitel 44 - Ein neuer Anfang
Kapitel 45 - Neue Freundschaften
Kapitel 46 - Keine Macht den Drogen
Kapitel 47 - Selektion
Kapitel 48 - Offene Worte
Kapitel 49 - Sommernacht
Kapitel 50 - Joshua
Kapitel 51 - Wechselzeiten
Kapitel 52 - Zweifel
Kapitel 53 - Wie Deine Liebe
Kapitel 54 - Liebe ohne Gegenwert
Kapitel 55 - Wiedersehen
Kapitel 56 - Eine überraschende Begegnung
Kapitel 57 - Clean
Kapitel 58 - Winternacht
Kapitel 59 - Schwebend
Kapitel 60 - Geh nicht!
Kapitel 61 - Jess´ letzte Worte
Kapitel 62 - Der Brief
Kapitel 63 - Kämpf
Kapitel 64 - Bittere Erkenntnis
Kapitel 65 - Einsicht
Kapitel 66 - Perspektiven
Kapitel 67 - Des einen Freud, des anderen Leid
Kapitel 68 - Das erste Mal
Kapitel 69 - Villa Sonnenschein
Kapitel 70 - Ausgebrannt
Kapitel 71 - Auf dem Prüfstand
Kapitel 72 - Wohnen nach Wunsch
Kapitel 73 - Tief in mir
Kapitel 74 - Vertrauen
Kapitel 75 - Innen und außen
Kapitel 76 - Der japanische Garten
Kapitel 77 - Die Staffelei
Kapitel 78 - Familie Wagner
Kapitel 79 - Erklärungsversuche
Kapitel 80 - Gewitterstimmung
Kapitel 81 - Weitsicht
Kapitel 82 - Verwirrungen
Kapitel 83 - Berufserfahrungen
Kapitel 84 - Realitäten
Kapitel 85 - Zukunftsängste
Kapitel 86 - Spätsommertag
Kapitel 87 - Klare Worte
Kapitel 88 - Beschützerinstinkte
Kapitel 89 - Ein neues Leben
Kapitel 90 - Eiskalte Angst
Kapitel 91 - Kompromisse
Kapitel 92 - Feierlichkeiten
Kapitel 93 - Weggabelungen
Kapitel 94 - Schatten der Vergangenheit
Kapitel 95 - Vergangenheit und Neubeginn
Finale - Für immer und ewig
















X-Mas Special


Benachrichtig werden: Maccaroni; sasispatz; Cenwen; SexyLexi; Chrissy1709; julsfels; LenaJohanna22, colabirne



Und nun viel Spaß mit

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NEU! Schaut euch den Trailer bei YouTube an!






Vielen Dank! Ihr habt "Tiefer als der Schmerz" zur 2.FS des Monats Dezember 2007 gewählt.

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Prolog


Es war ein ruhiger Sonntagnachmittag, als Tessa Wagner sich unter einen großen, ruhigen Baum im Schatten setzte und ihr Tagebuch hervorholte. Sie hatte entschieden ihre Geschichte aufzuschreiben, um niemals zu vergessen, was in den letzten Jahren geschehen war.

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"Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich noch ein kleines Mädchen war, so kommt sie mir so leicht und unbeschwert vor, gleich einer samtenen Feder, die sich in die Lüfte erhebt, ohne zu wissen, was Schwerkraft und Trauer oder Anstrengung sein könnten.
Lange Zeit glaubte ich mich eingehüllt in diese weiche Blase aus Friedseligkeit, in der mich nichts und niemand stören konnte außer meinen eigenen manchmal traurigen Gedanken, die oft solche Nichtigkeiten zum Anlass fanden, dass sie mir heute tatsächlich ein feines Lächeln entlocken können."

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Tessa sah auf. Über ihr rauschten die Blätter des Baumes, als wollten sie ihren zitternden Fingern Ruhe und Erhabenheit einflößen. Für einen Moment zauderte sie, ob sie wirklich weiterschreiben sollte. Zu sehr spürte sie die Angst vor all den Erinnerungen und den damit verknüpften Empfindungen, welche ihr Herz zusammenzogen und es sich wie ein schwerer, nasser Sack anfühlen ließen - und es gleichzeitig zu seltsam flattrigem Schlag verleiteten.

Sie stand auf und holte tief Luft. Hier stand sie nun, mit ihren 24 Jahren, kurz vor dem Abschluss ihres Studiums. Ihre hellblauen Augen funkelten im Sonnenlicht und ließen nichts von den Leiden erahnen, die sie nur wenige Jahre zuvor durchlebt hatte.

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Doch nun war ihre Geschichte zu Ende ... und fing vielleicht gerade erst an? Vieles war geschehen in diesen Jahren und eigentlich fühlte sie sich heute glücklich, sehr glücklich sogar. Doch um sich mit allem, was ihr widerfahren war, endgültig auszusöhnen, musste sie zurück eintauchen in diese Zeiten, in denen sich Licht und Schatten abwechselten, aufeinander folgten wie flattrige Wimpernschläge und sie mit Leichtigkeit hinauf- und herabschleuderten, ohne sie jemals wissen zu lassen, ob sie am Ende in die Dunkelheit stürzen oder weich gefangen würde.

So setzte Tessa sich wieder in den Schatten des Baumes und begann zu schreiben. Vor ihren Augen lebten all die Menschen auf, die ihr nahe standen. Sie sah ihren Vater auf der Couch sitzen und Zeitung lesen, wie er es so oft tat.

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Er war erfolgreicher Anwalt und selten zu Hause. Er liebte seine Arbeit, reiste viel in der Welt umher, um große Firmen zu vertreten. Er ermöglichte auf diese Weise seiner kleinen Familie ein luxuriöses, angenehmes Leben - aber viel voneinander hatten sie nie gehabt.

Ihre Mutter hatte sich nach der Hochzeit einen Traum erfüllt und ein Kosmetikstudio in der Innenstadt eröffnet. Entsprechend unpassend kam die Schwangerschaft mit Tessa, doch ihre Mutter ließ dies ihre Tochter nie spüren. Auf ihre Karriere zu verzichten kam ihr dennoch nicht in den Sinn.

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So war es kein Wunder, dass Tessa als wärmste und gegenwärtigste Person ihrer Kindheit und Jugend nur ein Bild vor Augen hatte:
Tante Tru!

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Tante Tru war wohl die gütigste Person, die man sich vorstellen konnte. Nur wenige Monate nach Tessas Geburt stellte man sie als Haushälterin und Kindermädchen ein. Sie kümmerte sich um alles, wofür Mutter und Vater keine Zeit hatten - und das war eine Menge.

Sie kochte, backte und putzte und hielt das Haus in perfekter Ordnung.

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Doch was viel wichtiger war - sie war für Tessa da, wann immer diese sie brauchte. Sie war es, die ihr Pflaster auf die Wunden klebte, wenn sie sich ein Bein aufgeschürft hatte und sie war es, die ihr meistens eine GuteNacht Geschichte vorlas.

Als Tessa älter wurde, begann sie die Einsamkeit im Haus zu genießen. Sie nutzte die Freiheiten, die ihre Eltern ihr ließen, aber sie nutzt sie nie AUS. Oft versammelte sich die komplette Clique im Wagnerschen Wohnzimmer und schlug die Zeit tot.

Lächelnd musste Tessa daran denken, als sie den Stift ansetzte. Doch wo waren heute all ihre Bekannten aus der damaligen Zeit? Sie wusste es nicht.

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So begann sie zu schreiben: "Nach dem Abitur gingen wir alle unsere Wege. Manche von uns begannen zu studieren und zogen in andere Städte, verteilt über den ganzen Globus. Andere begannen eine Ausbildung und vergassen ihre alten Freunde gänzlich. Wir verstreuten uns in alle Himmelsrichtunge und jeder von uns fand seinen ganz eigenen Weg. Und so brachte mich der meine eines Tages zu... Jess."




Fortsetzung folgt.
 
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Innad

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Kapitel 1
An einem ruhigen Sonntag


Es war ein Sonntag im späten Sommer. Ein frecher Sonnenstrahl kitzelte Tessa an der Nase, doch die junge Frau ließ sich nicht davon beeindrucken. Ein kurzer Blick auf ihren Wecker zeigte ihr, dass es noch viel zu früh zum Aufstehen war. Sie fühlte sich müde und schläfrig und aalte sich in dem wonnigen Gefühl, einen Tag vor sich zu haben, an dem sie nahezu nichts zu erledigen hatte. Welch ein Luxus! dachte Tessa sich genießerisch und entschloss sich kurzerhand, den Tag vorerst im Bett zu verbringen.

Schnell hatte sie sich wieder in den Kissen vergraben und nur wenig Minuten später hatte der freche Sonnenstrahl seinen Kampf verloren und die junge Frau schlief erneut tief und fest.

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Draußen im Flur knarzten die Holzdielen geräuschvoll. Tessa rümpfte die Nase und drehte sich brummelnd auf die andere Seite. Ihr Vorhaben, den Vormittag zu verschlafen, schien sich wohl doch nicht in die Tat umsetzen zu lassen.

Wieso musste das aber auch immer so einen vermaledeiten Krach machen, wenn irgendjemand durch den Flur zur Toilette ging? Gähnend rieb Tessa sich die Augen. Das Bett war so warm und gemütlich, dass sie keine Lust verspürte, es zu verlassen. Aber nun war sie wach und sich noch einmal in den Schlaf zu kuscheln, dazu hatte sie nach dem zweitmaligen unschönen Wecken tatsächlich keine Muse mehr.

Mit zusammengekniffenen Augen schlug sie darum die Bettdecke zurück und erhob sich gähnend, ohne zu merken, dass sie nicht mehr alleine im Zimmer war.

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"Na, du Langschläferin?" sagte eine lachende Stimme. "Hast du auch endlich ausgeschlafen?"

Tessa fuhr herum und blickte in zwei spitzbübisch funkelnde, grüne Augen.
"Niklas!" entfuhr es ihr. "Was machst du denn hier? Wie kommst du überhaupt hier rein?"

Niklas grinste frech. "Deine Mutter hat mich reingelassen. Ich dachte, ich sollte mal den sonntäglichen Weckdienst aktivieren, bevor du noch die nächsten hundert Jahre zu verschlafen gedenkst."

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Tessa musste gegen ihren Willen lächeln. Das war typisch Niklas! Kein anderer hätte es gewagt, einfach mitten am Morgen so mir nichts- dir nichts in ihr Zimmer zu stapfen und sie aus dem Schlaf zu reißen. Doch Niklas durfte das - und das aus guten Gründen.

Er war ihr engster Vertrauer und liebster Freund - und lange Zeit war er sogar noch mehr als das gewesen. Schon im Kindergarten waren sie befreundet gewesen und irgendwann einmal hatten sie sich dazu entschlossen, später einmal "Mutter-Vater-Kind" zu sein. In der Pubertät geriet diese Sache zuerst in Vergessenheit, aber irgendwann flammte die Leidenschaft zwischen beiden wieder auf. Die Beziehung hielt knappe zwei Jahre, dann mussten beide feststellen, dass sie als Liebespaar nicht wirklich funktionierten - eine tiefe, innige Freundschaft jedoch war das, was sie aus diesen Jahren mitnahmen.

Tessa gähnte herzhaft.

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"Die nächsten hundert Jahre verschlafen? Ich wäre schon froh, wenn ich es nur einmal EINEN Sonntag schaffen würde, länger als bis zehn Uhr zu schlafen."

Niklas lachte schallend auf. "Was lachst du denn jetzt so?" Tessa verzog das Gesicht.
"Warum ich lache? Schau mal auf die Uhr, du alte Schnarchnase. Ich denke, deinen zehn-Uhr-Rekord hast du definitiv geschlagen, wenn du nicht gerade von zehn Uhr abends redest!"

Tessa warf einen hektischen Blick auf die Uhr und merkte, wie ihr die Gesichtszüge entgleisten. "Das gibt es nicht!" rief sie. "Es kann nie im Leben fünf Uhr abends sein!"

Niklas derweil bekam sich vor Lachen nicht mehr und hielt sich inzwischen grölend den Bauch.

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Tessa runzelte die Stirn. "Hör mal, so witzig ist das nun auch wieder nicht. Sag mir lieber, was dich dazu bringt, mich in aller Herrgottsfrühe..." Wieder entwich Niklas ein prustendes Lachen und Tessa verbesserte sich: "Mich aus dem Bett zu werfen, zu welcher Uhrzeit auch immer."

Niklas sah auf und verkniff sich ein erneutes Lachen, während Tessa an sich herunterblickte und sich mit einemmal dringend nach einer Dusche und richtiger Kleidung sehnte - auch wenn sie sich vor Niklas nicht schämte, schließlich hatten sie schon im Sandkasten miteinander gespielt.

"Ich wollte dich etwas wichtiges fragen - und etwas mit dir besprechen." Niklas Gesichtszüge wurden ernster und Tessa spürte instinktiv, dass ihren besten Freund etwas zu belasten schien.

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"Komm, setzen wir uns", meinte Tessa und ließ sich in die gemütlichen hellen Polster ihrer Couch fallen. Niklas setzte sich neben sie und begann herumzudrucksen: "Weißt du - eigentlich wollte ich dich nur fragen, ob wir heute Abend zusammen ins ´TakeOff´gehen wollen?"

Tessa zog die Augenbrauen hoch. "An einem Sonntagabend losziehen? Was sind das denn für neue Angewohnheiten? Wobei ich zugegebenermaßen nicht behaupten kann, nicht ausgeschlafen zu sein." Sie grinste ein wenig über sich selbst. "Trotzdem machen wir das sonst doch nie - gibt es einen besonderen Grund?"

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Niklas räusperte sich verlegen und rutschte unruhig auf der Couch hin und her.
"Nun ja - es ist so. Ich hab vorhin mit Bettina telefoniert und sie hat mir gesagt, dass sie heute Abend da sein wird und ich hab daraufhin gesagt, dass wir ja auch kommen wollen. Ich - hab das einfach so dahin gesagt, weil - es wäre für mich eine wahnsinnige Chance, weißt du..."

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Tessa lächelte leise. Seit Wochen redete Niklas nur noch von Bettina, die er auf der Uni kennengelernt hatte. Aber er kam einfach nicht richtig an sie heran und obwohl man es ihm nicht ansah, konnte er furchtbar schüchtern sein.

"Dann sieht die Sache natürlich anders aus", sagte sie gnädig und grinste ihn an. "Ich werd es ja nicht verantworten wollen, dass du mir die nächsten fünf Wochen immer noch die Ohren wegen ihr volljammerst." Sie zwinkerte frech. "Also pass auf - ich muss jetzt erstmal unter die Dusche und dann muss ich noch frühstücken - oder Abendessen, wie auch immer. Danach brauche ich noch eine Stunde, um einen Artikel für die Zeitung fertigzustellen, weil ich den morgen abgeben muss..."

Tessa überlegte einen Moment und sagte dann. "Also holst du mich am besten um acht Uhr ab. Aber ich will um Mitternacht wieder hier sein, ich muss morgen früh raus."

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"Kein Problem, Tessalein!" sagte Niklas fröhlich. "Ich bringe dich um punkt zwölf Uhr nach Hause, wenn es sein muss, trage ich dich eigenhändig ins Bett!"

Tessa lachte herzhaft auf. "Das werde ich schon noch alleine schaffen, mein Lieber." Sie sah ihn sanft an. "Ich wünsch dir wirklich sehr, dass das mit Bettina klappt. Du hast es verdient. Und wenn sie dich nicht nimmt, weiß sie nicht, was gut ist."

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Niklas lächelte Tessa an. "Danke, Tessalein. Dein Wort in Gottes Ohr. Und nun sag - du machst dich heute Abend aber richtig hübsch, oder? Vielleicht können wir dich sogar auch noch verkuppeln! Das wäre doch wunderbar, oder? Wenn wir beiden am selben Abend jemanden fänden?"

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Tessa lachte kurz auf, aber ihre Stimme klang bitter, als sie sagte: "Ach hör doch auf, Niklas. Für wen soll ich mich hübsch machen, wen interessiert das denn. Und auf Männerschau bin ich schon lange nicht mehr."

Niklas sah sie aufmerksam an. "Was ist mit dir los? Bist du traurig?"
Tessa schüttelte den Kopf. "Nein - nein, bin ich nicht. Es ist nur so... ich will zur Zeit gar keinen Freund haben. Ich muss mich auf Uni und Arbeit konzentrieren, was anderes ist gar nicht wichtig."
"Ach was, Tessa. Jeder Mensch braucht Liebe", sagte Niklas altklug. "Und ich will nie mehr hören, dass es niemanden interessiert, ob du hübsch bist oder nicht. Ohnehin bist du hübsch, ob mit oder ohne Schminke - und MICH interessiert es."

Seine Worte jagten Tessa warme Schauer über den Rücken und sie lächelte ihn sachte an.

Niklas erhob sich und zog seine Augenbrauen zusammen. Sein Gesicht sah wieder spitzbübisch aus und grinsend sagte er: "Obwohl, wenn ich mir dich so anschaue, dann siehst du momentan eher aus wie..."

Tessa sprang auf und funkelte ihn spaßeshalber an. "Nun? Wie...?"

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Niklas begann schallend zu lachen. "Wie eine Gewitterhexe! Du gehörst wirklich dringend unter die Dusche!"

Tessa ballte die Hand spielerisch zur Faust. "Dann pass bloß auf, dass ich dir keine Blitze in deinen allerwertsten schieße, du Frechdachs!"

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Niklas winkte ab. "Damit kann ich leben. Und nun lass ich dich alleine, damit du duschen gehen kannst und nachher auch rechtzeitig fertig bist. Wartest du dann vorm Haus, wie immer?"

Tessa nickte und umarmte Niklas kurz.

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Er gab ihr einen freundschaftlichen Nasenstümper und verabschiedete sich mit den Worten: "Dann bis gleich, du alte Hexe!"

Die Türe schnappte zu und Tessa blieb alleine im Zimmer zurück. Dieser Niklas! Sie musste gegen ihren Willen grinsen und begann, sich auf den heutigen Abend zu freuen. Und vielleicht hatte Niklas ja gar nicht unrecht... und der Zufall würde ihr heute Abend das große Liebesglück bringen?

Bei diesem Gedanken stahl sich ein sanftes Lächeln auf ihr Gesicht.

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Das Schlagen der Standuhr im Wohnzimmer riss sie schließlich aus ihren Gedanken - sie musste sich beeilen, wenn sie alles bis um acht Uhr schaffen wollte.

Nur wenige Minuten später stand sie unter der Dusche und während das warme Wasser über ihren Körper lief, träumte sie schon wieder von diesem einen Moment, in dem sie spüren würde, dass sich ihr Leben verändern sollte. Und irgendetwas in ihr flüsterte ihr zu, dass dieser Moment nicht mehr weit entfernt zu sein schien.



Fortsetzung folgt.
 
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Gast 208

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:hallo: Hallo meine Innad!
Zuerst einmal ein fettes Kompliment für die Titelauswahl. Für mich ist er das A und O einer jeden Geschichte, eines jeden Films und eines jeden Buches. Der Titel entscheidet über den Kauf, darüber ob man etwas interessant findet oder nicht...
Ich finde, du hast ein sehr gutes Händchen dabei. Treffend, nicht zu aussagekräftig und doch weckt er das Interesse.
Würde ich dich nicht kennen, hätte ich die Story trotzdem sofort angeklickt.
Nun mal zum Prolog:
Diesen mit einem Tagebucheintrag der Hauptperson zu beginnen, fand ich super. Du hast das so schön eingebunden und erzählt, dass man das Gefühl hatte man müsste selbst zum Tagebuch greifen und darin schmöckern oder drauf los schreiben. Wie lang hab ich das eigentlich nicht mehr gemacht?? Schätzungsweise 100 Jahre. :lol:
Tessa finde ich sehr sympathisch. Auch das ist wichtig für mich. Ein Hauptcharakter muss einem vertraut und gleichzeitig sympathisch sein. Man muss ihn verstehen können, bzw. sich hineindenken können. Tessa ist einem sofort nah und man fühlt sehr schön mit.
Gefühlsebene passt absolut. Schon jetzt baust du einen kleinen Spannungsbogen auf, der neugierig macht. Klar passiert noch nicht so viel, aber du schaffst viel Raum für Spekulationen und Gedanken. Das gefällt mir!
Niklas find ich irre sympathisch! Ein richtiger "Spitzbub". Total lieb, etwas schüchtern und sympathisch. Warmherzigkeit fällt mir ein, wenn ich ihn sehe. Tessas und sein inniges Verhältnis kommt ganz klar zu Tage und man merkt, wie nah sich beide schon waren und noch sind. Wie viel sie einander bedeuten.
Ich bin gespannt, ob Niklas bei seiner Flamme Erfolg hat. Man könnte jetzt spekulieren, dass er mit dieser zusammen kommt und Tessa merkt, was sie wirklich für ihn empfindet und das sie doch eine Beziehung will...Aber dafür ist es noch etwas zu früh. ;-) Also lass ich das Spekulieren.
Ich finde den Anfang super gut gelungen. Wie immer ein sehr ausgereifter, persönlicher Schreibstil, der unter die Haut geht. Du berührst damit und reisst einen mit. Hervorragend.
Diese Story verspricht wieder super zu werden. Ich glaub an diese und an dich besonders.

Viele liebe Grüsse
Deine Chrissy

P.S.: Das ich benachrichtigt werden will, drüfte klar sein?! :D
 

Innad

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@Anja: Danke Dir für Deinen Kommi! Klar wirst Du benachrichtig!

@Chrissy: Mein chrissylein hält mir natürlich die Treue *knutsch* ;)
Der Titel war ursprünglich anders gedacht, aber ich hab ihn dann umgeändert und bin froh, dass es Dir gefällt.
Niklas ist ein echt süßer Kerl, mal sehen, ob Du mit Deinem Tip bzgl seines Charakters richtig liest. Zu Deiner Spekulation halte ich natürlich brav den Mund ;) sonst wär es ja nicht mehr spannend. Natürlich passiert in Kapitel 1 noch nicht soviel, die Story läuft anders als bei Sternenstaub auch weiterhin erstmal in einem etwas langsameren Gang an, dennoch denke ich, dass eine gewisse Spannung drinnen ist.
Tagebuch schreiben! Himmel, wem sagst du das! Ich nehm es mir immer wieder vor und schaff es nicht. Und unter einem Baum mit Stift könnt ich ohnehin nicht schreiben *lach* Aber Romanfiguren dürfen das.
Eigentlich war die komplette Story in der Ich-Perspektive vorgesehen, aber ich habe es abgeändert, weil ich es so für die Fotoumsetzung passender finde. Einige Sachen kann ich aber nicht komplett überarbeiten und deswegen manchmal der Wechsel der sichtweise in Form der Tagebuchsache. :)
Ob ich Dich benachrichtige, überlege ich mir nochmal schwer *lach* Scherz beiseite, natürlich benachrichtige ich Dich!



Da in Kapitel 1 recht wenig passiert ist, kommt hier direkt Kapitel 2. Auch das nächste Kapitel werde ich die nächsten Tage schon einstellen, damit es einen besseren Einstieg in die Geschichte gibt. Viel Spaß dabei!


Kapitel 2
Stillstand


Tessa strich sich sachte eine Strähne aus ihrem Gesicht und sah sich dann prüfend im Spiegel an. Sie dachte an das, was Niklas zu ihr gesagt hatte: „Mach dich hübsch für heute Abend…“
Ihr Hochgefühl von vorhin war verschwunden. Im Moment war es ihr sogar eher danach, sich selbst ein wenig dafür zu schelten, solche unsinnigen Gedanken gehabt zu haben.
Es war, wie sie gesagt hatte – für einen Freund hatte sie eigentlich gerade weder Muse noch Zeit. Ihre Arbeit bei der Zeitung nahm sie zu sehr ein. Es war zwar nur eine Überbrückung, bis sie endlich den ersehnten Studienplatz im Journalismus bekommen würde, aber er war fordernd und anstrengend. Zwar schrieb sie meistens nur über regionale Dinge wie Vereinstreffen oder wurde dazu auserkoren, lästige Büroarbeiten zu erledigen – aber sie war schließlich nur eine Art Praktikantin oder Aushilfe und durfte sich nicht viel davon erwarten. Dennoch war es eine gute Sache, dass sie schon einmal „Zeitungsluft“ schnuppern konnte und ab und an durfte sie sogar kleine Interviews schreiben und ihr Chef hatte ihr gesagt, wenn sie eine Idee für einen Artikel hatte, solle sie einfach drauf los tippen und er würde ihn sich ansehen. Bisher war diese Idee ihr aber noch nicht so recht über den Weg gelaufen.
Sie warf einen erneuten und letzten Blick in den Spiegel und befand, dass ihr Aussehen für diesen Abend definitiv gut genug war. Schließlich war es Niklas´ großer Abend und nicht ihrer!

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Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es bereits fünf nach acht war und sie sich sputen musste. Also steckte sie nur schnell den Kopf ins Wohnzimmer und verabschiedete sich rasch von ihren Eltern, um sich dann geduldig wartend vor der Haustür zu positionieren.
Sie warf einen erneuten Blick auf die Uhr, es war inzwischen fast viertel nach und von Niklas keine Spur. Dass er schon einmal ein paar Minuten zu spät kam, war nichts neues, aber eine so heftige Verspätung hatte Tessa selten erlebt.
Nach weiteren zehn Minuten griff sie zu ihrem Handy, doch es meldete sich nur die Mailbox. Tessa zog die Stirn in Falten und fragte sich, ob sie etwas falsch verstanden hatte. Aber nein, Niklas hatte klar und deutlich „acht Uhr“ gesagt und dass er sie abholen wolle.
Sie verschränkte genervt die Arme. Langsam taten ihr die Füße in den hochhackigen Sandalen, die sie übergestreift hatte, weh und der laue Abend hatte eine merkliche Abkühlung erfahren, seit sich im Horizont dicke Wolkenberge vor den funkelnden Sternenhimmel geschoben hatten.
Als Tessa weitere zehn Minuten später der erste Regentropfen auf ihre sommersprossenbedeckte Nase traf, rümpfte sie diese angewidert und stieß einige Flüche aus, die allesamt den Namen „Niklas“ enthielten.

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Der Abend war für sie gelaufen, so beschloss sie. Also drehte sie sich auf dem Absatz um und ließ die Tür geräuschvoll ins Schloss fallen.
Den überraschten Blicken ihrer Eltern, als sie wieder ins Zimmer gestapft kam, setzte sie nur ein brummelndes „Niklas, dieser Idiot!“ entgegen und nachdem sie sich in der Küche mit einem riesigen Stück Schokokuchen getröstet hatte, ging sie zurück in ihr Zimmer und schlüpfte in einen gemütlichen Trainingsanzug, um den Rest des Abends faul auf der Couch zu verbringen.
Eine Weile grübelte sie, ob Niklas auch nichts zugestoßen sein mochte, doch da sie ihn nach wie vor nicht auf dem Handy erreichte, beschloss sie, erst einmal abzuwarten. Bei Niklas wusste man schließlich nie…
Tessa kannte ihren alten Freund wie ihre Westentasche – nur eine halbe Stunde später ertönte ein zaghaftes Klopfen an ihrer Tür und einen Moment später kam Niklas mit schuldbewusster Miene ins Zimmer gestiefelt.

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„Asche über mein Haupt, Tessa!“ rief er sogleich.
Sie musste gegen ihren Willen grinsen. Er war einfach unverbesserlich.
„Nun? Was hast du mir zu sagen?“ Krampfhaft versuchte sie ernst zu bleiben, was ihr beim Anblick seines schuldbewusst verzogenen Gesichts mit den großen Augen nicht wirklich gelang.
„Es tut mir wahnsinnig leid, aber mir ist etwas ganz wundervolles dazwischen gekommen! Bettina hat angerufen und abgesagt!“
Tessa stand auf und verzog das Gesicht. „Das musst du mir erklären, wieso ist das wundervoll?“
„Na, weil wir bis eben telefoniert haben!“ lachte Niklas.
„Ja sag mal, du hättest mich doch aber wenigstens anrufen können!“ beschwerte Tessa sich nun. „Ich hab mir Sorgen um dich gemacht, du Quatschkopf!“

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Niklas zuckte lachend mit den Schultern. „Wie soll ich dich denn bitte anrufen, wenn ich selbst telefoniere?“
Grummelnd zog Tessa die Brauen in die Höhe. „Sag mir wenigstens, ob ich umsonst eine dreiviertel Stunde vor der Tür auf die gewartet hab oder nicht.“
„Nein, hast du nicht!“ Niklas strahlte wie ein Honigkuchenpferd. „Wir sind uns richtig nah gekommen, Tessa! Und morgen wollen wir uns im Café treffen. Ich glaube, ich bin ganz dicht dran. Sie hat gesagt, sie mag mich sehr gerne. Das ist doch gut, oder?“

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Tessa schlug vergnügt in die Hände. „Mensch, Niklas, das ist nicht nur gut, das ist eindeutig! Mein Gott, freu ich mich für dich!“ Sie hatte schon lange wieder vergessen, dass sie ihm eigentlich hatte böse sein wollen.

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Niklas jedoch war sich seines Fehltrittes durchaus noch bewusst und sagte entschuldigend. „Es tut mir echt leid, dass ich dich versetzt habe. Aber wenn du noch Lust hast, lade ich dich zur Entschuldigung gerne auf einen kleinen Drink ein. Wie wäre es, wenn wir zu *Schusters* gehen?“
Tessa überlegte einen Moment. Eigentlich hatte sie entschieden, den Abend zu Hause zu verbringen, aber Niklas´ Angebot war verführerisch und wer wusste schon, wie oft sie ihn in den nächsten Wochen noch alleine zu Gesicht bekommen würde – wenn er mit Bettina zusammen käme. Denn Tessa war schließlich ein Mädchen wie alle anderen und wusste genau, dass Niklas` Freundinnen es nicht gerne sahen, dass sie noch so gut befreundet waren – vor allem nicht vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sie selbst einmal ein Liebespaar zu sein versucht hatten.
„Also gut“, willigte sie darum ein. „Ich zieh mir nur rasch was anderes an, warte du im Auto.“

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Diesmal machte sie sich keine große Mühe um ihr Outfit, das *Schusters* war ihr absolutes Stammcafé und dort würde sie mit Sicherheit niemanden begegnen, der ihr Leben verändern würde. Also schlüpfte sie nur schnell in Jeans und ein Shirt und ließ sich zwei Minuten später neben Niklas ins Auto fallen.

Während dieser den Motor anwarf und losfuhr, sah sie nachdenklich aus dem Fenster.

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Sie wünschte Niklas von Herzen, dass er in Bettina eine gute Partnerin würde finden können und doch schmerzte sie der Gedanke daran, ihn bald entbehren zu müssen. Seit sich die Clique verstreut hatte, beschlich sie manchesmal das Gefühl von Einsamkeit und einem „Nicht-Gebraucht-Werden“. Seit Tagen ging ihr die Frage nach dem Sinn ihres Daseins im Kopf herum. Sie war nicht depressiv oder zweifelte an ihrer Art zu leben oder dem Leben ganz allgemeinhin. Nur schien sich in letzter Zeit alles in einen so gemächlichen und doch aufreibenden Trott hineinzufinden, dass sie manchen Morgen aufwachte und sich fragte, was der Sinn und Zweck an dieser ganzen maschinerieartigen Sache namens „Leben“ sein mochte.
„Was ist los, Tessa?“ unterbrach Niklas ihren philosophischen Gedankenausflug. „Du schaust so verträumt aus dem Fenster. Ist was?“

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Tessa zuckte mit den Schultern. „Ach nein, es ist alles in Ordnung soweit…“
„Soweit?“ Niklas sah sie prüfend an. „Ich kenn dich doch. Was ist dir für eine Laus über di Leber gelaufen? Ich bin gerade in derartiger Hochstimmung, dass ich genug gute Laune für uns beide habe. Also sag schon.“
„Ach ich weiß nicht“, erwiderte Tessa langsam. „Irgendwie ödet mich momentan alles an. Dabei ist es nicht einmal langweilig, wie mein Leben momentan läuft. Aber irgendwie hat sich alles so eingefahren. Ich beneide dich regelrecht um die Veränderung, die nun in form von Bettina in dein leben tritt. Eine neue Liebe, wie aufregend das sein muss.“

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Niklas warf ihr einen Seitenblick zu. „Sehnst du dich auch nach einem Freund?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich. Ich bin ja ganz zufrieden so wie es ist. Und doch auch wieder nicht. Aber das hat nichts mit einem Freund zu tun. Ich wünschte nur, mein Alltag wäre irgendwie… inniger… lebendiger. Ich kann es gar nicht ausdrücken. Seit dem Abitur ist irgendwie alles so … gewöhnlich. Ich weiß auch nicht.“
Niklas dachte einen Moment nach und als er an der Ampel hielt, drehte er sich zu ihr und sagte: „Aber Alltag ist doch nicht schlechtes. Ich meine – auch wenn ich jetzt wirklich mit Bettina zusammenkomme, was zugegebenermaßen aufregend ist, lebe ich trotzdem meinen Alltag. Mein Leben geht mehr oder minder ganz normal weiter. Ich werde morgens aufstehen, duschen und Zähne putzen wie an jedem anderen Tag, weißt du. Eben nur mit einer Frau an meiner Seite.“

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Tessa schüttelte den Kopf. „So meine ich das nicht. In meinem Leben ist zur Zeit einfach keine Abwechslung. Es plätschert einfach nur so vor sich hin. Und ich warte darauf, dass etwas entscheidendes passiert. Manchmal fühle ich mich wie eine alte Großmutter.“
Sie biss sich auf die Lippen.

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Niklas lachte. „So siehst du jedenfalls nicht aus.“
„Na danke, das ist ja schon mal etwas, nicht wahr“, sagte Tessa zynisch. „Ernsthaft, ich meine einfach nur, dass mein Leben momentan so… so…“
„Normal ist?“ vollendete Niklas ihren Satz und Tessa bejahte.
„Aber das ist doch nichts schlechtes. Schlag dir diesen Traum von einem entschiedenen, welterschütternden Ereignis aus dem Kopf, so etwas geschieht nur zu selten und ist meistens nichts positives. Normalität bedeutet Stabilität und Beständigkeit und das ist etwas sehr gutes, Tessa.“
Er sah sie wieder an. „Wer weiß, vielleicht wirst du dir bald wünschen, diese ruhigen und völlig normalen Zeiten würden zurückkehren?“

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Tessa schüttelte den Kopf. „Das kann ich mir nicht vorstellen, wenn ich ehrlich bin. Es muss etwas geschehen. Ich weiß, dass ich unzufrieden bin, aber ich weiß nicht wieso. Eine veränderung jedweder Art wäre gut für mich. Da bin ich mir ganz sicher.“

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Niklas schwieg dazu und auch Tessa richtete ihren Blick wieder auf die Straße. Hätten die beiden geahnt, welch heftiger Donnerschlag bald in tessas Leben treten und es aus ihren Fugen bringen würde – vermutlich hätte keiner von beiden es glauben können.
Doch in diesem Moment rauschten sie noch ahnungslos durch die Stille der Nacht und fühlten sich sicher in der Gewissheit ihres ganz normalen, ruhigen Daseins.



Fortsetzung folgt
 
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Sie verschränkte genervt die Arme. Langsam taten ihr die Füße in den hochhackigen Sandalen, die sie übergestreift hatte, weh und der laue Abend hatte eine merkliche Abkühlung erfahren, seit sich im Horizont dicke Wolkenberge vor den funkelnden Sternenhimmel geschoben hatten.
Als Tessa weitere zehn Minuten später der erste Regentropfen auf ihre sommersprossenbedeckte Nase traf, rümpfte sie diese angewidert und stieß einige Flüche aus, die allesamt den Namen „Niklas“ enthielten.

An dieser Stelle habe ich wirklich herzhaft gelacht. :lol: "...die allesamt den Namen Niklas enthielten." Herrlich! Ich finde, auch ein wenig Humor gehört zu einer guten Story. Klar passt er nich überall, etwa in einem Drama ist er regelrecht deplatziert. Aber es kommt auch drauf an, wie man das einbindet und das gelingt dir super.
Ich fühle mich so super gut unterhalten bei deiner Geschichte. Man ist gut aufgehoben, weil man weiss es gibt keine Enttäuschung. Weder im Textfluss noch im Bezug auf die Fotos...auch nicht in der Handlung. Alles passt so wunderbar zusammen und harmoniert auf eine sehr schöne Weise. Mir gefällt es bisher super gut!

„Aber das ist doch nichts schlechtes. Schlag dir diesen Traum von einem entschiedenen, welterschütternden Ereignis aus dem Kopf, so etwas geschieht nur zu selten und ist meistens nichts positives. Normalität bedeutet Stabilität und Beständigkeit und das ist etwas sehr gutes, Tessa.“

Das fand ich so schön tiefsinnig von Niklas. Normalität bedeutet Stabilität und Beständigkeit....wie wahr! Daran sollte ich denken, wenn ich mal das Gefühl hab der Alltag hält mich gefangen. :D Hab ich zwar nicht so oft, aber ab und an hängt die Laune eben im Keller. Da tun solche zuversichtlichen Worte gut.
Du hast so viel philosophisches auch in deinen Storys, was ich sehr wichtig finde. Weil ich doch auch so gern philosophiere und finde, damit drückt man das Leben am Schönsten aus.
Zur Geschichte selbst....ich hab richtig gut mitfühlen können, wie sich Tessa fühlte nachdem Niklas sie versetzt hat und sich nicht mal meldete. Ich hasse Unpünktlichkeit auch total!
Ich bin mal gespannt, was Tessa widerfahren wird. Hoffentlich ist sie stark genug, das auszuhalten. Ich denke mal, Niklas ist ein treuer Begleiter und wird zu ihr halten. Oder?! *fragend guck* Ich halte mich etwas zurück, nicht das ich total falsch liege.
Mach unbedingt weiter, eine Sünde diese Story nicht fortzuführen. Ich will sie lesen - unbedingt!!! Ein kleines Meisterwerk für mich.

Kuss an meine Innad
deine treue Seele Chrissy
 

Innad

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@Chrissy: Danke meine treue Seele. Mal sehen, ob ich hier dauerhaft fortsetze, aber erstmal mach ich weiter ;) Niklas ist ein guter Freund, ob er ganz so treu ist, lass ich mal offen bis jetzt :) Seine Worte mögen wahr sein, aber ich glaube, Tessa sehnt sich nach etwas neuem in ihrem Leben, ohne zu wissen, nach was.
Es geht nun weiter, es bleibt spannend.




Kapitel 3
Schicksalhafte Begegnung




Es geschah nur fünf Tage später, am folgenden Freitag.
Der Tag hatte eigentlich begonnen wie immer. Um neun Uhr war Tessa im Büro angekommen, hatte ordnungsgemäß erst einmal eine Runde Kaffee für den Rest der Redaktion gekocht und machte sich dann an ihre übliche Arbeit.
Gegen Nachmittag verzog sich der Rest der Truppe in der üblichen Wochenend-Ausgaben-Sitzung und Tessa durfte wie so oft Telefondienst halten und nebenbei an einem langweiligen Artikel über das bevorstehende Mitgliedertreffen des Schützenvereins schreiben.
Sie war nicht undankbar, als das Telefon sie einmal mehr aus dem langweiligen Geschreibsel holte und sie Niklas` Handynummer auf dem Display aufleuchten sah.

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„Niklas!“ sagte sie erfreut und nahm den Hörer ab. „Du rettest mich vorm Tod aus Langeweile. Was gibt es?“
Vom anderen Ende der Leitung her drang Niklas aufgeweckte Stimme.
„Ich dachte, die Zeitung sei dein Traumjob, Tessa“, lachte er. „Du klingst nicht gerade euphorisch.“
Tessa runzelte die Stirn. „Schreib du mal über das Hahnschießen des Schützenvereins, dann wird dir das Lachen vergehen.“
„Nun – jeder hat schließlich mal klein angefangen.“
Leicht angesäuert brummte Tessa: „Rufst du nun an, um mich zu belehren oder gibt es was wichtiges?“
Beschwichtigend sagte Niklas: „Natürlich ruf ich deswegen nicht an. Ich hab vorhin mit Mickey telefoniert und er sagte, einige aus der Clique sind dieses Wochenende in der Stadt und hat spontan entschieden, seine Bude für eine kleine Wiedersehensfeier zur Verfügung zu stellen. Du kommst doch, oder?“
Tessa schwieg einen Moment.

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Eigentlich hatte sie sich auf einen ruhigen Abend zu Haus gefreut, doch die Vorstellung, die alten Gesichter wiederzusehen, war auch sehr verlockend.
„Du wirst doch nicht etwa daran denken, zu Haus zu bleiben?“ posaunte Niklas da auch schon.
„Na hör mal“, erwiderte Tessa. „Es haben es eben nicht alle so schön wie der Herr Student, der den kompletten Freitag zu haus vergammeln kann. Ich bin seit sieben auf den Beinen.“

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Niklas lachte am anderen Ende des Telefons und sagte dann: „Ich lass dich gar nicht zu Hause bleiben, dass das gleich klar ist.“
Tessa gab sich geschlagen. „Na gut, du hast mich überredet. Soll ich etwas mitbringen?“
„Ja, Mickey sagte, es fehlen noch Getränke und Knabbersachen und Süßigkeiten.“
Tessa überlegte. „Okay, dann fahre ich nach der Arbeit direkt hier in den Supermarkt um die Ecke, das ist am einfachsten. Holst du mich denn ab, wie immer?“
Niklas druckste herum. „Sonst gerne, das weißt du, Tessa, aber…“
Tessa seufzte. „Ich versteh schon. Du bringst vermutlich Bettina mit, hab ich recht?“
„Bist du sauer?“
„Ach was!“ rief Tessa aufgebracht. „Es ist ohnehin besser für mich, selbst zu fahren, dann kann ich gehen, wann ich will, denn du bist bestimmt nicht so schnell müde wie ich.“
„Tessa, wirklich, sonst gerne, aber…“
„Niklas! Es ist in Ordnung“, rief Tessa. „Es ist doch ganz klar, dass du Bettina mitbringst, ihr seid jetzt immerhin ein Paar!“

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Sie sah Niklas grinsendes Gesicht regelrecht vor sich. Vor zwei Tagen hatte er sie abends aufgeregt angerufen und ihr die großen Neuigkeiten mitgeteilt. Tessa freute sich für ihn. Sie kannte Bettina nur flüchtig von ein oder zwei Treffen, aber sie war ein liebes Mädchen.
„Gut, dann sehen wir uns heute Abend bei Mickey. Ich weiß nicht, ob ich es um acht schaffe“, sagte Tessa. „Kann auch einen Tick später werden.“
„Bis nachher, Tessa.“
Tessa legte auf, seufzte und setzte sich wohl oder übel wieder an ihren Artikel über den Schützenkönig.

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Es war kurz nach sechs, als Tessa vor dem kleinen Supermarkt in der Innenstadt parkte und mit einem Einkaufskorb bewaffnet durch die Regale streifte.
Glücklicherweise war es nicht besonders voll, auch wenn Freitagabend war.
Als sie gerade in den Kühltruhen nach Windbeuteln, die bei solchen Parties immer gut ankamen, stöberte, fiel ihr einige Meter weiter eine alte Dame auf, die wie gebannt auf eines der Produkte im Kühlregal starrte und die Lippen stumm bewegte.

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Tessa beobachtete sie eine kleine Weile und begriff schnell, dass die Dame versuchte, das Verfallsdatum auf einem der Saftbottiche zu lesen, es aber offenbar zu klein gedruckt war.
Sie gab ihrem Herzen einen Stoß und ging auf die alte Dame zu. Wenn sie eines in ihrem Beruf lernen musste, dann, auf andere zuzugehen!
„Entschuldigen Sie“, sagte sie höflich. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
Die alte Frau drehte sich um und lächelte ihrer Retterin freundlich zu.
„Oh, das wäre wirklich sehr nett von Ihnen, Fräulein – ich habe einfach keine guten Augen mehr, wissen Sie. Und ich kann nicht entziffern, wann dieser Saft hier abläuft. Ich trinke ihn nur so selten, müssen Sie wissen, aber meine Enkelin liebt Saft, darum habe ich immer etwas davon im Haus.“
Tessa lächelte freundlich. „Ich kann Ihnen bestimmt helfen. Das ist aber auch klein geschrieben!“

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Sie sah genau auf die Packung und teilte der Dame dann mit, was sie wissen wollte.
Dankbar sah diese sie an.
„Ich muss sagen, ich treffe selten so nette, junge Leute wie Sie, Fräulein“, sagte sie lächelnd. „Das ist wirklich erfrischend und Ihre Eltern können wahrlich stolz auf Sie sein.“
Sie legte die Saftpackungen in Ihre Tasche und verabschiedete sich mit den herzlichen Worten: „Möge Gott Sie segnen.“

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Tessa schluckte und war sehr stolz auf sich. Normalerweise war sie eher scheu und traute sich nur schwer, fremde Menschen anzusprechen, doch diese Erfahrung war viel wert für sie.
Sie sah der altem Dame nach, wie diese an die Kasse schlurfte und bezahlte.
Lächelnd widmete sie sich dann wieder ihrem Einkauf und als sie alles beisammen hatte, stellte sie sich ordentlich in die Schlange, die sich vor der Kasse gebildet hatte.
Nachdenklich ließ sie ihren Blick über ihren Einkaufskorb schweifen und kontrollierte, ob sie auch nichts vergessen hatte – Cola, Fanta, eine Flasche Schnaps für Mickey großzügige Wohnungsfreigabe, Chips, Salzstangen, Schokolade, Windbeutel – alles war da.
Sie sah wieder auf und musterte die Menschen um sich herum, einige saßen hinter ihr am Kaffeeautomaten und unterhielten sich, vor ihr in der Schlange standen ein Mann und eine Frau.
Der Mann trug seltsame, abgetragene und abgewetzte Kleidung, die Tessa sofort auffiel. Sie musterte ihn lange und fragte sich, wie man nur mit solch einer Kleidung in die Stadt gehen konnte?
In diesem Moment drehte sich der Mann einen kleinen Augenblick zu ihr um, als habe er ihre Gedanken gespürt.
Tessa sog den Atem scharf ein.
Irgendetwas in der Luft schien zu klirren, ihre Muskeln spannten sich mit einemmal an und verkrampften, ihr Herz schlug ihr bis zum Halse und um sie herum schien alles in Nebeln zu versinken.
So schnell wieder Moment gekommen war, war er auch wieder vorbei.

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Der Mann drehte sich wieder um und wandte sich der Kasse zu. Tessa jedoch schien zu beben. Es war einer dieser Momente gewesen, in denen man weiß, dass sie besonders sind, einzigartig und entscheidend – warum auch immer.
Sie sah die tiefblauen, leuchtenden Augen des Mannes vor sich – Augen, die eine Traurigkeit ausdrückten, wie sie Tessa in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen hatte. Sie fühlte sich bis aufs innerste gerührt und berührt. Das Gesicht des Mannes war ausgemerkelt, Augenringe zierten seine masculinen Züge. Wäre er nicht so abgemagert und kränklich gewesen, hätte man ihn vermutlich attraktiv nennen können.
Tessa war klar, dass dieser Mann große Probleme haben musste.
In seiner Hand hielt er nur einen Comic und ihr ging durch den Kopf, wieso sich jemand wie er nur einen Comic kaufte? Er sah eher so aus, als brauche er eine ordentliche Mahlzeit.
Mit einigen Cents bezahlte der Mann nun das billige Heftchen und nicht nur Tessa beobachtete diese Szenerie argwöhnisch.

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Lächelnd sah er sie an, als er sich umdrehte. Wieder stockte ihr für einen Moment der Atem, doch als er an ihr vorbeigehen wollte, ging plötzlich alles so schnell, dass es Tessa später kaum mehr in der richtigen Reihenfolge in Erinnerung behalten konnte.
Ein Mann im Arbeitskittel kam schnellen Schrittes aus einem Nebenzimmer gespurtet und schrie zornig: „Warte nur, Bürschchen! So leicht kommst du mir nicht davon!“
Der Supermarktangestellte schnitt dem jungen Mann den Weg ab, sah ihn verrächtlich an und tippte ihn dann auf die Brust.

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„Ich wette, du hast geklaut! Einer wie du kauft sich doch kein Comicheft, das kann man mir doch nicht weismachen!!! Also los, mach deine Taschen leer! Es ist immer dasselbe mit euch blöden Junkies!“
Tessa schnappte hörbar nach Luft. Wie konnte dieser Mann es wagen, so mit einem anderen Menschen zu reden – so abwertend, als sei dieser junge Mann nichts als eine Ameise, die man am besten schnellstmöglich zerquetschen würde?

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Der junge Mann derweil seufzte auf und schien einen inneren Kampf zu führen, als er aus seiner verbeulten Strickjacke zwei Brötchen und einige kleine Schokoriegel zog.
Tessa erschrak – sie hatte es sich gedacht, aber es schockierte sie dennoch.
Der Supermarktangestellte derweil knallte die verräterischen Fundstücke auf die Kassentheke und sah den jungen Mann zornig und mit zusammengekniffenen Augen an.

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„Tja, mein Freund, das war`s dann wohl! Ihr beschissenen Junkies denkt wohl, ihr könnt mit uns machen was ihr wollt. Aber nicht mit mir, Freundchen. Ich hab die Nase voll von eurer Stehlerei. Ich rufe jetzt sofort die Polizei und dann kannst du dir hinter Gittern deinen goldenen Schuss geben!“
Tessa zuckte zusammen. Das konnte doch nicht wahr sein, wie dieser Mensch da sprach! Abgesehen davon, war das hier doch ganz klar Mundraub! Man konnte deswegen doch niemanden einsperren!

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Ihre Augen fuhren hektisch hin und her und trafen den Blick des jungen Mannes. Wieder berührte sie die stille Traurigkeit in diesen tiefblauen Augen bis in ihr innerstes Mark.
Sie konnte, sie durfte nicht einfach zusehen, wie dieser hirnverbrannte Supermarkttyp hier ein Exempel statuierte! Doch was sollte sie schon tun? Sie fuhr sich mit den Zungen über ihre trockene Lippe und bevor sie realisierte, was sie tat, trat sie einen Schritt nach vorne und erhob ihre Stimme….



Fortsetzung folgt.
 
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Mit Sicherheit war es total falsch, dass der junge Mann gestohlen hat. Mit Sicherheit hatte er aber auch seine Gründe. Ich schätze mal, er ist verzweifelt und hat nichts mehr zu Essen!
Klar, es war unrecht. Ich arbeite selbst in dem Beruf und muss damit umgehen. Aber so wie es dieser Supermarktangestellte gemacht hat, könnte der Mann ihn sogar anzeigen! Das ist Rufmord! Ich finde es einfach erschreckend, wie er ihn sofort als "Junkie" abstempelt. Wer weiss, in welcher Not der Mann steckt, was ihm widerfahren ist. Er hätte ihn ruhig ansprechen und ins Büro bitten sollen! So ist er für mich der grössere Verbrecher als der Mann, der etwas gestohlen hat! Er hat ein grösseres Unrecht begannen! Warum verurteilt man so schnell, warum schaut man nicht nach dem was im Hintergrund los ist?
Du hast das Kapitel so real und fantastisch dargestellt, das ich echt eine Gänsehaut bekam. Ich hab das Knistern zwischen Tessa und dem Mann direkt gespührt!
Du beschreibst so lebensnah und direkt aus dem Alltag...Wahnsinn! Ich sah mich selbst einkaufen und zwischen den Regalen flitzen. Gehört ja eh zu meinem Alltag. ;-) Super, ehrlich! Du hast es einfach drauf, alles so direkt und jedes kleinste Detail zu beschreiben...man ist mitten drin! Das gibt es in dieser Art sehr selten!
Süsse, wie immer ein super tolles Kapitel und ein toller Spannungsbogen! Ich freu mich irre auf die Fortsetzung!
Fotos sind wie stets passend und einfach nur schön!

Deine Chrissy
 

Innad

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@Chrissy: Du hast absolut recht. Aber ich muss zur Verteidigung des Supermarktfuzzis eines sagen: Der Supermarkt liegt direkt am Bahnhof einer großen Stadt, in dieser Gegend treiben sich viele zwielichte Gestalten herum und er ist vermutlich ein Stückweit schon abgestumpft, es passiert so vieles, so oft wird gestohlen usw. Einfach um das ein wenig zu schwächen. Wie er sich aufführt, ist natürlich trotzdem unter aller Kanone, gebe ich Dir völlig recht.
Danke für Dein Lob, ich freu mich sehr, dass es Dir gefällt.

Und siehst Du, nun hast Du mich sogar rumgekriegt, das Kapitel hier auch einzustellen.

Wobei ich wirklich überlege, die FS in diesem Forum abzubrechen. Wie Du weißt, läuft sie im anderen ja wieder recht gut, aber hier leider bisher so gut wie keine Kommis :( Das macht mich echt total traurig. Ich weiß, die Story ist nicht so der Reißer wie manch andere... so ganz versteh ich dennoch nicht, was ihr fehlt, dass sie so derart mal gar nicht ankommt.

Ich denke, ich werd noch 1-2 Kapitel abwarten, denn Clicks sehe ich hier ja schon einige drauf. Also, ihr stillen Leser, vielleicht mag ja doch noch jemand was schreiben...


Nichts destotrotz ist hier Kapitel 4



Kapitel 4
Was nicht recht ist


„Also gut, mein Schatz, ich denke, das sollte jetzt genug sein. Du hattest deinen Spaß, nun gib mir die Sachen, damit ich sie mitbezahlen kann.“
Tessa stockte der Atem, als sie merkte, dass genau diese Worte gerade ihre Lippen verlassen hatten.
Mit großen Augen sahen sie sowohl der Supermarktangestellte als auch der junge Mann selbst an, als sie sich zu ihr drehten.

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Tessa schluckte. „Was um Himmels willen tust du da?“ rief eine Stimme in ihrem Kopf. „Hat du den Verstand verloren?“
Doch es war zu spät, sie hatte das Spiel begonnen und nun musste sie es zu Ende bringen, egal wie.
Sie stützte die Hände in die Hüften und sah den jungen Mann herausfordernd an, inständig betend, er möge mitspielen und begreifen, worauf sie hinauswolle.
Der Supermarktangestellte hatte derweil seine Fassung wiedergefunden und sah sie argwöhnisch an. „Junge Dame, entschuldigen Sie, aber können Sie mir bitte erklären, was das hier soll?“
Tessas Herz schien einen Moment auszusetzen. Eine gute Frage, die dieser Mensch ihr da stellte – hätte sie noch eine Antwort darauf gehabt, wäre sie zumindest ein kleines Stück weiter gewesen als er!
In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken, doch ihre Miene blieb so ruhig und gleichgültig, als habe sie ihre Rolle seit Jahren einstudiert.
Sie ging ein Stück auf den Angestellten zu und sagte dann mit fester Stimme: „Ich muss mich vielmals bei Ihnen für meinen Freund entschuldigen. Er ist ein Weltenverbesserer und versucht immer wieder zu provozieren. Wissen Sie….“ Sie beugte sich ein kleines Stück zu dem Mann und senkte die Stimme. „Es ist nicht immer einfach mit ihm, aber er hat ein Herz aus Gold. Er macht solche Sachen oft, denn er hat eine leichte Persönlichkeitsstörung, die er im Alltag meistens gut im Griff hat, aber leider nicht immer. Ich habe zu spät reagiert, ich muss mich entschuldigen. Bitte verzeihen Sie ihm.“

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In Tessas Kopf drehte sich alles. Was für einen Mist erzählte sie hier eigentlich? Das klang unglaubwürdiger als alles andere, was sie je in ihrem Leben gehört oder gesehen hatte! Hätte sie nicht einfach ein gutes Wort für den Mann einlegen können? Wieso spielte sie diesem Menschen etwas derart unglaubliches vor?
Wenn er ihr nicht glauben würde, könnte er sie im schlimmsten Fall wegen Mittäterschaft anzeigen – sie spürte, wie ihr Mund immer trockener wurde.

Da hörte sie, wie der junge Mann, um den sich hier alles drehte, seine Stimme erhob. Sie klang sanft und doch männlich, etwas rau vielleicht im Unterton, aber sehr angenehm.
„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Meine Freundin hat recht, ich habe es herausgefordet. Manchmal habe ich mich selbst nicht unter Kontrolle. Es tut mir furchtbar leid, Schatz.“
Tessa drehte sich mit großen Augen zu dem Mann um. Der Supermarktangestellte betrachtete die beiden mit zusammengezogenen Augenbrauen.
Tessa spürte, dass er zweifelte und kurz davor war, sich von dem kleinen Schauspiel überzeugen zu lassen.
Da trat der junge Mann einen Schritt auf sie zu und sagte erneut: „Sei mir nicht böse, ja?“
Und als wolle er dem bizarren Schauspiel noch etwas mehr Wahrheitsgehalt verleihen, beugte er sich nach vorne und küsste sie sachte auf die Wange.

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Tessa brauchte einen Moment, um diese Überraschung zu verwinden. Erst als die grummelnde Stimme des Angestellten sich erhob, hatte sie sich soweit wieder gesammelt, dass sie ihm fest in die Augen schauen konnte.

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„Nun ja – ich hab Sie hier schon öfters einkaufen sehen, junge Dame, und ich glaube Ihnen, auch wenn mir das alles spanisch vorkommt. Wenn das wirklich Ihr Freund ist, sollten Sie mit ihm zu einem guten Therapeuten gehen oder dafür sorgen, dass das nicht noch einmal geschehen wird. Das nächstemal bin ich nicht so nachsichtig. Natürlich bezahlen Sie die Ware.“
„Selbstverständlich!“ sagte Tessa schnell. Der Angestellte nickte, warf noch einen letzten skeptischen Blick auf Jess und verschwand dann wieder.
Tessa spürte, wie ein ganzer Steinbruch von ihrem Herzen zu kullern schien. Sie konnte nicht fassen, dass man ihr die Geschichte wirklich abgekauft hatte! Wie verrückt war das nur?
Doch um sich nicht noch im letzten Moment zu verraten, blieb sie ganz gelassen, zahlte die Ware und schritt gemeinsam mit dem jungen Mann aus dem Supermarkt, nachdem er ihr den Einkaufskorb zuvorkommend aus der Hand genommen hatte, um ihn zu tragen.

Draußen gingen beide einige Schritte wortlos nebeneinander her, bis Tessa stehenblieb und auf den Wagen neben sich wies. „Mein Auto“, sagte sie wie zur Erklärung.
Der junge Mann nickte und drückte ihr den Korb wieder in die Hand, damit sie ihn auf dem Rücksitz verstauen konnte.
Als Tessa sich ihm wieder zuwandte, lächelte er betreten und sagte langsam: „Ich – ich muss mich wirklich bei Ihnen bedanken. Ich kann es gar nicht fassen, dass Sie das für mich getan haben.“

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Tessa seufzte. „Ich ehrlich gesagt auch nicht, aber viel mehr, dass es sogar geklappt hat. Anscheinend sind wir beiden gute Schauspieler, was?“ Sie lächelte schief. Auch sein Gesicht überzog ein Lächeln, dann wurde er wieder ernst: „Es gibt nicht viele Leute, die so etwas tun würden für… für jemandem wie mich.“
Tessa zuckte mit den Schultern.
„Ich fand es einfach ungerecht, wie dieser Mensch mit ihnen umgegangen ist. Und Sie brauchen sich doch nicht zu schämen, für das, was Sie sind.“ Sie sah ihn aufmerksam an, doch er schüttelte den Kopf.

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„Oh doch, das muss ich. Umso mehr muss ich Ihnen danken.“ Er sah sie an. „Ich heiße übrigens Jess.“
„Und ich Theresa- man nennt mich aber nur Tessa.“
„Ein schöner Name.“
Betreten starrte er einen Moment auf seine Fußspitzen und sagte dann: „Sie sind ein guter Mensch, Tessa. Manch jemand würde Sie deswegen ausnutzen. Sie sollten vorsichtiger sein.“ Er sah sie ernst an. „Bitte glauben Sie mir eines – ich … ich stehle normalerweise nicht oder nur ganz selten. Ich… hatte nur solch einen furchtbaren Hunger…“
Die letzten Worte kamen gepresst und schwerfällig über seine Lippen und Tessa spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Sie räusperte sich und sagte dann: „Sie brauchen sich nicht vor mir zu rechtfertigen, Jess, wirklich nicht. Wenn ich nicht daran geglaubt hätte, dass Sie ein guter Mensch sind, hätte ich Ihnen nicht geholfen.“

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Jess nickte. „Das zeichnet Sie aus. Und doch, so seltsam das aus meinem Munde klingen mag, ich möchte Sie warnen. Das hier ist keine gute Gegend, gerade am Abend… Sie gehören hier nicht hin.“
Tessa zog die Augenbrauen in die Höhe. „Sie klingen ja wie eine Großmutter.“ Sie verzog das Gesicht. „Wirklich, Jess, ich denke, ich bin alt genug, um zu entscheiden, wem ich vertrauen kann und wem nicht.“
Sie lächelte schief. „Oder wollen Sie mich etwa vom Gegenteil überzeugen?“

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Jess schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht.“
Tessa nickte und beugte sich ins Wageninnere, wo sie die Brötchen und die Schokolade hervorholte und Jess in die Hand drückte. „Das gehört Ihnen.“
Beschämt sah er sie an. „Ich – ich danke Ihnen.“
Wieder verstaute er die Sachen unter seiner Jacke und wippte dann nervös auf den Fußspitzen hin und her

„Ich – muss dann los, Tessa. Vielen Dank nochmals. Und passen Sie auf sich auf.“ Er hob die Hand kurz zum Gruß und ging ohne ein weiteres Wort zu sagen langsam davon.
Tessa stand wie angewurzelt und sah ihm nach. In ihr schien ein wahrer Orkan an Gefühlen losgetreten worden zu sein.

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Es war schwer, auch nur eines dieser Gefühle zu erfassen, und doch spürte sie eine Sache glasklar: Sie konnte ihn nicht einfach so gehen lassen!
„Jess!“
Bevor sie weiter hatte nachdenken können, war ihr der Ruf entwichen und sie hastete ihm hinterher. „Jess, warten Sie bitte noch!“
Jess drehte sich überrascht um. „Was ist los, Tessa?“
Tessa blieb vor ihm stehen und holte tief Luft. Hilflos sah sie ihn an und sagte dann langsam. „Ich weiß nicht- Jess. Ich meine… ich kann Sie doch nicht einfach so gehen lassen, nachdem, was geschehen ist.“

„Was meinen Sie damit?“ fragte Jess und sah sie mit großen, aber sanften Augen an.
„Nun – ich… ich kann doch nicht so tun, als sie das alles nicht geschehen“, sagte Tessa rasch. „Verstehen Sie, Jess, Sie sind jetzt in meinem Leben, ich kann das nicht einfach streichen – und … ich sehe doch, dass Sie in Schwierigkeiten stecken…“

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Jess sah die junge Frau vor sich aufmerksam an. Ihre großen, blauen Augen schauten ihn mit einer solch kindlichen Naivität und Wärme an, dass es ihn bis ins innerste traf. Er schluckte und sagte dann langsam: „Das ist furchtbar nett von Ihnen, Tessa. Aber Sie können mir nicht helfen. Mir kann niemand mehr helfen.“
Traurig senkte er den Blick. Tessa sog die Luft hörbar ein. „Das glaube ich nicht, Jess. Jedem kann geholfen werden, wenn derjenige sich helfen lässt.“
„Ja, vielleicht ist das allgemeinhin so“, erwiderte Jess leise. „Aber mir kann niemand mehr helfen, glauben Sie mir.“
Tessa schauderte. Seine Stimme klang so hoffnungslos und hatte etwas erschreckend endgültiges. Er sah sie gütig an und lächelte. „Nun machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin doch nur einer von vielen, Tessa, und eine junge Frau wie Sie sollte mit mir besser nichts zu tun haben.“

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Tessa zog die Brauen zusammen und sah ihn scharf an. „Was denken Sie denn, was für eine junge Frau ich bin? Wieso sollte ich nichts mit Ihnen zu tun haben wollen?“
Jess zuckte mit den Achseln und wählte seine Worte sorgsam, als er sanft sagte: „Ich wollte Sie nicht beleidigen, Tessa. Nur – Sie scheinen aus guten Verhältnissen zu kommen. Bestimmt haben Sie ein gutes, geordnetes Leben und ein schönes Zuhause, eine Familie, die zu Ihnen hält – ich will Sie nicht in meine Schwierigkeiten mit hineinziehen. Sie leben besser in Ihrer Welt weiter und ich in der meinen.“

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Tessa schluckte und wollte etwas empörtes erwidern, aber etwas in ihr sagte ihr, dass Jess im Grunde recht hatte und sich nicht überzeugen lassen würde. Desweiteren wusste sie ja selbst nicht genau, was sie eigentlich für ihn tun wollte.
Nur eines war ihr klar – sie konnte ihn nicht einfach so fortgehen lassen!
„Nun ja“, sagte sie langsam und mit einemmal kam ihr die rettende Idee. „Das mag alles richtig sein, was Sie da sagen. Aber Sie könnten anderen helfen, indem Sie Ihre Geschichte erzählen.“
Er sah sie aufmerksam an. „Wie meinen Sie das?“
„Ich arbeite bei einer Zeitung und kann einen Bericht über Ihre Geschichte schreiben – sozusagen als Warnung für alle anderen.“
Ohne dass beide es ausgesprochen hatten, war klar, in welcher Art von Schwierigkeiten Jess sich befand. Und Tessa merkte, dass ihr Plan aufgegangen war.
„Sie haben recht“, sagte Jess fest und sah nachdenklich auf den Boden. „Ich bin einverstanden, Tessa.“

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Sie spürte, wie sie innerlich triumphierte. „Morgen um fünf Uhr im City Café?“ schlug sie vor. „Passt das?“
Jess nickte. „Ja, natürlich – ich habe Zeit. Ich werde da sein.“
Er kratzte sich verwundert an der Nase, als ihn ein Tropfen darauf traf. Die beiden schauten in den Himmel, es hatte zu regnen angefangen.

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Jess lächelte Tessa nocheinmal an. „Ich werde da sein, versprochen. Aber nun muss ich los, sonst bin ich völlig durchnässt, bis ich… da sein werde.“
Er hätte gerne gesagt, „zuhause“ … doch er wusste nicht einmal mehr, was das war…

Schnellen Schrittes ging er davon. Tessa jedoch blieb reglos stehen und ließ sich nicht einmal von den Tropfen stören, die immer zahlreicher um sie herum zu auf die Erde fielen.
Sie versuchte krampfhaft, ihre Gedanken zu ordnen, doch es schien völlig unmöglich zu sein. Was war da nur gerade eben geschehen?
Was hatte sie dazu bewogen, all diese Dinge zu sagen und zu tun? Sie kannte sich selbst nicht wieder. Aber sie wusste, dass alles, was sie getan hatte, vermutlich richtiger gewesen war, als alles andere, was sie in ihrem bisherigen Leben getan oder gesagt hatte.

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Jess brauchte ihre Hilfe, auch wenn er es selbst nicht zugeben wollte. Und er faszinierte sie auf eine undefinierbare Art und Weise. Nicht als Mann, sondern als Mensch – seine stille Traurigkeit und seine unausgesprochene Verzweiflung berührten sie im tiefsten Herzen. Tessa war sich sicher – Jess würde so schnell nicht mehr aus ihren Leben verschwinden können… oder sie aus dem seinen. Ob sie beide das wollten oder nicht, war dabei völlig gleich.



Fortsetzung? Mal sehen.
 
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Chaotin

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Huhu, liebe Innad!

Überraschung, ich habe es heute schon geschafft, deine FS zu lesen. Und ich verstehe mal wieder nicht, warum du so wenige Kommentare bekommst. :argh: Ich persönlich finde die Geschichte bis hierhin absolut toll. Du schreibst sooo schön, so intensiv und feinfühlig, aber das sagte ich dir ja schon mal.
Außerdem hast du da ein sehr interessantes Thema aufgegriffen. Soziale Unterschiede, eine Abmachung... oh, ich sehe schon das Knistern in der Luft (ja ja, ich bin eine olle, kleine Romantikerin und vielleicht liege ich ja auch völlig falsch :ohoh::lol:). Aber es verspricht sehr, sehr spannend, emotional und interessant zu werden. Ich denke, es wird eine Geschichte, die einen wieder zum Nachdenken anregt und das liebe ich!
Tessa ist mir äußerst sympathisch und ich finde sie sehr hübsch (ich mag brünette Frauen mit Sommersprossen :lol:). Niklas ist mir aber auch sehr sympathisch, er ist so ein quieklebendiges, lebenslustiges Kerlchen, das gefällt mir.
Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte mit Tessa und Jess weitergeht und ich hoffe und bete wirklich inständig, dass du sie nicht abbrichst, obgleich ich deine Enttäuschung verstehen kann. Warte einfach noch ein Weilchen, du wirst bestimmt noch mehr Leser bekommen (vielleicht gibt es ja auch nette Leutchen hier, die bald mal die Werbetrommel rühren werden... ;)). Und ich fände es wirklich sehr, sehr schade drum, denn jetzt habe ich einmal mit dem Lesen begonnen und möchte gerne wissen, wie es ausgehen wird.

Hier hast du übrigens deinen Hut wieder! Den hab ich dir zwar bei "Lieb mich" schon gegeben, aber egal... bekommste ihn halt noch mal. *gg*

LG, die Chaotin :hallo:
 

tinki

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Huhu liebe Innad :hallo:

Bitte bitte brich die Geschichte nicht ab! Ich war schon treue Leserin von "Sternenstaub" und würde gerne auch deine neue Fotostory bis zum Ende lesen können...

Ich bin ehrlich gesagt ziemlich kommentarfaul, und meist haben die anderen eh schon alles gesagt, wenn ich ein neues Kapitel entdecke - aber ich bin wirklich ein treuer Anhänger deiner schönen Geschichten. Ich würde mich wirklich über eine Fortsetzung freuen!

LG
tinki
 

Gast 208

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Ich kann Chaotin nur Recht geben!!! Deine Storys vermitteln etwas, dass man sonst nur sehr schwer findet. Sie regen zum Nachdenken an und machen einem auch vieles klar. Man findet sich in mancherlich Situation wieder und kann sie schön auf das Leben übertragen.
Gleichzeitig hauchst du dem allen so viel Gefühl, so viel Romantik und so viel Emotion ein....man versinkt direkt in deiner Geschichte! Die Charaktere sind total sympathisch und was für mich GANZ wichtig ist....sie entwickeln sich mit ihrem Schicksal weiter. Wie im echten Leben auch! Je nach Situation hat man das Gefühl, dass sie an allem wachsen. Das ist gigantisch und nicht viele haben das Talent, seine Energien fließen zu lassen. Du tust das in dieser Story vortrefflich und ich kann das nur bewundern.
Ich freu mich schon total auf die Fortsetzung. Ich kann Tessa nur bewundern. Was würde man selbst in solch einer Situation tun??? Wie reagiert man? Greift man ein? Oder schaut man weg??? Ich finde es immer wieder erschreckend, wie gross die Vorurteile in der heutigen Zeit sind. Gut, Jess hatte ja wirklich gestohlen. Aber ihn gleich als "Junkie" hinzustellen, ist einfach nur unterste Schublade und Menschenverachtend. Er kann auch durch Fremdverschulden ins Unglück gerutscht sein. Krankheit, Leid, Familientragödie...was auch immer. Niemand weiss, welches Leid ein anderer Mensch in sich trägt. Was er schon erlebt hat....ich finde, der Verkäufer hat völlig überzogen reagiert. Es hätte einen anderen Weg gegeben, Jess zur Rechenschaft zu ziehen. Der Diebstahl war falsch, aber für mich ist es wichtig: WARUM stiehlt jemand??? Die Hintergründe sind für mich wichtiger als die Tat an sich. Ich hätte Jess ins Büro gebeten, ruhig und höflich. Mit ihm gesprochen, eine Lösung gesucht....Tessa, Hut ab! Mir ist das Mädel total sympathisch.
Ich bin gespannt, was dieses schicksalhafte Aufeinander treffen noch nach sich zieht.
Weiter so und bitte nicht abbrechen. Ich kann zwar auch im anderen Forum lesen....aber es wäre einfach schade drum.
LEUTE LESEN!!! Ihr verpasst etwas, wenn ihr diese Story nicht kennt. *mal die Werbetrommel rühr*

Kussi
deine Chrissy
 
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ich kann mich nur anschließen - die darstellung von jess ist dir hervorragend gelungen, auch die bilder in diesem kapitel fand ich ganz toll, besser als die der vorigen abschnitte.
ich werde auf jeden fall weiterlesen, es verspricht ja eine tolle FS zu werden!
 

LucyvdPelt

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hi innad

wirklich eine tolle FS - ich mag aber vor allem die art und weise wie du schreibst - sehr gefühlvoll, aber weit avon entfernt kitschig zu sein

ich werde sicherlich öfter vorbeischaun

glg
lucy
 

Innad

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Erstmal möchte ich mich total für eure Kommis bedanken, besonders bei denjenigen, die bisher noch nicht geschrieben haben!!! Ich hab mir wirklich ein Loch in den Bauch gefreut :lalala:! Und natürlich mach ich gerne hier weiter, wenn ich weiß, dass es Leser gibt :)



@LucyvdPelt: Vielen lieben Dank für Deinen Kommi! Dass Du sagst, dass meine Schreibweise zwar gefühlvoll, aber nicht kitschig ist, erleichtert mich total, weil ich es echt immer superschwierig finde, genau diese Grenze zu ertasten, denn das passiert ja sehr schnell, dass man mit zuviel Emotion in die Schnulz-Schmalz-Sparte abrutschen kann. Deswegen freu ich mich so sehr, dass das ganz gut zu gelingen scheint!


@458749224979866: Auch Dir vielen lieben Dank für Deinen Kommi! Mit den Bildern bin ich mir selbst immer recht unsicher, es ist immer ziemlich schwierig, die Sims davon zu überzeugen, die richtigen Dinge für den dazu passenden Text zu tun :lol: Aber ich geb mir immer Mühe!

Es freut mich total, dass Du weiterlesen möchtest. Ich denke, es wird auch noch einen Tick spannender in den kommenden Kapiteln.


@Chrissy: Da hab ich Dir was erzählt mit der Schreibenergie ;) Ja, Du hast recht, für mich ist es - wie Du ja weißt ;) - auch wirklich sehr sehr wichtig, dass sich die Figuren an der Geschichte weiterentwickeln. Das tun wir im echten Leben ja auch. Egal, was uns zustößt, es lässt uns reifen, ob gut oder schlecht. AUch wenn es zuerst vielleicht nicht so ausschauen mag. Auch Tessa hat sich schon entwickelt. Sie war bisher immer recht schüchtern und an diesem Tag im Supermarkt hat sie ihrem Herzen erst mit der alten Dame einen Stoß gegeben und dann bzgl Jess. Sie fängt an, ihre Umwelt wahrzunehmen, etwas, das sie auch für ihren späteren Beruf sehr wichtig findet, und was es ja auch definitiv ist.

Ob man selbst das getan hätte - mh, das kommt drauf an. Eigentlich neigt man ja gerne zum pikierten Wegschauen, das kann ich nicht von mir weisen. Auf der anderen Seite merkte Tessa ja direkt, dass da irgendwas an Jess ist, das sie in irgendeiner Weise "fasziniert". Eben so etwas ganz besonderes. Vielleicht hat ihr auch speziell dieses Gefühl den letztlichen Mut gegeben, in dieser Situation einzugreifen, wenn auch auf sehr seltsame Art und Weise. Ihre offene, fast schon naive Art war es dann auch, die den Verkäufer von dem Wahrheitsgehalt der etwas haarsträubenden Geschichte überzeugt hat.

Was aus diesem Treffen noch wird - verrate ich nicht. Aber soviel ist klar - es wird Tessas Leben ganz schön durcheinanderbringen, was man im nächsten Kapitel schon so ein bißchen mitkriegen wird.

Danke für diesen tollen und lieben Kommi!


@tinki: Vielen Dank, dass Du Dich gemeldet hast. Ich kann es total verstehen, wenn man nicht so gerne kommentiert. Zugegebenermaßen les ich auch öfters mal nur und schreibe nichts, aus dem Grund, wie Du ihn ansprachst - dass vieles einfach schon gesagt wurde.

Wenn ich nun weiß, dass ich Leser habe, freut mich das riesig und natürlich mach ich dann auch sehr, sehr gerne weiter!

Danke für Deinen Kommi!


@Chaotin: Meine liebe Chaotin! Dass Du mitliest, ehrt mich ganz besonders und dann auch noch so einen super Kommi- ich bin ja ganz hin und weg.

Es freut mich sehr, dass Dir der Schreibstil so gefällt. Und hey- ich stehe genauso wie Du auf brünette Frauen mit Sommersprossen ;)
Das Knistern in der Luft ist absolut da, das kann ich schon sagen. Wobei ich es mehr so empfinde, dass es knistert, weil Tessa einfach weiß, dass es ein besonderer Moment war. So ein "Aha-Effekt" sozusagen.

Niklas ist ein kleiner Chaot und wirklich sympathisch. Wir werden ihn aber bald noch näher kennenlernen und er spielt natürlich keine unwichtige Rolle im Handlungsverlauf.

Soso, nun hab ich meinen Hut also wieder :idee: Dabei mag ich gar keine Hüte. :) Aber ich kann ihn Dir bestimmt bald wieder zurückgeben. Werbetrommel rühren wäre nicht schlecht ;) aber ich bin sehr froh, zu merken, dass die Story doch ankommt und dann setze ich sie sehr, sehr gerne fort.



So, ihr Lieben, es gibt nun ein kleines Zwischenkapitel 5. Eigentlich sollte es etwas länger werden, aber ich habe gemerkt, dass der Schnitt so einfach am besten ist. Es passiert nicht so arg viel, aber ich denke, man wird nochmal besser verstehen, was Tessa fühlt. Kapitel 6 stelle ich dann relativ bald auch online- morgen, spätestens Mittwoch, denke ich, ihr müsst also nicht so lange warten.

Viel Spaß dabei!
 

Innad

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Kapitel 5
Tante Tru


Tessa öffnete die Tür zu ihrem kleinen, aber gemütlichen Mädchenzimmer im Hause ihrer Eltern. Einen Moment blieb sie mit der Klinke in der Hand stehen und sah sich um, als sehe sie alles mit neuem Blick. Sie begriff, wie gut sie es hatte, dieses Reich ihr Eigentum nennen zu können.

Erschöpft ließ sie sich auf die Couch fallen. Ihr fielen all die kleinen Luxus-Dinge auf, die sich in diesem Zimmer befanden – vom Notebook bis zu ihrem warmen, weichen Bett mit den geschnitzten Bettpfosten. Und ihr wurde schmerzlich bewusst, dass Jess nichts davon hatte. Vielleicht hatte er nicht einmal ein Bett zu schlafen. Was war ihm nur widerfahren, dass er sogar so ausgehungert war, dass er stehlen musste?

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Tessa seufzte hörbar. Sie war bis ins innerste von der Begegnung im Supermarkt aufgewühlt. Es fühlte sich an, wie das zittrige Vibrieren eines unruhigen Muskels, der einem manchmal übel mitspielt, nur war dieses zittrige Vibrieren irgendwo in ihr, an einem Ort, den sie nicht benennen, sondern nur fühlen konnte.


Ein schwerer Stein schien auf ihrem Herzen zu liegen, der es mit schmerzhafter Deutlichkeit einige Zentimeter mehr in Richtung Leibesmitte zu drücken schien. Heute Morgen hatte sie alles noch für so selbstverständlich genommen. Ihr Leben, wie es war – in all seiner ruhigen und langweiligen Beständigkeit. Nun wurde ihr mit einemmal klar, dass es Menschen gab, denen es nicht so gut ging wie ihr- für die ein weiches Bett, warme Kleidung und ordentliche Mahlzeiten nicht so selbstverständlich waren wie für sie.
Tessa atmete tief durch. Sie fühlte sich hundeelend ob der Hilflosigkeit, die sie bei diesem Gedanken empfand.

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Natürlich war sie nicht naiv, die Welt bisher nicht an ihr vorbeigegangen. Oft genug hatte sie die Obdachlosen am Straßenrand gesehen, war achtlos an ihnen vorbeigegangen oder hatte ihnen einige Münzen in ihre verfransten Pappbecher geworfen, ohne lange und intensiv darüber nachzudenken, welches Schicksal sich hinter ihnen verbergen mochte. Doch Jess war nicht nur obdachlos, da war sie sich sicher. Sein Schicksal war noch viel härter…
In diesem Moment riss das Klopfen an ihrer Tür Tessa aus ihren Gedanken. Tante Tru steckte den Kopf ins Zimmer. „Nanu, du bist noch hier?“ fragte Tessa erstaunt, denn normalerweise ging Tante Tru gegen Nachmittag nach Hause, sobald gekocht und geputzt war – jetzt, wo Tessa selbst aus dem Haus war.

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Tru lächelte. „Ich hatte heute viel zu tun, Tessalein, und wollte dich unbedingt noch erwischen, ich kriege dich ja fast nicht mehr zu Gesicht, seit du arbeitest.“

Tante Tru setzte sich neben Tessa und musterte ihren Schützling prüfend. „Tessalein, ich kenne dich seit du auf der Welt bist. Was ist los?“ sagte sie unvermittelt. Tessa sah sie mit großen Augen an. Tante Tru lächelte sanft. „Nun mach nicht so ein überraschtes Gesicht. Wann hast du es zum letzten Mal geschafft, etwas vor mir zu verheimlichen, mh?“
Tessa musste grinsen. „Vermutlich noch nie.“
„Na also“, sagte Tante Tru lächelnd. „Dann erzähl mir doch, was los ist.“

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Tessa zögerte und ihr Blick verlor sich einen Moment lang. Eigentlich hätte sie sich Tru gerne anvertraut, so wie in ihren Kindheitstagen und sich von ihr in den Arm ziehen lassen und trösten. Doch so einfach war das diesmal nicht. Tru konnte die Ungerechtigkeit der Welt ebenso wenig fortstreicheln wie Tessa sie hatte ignorieren können.
Abgesehen davon zweifelte Tessa ernsthaft daran, ob Tru das, was sie getan hatte, gutheißen würde. Natürlich war Tru ein wunderbarer Mensch und mit Sicherheit besaß sie genug Toleranz und würde Menschen wie Jess grundlegend nicht verurteilen. Aber immerhin hatte Tessa heute – faktisch betrachtet – einem „Verbrecher“ geholfen, seine kriminelle Handlung zu vertuschen – im Prinzip hatte sie sich selbst strafbar gemacht, auch wenn sie das keinen Deut interessierte, denn das, was geschehen wäre, hätte sie im Supermarkt nicht eingegriffen, wäre mehr als nur unrecht gewesen.

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Und doch- sie war für Tru fast wie das eigene Kind. Sie war sich nicht sicher, ob diese sich nicht einfach nur Sorgen um sie machen würde. Also beschloss sie, ihr eine Halbwahrheit zu erzählen, in der Hoffnung, Tru würde ihr nicht anmerken, dass noch mehr dahinter steckte, als sie zu erzählen bereit war.

„Es ist so“, sagte sie darum. „Ich habe heute einen Auftrag bekommen, jemanden zu interviewen, dem es nicht so gut geht. Und ich kann seitdem nicht aufhören, an ihn zu denken und dass es ihm so schlecht geht, während es uns allen so gut geht. Ich meine – wir sind reich, wir leben wie die Maden im Speck im Vergleich zu der Person, über die ich schreiben werde. Es ist so ungerecht und man kann nichts dagegen tun. Und das schlimmste ist, dass ich genau weiß, dass so viele Menschen genau diese Sorte Mensch für das, was sie ist, verurteilen, auch wenn diejenigen gar nichts dafür können, dass sie so arm und traurig sind. Und wenn ich ihm helfen würde, dann gäbe es sicher viele Menschen, die das nicht verständen.“

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Tante Tru nickte langsam. „Ich verstehe“, sagte sie dann. „Tessalein, du hast ein Herz aus Gold, und das weißt du auch. Wenn du einen armen oder hilfsbedürfigen Menschen siehst, möchtest du ihm sofort helfen. Das ist löblich und spricht für deinen guten Charakter. Ich brauche dir nicht zu erzählen, dass die Welt und das Leben nicht immer gerecht sind und unser lieber Herrgott, oder wer auch immer, seine Güter nicht unbedingt gerecht unter uns verteilt hat. Wir können nur begrenzt etwas machen, um dieser Ungerechtigkeit zu trotzen, doch jeder noch so kleine Versuch ist ein Schritt in die richtige Richtung. Lass dir nie von jemanden ausreden, dass das anders ist. Jeder Mensch verdient Hilfe. Und wenn du mit deinem Schreiben etwas für diesen Menschen tust, hast du schon einen Schritt in die richtige Richtung getan. Du wirst die Welt nicht retten können, Tessa. Aber du kannst versuchen, sie ein wenig besser zu machen.“

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Tessa lächelte erleichtert. Tru´s Worte waren wie Balsam für ihr Herz und sie war sich nun endgültig sicher, richtig gehandelt zu haben. Etwas wie Mut und Hoffnung kehrten in sie zurück und sie fühlte sich nicht mehr so elend wie vorher.
„Ich danke dir, Tante Tru“, sagte sie.
Tru lächelte. „Und nun sag, mein Schätzchen, ein junges Dingelchen wie du wird doch nicht etwa den kompletten Freitagabend zu Hause verbringen?“
Tessa fiel erst jetzt wieder die Party ein, zu der sie eingeladen war. Eigentlich war ihr jedwede Lust vergangen, aber sie wollte die anderen nicht versetzen. Also antwortete sie. „Nein, ich gehe gleich auf eine Party, zu Mickey, weißt Du.“
„Ach, Micky, an den kann ich mich noch sehr gut erinnern“, lachte Tante Tru und schien einen Moment in alten Zeiten zu schwelgen. Dann stand sie auf und sagte. „Ich muss nun auch nach Hause, Tessalein. Nun komm her und lass dich drücken. Du machst das schon alles ganz richtig, mein Mädchen.“

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Tessa schmiegte sich einen Moment wie ein kleines Kind in die mütterliche Wärme dieser herzlichen Umarmung, dann ließ Tru sie los, gab ihr einen Nasenstümper und verabschiedete sich. Tessa jedoch atmete tief durch. Sie dachte an den morgigen Tag und fragte sich, was sie erwarten würde… sie empfand Furcht und Neugier zugleich. Immer noch war ein Funken Unsicherheit übriggeblieben, ob sie das richtige tat. Doch dann sah sie wieder Jess traurige Augen vor sich auftauchen – und mit einemmal waren alle ihre Zweifel wie weggewischt und mit Tante Tru´s Worten im Kopf machte sie sich auf den Weg zu Mickey.


Fortsetzung folgt!
 
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Gast 208

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Auch hier kann ich nur sagen....dein Text berührt mich sehr. Du schaffst es mit deinen Worten, jemanden vieles klar zu machen. Du zeigst auf, was man mit ein paar Gefühlen alles erreichen kann. Ich denke, es drüfte klar sein das einer allein die Welt nicht besser machen kann.
Aber Tessa beweist ein grosses Herz durch Respekt einer fremden Person gegenüber. Sie verurteilt nicht, sondern setzt auch den "Dieb" gleich, weil auch dieser eine Seele im Leib hat. Er stiehlt nicht aus Spass, sondern aus Not. Für mich ein grosser Unterschied.
Schön und bewegend geschrieben - ein echtes Erlebnis. Die Fotos passend und ansprechend.
 

Chaotin

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Wie schön, du setzt die FS wirklich fort. Ach, wie ich mich freue! %)
Tante Tru finde ich total knuffig und sie ist diese typische Großmutterfigur, die wohl viele junge Frauen in ihrem Leben haben/brauchen oder davon träumen. Sie ist alt, aber sehr lebenserfahren, gutmütig und vielleicht sogar ein bisschen weise und das gibt sie alles an ihren Schützling weiter. Ich finde es toll, dass sie Tessa zuhört, und zwar wirklich richtig zuhört, und ihr dann Tipps gibt, ohne in irgendeiner Weise zu verurteilen oder persönliche Wertvorstellungen mit einzubeziehen. Vielmehr versucht sie stattdessen, Tessa in ihren Gedanken zu ermutigen und ihr aufzuzeigen, dass sie das Richtige tut. Sehr schön! Das Kapitel hat mir wirklich richtig gut gefallen. Sehr toll fand ich auch, wie sich nun zeigt, dass Tessa die Begegnung mit Jess wirklich tief im Herzen berührt und zum Nachdenken angeregt hat. Ihr eigenes Leben erscheint ihr nun in einem ganz anderen Licht und solche Aha-Erlebnisse brauchen wir wohl immer wieder mal in unserem Leben, um all das Positive wieder schätzen zu lernen und Anteil zu nehmen an all den Menschen, denen es nicht so gut geht.
Sehr schön und gefühlvoll geschrieben.
Ich könnte jetzt noch mit dir (bzw. mit Tante Tru *g*) die Theodizee-Frage diskutieren. Hat wirklich der liebe Herrgott seine Güter unter uns verteilt? Ist es nicht viel eher so, dass er uns einen freien Willen und Entscheidungsfreiheit gegeben hat und wir selbst schuld sind an dem Leid? Aber das lasse ich jetzt mal lieber, das kann ich ja mit den Leuten in meinen Theologieseminaren machen... :lol:

LG :hallo:
 

Innad

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@Chrissy: Ja, ich denke, es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass man mit Wegsehen nicht immer richtig fährt. Tessa ist natürlich ein klein wenig zu naiv - ihre Aktion könnte auch böse nach hinten losgehen. Und doch beweist sie Mut, indem sie nicht bereit ist, die Dinge einfach sang- und klanglos so anzunehmen, wie sie sind.
Danke für Deinen lieben Kommi!


@Chaotin: Es freut mich viel mehr, Dich zu lesen :)
Ach ja, die gute alte Theodizee-Frage. Die hatte ich zugegebenermaßen fast schon verdrängt und in meinen grauen Zellen begraben :D Aber umso besser, wenn es nicht der liebe Herrgott war, sondern wir selbst - dann können wir auch selbst was ändern. Grundlegend funktioniert Nacht eh nicht ohne Tag und arm nicht ohne reich, das ist klar. Aber um nicht zu philosophisch zu werden ;) komm ich mal auf Tante Tru zurück.
Hier zeigt sich, dass sie für Tessa ganz klar eine Bezugsperson ist. Sie hat ihr gut geraten, ohne sie in irgendetwas zu drängen. Und Tessa musste die Hosen nicht komplett herunterlassen sozusagen.
Natürlich ist Tante Tru auch nur ein Mensch. Ich nehm an, wenn Tessa ihr im Detail berichtet hätte, was geschehen ist, wäre sie auch nicht mehr so wahnsinnig angetan gewesen.
Es ist immer leicht, so etwas gutzuheißen, so lange es weit weg und nicht einen selbst oder einen aus dem näheren Umfeld betrifft. Da überwiegt dann Sorge und Angst. Ist ja auch fast normal.

Tessa begreift nun erst so richtig, wie gut sie es hat. Und sie fühlt sich so wahnsinnig schlecht, weil sie weiß, dass sie nur sehr wenig tun kann. Natürlich ist sie nicht weltfremd. Wir alle sehen oft genug Berichte aus armen Ländern, von Katastrophen und hungernden, kranken Menschen. Wir wissen darum - und doch wissen wir eigentlich gar nichts. Geht auch nur begrenzt anders, sonst gingen wir alle kaputt. Wenn so etwas aber plötzlich "real" in unserem Leben wird, wirft das alles durcheinander und so geht es Tessa gerade.

Danke für Deinen lieben Kommi!
 

Innad

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Kapitel 6
Jess



Am nächsten Tag saß Tessa pünktlich um fünf Uhr im City Café und nippte nervös an einem Glas Wasser. Sie hatte in der vergangenen Nacht kaum geschlafen und wilde Träume von fluchenden Supermarktangestellten, alte Frauen, die sie mit Joghurtbechern bewarfen und Jess, der laut nach Hilfe rief, hatten sie immer wieder aufschrecken lassen.
In ihrer Tasche hatte sie wie immer ein kleines Aufnahmegerät, damit sie sich nicht die Finger wundschreiben musste. Es lag ihr mehr, die Texte in aller Ruhe am Schreibtisch zu verfassen, wenn sie sich alles noch einmal anhören konnte.
Sie hatte keine Ahnung, ob irgendjemand in der Agentur überhaupt Interesse an ihrem Artikel haben würde. Meist schrieb sie über belanglose Sachen wie örtliche Vereinstreffen oder ähnliches.
Die Zeiger der Uhr zeigten bereits fünf Minuten nach fünf Uhr. Tessa wurde nervös. Was, wenn Jess nicht kommen würde?

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Vielleicht dachte er, ihr Angebot sei eine Falle. Sie könnte schließlich genauso gut von irgendeiner Behörde sein. Und wer wusste schon, in welcher Klemme Jess steckte – am Ende war er krimineller als sie dachte. Doch Tessa schüttelte sogleich über ihren eigenen Gedanken den Kopf. Sie war sich sicher, dass Jess ein guter Mensch war, nichts konnte sie davon abbringen. Darum hatte sie auch gar kein schlechtes Gefühl, sich mit ihm zu treffen oder gar Bange.
Sie war so in ihre Überlegungen vertieft, dass sie nicht merkte, wie Jess unsicher das Café betrat und sich nach ihr umsah.

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Schließlich entdeckte er sie und nahm ihr gegenüber Platz. Sie lächelten sich an. „Schön, dass sie es geschafft haben“, sagte Tessa. Jess nickte. „Ich hab es ja versprochen.“
Er griff nervös nach einer Karte und studierte diese eingehend.
Tessa spürte seine Unsicherheit, die ihm der formelle Rahmen des Restaurants einzuflößen schien.
Da sie nicht wusste, was sie sagen oder tun sollte und das Schweigen ihr unheimlich wurde, sagte sie: „Jess, stört es Sie, wenn ich das Aufnahmegerät mitlaufen lassen, während wir sprechen? Es fällt mir leichter, das alles in Ruhe zu schreiben.“

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Jess sah auf. „Oh – nein, das stört mich überhaupt nicht, Tessa. Wenn es Ihnen so am leichtesten fällt, Sie sind der Profi“, er lächelte schief. „Ich möchte nur nicht mit Namen genannt werden, wenn das in Ordnung ist?“
Tessa nickte eifrig. „Natürlich ist das in Ordnung, ohnehin ändern wir die Namen normalerweise ab und erfinden irgendwelche Synonyme.“
Jess lächelte. „Dann bin ich aber erleichtert. Und wie wollen Sie mich dann nennen?“ scherzte er. „Bitte nicht Ottfried Müller oder etwas ähnliches grausiges.“
Sie lachten beide leise auf und das Eis schien gebrochen.

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Kurz darauf kam die Bedienung zu Ihnen und fragte, was sie zu speisen wünschten, nachdem sie Jess ein Glas Wasser gebracht hatte. Unsicher blickte Jess zu Tessa und diese ermunterte ihn: „Keine Bange, Jess, das geht alles auf Firmenkosten, Sie können bestellen, was Sie möchten.“
„Wir haben heute ein wunderbares Abendmenue im Angebot“, pries die Kellnerin ihre Ware an. Jess sah Tessa nachdenklich an und sagte dann: „Gut, ich denke, das werde ich nehmen.“

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Während beide auf das Essen warteten, sprachen sie belangloses über dies und das, ohne auf das eigentliche Thema, weswegen sie sich hier getroffen hatten, einzugehen. So erklärte Tessa Jess beispielsweise, dass sie den Job bei der Zeitung nur vorübergehend machte, da sie auf einen freien Studienplatz wartete und dass sie vorhabe, Journalismus zu studieren. Nachdem sie Vorspeise und Hauptgang verdrückt hatten, sah Jess Tessa aufmerksam an. „Läuft ihr Aufnahmegerät denn?“ fragte er und Tessa merkte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. „Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie. „Eigentlich haben wir ja noch gar nicht angefangen.“
„Dann sollten wir das vielleicht tun?“ fragte Jess vorsichtig und sah sie ernst an. „Was wollen Sie von mir wissen, Tessa?“


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Tessa schluckte. Inzwischen war es draußen dunkel geworden, sie hatten völlig die Zeit vergessen. Jess hatte recht, es war höchste Zeit, zu beginnen. So holte sie ihr Aufnahmegerät aus der Tasche, drückte auf „Start“ und begann zu sprechen: „Ich weiß, dass Sie in Schwierigkeiten stecken, Jess. Aber ich möchte wissen, um was genau es sich handelt. Ich… ich nehme einfach mal an, dass es etwas mit … Drogen zu tun hat.“
Tessa schluckte und sah ihn ernst an. Es war ihr nicht leicht gefallen, ihm diese direkte Frage zu stellen.

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Jess nickte. „Ja, Sie haben natürlich recht, Tessa. Ich nehme Drogen und das schon seit einer ganzen Weile.“
Tessa schluckte, ließ sich jedoch nicht beirren. „Seit wann, Jess? Und warum – ich meine, gibt es einen bestimmten Grund, dass Sie angefangen haben?“
Jess senkte den Kopf. „Es gibt vermutlich eine ganze Reihe bestimmter Gründe dafür. Einer weniger vernünftig wie der andere. Jeder sollte seine Finger von diesem Teufelszeug lassen. Es macht dich von Tag zu Tag kaputter, schaukelt dir vor, dir Lebensfreude und Kraft zu geben, nimmt sie dir aber nur mehr und mehr, bis du nur noch ein Schatten des Menschen bist, der du einmal warst.“

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Tessa schluckte und spürte seinen verbitterten Schmerz fast körperlich. Sie schwieg jedoch und ließ Jess weitersprechen.
„Ich habe angefangen, als ich etwa dreizehn war. Heute bin ich zweiundzwanzig, ich stecke also sage und schreibe schon fast acht Jahre in diesem Teufelskreis fest. Ich habe damals natürlich mit scheinbar harmlosen Dingen angefangen – zuerst kamen mit elf die Zigaretten, die man ja rauchen musste, um wahnsinnig cool zu sein. Dann mit dreizehn hatte ich meinen ersten Joint. Viele sagen, das alles ist ganz harmlos. Vielleicht ist es das im Vergleich zu dem, was ich heute täglich brauche, ganz sicher sogar. Aber es ist vollkommener Schwachsinn zu glauben, dass es kein Fehler ist, mit jedweder Art von Drogen zu beginnen, Tessa.“


Er sah sie ernst an. „Es ist eine Hemmschwelle, die fällt - und wenn sie einmal gefallen ist, dann ist es verdammt schwer, sie wieder zu bekommen.“

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Tessa sah ihn betroffen an. Sie dachte an einen Abend vor zwei Jahren zurück, an dem auch sie nach einer wilden Party im Freundeskreis einmal eine Runde Gras mit den anderen geraucht hatte. Es hatte ihr nicht geschmeckt und sie fand den leicht berauschenden Zustand danach nicht der Rede wert, das schlechte Gewissen, das sie noch tagelang plagte, jedoch umso mehr.
Die Bedienung trat an den Tisch und servierte ihnen einen Pudding zum Nachtisch. Tessa schob wie selbstsverständlich und mit den Worten „Ich bin pappsatt“ ihren Pudding zu Jess und während er aß, sagte sie: „Aber – gab es denn einen Auslöser für das alles? Ich meine – war es wirklich nur zum Vergnügen? Denn bei Marihuana ist es ja nicht geblieben, nehme ich an. Oder, Jess? Was war passiert, dass es so viel schlimmer wurde? Und haben Ihre Eltern oder Freunde nichts dagegen zu utnernehmen versucht?“
Sie dachte mit Schaudern daran, was Tru oder ihre Eltern mit ihr gemacht hätten, wenn sie auch nur von diesem einen Hasch-Erlebnis Wind bekommen hätten!

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Er zuckte mit den Schultern. „Mein Vater starb, als ich noch ein Kleinkind war. Meine Mutter hat das niemals richtig verkraftet, als ich neun war, ist sie gestorben. Ich weiß bis heute nicht, was genau sie das Leben gekostet hat, ob sie es selbst getan hat oder wirklich krank war. Ich habe dann bei meinen Großeltern gelebt und eigentlich war ich dort gut aufgehoben. Aber sie waren einfach schon sehr alt und als ich zwölf war, hatte mein Großvater einen Herzinfarkt und wurde zum Pflegefall – da bleibt nicht viel Zeit für einen pubertierenden Teenager übrig.“
Tessa schluckte und fühlte ihren Mund trocken werden. Sie hatte sich Jess´Geschichte schlimm vorgestellt, aber ihr dämmerte, dass die Wahrheit all ihre Vorstellungen zu übertreffen schien.

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Sie schluckte wieder und sagte dann leise: „Jess – das ist ja wirklich furchtbar. Kein Wunder, dass sie so auf die schiefe Bahn gerutscht sind. Hatten Sie denn niemanden, der für sie da war?“
„Meine Großmutter tat ihr bestes, aber sie war schon alt und musste meinen Großvater pflegen – für mich fehlte einfach die Zeit“, sagte Jess achselzuckend.
„Und… welche Drogen… nehmen Sie heute?“
Tessa wagte es kaum ihn anzusehen.

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Jess machte eine hilflose Geste. „Was soll ich Ihnen sagen? Ich nehme, was ich kriegen kann, was es irgendwie besser macht…“ er zögerte einen Moment weiterzusprechen. „Aber hauptsächlich nehme ich Heroin.“ Er seufzte schwer.
„Damals lief einfach alles aus dem Ruder. Meine Schulnoten gingen in den Keller, ich fand die falschen Freunde – vermutlich eine Standardgeschichte. Mit sechzehn kokste ich das erste Mal. So schaukelte sich alles langsam nach oben und vor einigen Monaten begann ich mit dem Heroin, weil mir alles andere nicht mehr reichte.“
Er blickte wie geistesabwesend zum Fenster hinaus.

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„Und Ihre Großmutter? Hat Sie nichts gemerkt, nichts dagegen unternommen?“ Tessa konnte sich einfach nicht vorstellen, dass man sein Kind – auch wenn es nur der Enkel sein mochte – nicht mit allen Mitteln aus diesem Teufelskreis zu holen versuchte.
„Sie war eben alt und als ich sechzehn war, starb Großvater dann endgültig. Sie erfuhr irgendwann von unserem Direktor, dass ich mit Drogen zu tun hatte und wusste sich nicht zu helfen – sie hatte keine Kraft, etwas dagegen zu tun. Es gab nur noch Streit, und sie baute auch zusehendes ab. Als ich achtzehn war und immer noch nicht von den Drogen weg, wies sie mir die Tür.“
Tessa sah ihn ungläubig an. „Sie hat sie rausgeschmissen?“

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Jess zuckte mit den Schultern. „Sie war am Ende ihrer Kräfte. Nur wenig später kam sie selbst in ein Pflegeheim. Ab und an besuche ich sie, aber meist regt es sie zu sehr auf. Ich wünschte einfach, ich hätte diese Drogensache nicht angefangen. Heute kann ich einfach nicht mehr heraus. Schreiben Sie das bloß hinein, Tessa, damit es jedem eine Lehre ist. Drogen zu nehmen ist wie in eine Sackgasse zu fahren – nichtmal in eine Einbahnstraße, nein, in eine Sackgasse, denn es gibt keinen Weg mehr heraus. Für mich gibt es diesen Weg jedenfalls nicht mehr…“
Er sah traurig zu Boden. Tessa spürte, wie sich alles in ihr gegen seine Worte zu sträuben begann.

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Sie zwang sich, ruhig und sanft zu sprechen, als sie erwiderte. „Aber Jess, natürlich haben Sie recht, man sollte niemals anfangen, überhaupt Drogen zu nehmen, das steht völlig außer Frage. Und doch – wieso ist Ihr Weg zu Ende? Es gibt doch Mittel und Wege, der Sucht ein Ende zu setzen. Haben Sie denn nicht einmal darüber nachgedacht, eine Entziehungskur zu machen? Ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen? Jess, Sie sind doch jung und stark, ich bin mir sicher, dass Sie das schaffen würden…“
Mit ihren blauen, fast unschuldig wirkenden Augen sah sie ihn fast flehend an. Er schluckte.

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„Oh, Tessa, so einfach ist das nicht. Meinen Sie denn, das hätte ich nicht schon lange versucht? Ich habe bereits drei Entziehungskuren hinter mir, die alle erfolglos waren. Irgendwann hält man es nicht mehr aus und bevor man weiß, wie einem geschieht, hat einen dieses Teufelszeug wieder in der Hand und beraubt einen jedweder Entscheidungsgewalt und Hoffnung.“


Er sah sie sanft an. „Sie sind so gütig, Tessa, aber auch naiv. Es ist nicht so einfach, es gibt nicht für jedes Problem eine Lösung.“

Tessa seufzte schwer und merkte, dass sie hier nicht weiterbohren konnte und durfte, so schwer es ihr auch fiel, zu akzeptieren, dass Jess sich praktisch bereits aufgegeben hatte.
„Wie finanzieren Sie sich die Drogen?“ fragte sie nach einer Weile des Schweigens und sah Jess zu, wie er die letzten Puddingreste aus den Gläsern kratzte. Vermutlich hatte er schon seit Ewigkeiten nichts vergleichbares mehr gegessen.
Er zuckte mit den Schultern. „Mit allem erdenklichen. Aber ich gehe nicht anschaffen, das habe ich mir geschworen!“ Er sah Tessas entsetzten Blick und lächelte gütig. „Das ist nunmal die Wahrheit, Tessa. Viele tun das, besonders die Frauen. Es ist der beste Weg, an schnelles Geld zu kommen.“

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Ich versuche, das Geld so gut es geht, ehrlich zu verdienen“, fuhr er fort.
„Wie soll das gehen?“ entfuhr es Tessa. „Heroin ist bestimmt nicht billig.“
„Ich nehme nicht immer Heroin, manchmal reicht das Geld einfach nicht“, erwiderte Jess und seufzte schwer. „Manchmal müssen einige Pillen oder einfach eine Brise Koks oder sogar nur ein Joint reichen, auch wenn es schwer ist, damit zu leben. Ich arbeite für die Drogenbehörde und schreibe an und an kleine Berichte für diese Straßenzeitung, die einmal monatlich herausgebracht wird. Allerdings geben die uns natürlich kein Bargeld, sondern nur Essen für unsere Dienste. Meistens male ich und verkaufe einige Bilder in der Fußgängerzone oder im Bahnhof, wo ich meistens bin. Aber ich muss zugeben…“, sein Gesicht wurde traurig und er sah beschämt zu Boden. „Dass das meistens alles nicht ausreicht. Also schließe ich mich ab und an einigen Banden und stehe Schmiere, wenn wir irgendwo einbrechen. Ich hasse mich selbst dafür, aber ich kann nichts dagegen tun, denn ich brauche das Geld, um zu überleben.“


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Tessa sog hörbar die Luft ein und aus und richtete für einen Moment den Blick an die Decke, um nicht zu zeigen, dass ihr Tränen in die Augen gestiegen waren. Wie sehr Jess sich selbst für das, was er tat, verurteilte, rührte sie und zugleich fühlte sie sich auf seltsame Weise abgeschreckt von ihm und seinem Geständnis, doch was hatte sie erwartet? Dass er Äpfel und Bananen verkaufte, um sich seine Drogen zu finanzieren?
Nein, was er sagte, war nicht wirklich überraschend und doch wünschte sich Tessa, er hätte ihr etwas anderes sagen können…

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Viel sprachen die beiden nicht mehr. Tessa bezahlte die Rechnung und ließ ihr Aufnahmegerät wieder in ihrer Handtasche verschwinden. Nach einigen Minuten traten beide nach draußen und blieben unschlüssig voreinander stehen, bis Jess schließlich sagte: „Nun ja,Tessa – ich hoffe einfach, dass ich mit meiner Schilderung helfen konnte und vielleicht den ein oder anderen wachrütteln. Das wäre mir viel wert, denn ich wünsche niemanden, in meine Situation zu kommen. Und nun muss ich los. Vielen Dank für das Essen.“
Er wollte schon gehen, doch Tessa hielt ihn zurück und sagte: „Nein, Jess – bitte… bitte lassen Sie mich jetzt nicht so stehen. Ich…“ Tessa suchte verzweifelt nach Worten und sah ihn schließlich offen an.

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„Lassen Sie mich nicht mit diesem Gefühl der Hilflosigkeit zurück. Dass ich nichts für Sie tun kann. Wenn ich Sie jetzt gehen lasse, werde ich mir ewig Vorwürfe machen, dass ich nicht mehr getan habe. Und…“ sie zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach. „Ich weiß nicht wieso, Jess, aber … Sie bedeuten mir einfach etwas. Sie sind mir nicht egal.“
Jess sah Tessa einen Moment gerührt an und sagte dann leise: „Tessa – das hat schon lange niemand mehr zu mir gesagt… und dafür will ich Ihnen danken. Aber ich kann Sie da nicht mit reinziehen. Es ist meine Sache und Sie haben damit nichts zu tun. Ich denke, es wäre besser, wenn Sie in Ihrem Leben bleiben und ich in meinem…“
„Aber was ist IHR Leben?“ Tessa stützte die Hände in die Hüfte und sah ihn provozierend an. Sie hatte entschieden, ihn so nicht gehen zu lassen. Er gehörte auf unerklärliche Weise in ihr Leben, das war ihr klar. Und sie musste etwas tun, um ihm zu helfen, was auch immer es sein mochte.

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„Was ist denn Ihr Leben? Sie brauchen das nicht, Sie könnten etwas ändern“, platzte es aus ihr heraus.
Jess seufzte. „Das weiß ich, aber…“
Sie unterbrach ihn. „Ich will Ihnen keinen Vortrag halten, Jess. Aber ich will Ihnen helfen, verstehen Sie. Ich mag Sie und kann doch nicht einfach so tun, als seien wir uns nie begegnet und Ihre Geschichte ginge mich nichts an. Ich will Sie morgen Mittag treffen, geht das?“
Jess seufze erneut und merkte, dass er gegen Tessas Entschluss nicht ausrichten konnte.

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„Wir treffen uns in der Bahnhofshalle, in Ordnung? Vielleicht können Sie mir eines Ihrer Bilder zeigen?“
Tessa sah ihn fest an. Jess nickte langsam. „In Ordnung, auch wenn die Bahnhofshalle nicht gerade ein guter Ort für Sie ist…“
Tessa runzelte die Stirn. „Jess, ich bin kein Kind mehr, ich weiß, was ich tu…“
Jess nickte erneut und sagte dann langsam. „Gut, Tessa, nur eines noch… eines muss ihnen klar sein…“ Er sah sie fest an. „Wenn wir uns weiterhin treffen wollen, befreundet sein wollen, muss Ihnen klar sein, dass ich ein Mensch bin, der drogenabhängig ist. Das bedeutet, dass ich in manchen Situationen nicht mehr fähig bin zu begreifen, was ich sage oder mache… ich habe mich nicht immer im Griff und manchmal kann ich zu einem Menschen werden, mit dem Sie wohl kaum etwas zu haben wollten…“
Tessa fühlte, wie sich ihr Hals zuschnürte bei dem Gedanken an einen Jess, der auf der Suche nach neuem Heroin war und dem es schlecht ging. Wie mochte er wohl aussehen, wenn er in einer solchen Phase war, wie sich verhalten? Sie betete, dass sie es nie erfahren würde und sah ihn fest an.
„Das weiß ich sehr gut“, erwiderte sie.

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Jess sah sie eine lange Weile an, dann nickte er schweigend, hob die Hand zum Gruß und ging langsam davon, die Straße hinab in Richtung Bahnhof.
Tessa hingegen stand wie angewurzelt auf dem Bürgersteig und sah ihm hinterher, bis sie ihn nicht mehr erkennen konnte. Sie fühlte sie außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen.
Sie wusste nur eines: wie sie ihn in der Ferne verschwinden sah, wäre sie ihm am liebsten nachgelaufen und hätte ihn zurückgeholt – nicht zu sich, sondern ins Leben und in das, was sich Glück nannte… etwas, das Jess wohl nur noch als Legende kannte.




Fortsetzung folgt!

 
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Innad

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Kapitel 7
Nur Maskerade



An diesem Abend fühlte Tessa sich vollkommen erschöpft, als sie nach Hause kam. Sie sprang unter die Dusche und hüllte sich sofort in einen Schlafanzug, auch wenn es noch nicht spät war. Kurz darauf lag sie im Bett und versuchte, sich mit einem Buch abzulenken, doch das funktionierte nur bedingt. Während sie mehrere Minuten auf ein und dieselbe Seite starrte, ohne die Worte auf dem Papier auch nur wahrzunehmen, schossen ihr zahlreiche Gedanken durch den Kopf.

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Wo war Jess jetzt, was tat er in genau diesem Moment?
Sie ließ den Nachmittag noch einmal Revue passieren und erneut beschlich sich das Gefühl, unter der Ungerechtigkeit der Welt die Luft anhalten zu müssen.
Sie hatte nie gedacht, dass sie einmal von solch einem Leid so nah berührt werden würde. Natürlich war ihr klar, dass Jess´ Geschichte nur eine von vielen war – es mochte schlimmere und traurigere geben. Und doch – theoretisch wusste man über alles Bescheid, was in der Welt vor sich ging. Doch wenn einem das Schicksal eines anderen so nahe kam wie ihr das von Jess´ fühlte sich mit einemmal alles anders an.
An der Haustür klingelte es und Tessa setzte sich auf. Wer mochte so spät noch zu Besuch kommen, es war nach neun Uhr. Das konnte ja fast nur einer sein…
„Hallo Niklas!“
Niklas steckte vorsichtig den Kopf zur Türe herein. „Bist du noch wach?“
„Sonst würde ich wohl kaum mit dir sprechen.“
Tessa stand auf und ging barfuss auf ihn zu. Sie umarmten sich lächelnd.

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„Anscheinend ist es momentan unser Schicksal, dass du mich im Schlafanzug siehst.“ Sie lächelte.
Niklas grinste zurück. „Ich werde es schon überleben.“
„Was machst du hier?“
„Ich hab mir Sorgen um dich gemacht. Du bist gestern so schnell verschwunden und heute Nachmittag hab ich dich angerufen, doch dein Handy war aus.“
„Ich hab gearbeitet“, sagte Tessa schnell. „Und gestern war ich wahnsinnig müde, darum war ich so früh weg.“
„Und was ist heute mit dir los? Seit wann liegst du an einem Samstagabend um neun Uhr im Bett? Bist du krank?“
Tessa lachte. „Aber nein, ich bin einfach nur fertig, es war ein harter Tag.“
„Seit wann muss du eigentlich samstags arbeiten?“
„Ich hatte eine Story zu schreiben – einen Artikel, mein ich. Und dafür war ich unterwegs.“
„Mal wieder in einem Hühnerzuchtverein?“

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Tessa biss sich auf die Lippen. Sie hätte sich Niklas gerne anvertraut, aber irgend etwas hielt sie zurück. „Nein, diesmal nicht“, sagte sie darum nur grinsend und wechselte schnell das Thema. „Aber was hast du hier zu suchen? Ist deine Bettina nicht eifersüchtig?“
Irgendwie klang es bissiger als es hatte sein sollen. Niklas sah sie forschend an.
„Bist du eifersüchtig?“
Tessa winkte ab. „Quatsch mit Soße! Ich wundere mich nur, dass DU an einem Samstagabend nichts besseres zu tun hast als mich vom Schlafen abzuhalten.“
„Naja, inzwischen kann man ja zu jedweder Uhrzeit kommen, du schläfst immer“, lachte er frech. Dann sagte er ernster. „Ich fahr gleich noch zu Bettina, wir gehen in die Disco. Ich dachte, du wolltest vielleicht mitkommen?“

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Tessa lag schon auf der Zunge zu sagen. „Als fünftes Rad am Wagen? Nein danke!“ doch sie schüttelte nur den Kopf und sagte statt dessen: „Du siehst ja, dass ich schon im Bett war. Ich wills mir einfach nur noch bequem machen heute, mein Buch weiterlesen und bald schlafen. Sei nicht sauer, ein andermal gerne.“
Niklas nickte. „Na gut, dann will ich dich nicht länger stören. Telefonieren wir nächste Woche?“
Tessa nickte. „Sicher doch.“
„Dann gute Nacht, Tessa.“
„Gute Nacht, Niklas – oder eher viel Spaß beim Ausgehen!“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und Tessa legte sich wieder aufs Bett.
Sie fühlte sich noch schlechter als vor Niklas´ kurzem Besuch und wusste nicht einmal, warum.

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Mit dem Gedanken an den morgigen Tag und das Wiedersehen mit Jess schlief sie schließlich nach einer Weile erschöpft ein.

----

Tessa betrat die Bahnhofshalle und blieb einen Moment unschlüssig an der Tür stehen und sah sich um. Sie mochte diesen Ort nicht besonders gerne, aber heute hatte sie einen guten Grund hier zu sein. Ihr Blick schweifte über die vorbeihastenden Passagiere, Kinder, Senioren und Erwachsene, doch nirgends konnte sie Jess entdecken.
Unschlüssig, was sie nun machen sollte, schlenderte sie ein wenig durch die Halle und setzte sich dann schließlich gegenüber des großen Springbrunnens in der Hallenmitte auf eine Bank, um geduldig auf Jess zu warten.

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Lange musste sie nicht ausharren, kurz darauf tauchten seine verschlissenen Jeans vor ihr auf und er winkte ihr lächelnd zu und setzte sich neben sie.
„Sie sind also wirklich gekommen“, stellte er fest und warf ihr einen kurzen Seitenblick zu.
Tessa nickte. „Das hab ich doch gesagt. Und ich hab hier was für Sie.“
Sie nahm ein in Alufolie gewickeltes Päckchen aus ihrer Tasche.
„Was ist das?“
„Apfelkuchen“, sagte Tessa schlicht und drückte Jess das Päckchen in die Hand. Zögernd schaute er es an und sagte dann langsam: „Tessa, ich…“

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Doch Tessa schnitt ihm sofort das Wort ab. „Ich will nichts hören, Jess. Bei uns zu Haus bleibt jeden Tag eine Menge Essen übrig, während Sie fast jeden Tag hungrig sind. Das ist doch unsinnig. Es ist wirklich das geringste, was ich für Sie tun kann, also bitte schlagen Sie mir das nicht ab und seien Sie nicht zu stolz dafür. Es ist immer noch besser als…“
Tessa unterbrach sich. „Als zu stehlen?“ vollendete Jess ihren Satz und Tessa blickte beschämt zu Boden. Jess lächelte aufmunternd. „Da haben Sie wohl recht. Nun gut – vielen Dank. Haben Sie den gebacken?“

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Tessa lachte auf. „Um Himmels willen, nein, ich will Sie ja nicht umbringen. Den hat Tante Tru gemacht.“
Jess sah sie an. „Genau, Tessa – wir haben gestern nur von mir gesprochen, reden wir jetzt doch einfach mal von Ihnen.“
„Was soll ich Ihnen da großartig erzählen?“ sagte Tessa achselzuckend.
Er lächelte wieder. „Na, erzählen Sie mir von sich, von Ihrem Leben. Was machen Sie so, außer Ihrem Beruf, und sind Sie eigentlich glücklich?“
Tessa sagte nachdenklich: „Was für eine Frage, im Vergleich zu Ihnen bin ich das absolut.“
Jess runzelte die Stirn. „Ich wollte nicht, dass Sie Ihr Leben mit meinem vergleichen. Ich habe gefragt, ob Sie glücklich sind.“
Tessa seufzte und richtete ihren Blick einen Moment unschlüssig in die Menge der vorbeihastenden Menschen. Dann sagte sie. „Ja, meistens schon. Glück ist ziemlich relativ, nicht wahr?“
Jess nickte. „Und ob. Wie ist das, leben Sie noch bei Ihren Eltern? Kommen Sie gut mit ihnen aus?“
Tessa sah ihn verblüfft an. Wie konnte das sein, dass ihr dieser völlig fremde Mensch so schnell hintereinander genau die richtigen Fragen stellte?
„Nun ja- was man eben auskommen nennt“, antwortete sie langsam. „Sie sind ziemlich selten da, aber es ist nicht schlimm für mich. Ich bin ja erwachsen. Es war ohnehin schon immer so.“
Die beiden schwiegen eine Weile und hingen ihren Gedanken nach, bis Jess sagte: „Sind Sie sicher? Dass es Ihnen nichts ausmacht?“
Tessa sah ihn lange an. „Ja, ich denke schon. Natürlich war es nicht immer einfach, aber ich hatte ja Tru, unsere Haushälterin und… nun ja, ich hatte mehr Freiheiten. Das ist doch auch gut.“
Jess erwiderte nichts und sagte nach einer Weile: „Und wieso sind Ihre Eltern so selten zu Haus?“

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Tessa seufzte. „Sie arbeiten ständig. Sie sind beide selbstständig, da bleibt nicht viel Zeit für alles andere übrig.“
„Und Ihre Geschwister?“
Tessa lachte, aber es klang bitterer als sie gedacht hatte. „Ich hab keine. Ich bin ein Einzelkind. Meine Eltern hätten für mehr Kinder gar keine Zeit gehabt.“
Jessa sah sie lange und intensiv an und sagte dann schlicht: „Sie sind nicht glücklich, Tessa. Nicht wirklich.“ Seine Stimme klang sehr sanft. „Ich spüre das und ich sehe es. Da ist etwas, das Sie unglücklich macht. Oder?“
Tessa sah ihn an und wusste nicht recht, was sie sagen oder fühlen sollte. „Nun… nein… Sie haben unrecht, Jess… ich bin glücklich… ich meine, Glück ist relativ…“

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„So relativ nun auch wieder nicht. Glück ist Glück“, erwiderte Jess nüchtern und wurde dann wieder sanfter: „Und das Leben ist es immer wert, Glück anzustreben, oder?“
Tessa fand keine Worte und blickte auf ihre Fußspitzen. Wer war dieser Mensch, der da neben ihr saß? Hätte er ihr gestern nicht mit eigenen Worten gesagt, dass er drogenabhängig war, sie hätte es nicht geglaubt. Er war so sanft und einfühlsam wie niemand sonst, den sie kannte.
„Jess – ich bin verwirrt“, sagte sie nach einer Weile zu ihm. „Ich meine, wir kennen uns noch keine zwei Tage und schon haben Sie erkannt, wo ich meine wunden Punkte habe. Wie machen Sie das bloß?“
Jess zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich hab schon so viel gesehen und gehört, dass ich es vermutlich gelernt habe, in die Menschen zu sehen. Man glaubt gar nicht, wie viel von dem, was man den anderen zeigt, nur Maskerade ist.“

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Gerührt sah Tessa ihn an. Seine Worte erreichten sie bis ins tiefste Herz.
„Ja, Jess“, sagte sie langsam. „Sie SEHEN die Menschen. Sie fühlen sie.“
„Wollten Sie nicht meine Bilder sehen?“
„Aber natürlich.“
Er zog eine Mappe mit Zeichnungen heraus und Tessa stockte der Atem, als sie die Gemälde durch ihre Finger gleiten ließ.

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„Jess… das ist wunderbar. Einfach wunderbar. Sie haben Talent, großes Talent.“
Jess zuckte mit den Schultern. „Es nutzt mir nur leider nicht viel. Aber lassen Sie uns nicht von mir sprechen. Ich wollte vorhin wissen, ob Sie glücklich sind und ich warte immer noch auf eine echte Antwort.“
Tessa stand auf und ging ein paar Schritte, er folgte ihr. Dann sagte sie langsam. „Manchmal fühl ich mich so alleine. Seit der Schule habe ich so viele Freunde aus den Augen verloren und – naja, es ist eben, wie es ist.“
Sie sah ihn an und er lächelte sie sachte an. „Ich habe von Anfang an, als ich Sie im Supermarkt sah, gespürt, dass Sie ein gutes Herz haben, aber sehr sensibel und verletzlich sind. Oder etwa nicht?“
Tessa zuckte erneut die Schultern. „Ich weiß es nicht. Wer ist schon nicht verletzlich?“

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Er lächelte wieder. „Haben Sie denn keinen Freund?“
Tessa schüttelte den Kopf. „Nein, wieso? Dachten Sie das?“
„Naja, warum nicht – Sie sind attraktiv und hübsch, warum sollte es anders sein?“
Tessa sah verlegen zu Boden. „Sie schmeicheln mir.“
„Nein“, sagte Jess schlicht. „Ich sage einfach nur, was ich sehe.“
Die beiden schwiegen eine Weile und plötzlich merkte Tessa, wie sich Jess´ Körper anspannte.
„Ich muss jetzt gehen, Tessa“, sagte er und seine Stimme klang auf einmal härter als vorher.

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Sie warf ihm einen raschen Blick zu. „Das ist schade. Ist… alles in Ordnung?“
Seine Augen waren trüber geworden und ein banges Gefühl beschlich Tessa. Jess sah sie an und nickte, sein Lächeln war gequälter als vorher. „Ja, alles in Ordnung. Ich muss jetzt aber wirklich gehen.“
„In Ordnung – ich verstehe.“ Tessa schluckte. Es war glasklar, dass Jess gehen musste, weil er eine neue Dosis Drogen brauchte. Seine fiebrige Nervosität wurde sekündlich schlimmer.
„Passen Sie auf sich auf“, sagte Tessa darum nur rasch. „Ich – ich werde morgen oder übermorgen wieder herkommen, etwa zur selben Zeit. In Ordnung?“
Jess nickte. „Ich werde versuchen, hier zu sein.“

Mit diesen Worten verschwand er aus Tessas Augen. Diese jedoch blieb zurück und kämpfte gegen den dringenden Wunsch an, aufzuspringen und ihn zurückzuhalten.

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Sie spürte, wie ihr Körper leicht zu zittern begann, als sie an ihn dachte – an diesen wundervollen Mann, der ihr Herz mit seinen wenigen, wahren Worten so tief berührt hatte und der nun davon ging – um sich mit einer weiteren Dosis Heroin eben jenes unwirkliche, aber so herrlich scheinende Glück zu erkaufen, über das sie beiden noch vor wenigen Momenten so ernsthaft gesprochen hatten…
 
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Chaotin

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Huch, du warst zu schnell für mich. *g* Ich hab in den letzten zwei Tagen drei Klausuren geschrieben und hatte darum seit dem Wochenende ziemlichen Lernstress. Jetzt hab ich aber beide Kapitel gelesen.
Das mit der Benachrichtigung geht natürlich in Ordnung, ich hatte das selbst irgendwie völlig vergessen. Umso besser, dass ich eine alte Tante hab, die für mich mitdenkt. =)
Ich bin regelrecht... öhm... "geflasht" von deiner FS. Ist ein blödes Wort, ich weiß, aber mir fällt gerade nix besseres ein und es entspricht der Wahrheit. Du triffst mit dieser Geschichte genau meinen Geschmack und vor allem haargenau meinen Nerv. Ich hab schon so viele Ideen, was alles passieren wird und bin schon total gespannt auf die Fortsetzungen.
Du schreibst wirklich sehr, sehr, sehr gefühlvoll. Deine Geschichte regt mich absolut zum Nachdenken an und berührt mich. *schnief* Jess ist so ein guter Mensch! Ach Mensch, ich bin sooo emotional. *g*
Eine Szene hat mir ganz besonders gut gefallen, und zwar die, wo Tessa und Jess über seine Bilder sprechen. Das hat mich total an Titanic erinnert, als Jack und Rose auf dem Deck der 3. Klasse sitzen und er ihr ebenfalls seine Bilder zeigt. Ich glaube sogar, da sagt sie auch: "Sie sehen die Menschen." :)
Mach bald weiter, ja? Ich hab nämlich jetzt Ferien! *gg*

LG :hallo:
 

Innad

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@Chaotin: Es freut mich wirklich total, dass Dir die FS so gefällt :)

Deine Ideen, was passieren wird, würden mich ja mal interessieren *hihi* Vielleicht hast Du ja sogar noch Anregungen für mich =)

Du darfst ruhig emotional sein, das ist für mich das allerschönste Kompliment eigentlich. Ich find es wahnsinnig schwierig, gefühlvoll zu schreiben, ohne dabei in den Kitsch abzutriften.

Die Szene, die Du ansprichst - himmel, Chaotin, Du hast mich ertappt. Wie ich ja schon gesagt hab, ist das Grundgerüst zur Story ein wenig älter, um genau zu sein war das tatsächlich so in etwa der Zeit, in der "Titanic" ganz bekannt gewesen ist, und vermutlich hat mich die Szene, die Du ansprichst, und die ich natürlich auch in- und auswendig vor Augen hab (*schmacht* :D ) ein wenig inspiriert in diesem Teil. Das kann schon gut sein, mag ich gar nicht von mir weisen.

Ich komm heute auch direkt mal Deinem Wunsch nach und mache mit Kapitel 8 weiter! :)
 

Innad

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Kapitel 8
Sozialer Abfall



„Du bist so blaß, Tessa. Geht es dir gut?“
Tessas Mutter musterte ihre Tochter mit einer Spur Besorgnis. Tessa sah auf und nickte.
„Ja, Mama, es ist alles in Ordnung.“
Es war Samstagabend und sie saß mit ihren Eltern beim Essen, das Tru ihnen am Tag vorher gekocht und kaltgestellt hatte – Tessas Mutter kochte nur höchst selten.
Dass die Familie so gemütlich beisammen saß, kam selten vor und eigentlich hatte Tessa diese Augenblicke immer genossen, doch heute hätte sie sich am liebsten alleine in ihrem Zimmer verkrümelt. Hungrig war sie ohnehin nicht, also schob sie den halbvollen Teller beiseite.
Tessas Mutter schien mit ihrer Antwort zufrieden zu sein und plauderte munter weiter: „Diese Woche habe ich in der Stadt ein tolles Kleid gesehen, das wäre genau das richtige für dich, Tessa. Wie wäre es, wenn wir uns diese Woche einfach in der Stadt treffen und zusammen shoppen gehen? Wir haben das schon viel zu lang nicht mehr gemacht.“

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Tessas Vater brummte belustigt. „Das sehe ich anders, wenn ich mir die Rechnungen des letzten Monats anschaue, meine Liebe. Aber so lang ihr damit glücklich seid, soll es mir recht sein.“ Er grinste Tessa verschwörerisch an und sie lächelte zurück.
„Mama, das hört sich wirklich verlockend an, aber ich hab einfach zu viel Arbeit, ich kann nicht mittags gehen, wann ich will, ich hab feste Arbeitszeiten.“
„Das nenne ich Pflichtbewusstsein“, sagte Tessas Vater mit unverhohlenem Stolz.

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Ihre Mutter ließ sich jedoch nicht beirren.
„Aber wir müssen das unbedingt wiederholen, zur Not eben am Wochenende, vielleicht nächsten Samstag?“
Tessa seufzte. Ihr stand der Sinn nicht danach, sinnloses Geld für Klamotten auszugeben, die sie so gut wie nie tragen würde – ihr Kleiderschrank platzte doch ohnehin aus allen Nähten.
Abgesehen davon würde ihre Mutter mit großer Wahrscheinlichkeit am kommenden Samstag letztlich doch wieder keine Zeit haben – eigentlich umso besser. Darum nickte sie nur schweigend.

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Gemeinsam aßen sie zu Ende und während ihr Vater sich auf die Couch verzog, um seine Zeitungen zu studieren, sprach ihre Mutter Tessa plötzlich auf eine Sache an, die bei Mutter und Tochter meistens zu Konflikten führte.
„Tessa, sag mal“, es sollte wie beiläufig klingen. „Wieso kommt Niklas in letzter Zeit eigentlich so selten zu Besuch? Habt ihr Streit?“
Tessa seufzte. Sie hatte schon seit Tagen auf eine derartige Frage gewartet und gerade heute stand ihr überhaupt nicht der Sinn danach.
„Mama, du sprichst von ihm, als seien wir immer noch zusammen.“
Ihre Mutter zuckte gleichmütig die Achseln. „Ich weiß, ich weiß, ihr seid nur platonisch befreundet. Aber mir kommt das einfach spanisch vor. Bist du dir sicher, dass du nicht mehr verliebt in ihn bist?“

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Tessa zog die Augenbrauen hoch. Sie konnte nicht mehr zählen, wie oft sie dieselbe Frage mit ein- und derselben Antwort bedacht hatte: „Ja, ich bin sicher. Wir sind nur gut befreundet, mehr nicht.“ Und schnell fügte sie hinzu: „Abgesehen davon hat er seit einer Weile eine neue Freundin, Mutter. Das ist auch der Grund, warum er nicht mehr so viel Zeit mit mir verbringen kann.“
Tessas Mutter sah ihre Tochter argwöhnisch an. „Bist du darum in letzter Zeit so verändert?“
„Was heißt verändert?“ Tessa winkte ab. „Ich hab einfach viel zu tun. Außerdem – warum sollte es für mich wichtig sein, ob er eine Freundin hat oder nicht?“
Ihre Mutter lächelte verschmitzt. „Ich denke oft, dass du ihn immer noch sehr magst.“
Tessa seufzte ergeben. „Ja, das tu ich auch – als meinen allerbesten Freund, begreif das doch.“
„Ich find es wirklich seltsam, dass du einen Mann zum Freund hast. Was ist mit all den Mädchen, die du kanntest?“
„Mutter, du weißt genau, dass ich keine gute Freundin mehr hatte, seit Lena vor 5 Jahren aus der Stadt gezogen ist. Und unsere Clique hat sich einfach verstreut – die meisten anderen Mädchen sind in andere Städte gezogen, um dort zu studieren oder haben einfach keine Zeit mehr. Niklas ist mein bester Freund, das reicht – und himmel, du weißt das! Ich hab es dir schon hundertemale gesagt!“ Tessa sah ihre Mutter ärgerlich an.
„Nun sei nicht so unwirsch“, erwiderte diese stirnrunzelnd. „Ich verstehe dich einfach nicht. Du hattest seit Niklas keinen Freund mehr. Da stimmt doch was nicht.“
Tessa spürte, wie sich die Wut einen Weg durch ihren Magen in Richtung Hals bahnte. Mit ihrem letzten Funken Selbstbeherrschung sagte sie darum leise: „Nun leg doch nicht ständig den Finger in diese Wunde. Ich kann doch auch nichts dafür, dass ich bisher noch niemanden gefunden habe. Ich bin knapp 20, ich habe noch alle Zeit der Welt.“

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„Ich hab in deinem Alter bereits deinen Vater gekannt“, gab ihre Mutter ihr altklug zur Antwort. „Außerdem solltest du ab und an mal raus, nicht immer zu Haus sitzen und arbeiten und arbeiten. Du bist doch noch jung.“
Tessa seufzte schwer. Es war sinnlos, als rede man gegen eine Wand aus zwei Meter dickem Beton. Also schüttelte sie nur den Kopf und versuchte, dem Gespräch ein Ende zu setzen. „Das war auch eine ganz andere Zeit bei dir. Und ich gehe oft genug weg – alleine morgen bin ich den ganzen Tag unterwegs, weil ich mich mit jemanden treffe.“
„Und mit wem?“ fragte ihre Mutter sofort hellhörig.
Tessa biss sich auf die Lippen. Sie hatte ihren Eltern noch nichts von Jess erzählt, auch wenn das erste Treffen mit ihm inzwischen fünf Wochen her war. Sie schalt sich selbst dafür, so unüberlegt gesprochen zu haben.
„Mit – Niklas“, log sie schnell. Ihre Mutter lächelte, als wäre sie erleichtert.
„Wie schön! Dann ist also doch alles in Ordnung zwischen euch!“
Tessa starrte ihre Mutter an, als habe diese den Verstand verloren. Sie merkte, dass sie ihre Wut nicht mehr kontrollieren konnte und bevor sie etwas tun konnte, brach es aus ihr heraus. „Was soll das? DU hast gesagt, wir hätten Probleme, nicht ich! Du – du gehst mir auf die Nerven, Mutter! Du hast absolut keine Ahung, wie die Sache läuft! Zuerst denkst du, ich sei in Niklas verliebt, dann meinst du, wir hätten Probleme miteinander! Ich hab das nie gesagt, wie kommst du darauf? Hörst du mir überhaupt zu, wenn ich mit dir spreche?“

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Sie funkelte ihre Mutter zornig an. Diese wurde nun ebenfalls ärgerlich und antwortete säuerlich: „Wieso kann es dir nie jemand recht machen? Was ist nur los mit dir?“
Tessa schüttelte den Kopf. „Ich weiß ja nicht, ob du es wirklich nicht verstehst oder es nur nicht verstehen WILLST. Ich liebe Niklas nicht mehr, ok?“
Tessas Mutter seufzte ergeben. „Ja, okay, ich hab es verstanden. Ich find es nur so schade, er ist so ein netter Junge.“
Tessa schoß mit einemmal der Gedanke durch den Kopf, was ihre Mutter wohl sagen würde, wenn sie mit einem Freund wie Jess nach Hause käme und als ihren Partner vorstellte. Sie würde durchdrehen.
„Was findest du an Niklas eigentlich so toll?“
Ihre Mutter sah sie erstaunt an. „Naja – er… er… hat einen guten Charakter. Er sieht gut aus, ist nett, höflich, stammt aus guten Verhältnissen und hat eine vielversprechende Zukunft. Er ist einfach perfekt.“

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Tessa spürte, wie ihr Herz ein Stückweit sank. Sie hatte befürchtet, dass ihre Mutter es genau so sehen würde.
„Und – was wäre, wenn er einen genauso guten Charakter hätte, aber arm wäre?“ stieß sie hervor. Ihre Mutter blickte erstaunt auf.
„Wieso fragst du das?“
Tessa biss sich auf die Lippen, doch eine vernünftige Antwort fiel ihr nicht ein, also sagte sie. „Ich weiß nicht. Ich will es einfach wissen.“
„Naja – ich fände es schon besser, wenn du einen Mann mit guten Umständen bekommen würdest, aber das ist nicht das wichtigste“, beschwichtige ihre Mutter. „So lang er keine Drogen nimmt oder stiehlt oder in der Gosse lebt.“ Sie lachte.
Tessa jedoch war nicht zum Lachen zumute. „Und was wäre dann?“
„Was soll dann sein? Solche Leute sind sozialer Abfall, wenn du mich fragst.“ Ihre Mutter betrachtete sich gelangweilt die Fingernägel. „Wenn ich schon nur diese Junkies am Bahnhof sehe. Ich verstehe einfach nicht, wieso die Polizei da nicht durchgreift. Ich würde sie einfach alle einsperren, damit sie die Bevölkerung nicht mehr belästigen.“

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Ihr Vater, der die ganze Zeit in seiner Zeitung versunken gewesen war, horchte kurz auf und warf ein: „Aber meine Liebe, denk doch mal daran, was das den Staat kosten würde.“
„Na und, lieber ein paar Kosten mehr als dieses Geschmuddel...“
Tessa konnte nicht mehr zuhören, wie ihre Eltern sich in einer Grundsatzdiskussion verstrickten, in der jedes Wort so verrächtlich gegen Menschen wie Jess war.
Sie drehte sich um und verließ schweigend das Zimmer.

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In ihrem Zimmer kroch sie unter die Bettdecke, rollte sich ein wie ein Baby und weinte sich in den Schlaf…


Als sie am kommenden Morgen aufwachte, fühlte sie sich schlechter denn je. Unter der Dusche versuchte sie, wieder klare Gedanken fassen zu können.

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Ihre Eltern mussten ja nichts von Jess erfahren, warum auch. Es war traurig zu erkennen, wie sie dachten – aber das änderte nichts an ihrer Loyalität zu Jess, der ihr in den letzten Wochen immer mehr ans Herz gewachsen war und mit dem sie inzwischen eine fast so innige Freundschaft verband wie mit Niklas.
Frisch geduscht saß Tessa kurz darauf in ihrem Zimmer. Die Worte ihrer Mutter wollten ihr nicht aus dem Kopfe gehen. Sie fühlte sich elend und schuldig gegenüber Jess.
Dass ihre Mutter so hart denken würde, war ihr nicht klar gewesen – mit einemmal realisierte sie, welche Kluft ihre Freundschaft zu Jess überbrückt hatte.
Sie hatte immer gedacht, Klassenunterschiede seien etwas aus dem Geschichtsbuch – kein Wunder, sie war ja auch immer unter „ihresgleichen“ gewesen.

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Sie wollte gar nicht daran denken, was passieren würde, wenn ihre Eltern eines Tages herausbekämen, dass sie mit „sozialem Abfall“ – sie schüttelte sich bei diesen Worten – befreundet war…
Tessa sah sich um und mit einemmal widerte sie alles in diesem Haus – ihrem Elternhaus – regelrecht an. Raschen Schrittes sprang sie auf und machte sie auf den Weg zu einem Menschen, der sie – wie sie bitter erkennen musste – bereits nach fünf Wochen besser verstehen konnte als ihre Eltern, die sie doch immerhin seit Beginn ihres jungen Daseins kannten...


Fortsetzung folgt.
 
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Chaotin

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*hihi* Ich bin auch ein großer Titanic-Fan, das muss dir also nicht peinlich sein.
Das neue Kapitel war sehr aufschlussreich. Es zeigt, aus was für einem Elternhaus Tessa kommt, und dass es wahrscheinlich noch einige Probleme geben wird, wenn diese von Tessa und Jess erfahren sollten (oh Gott... ich male mir gerade aus, WIE schlimm das erst werden wird, sollten Tessa und Jess sich wirklich verlieben).
Verzeih, dass mein Kommi heute recht kurz ist, ich bin tierisch müde und ein wenig im Stress, aber ich wollte dich nicht noch länger warten lassen.
Das letzte Bild ist übrigens sehr, sehr schön. Woher hast du denn Tessas Frisur von dem Bild?
LG :hallo:
 
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@ chaotin
voilà: http://modthesims2.com/showthread.php?t=235994

@ story
ich fand das kapitel auch toll, es macht die völlig verschiedenen standpunkte deiner protagonisten klar.
wie tessa wohl über "junkies" denken würde, wenn sie jess nicht kennen würde? wohl genauso wie ihre eltern.
ich mag diesen aspekt an deiner story - zu zeigen, dass sich hinter jedem gesicht, egal in welche kategorie man es gestopft hat, eine geschichte verbirgt.
ich bin sehr gespannt auf die weiteren entwicklungen. :hallo:
 

Sexy_Lexi

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Hey,

eben habe ich deine Fs entdeckt und sie regelrecht verschlungen. Ein tolles Thema und dazu noch super geschrieben. Es hat mich irgendwie betroffen gemacht, die Geschichte von Jess zu lesen. Aber auch der Konflikt den Tessa in sich trägt, weil sie Jess verschweigt, kommt sehr gut rüber. Ist mal ein ganz anderes, tiefer gehendes Thema, das du dir ausgesucht hast.
Ich bin etwas verwundert, dass hier so wenig Kommentare geschrieben werden. Mir gefällt deine Fs jedenfalls sehr gut und ich werde auf alle Fälle weiterlesen.

Lg
 

adex

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*Hallo Innad
So hier komm ich *g*
Also fangen wir mal an. :D
Rechtschreibung: Also die Rechtschreibung ist sehr gut. Da ich sowieso gerade Lust dazu hatte mal eine *FS* richtig durch zu kauen habe ich mir mal alle Rechtschreib-/Tippfehler rausgepickt und das sind, wow, nur 14 Stück. Davon sind 6 Rechtschreibfehler, 5 Tippfehler und 3 Groß/Klein schreib fehler. Das ist für so viele Kapitel eine sehr gute Quote. Meistens sind so viele Fehler schon in 1-2 Kapiteln in manch anderen Storys.
Bilder: Also die Bilder. Ja! Die Qualität der Bilder ist auf jeden Fall schon mal gut, also auch nichts verpixelt oder so. Die Aufnahme Positionen, also die Kameraposition und Bildauswahl finde ich nicht so passend, ein wenig einfältig. Vielleicht hättest du mal eine Nachaufnahme machen müssen, dann plötzlich ein Bild aus der Vogelperspektive und dann vielleicht eins aus der Froschperspektive.
Und was mir besonders gefällt ist eine kleine Bildbearbeitung wenn du z.B Photoshop, Photoimpact, Paintshop Pro oder ein anderes recht gutes Bildbearbeitungsprogramm hast kannst du die Bilder damit leicht bearbeiten also z.B etwas mehr/weniger Kontrast, andere Farbbalancen oder kleine Umrandungen.
Also mal etwas ausgefallener und nicht einfach nur so ein normales geschossenes Foto. Das bessert den Eindruck der Bilder sofort.
Bei mir ist es nämlich meistens so, dass meine Entscheidung ob ich die Story lese an den ersten Eindruck der Bilder abhängt.
Inhalt: Also der Inhalt ist einfach super. Die Story ist eine sehr schöne Idee und ich habe richtig Mitgefühl mit Jess. Er tut mir so leid, aber auch Tessa. Ich fände es auch schrecklich wenn meine Eltern sozusagen in Klassen unterteilen würden. Ob ein Mensch Arm oder Reich ist macht doch keinen Unterschied. Also dein Schreibstil hatte mich schon nach den ersten Paar setzten mitgerissen. Er ist wirklich feinfühlig und wunderhaft beschrieben.
Ich kann es gar nicht erwarten weiter zu lesen ;)
Kannst du mich bitte auf deine leider noch sehr kleine Benachrichtigungsliste setzten?!
Ps. Schade das du nur so wenige Kommis bekommst aber das war bei meiner letzten Story auch so.
 

Innad

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So, erstmal DANKE für so viele tolle Kommis!


@Chaotin: Das mit der Frisur hab ich Dir ja gepn´t :) aber 458749224979866 hat es ja auch nochmal verlinkt (danke!).

Ja, Du hast recht mit Deiner Befürchtung. Sollten Tessas Eltern von ihr und Jess erfahren, wird das sicher ganz schönen Ärger geben. Auf der anderen Seite kümmern sie sich ja ohnehin nie so sehr um Tessa und was sie macht oder nicht :(

Ich mag auch Deine kurzen Kommis, das weißt Du doch. Und ich hoffe, dass Du die Ferien jetzt ordentlich zum Ausschlafen nimmst ;)




@458749224979866: Danke für den lieben Kommi!
Mh, ich glaube nicht, dass Tessa genauso denken würde wie ihre Eltern - sie hat genau das, dass Jess ein "Junkie" ist ja schon irgendwie vermutet, als sie ihm damals geholfen hat. Hätte sie diese abwertende Meinung über "Junkies" hätte sie ihm sicher nicht geholfen.

Ich denke viel mehr, dass Tessa sich bisher nie große Gedanken über solche Menschen gemacht hat. Sie ist von Trudy, der Schule und was weiß ich natürlich in einem gewissen "Alle Menschen sind gleich" Gedanken erzogen worden. Auf Papier liest sich das sehr hübsch und elegant und tolerant und alles, aber in der Praxis ist das nicht mehr wirklich so toll und viele vergessen ihre "Grundsätze" dann schnell mal. Tessa eben nicht - und muss nun irritiert das Gegenteil bei ihren Eltern feststellen.

Genau das ist es, was Jess uns zeigt - was Du gesagt hast - hinter jedem Gesicht versteckt sich eine Geschichte, traurig, schön - wie auch immer. Wir wollen nur oft nicht dahinter sehen :( Ich schließ mich da nicht aus. Es ist schon einfacher, eine pauschale Meinung zu gewissen Menschen zu haben als Wertvorstellungen über den Haufen zu werfen.



@Sexy_Lexy: Ich freu mich sehr, dass Du den Weg hierher gefunden hast und mitliest! :) Wirklich!
Ja, Du hast recht - die Geschichte ist natürlich (mal wieder, wie bei Sternenstaub auch *gg*) nicht ganz einfach. Hab ich wohl nen Hang zu ;)

Ich freue mich sehr, dass es Dir gefällt und Du weiter mitlesen willst!



@adex: Oh, so ein langer, toller Kommi von Dir, das freut mich wahnsinnig!
Rechtschreibung ist gottseidank eher nicht mein Problem und ich wage mal zu behaupten, die paar Fehler, die Du so detektivisch aufgedeckt hast *lach* sind zum Großteil bei mir Flüchtigkeitsfehler. Wenn ich schreibe und es flutscht so richtig schön, sind meine Fingerchen oft so schnell, dass ich nicht so richtig aufpasse :) Und natürlich lese ich es danach nochmal durch, sehe aber auch nicht immer jeden kleinen Fehler. Ich werd aufmerksamer sein ;) Was die neue Rechtschreibung betrifft müsst ihr aber Nachsehen mit mir haben - nach der zweiten Reform hab ich aufgehört durchzublicken ;)

Wegen der Bilder - ich mache sie eigentlich sehr bewusst so "natürlich". Ich persönlich mag stark bearbeitete Bilder eher weniger. Wobei ich jedes Bild in PhotoImpact bearbeite vor der Onlinestellung. Bearbeitete Bilder (also Umrandet, verändert usw.) mag ich persönlich gerne wenn man sich erinnert, Gedankengänge beschreibt - im nächsten Kapitel kommen da schon ein paar ;) Die Perspektiven versuche ich schon ab und an zu ändern, aber auch da mag ich diese ganz "normale" eigentlich sehr gerne. Mh, ist also wirklich wohl Geschmackssache, wobei Deine Tips schon gut sind und ich mich natürlich dafür bedanken möchte.

Heftig bearbeitete Bilder wirst Du bei mir jedoch nie finden, weil es einfach nicht mein Stil ist %)

Dass Dir die Geschichte so gut gefällt, freut mich. Was ich besonders gut finde, ist, dass Du auch mal an Tessa denkst. Natürlich tut einem erstmal nur Jess leid, aber für Tessa ist es auch nicht gerade eine prickelnde Situation. Dass man in Klassen unterteilt, find ich gar nicht so schlimm, aber nicht so heftig wie Tessas Eltern es tun. Sie sprechen diesen Menschen ja regelrecht das Daseinsrecht ab - eine unmögliche Sache, wie ich finde.

Klar wirst Du benachrichtigt! *freuwieblöd* Ich setz Dich gleich mit auf die Liste.

Mit den Kommis bin ich inzwischen zufrieden. Ich sag ja immer, es zählt nicht die Quantität sondern die Qualität :) - wobei ich mich über mehrere schon freuen würde, klar.

Danke nochmal für diesen tollen Kommi!!!! :hallo:





So, heute geht es mit Kapitel 9 weiter. Viel Spaß dabei!!!
 

Innad

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Kapitel 9
Irgendwann... wird alles gut


Im Auto schossen Tessa hunderte von Gedanken durch den Kopf.
Natürlich hatte sie gewusst, dass ihre Mutter in etwa so denken würde wie sie es gesagt hatte. Und doch war sie geschockt über die Härte und Achtlosigkeit ihrer dahin geworfenen Worte. Wieso waren ihre Eltern nicht fähig hinter die Schicksale dieser Menschen zu sehen? Wer war schon gerne drogenabhängig? Nur weil ein Mensch Fehler machte, konnte man ihn doch nicht aufgeben, ihn als überflüssigen Bestandteil einer Gesellschaft ansehen.
Das Problem lag einfach darin, dass viele Menschen sich für völlig immun gegenüber jedwedem Unheil zu halten schienen. So lange man glücklich und behütet lebt, ist die Vorstellung, in derartige Schwierigkeiten zu kommen, weit fort. Doch hätte nicht auch sie selbst, Tessa, unter Umständen in Jess` Situation kommen können? Ihre Kindheit und Jugend war wohl behütet, aber nicht einfach gewesen. Wer konnte schon sagen, ob aus diesem einen Joint nicht irgendwann mehrere geworden wären und sich die Situation irgendwann verschlimmert hätte bis zu einem Punkt, an dem Jess nun war? Gab es für so etwas überhaupt Garantien? Tessa glaubte nicht daran.

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Sie ließ die vergangenen fünf Wochen mit Jess Revue passieren. Obwohl beide so unterschiedlich waren, hatten sie bemerkt, dass sie auf der gleichen Wellenlänge schwammen. In diesen fünf Wochen hatten sie sich darum fast täglich getroffen, fast immer brachte Tessa etwas zu essen oder trinken mit und Jess hatte seine anfängliche Scham, ihre Gaben anzunehmen, schnell überwunden. In diesen fünf Wochen hatte Tessa ihn nie unter irgendwelchen Entzugserscheinungen oder in anderen extremen Situationen gesehen.
Er hatte ihr gesagt, dass er die Drogen meist früh morgens und am Abend nahm, so war er in der Mittagszeit meist sehr entspannt und fast „normal“.
Natürlich hatte es immer wieder Tage gegeben, an denen sie ihm angemerkt hatte, dass er zu wenig bekommen hatte – er war dann nervöser, fahriger und auf eine unbeschreibliche Art weniger gegenwärtig als sonst.
Tessa hatte bisher niemanden von Jess erzählt – und nach dem Gespräch am Vorabend war sie froh, dass sie sich so entschieden hatte. Erst jetzt wurde ihr klar, in welcher wohlbehüteten, aber mit Vorurteilen nur so überfluteten Gesellschaft sie groß geworden war. Sie seufzte und stellte den Wagen einige Straßen vom Bahnhof entfernt ab.

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Es gäbe wohl wenige ihrer Bekannten, die verstehen würden, warum sie sich mit Jess traf, warum ihr etwas an ihm lag – ihre Eltern als allerletzte.
Was würde geschehen, wenn sie es eines Tages erfahren würden? Sie konnten nichts dagegen tun, sie war zwanzig und konnte tun und lassen, was sie wollte – sicher… Und doch würde es furchtbar schwierig werden.
Tessa stieg aus dem Wagen aus und steuerte zu Fuß den Bahnhof an.
Sie war traurig und fühlte sich in der momentanen Situation immer unwohler. Die ständige Geheimnistuerei, wo sie hinginge und wo all das Essen blieb, machte sie langsam mürbe. Aber das war nicht einmal das schlimmste. Was sie wirklich belastete, war diese Angst, die zusammen mit Jess in ihr Leben getreten war.

Oft lag sie nachts wach und fragte sich, was er wohl gerade tat. Schreckliche Gedanken schossen dann durch ihren Kopf – Bilder von Jess, der unter schlimmsten Entzugserscheinungen litt, durchdrehte oder gar irgendwo tot am Boden lag – erschlagen, erstochen oder durch den eigenen „goldenen Schuss“ dieser Welt entrissen, die so ungerecht zu ihm gewesen war.

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Heroin war die schlimmste aller Drogen und Tessa wusste, dass ihre Sorgen alles andere als unbegründet waren.
Einige Male hatte sie vorsichtig versucht, ihn erneut auf einen Entzug anzusprechen. Sie konnte einfach nicht begreifen, wie er sein junges Leben derart achtlos wegwerfen konnte – denn er war sich durchaus darüber bewusst, dass er auf diese Art und Weise nicht mehr lange weiterleben konnte – vielleicht ein oder zwei Jahre, so lautete seine eigene, traurige Prognose für sein eigenes Leben.
Immer wieder hatte sie ihn sanft angesprochen, hatte sich vorher im Internet informiert, ja, sogar schon Adressen von Entzugskliniken im Umkreis herausgefunden. Doch Jess schüttelte jedes Mal heftig den Kopf.
„Nein, Tessa – hör auf, in diesem Punkt auf mich einzureden. Ich kann nicht mehr. Du weißt nicht, wovon du sprichst, es hört sich so einfach an, wenn man es auf einem Blatt Papier liest, aber das ist es nicht. Ich hab es dreimal probiert bisher, das letzte Mal Anfang des Jahres. Nach drei Tagen hatte mich die Realität wieder – oder eher die Straße. Die Frustration war größer als alles andere – all die Qualen waren für die Katz und so wäre es wieder. Nein, ich werd das nicht mehr tun.“ Sein Gesicht drückte dann immer eine unnachgiebige Entschlossenheit aus, die Tessa signalisierte, dass sie nicht weiter bohren durfte.

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Am Bahnhof angekommen sah Tessa sich nach Jess um, ohne ihn entdecken zu können. Für ihre Verhältnisse war sie auch wirklich relativ früh.
Nach einer Weile jedoch hörte sie seine inzwischen vertrauten Schritte und sah auf, als er sich neben sie auf die Holzbank setzte, auf der sie gewartet hatte.
„Hallo Jess“, sagte sie lächelnd und griff in ihre Tasche, um ihm etwas zu essen zu geben. Doch er schüttelte den Kopf.
„Nein, Tessa – ich… ich bin heute nicht hungrig.“
Tessa sah ihn prüfend an. Er sah schlecht aus an diesem Tage, schlechter als sonst.
„Fühlst du dich nicht gut?“ fragte Tessa besorgt und beugte sich zu ihm.
Jess seufzte, schüttelte den Kopf und sagte dann rasch: „Nein, mir geht es nicht gut heute – ich… ich sollte besser gehen.“
Und er stand abrupt auf.

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Tessa sprang ebenfalls auf und hielt ihn sachte zurück. „Nein, Jess, bleib hier – bitte.“
Jess sah sie hilflos an und sagte dann mit dünner Stimme. „Ach, Tessa – ich… ich habe Angst.“
„Angst? Wovor?“ Tessa hatte ihn noch nie so niedergeschlagen erlebt wie heute und sein Anblick ließ ihr das Herz schwer werden.
„Ich habe Angst, dass du mich eines Tages in einem anderen Licht sehen wirst… wenn du in eine Situation gerätst, in der ich nicht so bin, wie ich gerne wäre, wie du mich kennst… heute, das ist kein allzu schlechter Tag. Oft ist es noch viel schlimmer.“
Tessa schluckte. „Was hast du genommen?“
„Einige Pillen, die es ein bisschen besser machen.“ Er sah sie ernst an. „Tessa, bitte frag mich das nicht!“
Betreten blickte Tessa zu Boden. Wieso blieben diese Dinge zwischen ihnen nur immer so unausgesprochen? Gaukelten sie sich nicht etwas vor, das nicht real war?
Doch Jess unterbrach ihren Gedankengang, seine Stimme war sanfter geworden, als er fragte: „Was ist mit dir los? Du bist anders als sonst. Ist etwas geschehen?“
Er sah sie ernst und forschend an.

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Überrascht blickte Tessa auf und in ihrem Gesicht spiegelte sich der Gefühlstumult wieder, den sie innerlich empfand. Selbst nach fünf Wochen schaffte Jess es immer wieder, sie mit seiner unglaublichen Einfühlsamkeit und dem Gespür für sie zu überraschen.
Doch was sollte sie ihm schon antworten? „Meine Eltern halten dich für Abfall, der schnellstmöglich entsorgt werden sollte, abgesehen davon mach ich mir Tag und Nacht Sorgen um dich und reden kann ich mit keinem darüber, weil all meine Bekannten und Verwandten arrogante Spießer sind?“ Wohl kaum…
Also zuckte sie nur mit den Schultern und sagte leichthin: „Ich hatte Streit mit meinen Eltern, das ist alles.“
Sie war stolz darauf, dass ihre Stimme so gelassen geklungen hatte. Doch wieder einmal war Jess einen Schritt weiter als sie.
„Wissen sie von mir?“
Tessa stockte einen Moment der Atem, doch dann seufzte sie resigniert und schüttelte den Kopf.
Jess lachte kurz auf, doch sein Lachen war bitter. „Sie würden dir wohl verbieten, mich zu treffen, oder?“
Tessa sah auf und ihr Gesicht verzog sich. „Das können sie nicht. Ich bin fast zwanzig, vergiss das nicht.“

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„Außerdem“, fügte sie etwas ruhiger hinzu. „Außerdem bist du nur ein guter Freund. Was sollten sie dagegen einzuwenden haben?“
Beide sahen sich schweigend an, und beide wussten, dass es tausende gute Gründe gab, die gegen ihre Freundschaft sprachen – doch sie schwiegen, bis Jess müde lächelte.
„Du hast vermutlich recht. Ich bin froh, dass du da bist, Tessa. Einfach dass du bei mir bist. Dass es jemanden gibt, dem ich nicht egal bin…“
Tessa lächelte ihn sanft an. Er sah so müde aus, so unendlich traurig und erschöpft.
Sie griff nach seinen Händen und drückte sie einen Moment sachte. Er erwiderte ihre Berührung, seine Hände waren rau und kräftiger, als sie gedacht hätte – und fühlten sich in diesem Moment einfach nur gut an.

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„Alles wird gut“, flüsterte Tessa. „Irgendwann… irgendwann wird alles gut…“
Jess richtete den Blick nach oben und sah sie an. Er lächelte, doch dieses Lächeln war voll solch unsagbarer Traurigkeit, dass Tessa sich abwenden musste, um ihm nicht die Tränen zu zeigen, die ihr in die Augen gestiegen waren...




Fortsetzung folgt!
 
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die letzten 3 absätze sind grandios, sie berühren sehr tief. schön.
schade natürlich, dass Jess einen erneuten entzug für sich ausschließt und viele dinge zwischen den beiden unausgesprochen bleiben, was die freundschaft sehr fragil macht - aber das wird wohl nciht anders gehen, solange Jess' verhalten von der richtigen dosis droge und nciht der richtigen dosis vertrauen und freundschaft abhängt...
ich bin total gespannt wie es weitergeht, ich mag deine story sehr. :)
 

adex

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Ich finde das du das Kapitel wieder sehr gefühlsvoll geschrieben hast. Super. Weiter so.
 

Chaotin

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Huhu, liebe Innad!

Das Kapitel war wirklich sehr, sehr schön geschrieben und ich sehe da eine sehr romantische Art von Beziehung, die sich zwischen Tessa und Jess anbahnt, was mir natürlich extrem gut gefällt. *hihi*
Ich stimme dem Zahlencödchen zu, besonders die letzten Absätze waren wunderschön und ergreifend. Ich frage mich, warum Jess' Lächeln so voller Traurigkeit ist. Liegt es daran, weil Tessa gesagt hat, dass er nur ein guter Freund sei? Und weil er sich vielleicht insgeheim mehr erhofft hatte? Oder weil er durch dieses Gespräch mehr denn je realisiert hat, dass eine Beziehung zwischen ihnen immer mit gewissen Problemen verknüpft oder im schlimmsten Fall gar nicht möglich wäre, sodass er evtl. für sich beschlossen hat, eine solche Beziehung niemals mit Tessa einzugehen? Oder liegt es einfach daran, weil er am Beispiel von Tessas Eltern wieder einmal erkennen musste, wie engstirnig Menschen sein können und mit was für Scheuklappen sie durch die Welt gehen? Ebenso frage ich mich natürlich, was hinter Tessas Tränen steckt. Ach, du wirfst so viele Fragen auf und ich kann so schön über diese Geschichte nachdenken, das gefällt mir sehr.
Das vorletzte Bild finde ich wunderschön, es schmeichelt Tessa auf eine ganz besondere Art und Weise, die ich aber nicht erklären kann.
Freu mich auf die Fortsetzung und auf alles, was da noch kommt.

LG :hallo:
 

Innad

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Erstmal möchte ich mich bei allen Lesern bedanken, die "Tiefer" als Fotostory des Monats vorgeschlagen haben! Ich kann wirklich nicht in Worten beschreiben, wie sehr ich mich darüber freue... was mir das bedeutet! Ich danke euch allen sehr!!!! :hallo:


@458749224979866: Danke Dir für Deinen lieben Kommi! Ja, Du hast leider recht - es ist nicht gut, dass zwischen den beiden so viele Dinge unausgesprochen im Raum bleiben. Sie machen sich damit etwas vor, ich kann mir nicht vorstellen, dass das auf Dauer gesund ist. Aber für Jess gibt es nur diese "zweigleisige" Art, sein Leben zu leben. Zumindest momentan. Er hat kein Ziel vor Augen, das es lohnenswert macht, den Entzug noch einmal zu versuchen.



@adex: Vielen Dank für Deinen Kommi! Freut mich sehr, dass es Dir gefällt :)



@Chaotin: Eine romantische Art von Beziehung siehst Du da also, so so ;) Ich sag jetzt mal nix dazu. :D

Jess Lächeln ist wohl aus vielen Gründen so traurig. Vor allem wohl, weil er nicht daran glaubt, dass "irgendwann wieder alles gut wird". Wieso sollte er auch? Und Tessa schmerzt wohl einfach seine unendliche Traurigkeit. Sie kann ihm nicht helfen und das macht sie schier verrückt, gerade, weil sie ihn immer lieber gewinnt, als guten Freund vor allem.

Aber da sind mit Sicherheit noch viel mehr, mannigfaltige und tiefgehende Gründe, die diese Gefühle verursachen, Du hast völlig recht. Es freut mich, dass Du da so schön nachgrübeln kannst. Vielen lieben Dank für Dein Kommi und einen dicken Knuddler! (ich hoffe, Du genießt Deine Ferien auch schön? :)



@all: Im Laufe des Abends kommt Kapitel 10!
 

Innad

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Kapitel 10
Unter Druck



Tessa schlug die Autotür hinter sich zu und atmete tief durch, als sie vor ihrem Elternhaus stand. Sie betrachtete es - den gepflegten Garten, den grünen, auf den Zentimeter genau gemähten Rasen, die hellen Fensterfronten, die dank Tru immer glänzten und funkelten, als wissen sie nicht, dass es etwas wie Staub gäbe...
Normalerweise erfüllte sie ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat, wenn sie nach Hause kam, doch heute sträubte sich alles in ihr dagegen, in dieses Haus zu gehen.
Ein Blick ins Wohnzimmer verriet ihr, dass ihre Eltern nicht zu Hause waren. Erleichtert seufzte sie auf, sie hätte im Moment keine Nerven dafür gehabt, sich mit ihnen auseinander zu setzen.
In ihrem Zimmer angekommen ließ sie sich auf die Couch fallen. Es war still, nur das fröhliche Zwitschern eines Vogels drang von draußen ins Zimmer, sowie das Rauschen der sich langsam verfärbenden Blätter der Bäume.
Tessa seufzte schwer.

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Sie fühlte sich heute noch hilfloser und trauriger als sonst. Noch nie hatte sie Jess so fertig und abgespannt gesehen – und das schlimmste war, dass sie genau wusste, dass eben jener Anblick, der sich ihr heute geboten hatte, nur die Spitze des Eisberges darstellte – er hatte vermutlich recht aufgeräumt ausgesehen, dafür, dass er mal wieder unter leichten Entzugserscheinungen litt.
Manchmal rutschte sein Ärmel ein Stück nach oben und entblößte den erschreckenden Anblick von kleinen Einstichstellen, die teilweise von hässlichen Blutergüssen umrandet waren. Jedes mal wenn Tessas Blick über diese so verräterischen Zeichen seines „anderen Lebens“ streifte, schien sich ihr Herz zusammenzuziehen und hin und wieder packte sie das Gefühl, Jess zu schütteln, anzuschreien, zu ohrfeigen – wie ein ungezogenes Kind, und das alles nur, um irgendein Ventil für ihre Angst zu finden.
Doch selbst das würde nichts helfen, das wusste sie. Sie musste ihn so nehmen, wie er war… so schwer und unmöglich das auch schien.
Tessa sah vor ihrem inneren Augen das erschöpfte Gesicht von Jess auftauchen und spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Erfolglos schluckte sie gegen die Tränen an, die ihr in die Augen stiegen und gab ihren Widerstand schließlich auf und schluchzte hinter vorgehaltenen Händen: „Ach Jess! Wenn ich doch nur wüsste, wie ich dir helfen könnte! Könntest du doch nur aufhören, dieses gottverdammte Zeug zu nehmen!“

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Tessa wischte sich die Tränen aus den Augen. Was half es schon, wenn sie weinte und schluchzte – es änderte nichts.
Wieso konnte Jess kein normaler junger Mann sein? Er wäre der beste Mensch, den sie gekannt hätte… das beste, war ihr je passiert wäre…
Tessa spürte, wie sie ein schlechtes Gewissen überkam. War es das nicht auch so schon…?

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Das Klopfen der Tür riss sie aus ihrem Gedankenstrom. Sie hatte nicht bemerkt, dass ihre Eltern zurückgekehrt waren. Schnell wischte sie sich die letzten Tränenspuren aus dem Gesicht und stand auf, als ihr Vater ins Zimmer trat.
„Hallo Tessa!“
„Ich hab euch gar nicht kommen hören“, sagte sie schnell. „Wo… wo ward ihr denn?“
Ihr Vater sah sie ernst an. „Dasselbe könnte ich dich fragen…“
Tessa schluckte und spürte, wie sie ein ungutes Gefühl beschlich.
„Was meinst du?“

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„Niklas war vorhin bei uns. Er sagte uns, dass er nichts von einem Treffen mit dir wüsste. Wenn also Niklas bei uns war und du fort, so frage ich mich, wo du warst und viel mehr noch, warum du uns sagtest, du habest eine Verabredung mit Niklas?“
Tessa spürte, wie es ihr heiß und kalt wurde. Was sollte sie nur sagen?
„Um ehrlich zu sein… ich hab das nur gesagt, damit Mama nicht mehr ständig darauf herumhackt. Ich meine… du hast es gestern doch mitbekommen. Sie kann sich nicht von dem Gedanken lösen, Niklas und ich kämen wieder zusammen. Das belastet mich.“
Sie lächelte ihren Vater tapfer an und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, was in ihr vorging. „Kannst du das nicht verstehen?“

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Ihr Vater runzelte die Stirn und lächelte dann leicht. „Doch, das kann ich schon. Aber sie meint es ja nur gut. Trotzdem würde ich gerne wissen, wo du stattdessen warst?“
„In der Stadt“, log Tessa schnell. „Ein Eis essen, ein bisschen spazieren. Es ist heute so schön draußen…“
Ihr Vater sah sie skeptisch an. „Nun gut. Du weißt, du musst uns keine Rechenschaft ablegen, wo du hingehst, nur möchte ich auch nicht, dass du die Unwahrheit sprichst.“
Tessa spürte, wie das schlechte Gewissen in ihr aufloderte. Sie hasste es zu lügen – aber ließ man ihr denn eine andere Wahl? Wohl kaum.
„Niklas hat uns aber noch mehr gesagt“, fuhr ihr Vater fort. „Er meinte, dass du in letzter Zeit kaum noch zu erreichen wärst und dich seltsam verändert hättest.“

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Tessa schüttelte den Kopf und ihr Gesicht verzog sich fast wütend.
Natürlich war sie anders als sonst! Was sie in den letzten Wochen erlebt hatte, schien ihr Weltbild in den Grundmanifesten zu erschüttern! Aber hatte Niklas sie einmal selbst danach gefragt?
„Niklas hat jetzt seine Bettina“, sagte sie aufgebracht. „Er ist es, der nicht mehr so oft anruft!“
„Schon gut, Tessa – das geht mich ja auch eigentlich gar nichts an“, sagte ihr Vater besänftigend. Er befürchtete offenbar, gleich einen Ausbruch weiblicher Eifersüchtelei mit erleben zu müssen und wollte dieses Gespräch daher schnell in andere Bahnen lenken.
„Ich möchte nur wissen, ob alles in Ordnung bei dir ist?“
Tessa senkte den Blick. War alles in Ordnung? Konnte man das so nennen? Wie gerne hätte sie sich ihrem Vater anvertraut – doch noch zu gut hatte sie das vorabendliche Gespräch in Erinnerung. Daher sagte sie nur: „Ja, es ist alles in Ordnung.“
„Gut, Tessa. Aber sieh zu, dass du das mit Niklas klärst. Seine Freundschaften muss man pflegen, es ist nicht gut, sich zu isolieren“, erwiderte ihr Vater.

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Als er an der Tür stand, drehte er sich noch einmal zu ihr um.
„Und ruf Niklas an. Er macht sich Sorgen und wartet darauf, dass du dich meldest.“
Tessa seufzte. „Ja, ich werde ihn anrufen.“
„Gleich jetzt, ja?“
„Ja… gleich jetzt.“
Als die Tür sich hinter Tessas Vater schloss, entfuhr dieser ein Seufzer der Erleichterung. Sie fühlte sich fast, als sei sie nur haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschlittert.
Ihr Blick fiel auf das Telefon. Sie hatte es versprochen, sie musste Niklas anrufen… sie musste einfach versuchen, so normal wie möglich zu sein, damit niemand Verdacht schöpfte. Vielleicht würde irgendwann ein Zeitpunkt kommen, an dem sie allen erzählen konnte, was geschehen war... doch noch war es nicht soweit.
Also griff sie zum Hörer und wählte Niklas Nummer. Da er zu Haus nicht zu erreichen war, versuchte sie es noch einmal auf dem Handy. Es klingelte nur zweimal, dann war er am Apparat.
„Hei Niklas, hier ist Tessa!“ Sie versuchte, fröhlich und gelassen zu klingen.
„Tessa – gut, dass du anrufst. Ich war heute Mittag bei euch, aber du warst nicht da!“
„Ich weiß, mein Vater hat es mir ausgerichtet. War etwas besonderes oder wolltest du nur so vorbei schauen?“

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„Nicht wirklich“, erwiderte Niklas und Tessa spürte, dass seine Stimme anders als sonst klang. „Ich muss dringend mit dir reden. Können wir uns treffen? Bei dir, in einer halben Stunde?"
Tessa zuckte zusammen, ließ sich aber nichts anmerken. Dass Niklas so dringend mit ihr reden wollte, konnte ja auch andere Gründe haben als ihr Verhalten – vielleicht war ja sogar etwas mit Bettina? Vielleicht hatten sie sich getrennt? Dieser Gedanke schien sie auf unerklärliche Weise zu erleichtern und sie spürte fast so etwas wie Schadenfreude, im gleichen Moment aber Mitleid mit Niklas. Bestimmt war etwas mit Bettina, wenn es so dringend war…
„Gib mir eine Stunde“, sagte sie darum. „Ich mag noch etwas essen und mich frisch machen.“

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„Gut, das passt, ich bin noch bei meinen Eltern und muss auch nochmal zu Haus vorbei. In einer Stunde bin ich da.“ Und schon hatte er aufgelegt.

Nachdenklich kratzte Tessa sich am Kopf. Ob sie recht hatte mit ihrer Vermutung? Oder ob er doch wegen ihr kam?
Sie seufzte und hoffte, dass er ihr nicht zu viele Fragen stellen würde, die sich nicht würde beantworten können… oder vielmehr - wollen...




Fortsetzung folgt!
 
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Gast 208

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So, in der Nacht liest es sich gleich noch mal so schön ;-). Ich finde einfach keine Ruhe und dachte mir, schaust doch ins Forum. Und hier nun meine Kommis, schön aufgelistet zu jedem einzelnen Kapitel, dass ich noch nicht gelesen und kommentiert habe. Viel Freue *zwinker*.

Kapitel 6:
Mir lief es echt eiskalt den Rücken hinunter, als ich von Jess Geständnis gelesen habe. Es rührt und schockt einen gleichermassen, was dieser junge Mensch schon erdulden musste, was er schon erlebt hat und wie kaputt er gleichzeitig ist. Ein zerstörtes Leben, welches noch nicht einmal angefangen hat. Ein Leben, dass gerade erst beginnen sollte…nun schon am Abgrund. Ich hab viel erwartet, aber das irgendwie nicht. Drogen waren mir fast klar, aber das Jess schon so tief gesunken ist…diese Wendung wirft ein völlig neues Licht für mich auf die Situation. Auch in Bezug auf Tessa. Ich finde es bemerkenswert, dass sie trotzdem nicht wegsieht, sondern für ihn da sein will. Ihm helfen, oder ihn zumindest kennen lernen will. Die meisten wären davon gelaufen, hätten die Augen geschlossen und wären in ihr Leben zurückgekehrt. Das so schön geordnet und korrekt ist. In dem es all das nicht gibt. Tessa weiss, Jess gehört jetzt dazu und sie möchte, dass es so bleibt und ihm auch etwas geben. Etwas, dass wirklich mit dem Leben zu tun hat. Vielleicht gelingt es ihr sogar…ich traue ihr viel zu.
Schreibstil wie gewohnt hammermässig. Der raubt mir schon bei unserer Story immer den Atem…ich finde es Wahnsinn, wie du der Story ihren Charme einhauchst. Toll gemacht, die Fotos echt klasse geschossen und toll die Szenen darauf dargestellt.

Kapitel 7:
Hier fand ich mal wieder den Austausch zwischen Niklas und Tessa sehr amüsant und locker. Das heitert alles auf und zeigt auch diese krassen Gegensätze eines Lebens. Auf der einen Seite Jess Schicksal, auf der anderen die beschwingte Heiterkeit von jungen Menschen. Gerade diese krassen Gegensätze find ich an dieser Story so faszinierend.
Das Gespräch zwischen Jess und Tessa hat mich sehr bewegt. Ich finde es Wahnsinn, wie tief Jess anderen in die Seele schaut. Ich glaube, er könnte so viel aus sich machen, wenn er nur aus diesem Sumpf heraus käme. Doch das schafft er nicht allein – vielleicht ist Tessa dieser neue Weg?
Besonders schön finde ich, wie er auf sie eingeht und ihre Ängste spürt, ernst nimmt und versucht, zu verstehen. Er ist ein feiner Mensch, dass merkt man hier ganz deutlich.
Text wie immer auch hier sehr schön – Fotos passend und ausdrucksstark.

Kapitel 8:
„Sozialer Abfall“….das hat mich ziemlich schockiert. Wie kann man nur so behaftet sein von Vorurteilen und so abwertend sprechen? Klar gibt es Menschen, denen man echt nicht helfen kann. Aber alle so über einen Kamm zu scheren…viele rutschen völlig unbeabsichtigt ab und finden nicht zurück ins Leben. Sie haben auch Rechte und auch sie möchten leben und sollen leben. Ich find es heftig, die Tessas Mama reagiert. Mich schockt das jetzt total, auch wenn ich von dieser nicht unbedingt etwas viel anderes erwartet hatte. Sie wirkt direkt „spießig“ und in ihrer Welt gefangen. Hauptsache es passt alles, der Rest kommt unter den Teppich. Brav, fein, säuberlich.
Klar, dass Tessa sauer reagiert und auch völlig fertig ist. Ich bin total gespannt, wie es weiter geht und ich hab den Vorteil…ich weiss es gleich. *lach*
Auch hier super schön geschrieben – Fotos passend und ausdrucksstark.

Kapitel 9:
Dieses Kapitel find ich sehr traurig…es zeigt die beinahe übergrosse Mauer, welche zwischen Jess und Tessa steht. Diese zwei verschiedenen Welten, welche da aufeinander prallen. Tessa möchte Jess in ihre Welt lassen und auch seine verstehen lernen. Doch sie überwindet diese Mauer nicht, sondern erkennt die tiefen Schluchten deutlicher denn je. Dennoch ist sie mit ihm verbunden und zeigt ihm, dass er auf sie zählen kann.
Ein Kapitel voller Emotionen und tiefer Gefühle. Voller trauriger Bitterkeit, Tatsachen und dem Leben! Das alles, was man verdrängt und woran man sonst vorbei geht – du zeigst es auf. Sehr mutig und ein sehr ernster Stoff. Er regt zum Nachdenken an und du kriegst das mal wieder super hin.
Text klasse –Fotos klasse!

Kapitel 10:
Hhm…ich grüble echt darüber nach, was Niklas wohl von Tessa möchte. Er kommt mir direkt komisch vor. Nicht so heiter wie sonst – sondern direkt ernst. Da scheint etwas im Busch zu sein –hat er Tessa mit Jess gesehen? Oder ist doch etwas mit Bettina?
Du hast das Gespräch zwischen Tessa und ihrem Vater sehr schön aufgezeigt und auch ihr Verhalten macht deutlich, dass Jess etwas bei ihr zurück lässt. Niemals mehr kann sie einfach so weiterleben ohne hin, dafür hat er sich viel zu sehr in ihrem Herzen verankert. Hab schon Angst um Tessa…ich möchte nicht, dass sie sich etwas erhofft was vielleicht nie passieren wird??? Aber sie erscheint mir stärker, als man es annimmt.
Ich bin total gespannt, was Niklas ihr sagen will…
Mach schnell weiter, *lach*. Und meine nächtliche Kreativität hat jetzt auch ein Ende. *gähn* Ich hüpf noch rüber zur Jule und dann geht’s ins Bett.

Kussi
Deine Chrissy
 

Chaotin

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Sooo, jetzt zu meiner lieben Innad.
Ich hatte die Fortsetzung gestern schon gelesen, war aber so im "Foto-Knips-Fieber", dass ich meinen Kommentar auf heute verschoben hab. *gg*
Also, irgendwie finde ich Tessas Vater ja sehr niedlich. Er wirkt ein wenig hölzern und distanziert, aber man merkt ihm an, dass er seine Tochter sehr lieb hat und sich einfach nur Sorgen um sie macht. Gleichzeitig möchte er sich aber auch nicht zu sehr in ihr Privatleben einmischen. Ach ja, Väter können manchmal schon schnuffig sein, wenn sie versuchen, mit ihrer (einzigen) Tochter zu reden und sich dabei total unbeholfen anstellen. Auch wenn Tessas Eltern nie viel Zeit für ihr Kind hatten, so mag ich ihren Vater doch irgendwie.
Den Anfang des Kapitels fand ich ganz schön... erschreckend. Er war so traurig und spiegelt soviel Wahrheit wieder. Jess' Schicksal durchleiden jeden Tag so viele Menschen und man selbst ist so hilflos. Tessa steckt jetzt genau in dieser Situation und ich weiß auch gar nicht, was man ihr und Jess raten könnte, was zu tun ist. Sehr schwierig das alles...
Ich bin mal gespannt, was Niklas von Tessa möchte.
Sehr, sehr schöne Fortsetzung. Ich mag deinen Schreibstil wirklich unheimlich gern, du hast da einfach den Dreh raus. *Hut zieh* =)

LG :hallo:
 

Nightangel

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Ne schöne Story

:hallo:Huhu Innad!
Ich bin durch zufall zu diser fs gelangt
und freue mich sehr darüber...
Echt ich finde deinen Schreibstill echt klasse....
Die Bilder sehen super aus.....
Vor alem bin ich sehr gespannt wie es weiter geht.....
Es wäre also schön wenn du mich benachrichtigen würdest......
:lalala:Lg Rama
 

Innad

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@Chrissy: Hui, da hast Du aber einen Nacht-Marathon hinter Dich gebracht letzten Samstag, was? :)

Das find ich ja super!

Ja, Du hast in vielem Recht, was Du geschrieben hast - Jess Leben war eigentlich schon kaputt, bevor es richtig angefangen hat. Dass Tessa nun erst recht nicht wegschaut, zeichnet sie wirklich aus, das stimmt. Aber sie ist schon viel zu sehr mit ihm verwebt, auch wenn sie ihn noch nicht lange kennt. Was Du zu Kap 7 schreibst, stimmt - genauso sollte es sich auch darstellen. Jess ist ein sehr feiner Mensch, er hat einen guten Charakter, was ihn auch auszeichnet, dass er trotz seiner Geschichte noch so ist, wie er ist.

Das macht es für Tessa natürlich nicht einfacher.

Zu Tessas Mutter - ich fürchte fast, sie denkt gar nicht so recht über das, was sie sagt, nach. Wenn sie sich ihre eigenen Worte nochmal anhören und echt darüber NACHDENKEN würde, vielleicht tät sie sich selbst dafür schämen, ich weiß es nicht genau, aber ich könnt es mir vorstellen.
Für Tessa ist das natürlich furchtbar, denn es weist die kluft zwischen ihr udn Jess deutlicher auf denn je.

Was denkst Du denn, was Tessa sich von Jess erhoffen könnte *neugierigin* ? Was Niklas von ihr möchte, erfährst Du dann jetzt gleich :)

Danke für diese ausgiebigen Kommis, meine liebe :)!


@Chaotin: Ich bin verwirrt :D wer von uns hat denn nun eigentlich den Hut? :D Oder haben wir beide einen? *gg*

Aber nun mal zu Deinem Kommi - Du hast Tessas Papa sehr schön erfasst, genauso sollte er wirken. Er wird im kommenden Verlauf auch keine unwichtige Rolle spielen, soviel darf ich schon verraten ;) von daher find ich es schön, dass du ihn genauso empfunden hast - nicht unbedingt oberflächlich, sondern einfach auch etwas unbeholfen.
Was man Tessa und Jess raten könnte... das wüsste ich so nun auch gar nicht. Ich glaube, die Situation ist ziemlich vertrackt, so lange sich nichts nach vorne oder hinten bewegt. Tessa kann und will sich nicht zurückziehen und Jess kann und will nichts an seiner Situation ändern, damit ist das Chaos sozusagen perfekt.

Danke für Deinen lieben Kommi, ich freu mich immer so drüber ! :)



@Rama: Ich freu mich sehr, dass Du ab sofort mitlesen willst!! Ich setze Dich natürlich direkt auf meine Benachrichtigungsliste *freu*

Danke Für deinen lieben Kommi, freut mich total :)




@all: So. Obwol ich eigentlich was anderes zu tun gehabt hätte als Kapitel 11 fertigzumachen, hab ich es getan - ich hoffe, ihr würdigt das ein bißchen :D Und wünsch euch viel Spaß dabei!
 

Innad

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Kapitel 11

Enttäuschungen




Eine Stunde später saßen Niklas und Tessa nebeneinander auf der Couch und schwiegen.
Es war eine seltsame Situation, die es zwischen den beiden Freunden so nie gegeben hatte.
Nach einer Weile erhob Niklas schließlich die Stimme: „Tessa… weißt du, warum ich hier bin?“

Tessa sah ihn ratlos an. „Nein, Niklas. Woher auch? Ist vielleicht etwas mit Bettina nicht in Ordnung?“ Sie versuchte ihn aufmunternd anzulächeln, darauf gefasst, dass er ihr gleich traurig gestehen würde, dass die Beziehung zwischen ihm und Bettina ein Desaster sei.

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Doch nichts dergleichen geschah, Niklas sah sie vielmehr verblüfft an und sagte dann: „Nein, ganz und gar nicht, es läuft prima zwischen uns.“
Tessa schluckte. Wenn es nicht um Bettina ging, konnte das nur eines bedeuten…

„Ich mache mir viel mehr Gedanken um DICH“, fügte Niklas hinzu und sah sie aufmerksam an. „Was ist mit dir los in letzter Zeit? Du bist so anders.“
Tessa wich seinem Blick aus. „Wie kommst du darauf?“
„Du rufst nicht mehr an, du besuchst mich nicht, es scheint fast, als würdest du mir ausweichen!“
„Moment mal – du warst in den letzten Wochen auch sehr mit deiner Bettina beschäftigt“, sagte Tessa und versuchte, ihre Stimme nicht allzu giftig klingen zu lassen.
„Ist es das? Fühlst du dich von mir vernachlässigt?“
Tessa sah ihn an und spürte, wie sehr sich alles dagegen wehrte, ihn anzulügen.
„Kann schon sein“, sagte sie darum nur leise.

Niklas jedoch musterte sie prüfend und schüttelte dann den Kopf. „Das kannst du erzählen, wem du willst, aber nicht mir. Ich kenne dich wie meine Westentasche und ich merke, dass du Probleme hast – weitaus größere als meine Beziehung mit Bettina. Was ist los?“
Verzweifelt sah Tessa ihn an und spürte, wie der Drang danach, sich endlich jemanden – ihm!- anzuvertrauen, sekündlich stärker wurde.
„Ich sehe es in deinen Augen, Tessa. Bitte sag mir, was los ist, was dich belastet.“
Tessa wich seinem Blick aus. „Ich kann es dir nicht sagen.“

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Niklas sah sie sanft an und griff nach ihrer Hand. Seine Hand war warm und fest und ein wohliges Gefühl durchdrang sie.
„Deine Hände sind eiskalt“, sagte er weich. „Was ist los? Du hast mir schon immer alles erzählt… wieso machst du das auf einmal nicht mehr?“
Tessa schüttelte schwach den Kopf. „Ich kann es einfach nicht.“
„Und warum?“
„Weil du es nicht verstehen würdest.“
„Wie kannst du das wissen, wenn du es nicht versuchst?“
„Ich weiß es einfach.“ Sie sah ihn traurig an und Niklas schluckte besorgt, er hatte Tessa nie so niedergeschlagen erlebt.
„Hab ich dich jemals enttäuscht? Egal in was?“ fragte er sanft.
„Nein…“
„Wieso vertraust du mir dann nicht auch diesmal?“
Tessa sah ihn unsicher an und spürte, wie ihr Widerstand immer kleiner wurde. Würde er es nicht doch verstehen? Sie waren sich so nahe, es konnte nicht sein, dass er so anders denken würde als sie. Vielleicht würde er ihr sogar helfen, sich auch mit Jess anfreunden – vielleicht könnten sie ihn zu zweit überzeugen, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen?

Sie spürte, dass sie jemanden brauchte, mit dem sie ihr Geheimnis und dessen Last teilen konnte… und wenn dieser Jemand nicht ihr bester und innigster Freund Niklas sein konnte, wer dann?
„Versprich mir, dass du es niemanden sagen wirst. Ganz egal, wie du darüber denkst.“ Sie sah ihn ernst an. „Schwör es mir!“

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„Natürlich werde ich es niemandem sagen, das verspreche ich dir. Aber bitte sag mir nun, was los ist.“

Und bevor Tessa weiter darüber nachdenken konnte, ob sie das richtig oder falsche tat, sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus… sie erzählte Niklas alles, begonnen mit jenem Tag, an dem sie Jess im Supermarkt getroffen hatte. Sie erzählte ihm Jess´ traurige Geschichte und sie sprach von ihren Ängsten und dem Gefühl der Hilflosigkeit, Jess nicht helfen zu können.
Die Worte kamen hastig und überstürzt aus ihrem Mund, als wolle sie diese so schnell als nur irgend möglich herausbringen, sie fasste das Geschehene so straff zusammen, wie es ging, um schließlich den Blick zu senken und auf Niklas´ Reaktion zu warten.

Doch dieser schwieg und als Tessa aufblickte und in seine Augen sah, durchfuhr sie die stechende Erkenntnis, dass es ein Fehler gewesen war, ihrem besten Freund alles anzuvertrauen.
„Was denkst du darüber, Niklas?“ sagte sie mit rauer Stimme. „Kannst du mich verstehen?“
Er sah sie ernst an und schüttelte dann den Kopf.
„Nein“, antwortete er ehrlich. „Nein, Tessa – ganz… ganz ehrlich, ich bin völlig schockiert über das, was du mir da gerade erzählt hast.“ Er sprang auf und baute sich vor ihr auf wie vor einem kleinen Kind. „Wie kannst du nur so einem dreckigen Junkie helfen?!“

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Tessas Augen weiteten sich. Ein lautes Klirren wie von zerbrochenem Glas hallte in ihrem Kopf wider und sie brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass es nur das Echo des Zerbrechens des bisher wertvollsten Schatzes, den ihre Seele beherbergt hatte, gewesen war.

Für einen Moment war es ihr unmöglich zu atmen, so sehr schnürte der Schmerz ihre Brust ein. Dann brachen Wut, Enttäuschung und der unsagbare Schmerz in ihr mit einer Wucht aus ihr heraus, als sie aufsprang und sich ihre Stimme hell überschlug: „Wie… wie kannst du sowas nur sagen? Bist du verrückt geworden? Ich habe dir eben zu erklären versucht, dass er nicht einer dieser typischen … Junkies…“ sie spuckte das Wort aus wie Dreck, „ist … und du… du…“

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Ihr fehlten die Worte, um ihrem Entsetzen Laut zu geben.
Niklas sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an und erwiderte ärgerlich. „Du bist viel zu naiv, Tessa! Was du da tust, ist einfach nur gefährlich, verstehst du das denn nicht? Wenn dieser Typ eines Tages unter Entzugserscheinungen ist, wird er nicht mehr sein als eine tickende Zeitbombe! Er könnte dich schlagen oder überfallen – oder töten!“
Tessa sah ihn fassungslos an. „Jess würde mir nie etwas antun! Nie!“
„Du bist zu gutgläubig! Mein einziger Rat ist nur der: Lass die Finger von diesem Junkie, bleib in deiner eigenen, weitaus besseren Welt zu Hause, Tessa! Himmel… du… du brauchst dich doch nicht abzugeben mit so einem… so einem… Abschaum!“
Tessa stockte erneut der Atem und sie starrte Niklas entgeistert an. Es schien ihr, als kenne sie den Menschen, der vor ihr stand, nicht wieder.

„Das… das ist deine Meinung?“ rief sie aufgebracht.
„Was soll das schon heißen, meine Meinung?“ erwiderte er langsam und ruhiger. „Ich denke doch einfach nur, dass das, was du tust, gefährlich ist. Und ich kann dich nicht verstehen, Tessa – ich dachte immer, du verabscheust Drogen…“
„Natürlich tu ich das! Aber… das hat doch gar nichts mit Jess zu tun. Niklas, versteh doch – ich habe einen wundervollen Menschen getroffen, und ich mag ihn – ich mag ihn sogar sehr, verstehst du! Ich will ihn nicht an diese verfluchten Drogen verlieren!“
„Wie kann er ein wundervoller Mensch sein, wenn er drogenabhängig ist? Wenn er diesen Mist einnimmt, der ihn verändert … der stiehlt und raubt und Verbrechen begeht… und andere Menschen für seine Drogen bezahlen lässt!“
„Mein Gott!“ rief Tessa aus. „Denkst du denn, er tut das zum Spaß?“
„Nein, aber er TUT es – und das reicht! Nein, Tessa, wirklich – halt dich in Zukunft fern von ihm!“

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Herausfordernd funkelte Tessa ihn an. „Was? Willst du mir das etwa verbieten oder wie? Vergiss es doch! Du hast mich schrecklich enttäuscht!“
Sie starrten sich einen Moment feindselig an, dann sagte Niklas: „Ja, gut, von mir aus. Aber du hast mich auch enttäuscht, Tessa. Ich hätte nie von dir gedacht, dass du so etwas tust!“

Tessa fuhr auf. „Was? Was hab ich den getan? Dass ich HINTER die Fassade schaue, versuche, mich in die Menschen hineinzufühlen und sie nicht alle einfach ohne nachzudenken über einen Kamm schere? Dass ich nicht so verdammt unfair bin wie du?“ Sie sah ihn an und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Verzweifelt schlug Tessa die Hände vors Gesicht und wimmerte: „Geh einfach, Niklas! Lass mich allein! Und vergiss, was ich dir gesagt habe!“

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Niklas´ Gesichtszüge wurden sanfter. „Tessa… nun beruhige dich doch.“
Doch sie wich ihm aus, als er versuchte, sie in den Arm zu nehmen. „Lass mich! Ich will dir nicht mehr zuhören, geh einfach, geh – und vergiss alles, was ich dir erzählt hab!“
„Ich kann nicht“, erwiderte er und sah sie ernst an. „Ich mache mir Sorgen um dich. Ich habe Angst, dass dieser Junkie dir eines Tages weh tun wird…“

Tessa sah auf und stammelte : „Du kennst ihn nichtmal und trotzdem richtest du über ihn!“
„Aber ich kenne diese SORTE Mensch!“ rief Niklas aufgebracht.
„WOHER??! WOHER???!“ Tessas Stimme war inzwischen hysterisch.
Niklas zuckte hilflos mit den Achseln. „Ich weiß nicht… ich kann mir einfach vorstellen, wie die sind…“
„Vergiss es!“ schluchzte Tessa. „Geh einfach nur noch! Geh jetzt!“ Ihre Stimme klang schrill.
„Tessa – hör auf, ihn zu treffen!“
„Vergiss es!“
Er packte sie unsanft am Arm, sein Gesicht war nun wütend.
„Hör mir zu, Tessa! Dieser Typ kann gefährlich werden! Lass es! Denk doch nur daran, was deine Eltern sagen würden, wenn sie das wüssten!“

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Er verstummte und sah sie vielsagend an.
Tessas Augen weiteten sich. „Was… warte einen Moment“, stammelte sie. „Du… du hast doch nicht vor, es ihnen zu sagen?“
Und da er keine Antwort gab, rief sie aufgebracht: „Niklas!! Du .. du hast es versprochen! Du hast es geschworen!“
„Da wusste ich noch nicht, wie schlimm das, was du mir sagen würdest, ist“, erwiderte er.
„Deine Einstellung ist zum Kotzen, gelinde gesagt“, zischte Tessa und wies zur Tür. „Und nun geh endlich! Und halt dein Versprechen! Bitte!“ Das letzte Wort klang flehentlich.

Niklas sah sie an. „Ich werde es ihnen nicht sagen – wenn du mir versprichst, diesen Junkie nie wieder zu sehen!“
Tessas Miene wurde kalt. „Ein Versprechen ist bedingungslos, Niklas. Das weißt du so gut wie ich.“ Sie sah ihn eiskalt an. „Wenn du auch nur Wort sagst, werde ich dich abgrundtief hassen!“

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„Ich tu es nur zu deinem besten!“ sagte Niklas aufgebracht. „Du bist zu naiv und kindisch, um zu begreifen, was für einen Schwachsinn du da machst!“

Tessa spürte, wie sie ihre Kräfte verließen. Sie hatte keine Energie mehr, Niklas weitere Widerworte zu geben, ihn anzuschreien oder anzuflehen. Sie schüttelte nur den Kopf und ein Schluchzen schüttelte ihren Körper.
„Du bist der schlechtere Mensch – nicht Jess!“ schluchzte sie hinter vorgehaltenen Händen.
„Du bist verrückt geworden, Tessa!“ zischte Niklas wütend und drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür.

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„Ich werde ein Auge auf dich haben! Wenn du es eben nicht selbst einsiehst, muss ich mich eben darum kümmern.“ Seine Stimme klang schneidend kalt, als er sich endgültig abwandte und zur Tür ging.

Tessa sah nicht mehr auf und stand schluchzend in der Mitte des Raumes. Etwas in ihr war zerbrochen und sie wusste, es würde nie wieder heil werden… nie wieder.



Fortsetzung folgt!
 

Sexy_Lexi

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Oh mein Gott!!! Was ist Niklas denn bitte für ein A****? Ich dache, er würde Tessa verstehen und ihr helfen, aber so kann man sich täuschen. Es ist ein bisschen wie im richtigen Leben. Erst in schwierigen Situationen lernt man seine wahren und falschen Freunde kennen. Er meint es zwar nur gut, aber wie kann man denn so voller Vorurteile sein?
Ich finde deine FS schon allein deshalb toll, weil Tessa nicht diese Vorurteile hat und den Menschen in Jess sieht.
Kannst du mich vielleicht auch benachrichtigen? Bin schon sehr gespannt, ob Niklas es wirklich Tessas Eltern erzählen wird und wie sie darauf reagieren werden.

Liebe Grüße,
Lexi
 

Nightangel

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Klasse Fs

:hallo:Huhu Innad!
ich kann mich da nur voll und ganz Sexy_Lexi anschlißen...
Ich bin sehr gespannt wie es weiter geht.....
deine Bilder sehen spitze aus
und passen sehr gut zum Text......
Mach weiter so.....
:lalala:Lg Rama
 

Chaotin

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Boah!

Liebe Innad!

Mit diesem Kapitel hast du dich selbst übertroffen. Es ist meiner Meinung nach das beste bisher. Klasse!
Also, dass Niklas so scharf reagiert, hätte ich nicht gedacht, er wirkte immer so verständnisvoll und fröhlich. Ich hätte erwartet, dass er nicht so voller Vorurteile steckt. Aber so kann man sich täuschen und ich kann mir gut vorstellen, wie Tessa sich nun fühlt. Ich bin auch einmal von einem Menschen zutiefst enttäuscht worden, der mir sehr nahe stand und von dem ich auch nie gedacht hätte, dass er mich so verletzen kann. Sowas tut verdammt weh. Und gerade das ist es, was ich an deiner FS so liebe (ja, ich liebe sie wirklich): sie ist authentisch und realistisch und du beschreibst so toll, dass ich eben immer wieder über die Story und ihren Inhalt grübeln kann oder mich selbst darin entdecke und denke: ha, das kenne ich! Eigentlich kann ich da nur das Kompliment zurückgeben, welches du mir heute bei "Labyrinth" gemacht hast. *g* Ich mag eben auch sehr gern solche Geschichten, die das wahre Leben und dessen Konflikte zum Thema haben und sich mit der Innenwelt eines Menschen auseinandersetzen. Und darum sag ich es jetzt noch einmal: du triffst mit dieser Geschichte nicht nur absolut meinen Geschmack, sondern auch meinen Nerv.
Noch mal zu Niklas (mein Kommi ist ein wenig ungeordnet, ich weiß *g*): ich weiß, dass er es nur gut meint, aber er packt das an der falschen Stelle an und betrachtet die Situation viel zu sehr aus seiner eigenen Sicht. Er sollte versuchen, empathischer und offener zu sein. Und dass er Tessas Eltern unter Umständen davon erzählen will, finde ich krass. Einerseits verstehe ich ihn da, er macht sich halt große Sorgen, andererseits übertreibt er aber auch arg. Sehr schön fand ich in diesem Zusammenhang folgende Stelle:
Tessas Miene wurde kalt. „Ein Versprechen ist bedingungslos, Niklas. Das weißt du so gut wie ich.“ Sie sah ihn eiskalt an. „Wenn du auch nur Wort sagst, werde ich dich abgrundtief hassen!“
Ich finde, sie verdeutlicht ziemlich gut Tessas Verzweiflung und auch ein bisschen ihre Gutgläubigkeit und ihre leicht kindliche Naivität.
Meine Lieblingsstelle aber ist diese hier:
Tessas Augen weiteten sich. Ein lautes Klirren wie von zerbrochenem Glas hallte in ihrem Kopf wider und sie brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass es nur das Echo des Zerbrechens des bisher wertvollsten Schatzes, den ihre Seele beherbergt hatte, gewesen war.
Wow, wie poetisch! :eek: Richtig toll, ehrlich! Ich bin ganz begeistert von diesem Satz!
Ach so, was den Hut angeht... ich bin auch verwirrt. =)
Mach weiter so!

LG :hallo:
 

Gast 208

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Liebe Innad!

Mit diesem Kapitel hast du dich selbst übertroffen. Es ist meiner Meinung nach das beste bisher. Klasse!


LG :hallo:


Das unterschreibe ich so!!! Auch meiner Ansicht nach ist das dein, Innad, bisher bestes und ausdrucksstärkstes Kapitel! Mich hat es direkt umgehauen! Es ist so hammermässig gut geschrieben, so ausdrucksstark und emotionsgeladen...du hast es einfach spitzenmässig hinbekommen!
Ich muss sagen, es gibt keinen schlimmeren Vertrauensbruch als den, welchen Niklas begannen hat! Wie muss es jetzt in Tessa aussehen? Wie verdammt weh muss das tun??? Wie kann man nur so verbohrt und voller Vorurteile sein??? Warum tut er ihr so weh? Ein Schlag ins Gesicht könnte gar nicht schmerzhafter sein!!! Idiot, ehrlich!
Es ist scheiss egal, was Jess hinter sich hat. Ganz egal, was er gemacht hat oder ähnliches. Was er Tessa angetan hat, ist sehr viel schlimmer.
Ich kenne das Gefühl, so fallen gelassen zu werden. Wenn alles in einem zerbricht und man nicht weiss, was los ist. Wenn man alles in Frage stellen muss, was bisher war. Wenn man enttäuscht, verletzt und abgeschoben wurde. Ich kenne es - und wünsche es niemanden! Ich hab richtig Tessa vor mir gesehen - wie ihre Gesichtszüge entgleisen und sie nicht weiss, wie ihr geschieht!
Arme Tessa! Sie tut mir so sehr leid! Ich hoffe einfach, sie kann diesen Schlag verkraften. Ich befrüchte, zwischen ihr und Niklas wird es nie mehr so sein, wie es mal war. Dazu war der Vertrauensbruch zu gross! Er hat in meinen Augen völlig falsch reagiert. Ich verstehe seine Sorgen, aber dadurch hat er sie völlig von sich weggestossen. Mit mehr Verständnis hätte er viel eher was erreicht!
Ich bin gespannt, was nun kommt!
Kann nur sagen - dieses Kapitel hat bisher alles übertroffen! Ganz fettes Lob, auch für die klasse Fotos!

Deine Chrissy
 

Innad

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@SeyLexi: Ich freu mich sehr über Deinen Kommi und dass Du mitliest :) Ja, Du hast recht - in wahren Situationen erkennt man, wer die richtigen Freunde sind und wer nicht. Wobei ich schon verstehen kann, dass Niklas sich Sorgen um Tessa macht, aber dass er das so äußert, ist schon schlimm. Er kann da eben nicht aus seiner Welt heraus...

Natürlich benachrichtige ich Dich gerne!


@Rama79: VIelen Dank für Deinen lieben Kommi! Es freut mich, dass Dir die Bilder so gut gefallen und Du sagst, sie passen zum Text - hab da immer so meine Bedenken ;)




@Chaotin: Was für ein toller Kommi von Dir - ich bin ja ganz hin und weg :)
Es freut mich so wahnsinnig, dass Du die Story toll findest, auch, weil ich Deine ja auch so wahnsinnig gerne hab! Und ja, Du hast recht, in dieser Story wird auch nicht wahnsinnigst viel passieren, es geht mir mehr um die Innenwelten meiner Personen, denn das ist es ja eigentlich, was auch unser real life ausmacht...

Dass man von einem Menschen, der einem nahesteht, sehr enttäuscht wird, und wie sehr das verletzt, hab ich auch schon erlebt, leider nicht nur einmal :( Von daher kann ich Tesass Gefühlslage zur Zeit wohl recht gut nachempfinden...

Was Du zu Niklas´ Verhalten schreibst, trifft den Nagel meiner Meinung nach total auf den Kopf... Du hast nämlich völlig recht damit, er hat falsch reagiert, auch wenn man die Beweggründe an und für sich natürlich gut verstehen kann. Aber er hätte das ganze auch ganz anders anpacken können, er hat so sehr rücksichtslos gehandelt. Aber es ist eben seine Welt - er findet Menschen wie Jess abstoßend, denn er hat evtl auch etwas Furcht vor ihnen - ich denke nicht, dass er so ein "held" ist, dass er sich mit Tessa zu Jess gewagt hätte... es ist einfacher für ihn, das ganze einfach abzutun. Wie sehr er Tessa mit verletzt, ist ihm nicht klar, denn er kann ja gar nicht verstehen, wie ihre Ressonanz zu Jess ist... für ihn ist ihr "Vorhaben" nur ein Spleen, eine Spinnerei.

Die Stelle, die Du zitiert hast, verdeutlich tatsächlich auch Tessas Naivität ein wenig - sie denkt geradelinig und ist sehr emotional dabei. Dass Dir die andere Stelle so gut gefallen hat, find ich sehr schön. Aber poetisch hätt ich sie nu nicht direkt genannt, freu mich aber sehr, dass Du es so liest :)



@PurpleMoon: Danke Für Deinen KOmmi! Gerne benachrichtige ich Dich! :)



@adex: Auch danke für Deinen Kommi! Zu Niklas und ob er ein guter Freund ist, hab ich oben ja schon was geschrieben :)



@Chrissy: Ich glaube, Niklas begreift gar nicht, dass er Tessa verletzt, weil er die Sache an sich gar nicht ernst nimmt. Also schon in dem Sinne, dass er es für gefährlich hält, aber nicht, wie viel Tessa daran liegt. Er ist in seiner kleinen Welt zu Hause und schaut nicht über den Tellerrand. Ich denke, die Stelle, an der er sagt: Ich kenne diese Typen und Tessa schreit: Woher? macht das ganz gut deutlich.

Er glaubt WIRKLICh, Bescheid zu wissen, auch wenn er gar keine Ahnung hat. Deswegen versteht er auch Tessas Reaktion nicht wirklich und darum verletzt er sie auch, ohne es recht zu merken - bzw glaub ich, er ignoriert es einfach weg.

Ich denke Du hast vollkommen recht - es wird nie wieder zwischen beiden wie es einmal war. Denn ich denke, er hat ihr etwas sehr kostbares genommen, ihr Vertrauen. Aber dazu kommt nun auch im folgenden Kapitel wieder was.

Danke für Deinen lieben Kommi!



Und es geht schon weiter!
 

Innad

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Kapitel 12
Flucht


An diesem Abend krabbelte Tessa früh in ihr Bett. Sie fühlte sich so erschöpft wie noch nie in ihrem bisherigen Leben. Alles tat weh – jede einzelne Faser ihres Körpers, aber noch viel mehr ihre Seele und ihr Herz. Nie hatte sie deren Existenz so schmerzlich intensiv gespürt wie an diesem Abend. Wenn sie daran zurückdachte, was an diesem Wochenende alles geschehen war, schien es zu viel zu sein, um in ihren schmalen Körper und ihr eigentlich so großes Herz zu passen.
Erst die furchtbare Auseinandersetzung mit ihren Eltern, dann die traurige Begegnung mit Jess, die ihr all die Hoffnungslosigkeit dessen Situation noch mehr verdeutlich hatte als alle vorherigen Treffen es getan hatten, und letztlich dieser entsetzliche Streit mit Niklas, dessen Bilder ihr selbst noch vor Augen auftauchten, als sie mit geschlossenen Augen im Bett lag.

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Noch immer hallten seine Worte „Abschaum“, „Junkie“, „naiv und kindisch“ in ihrem Kopf wieder, immer wieder tauchte sein wutverzerrtes Gesicht, seine sonst so warmen Augen, die derart kalt und abschätzend gefunkelt hatten, vor ihr auf und es schien, als wolle sich ihr Verstand gegen dieses Paradoxum wehren, indem er Anstalten machte, sich einfach abzuschalten.
Es war das erste Mal in Tessas jungem Leben, dass sie die bitterste aller Erfahrungen machten musste – zu erleben, wie eine Freundschaft zerbricht, zerbricht an unterschiedlichen Auffassungen von der Welt und der Menschheit – aber nicht das war das schlimmste an allem, sondern der Verlust ihres Vertrauens, das sie wie selbstverständlich in die Welt, vor allem aber in die Menschen um sich herum, gehegt hatte. Seufzend schlug Tessa die Bettdecke wieder zurück. Sie fand nicht in den erlösenden Schlaf, obwohl sie unendlich müde war.

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Ihre Gedanken schweiften wieder zurück zu Niklas und ihren Eltern. Sie konnte nicht begreifen, wie sie jahrelang neben diesen Menschen, vor allem neben Niklas, hatte leben können, so viele wunderbare und wichtige Dinge mit ihm teilen, sich so oft verstanden von ihm hatte fühlen können, wo in diesem einen Punkt ihre Meinungen und Denkweisen so auseinander gingen. Ja, schlimmer noch – sie war völlig entsetzt über seine Intoleranz und sture Denkweise. Zwar konnte sie verstehen, dass er sich um sie sorgte – vermutlich wäre es umgekehrt ähnlich gewesen. Und dennoch hätte er dieser Sorge doch auf ganz anderen, viel hilfreicheren Wegen Ausdruck verleihen können.
Tessa ließ die Schultern hängen und starrte auf den Boden.

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Mit einemmal fühlte sie sich furchtbar verloren und einsam. Der Streit mit Niklas hatte nur eines bewirkt – dass sie ihre allerletzte Vertrauensperson verloren hatte. Doch sie konnte und wollte nicht nachgeben, denn ihr war Jess zu wichtig, um ihn aufzugeben. Selbst wenn sie Niklas bezüglich seiner Befürchtungen recht gegeben hätte – es wäre ihr gar nicht mehr möglich gewesen, sich von Jess zu entfernen. Er war ihr viel zu nahe gekommen und sie ihm.
Und wie würde es auf ihn wirken, wenn sie sich nun von ihm zurückzöge?
Nein, daran wäre keine einzige Sekunde zu denken! Und schon gar nicht wegen Niklas´ Verbohrtheit!

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Traurig dachte Tessa an die vergangenen Stunden zurück. Der Schmerz, den sie empfand, wurde von einer nervösen Angst überdeckt, als sie an Niklas´ unverschämte Drohungen zurückdachte… er würde doch nicht wirklich ernsthaft daran denken, ihren Eltern von Jess zu erzählen?
Tessa wurde bang zumute. Es war ohnehin schon alles kompliziert genug – würden ihre Eltern von der ganzen Sache erfahren, wäre die Situation noch schärfer als sie es ohnehin schon war. Und doch würde es auf Dauer immer schwieriger, es ihnen zu verheimlichen. Tessa seufzte ratlos. Was sollte sie nur tun?

Einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, ihnen selbst die Wahrheit zu sagen – immerhin wäre das besser, als wenn Niklas ihnen seine verzerrten Gedankengänge mitteilen und sie so direkt völlig gegen Jess aufhetzen würde. Doch Tessa verwarf diesen Gedanken direkt wieder.
Doch auf Dauer würde sie ihr Geheimnis nicht wahren können – viel zu oft war sie unterwegs, ohne zu sagen, wo sie war. Zwar fragten ihre Eltern normalerweise nicht danach, aber auf Dauer fiel auch ihnen so etwas auf.
Fieberhaft flogen die Gedanken durch Tessas Kopf und mit einemmal hatte sie eine Idee.

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„Das ist es!“ flüsterte sie erleichtert in die Stille der Nacht. „Das müsste klappen!“
Ja, sie hatte eine Lösung gefunden – zwar musste sie immer noch Angst haben, dass Niklas seine Drohung wahr machen würde – dagegen konnte sie wohl nichts unternehmen. Aber sie wusste zumindest einen Weg, um die Situation für den Moment zu entschärfen – und sie spürte, wie diese Idee Besitz von ihr ergriff und die Vorstellung an deren Umsetzung sie mit einer unglaublichen Erleichterung erfüllte, so dass sie sich etwas beruhigter wieder zurück in die Decken kuschelte und bald darauf in einen traumlosen Schlaf sank.

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Tessa zögerte nicht lange, ihren Entschluss in die Tat umzusetzen. Sie ergriff darum die nächste Gelegenheit beim Schopfe – schon zwei Tage später wollte es der Zufall so, dass sowohl sie als auch ihre Eltern zum Mittagessen zu Hause waren. Ihr Vater war am späten Abend von einem Geschäftstermin in Russland zurückgekommen und hatte sich heute die Arbeit mit nach Hause genommen, ihre Mutter hatte den Salon für ein paar Stunden ihren Mitarbeitern überlassen und Tessa hatte sich bei der Zeitung ein paar freie Stunden herausgeschlagen.
Trudy hatte eine Truthahn in die Ofen geschoben und war froh, die ganze Familie einmal beisammen zu haben.
Auch Tessa war froh um Trudys Anwesenheit, denn sie wusste, dass ihre Ziehmutter sie in ihrem Vorhaben unterstützen würde – in Tru würde sie sich nicht auch noch täuschen, da war sie sicher.
Als Tru ihr einen Teller mit dampfendem Essen reichte, schien diese ihre Gedanken zu erraten und als wolle sie ihr ein wenig auf die Sprünge helfen, sagte sie sanft: „Tessalein, was ist heute los mit dir? Liegt dir etwas auf dem Herzen?“

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Tessa lächelte dankbar. Es war so gut, wenigstens noch Tru auf ihrer Seite zu haben- auch wenn diese ihre wahren Beweggründe natürlich auch nicht kannte und vermutlich nicht verstehen würde… dennoch war ihre mütterliche Wärme Balsam für Tessas wundgescheuertes Herz.
„Nun ja – schon, du hast recht… ich wollte etwas mit euch allen besprechen, darum bin ich froh, dass wir heute so zusammen sitzen.“
„Was hast du denn auf dem Herzen, Tessa?“ Ihre Mutter sah sie aufmerksam an und auch ihr Vater hatte den Blick auf sie gerichtet.
Tessa fasste sich ein Herz und sagte: „Also – ich habe viel nachgedacht in letzter Zeit und… ich habe mir etwas überlegt. Ihr hattet mir vor einigen Monaten, nach dem Abi, doch einmal angeboten, die Eigentumswohnung in der Innenstadt zu übernehmen, wisst ihr noch?“
Tessas Mutter sah ihre Tochter erstaunt an.

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„Du meinst die Wohnung in der Kastanienstraße?“
„Ja, genau, die meinte ich“, sagte Tessa langsam. „Also … wenn sie noch frei ist, würde ich das Angebot jetzt gerne annehmen.“
„Wieso das denn auf einmal?“ Tessas Mutter sah ihre Tochter fragend an. „Vor einigen Monaten sagtest du noch, du wolltest nicht alleine wohnen. Woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel?“
„Naja“, Tessa schluckte unsicher und rief sich die Worte in Erinnerung, die sie sich so sorgfältig zurechtgelegt hatte. „Es ist einfach so… ich wäre viel näher an der Redaktion und auch an der Uni, sobald ich dann meinen Studienplatz habe, was ja hoffentlich im nächsten Frühling der Fall sein wird… und… ich weiß auch nicht, ich denke, ich bin jetzt einfach soweit, ich würde gerne auf eigenen Beinen stehen… es wäre soviel praktischer für mich.“
Sie sah Tru hilfesuchend an und diese enttäuschte sie wieder nicht, denn sie lächelte sanft und sagte: „Ich finde diese Idee gut, Amanda. Tessa wird in wenigen Wochen immerhin schon zwanzig, das dürfen wir nicht vergessen. Unser Mädchen wird erwachsen…“ Sie bedachte Tessa mit einem liebevollen Blick ", und je eher sie selbstständig wird, desto besser ist es. Und in der Wohnung in der Kastanienstraße ist sie trotzdem immer noch ein wenig in eurer schützenden Hand, fliegt nicht ganz aus dem Nest.“

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Tessa lächelte sie dankbar an und blickte dann zu ihrem Vater, der sich die ganze Zeit in nachdenkliches Schweigen gehüllt hatte.
Er erwiderte ihren Blick und sagte dann: „Und du bist dir sicher, dass du alleine zurechtkommen wirst, Tessa?“
Tessa sah ihn scheinbar empört an. „Natürlich werde ich das! Ich bin doch kein kleines Kind mehr!“
„Nun ja – die Wohnung ist noch frei, es spricht so gesehen nichts dagegen“, sagte er langsam.
„Weißt du, Papa, wenn ich dann den Studienplatz habe, wird es für mich viel einfacher sein, nicht den langen Weg in die Stadt zu haben – ich meine… ich werde viel lernen müssen und um jede freie Minute dankbar sein, weißt du.“
„Das ist eine löbliche Einstellung“, erwiderte ihr Vater mit unverkennbarem Stolz.
„Und wegen des Geldes braucht ihr euch auch nicht zu sorgen“, sagte Tessa schnell und rechnete nach. „Ich habe einige tausend Euro zur Seite gelegt und immerhin verdiene ich ja bei der Zeitung auch noch etwas. Ich kann die Miete also bestimmt bezahlen.“

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Ihre Mutter sah sie erstaunt an. „Also Tessa! Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass wir von unserer eigenen Tochter Miete verlangen würden?“
„Die Wohnung steht zur Zeit ohnehin leer“, sagte ihr Vater lächelnd. „Der vorherige Mieter ist vor vier Wochen ausgezogen, du hast dir einen guten Zeitpunkt ausgesucht.“ Er sah seine Frau an. „Und deine Mutter hat natürlich recht, Tessa, wir werden keine Miete von dir verlangen, das kommt gar nicht in Frage. Du wirst das jetzt verdiente Geld später sicher einmal gut gebrauchen können, also lege es gut an, damit es ordentliche Zinserträge bringt.“
„Aber für die Einrichtung brauche ich es doch auch“, erwiderte Tessa zaghaft.
Ihr Vater lächelte gütig. „Das kannst du getrost uns überlassen, mein Mädchen. Schließlich bist du erst knapp zwanzig und wir können es uns leisten, dir die Wohnung einzurichten. Wenn du einmal selbst verdienst, und damit meine ich richtig und nicht nur diesen Praktikantenjob bei der Zeitung, sieht das anders aus. Aber zurzeit unterstützen wir dich natürlich noch, wo wir können.“ Er lächelte und fing sofort an zu planen: „Wann willst du umziehen? Noch diesen Monat? Dann werde ich sofort die Malerfirma anrufen, damit die Wände nächste Woche fertig sind. Und du könntest heute Nachmittag mit deiner Mutter losfahren und Möbel aussuchen. Was hältst du davon?“

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Tessa schluckte. „Es wäre mir schon recht, wenn es so schnell wie möglich machbar wäre mit dem Umzug“, sagte sie dann langsam. „Nur – ich möchte wirklich nicht, dass ihr mir alles bezahlt, ich meine, das braucht ihr nicht und…“
Sie verstummte, als sie Trudys beschwichtigenden Blick sah und begriff, dass sie hier nicht weiterbohren sollte. Also seufzte sie nachgiebig und fügte hinzu: „Aber wenn ihr es gerne wollt, bedanke ich mich natürlich herzlich dafür. Und gerne können wir heute Mittag Möbel aussuchen gehen, wenn du magst, Mama.“
Ihre Mutter sah sie mit funkelnden Augen an. „Oh, das ist wunderbar, ich habe schon so lange kein Zimmer mehr eingerichtet! Natürlich wirst du dir alles aussuchen, Tessa, ich kann dir nur raten, keine Bange!“
Sie klatschte vergnügt in die Hände und schien über der Vorfreude auf den Einkaufsbummel plötzlich all ihre Bedenken bezüglich Tessas Umzugsplänen vergessen zu haben.
„Arthur, weißt du, da gibt es doch diesen neuen Designerladen an der Chiemchaussee, wie wäre es, wenn wir es da zuerst versuchen?“

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Sie sah ihren Mann aufmerksam an, doch dieser schien schon die nächsten Schritte zu planen und nickte nur geistesabwesend. Während ihre Mutter die Geschäfte aufzählte, in die sie zu gehen gedachte, und ihr Vater die Nummer des Malers auf seinem PDA zu suchen begann, warf Tessa Trudy einen Blick zu und diese lächelte gütig und obwohl sie es nicht aussprach, konnte Tessa sie die Worte flüstern hören: „Ich werde dich vermissen, Tessalein“ …




Fortsetzung folgt!
 

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