Fotostory Die Lehrerzimmerkaffeetasse (FS-Wettbewerb) ♦ abgeschlossen ♦

Thalassa

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Genre: Teenietragikkomödie – bitte trotzdem weiterlesen! =)

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So, das ist mein Beitrag zum FS-Wettbewerb. :) Ich poste nicht alle Kapitel gleichzeitig, weil ich dazu zu faul bin, aber es wird sicher rasch Updates geben.
Apropros faul: Hier ist die improvisierte Spezialbenachrichtigungsliste für die Susi: S-sanne
Übrigens sind auch Un-Susis herzlich dazu eingeladen. :)

So recht wohl fühlt sich Lilly nach ihrem rasanten Aufstieg in der Schulhierarchie vom verrückten Paradiesvogel zur angesehenen Künstlerin nicht. Denn eigentlich gebürt nicht ihr die Ehre, sondern jemand anderem.

Und so schwankt sie zwischen Sich-in-der-Bewunderung-Sonnen und schlechtem Gewissen, zwischen Ruhm und Moral, und bemerkt schnell, dass selbst eine Lehrerzimmerkaffeetasse sie nicht vor falscher Freundschaft schützt.


 
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Thalassa

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Kapitel 1

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Als Ausdruck ihres Entsetzens fuhr sich Jessica über ihre blau geschminkten Lippen, obwohl diese doch ein Zeichen der Rebellion waren – gegen was auch immer sie sich gerade wieder aufbegehrte. Aber so war Jessica. Während ich mich in lange, bunte Röcke einwickelte und versuchte, ein guter Mensch zu sein, indem ich jeden Tag einen unimportierten Apfel ass und an Horoskope glaubte, sah sie es als ihre Aufgabe, sich für ihre Rechte einzusetzen. Das bedeutete, dass sie gegen alles war, was immer jemand sagte.

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«Lilly», sagte sie ruhig und kramte in der Tasche nach ihrem blauen Lippenstift, um die verschmierte Schminke zu korrigieren. «Du bist dir tatsächlich sicher, dass du dort teilnehmen willst? Es ist eine Schulveranstaltung
Aus ihrem Mund hörte es sich wie etwas Schlechtes an, was es wohl auch war. Ich meine, da sagt einem die Schulleitung, man solle sich in die Aula setzen und zuhören und eventuell mal klatschten und höflich tun. Eine Zumutung!
«Ich verstehe dich nicht», seufzte sie noch, als ich nicht reagierte und nur blöd vor mich hingrinste. Offenbar war nicht nur die Schulveranstaltung, sondern auch ich eine schlimme Plage.

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Ich wog den Kopf hin und her, was keine so gute Idee war, weil sich nämlich eine blonde Strähne aus meinem Zopf löste. «Tja, ich muss halt», versuchte ich mich zu verteidigen. «Der Direktor hat es selbst gesagt.»
«Du musst?» Jessicas Stimme glich dem unangenehmen Quietschen der Schaukel, die in meiner frühsten Kindheit, als ich noch jung und schön war, in unserem Garten gestanden hatte. Bis mein Vater sie demontierte. Unverzeihlich.
«Was soll denn das heissen?», mischte sich Adrian ein.
«Was?», gab Saskia als Letzte unserer netten kleinen Zusammenkunft noch kurz und bündig wie immer ihren Senf dazu.
«Was was?», brummte ich. «Er hat’s ja nicht so direkt zu mir gesagt… sondern allen… Na ja, er hat es eher geschrieben. Auf die Anzeigetafel.»

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Saskia unterbrach kurz das Glattstreichen ihres violetten Kleides und zitierte: «‹Alle Kunstschüler und Kunstschülerinnen und Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Kunstwettbewerbes und der Kunstwettbewerbin› – ach nein, so hiess es nicht – ‹Perlen der Natur sind verpflichtet, an der Siegerehrung heute Nachmittag in der Aula teilzunehmen. Es sind aber auch alle anderen herzlich eingeladen.› Pöh, wahrscheinlich haben zu wenige mitgemacht, um eine ganze Aula zu füllen.»
«Na, Kunstschülerin bist du auf alle Fälle nicht», stellte Adrian scharfsinnig fest.
Ich fragte mich, ob ich das als eine Anspielung auf meine ausgeprägten zeichnerischen Künste werten sollte, entschied mich aber dagegen.
«Nein, bin ich nicht», bestätigte ich, «aber ich habe am Kunstwettbewerb teilgenommen.» Erwartungsvoll sah ich in die Runde, erhoffte aber keine allzu, sagen wir mal, positive Reaktion.

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«Was? Du? Du hast denen etwas gemalt?», fragte Jessica ungläubig. «Echt ein Bild mit Farben und so?»
Sollte ich nun beleidigt sein? Vielleicht war ich unbegabt, aber irgendein Bild zustande zu bringen, dazu sollte sogar ich fähig sein. Meinte ich zumindest.
«Oh Gott, das glaube ich nicht! Eigentlich wollte ich ja nach Hause, aber falls Lilly etwas gewinnt…», rief Adrian, was ich nett von ihm fand. Immerhin schloss er die Möglichkeit eines Gewinnes nicht aus.
«Das wird schon nicht passieren», beruhigte ich ihn dennoch, man soll ja auf dem Teppich bleiben.
«Vielleicht ja doch! Vielleicht bist du ja so ein Talent, wir haben es bloss noch nicht bemerkt, weil du… ähm… halt… kein Aufsehen erregen wolltest», argumentierte er etwas schwach.
«Klar», erwiderte ich. «Ich habe in Bildnerisches Gestalten extra Strichmännchen gezeichnet und schlechte Noten kassiert. Nur damit ich nicht auffalle.»
Adrian grinste.

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«Okay. Aber so ohne Vorschriften für dich alleine – könnte ja sein. Und so schlecht kann das Bild ja nicht sein, sonst hättest du es ja nicht eingeschickt.»
«Na ja… Kann schon sein.» Ich suchte krampfhaft nach einem Grund, das Thema zu wechseln. «Findet ihr nicht auch, dass die Bäume… heute so grün sind?»
«Ja, echt unglaublich», bestätigte Adrian augenverdrehend. «Wer hätte das bloss gedacht.»
«Eben, ja doch», sagte ich so halb (so halb, ja, ihr wisst schon, so halb irgendwie).
«Hey, es fängt gleich an! Jetzt bewegt eure Ärsche, sonst kommen wir zu spät!», unterbrach Jessica die geistreiche Unterhaltung. Ich schüttelte den Kopf (wobei sich noch mehr Strähnen lösten). Das Mädchen verwunderte mich immer wieder. Woher nur kam dieser plötzliche Eifer?

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«Zuhinterst! Zuhinterst, Mann», wies sie mich aber trotzdem flüsternd zurecht, als ich mich in die zweite oder dritte Reihe setzen wollte.
«Warum befiehlst eigentlich du immer, was wir zu tun und lassen haben?», beschwerte ich mich. «Immerhin ist es mein Wettbewerb.»
«Und wir begleiten dich, obwohl wir überhaupt keine Lust dazu haben. Eigentlich könnte ich jetzt schon in unserem Pool ein paar Runden drehen, wenn du nicht wärst.»
«Klar, weil ihr ja einen Pool habt. Mal abgesehen davon, dass ich nicht gesagt habe, dass du bleiben sollst. Und wenn die Lüthy wieder so schwitzt, hast du dein privates Schwimmbad auch hier drin.»
«Was, die Lüthy kommt auch?» Jessica war schon im Begriff, wieder umzukehren.
«Äh, ja? Sie ist sozusagen die Chefin der Zeichnungslehrer. Wer soll denn hier sein, wenn nicht sie?»
«Oh. Mein. Gott», stöhnte Jessica und liess sich theatralisch auf einen Platz in der hintersten fallen. Offenbar hatte sie zu viele amerikanische Serien gesehen. Oder warum sonst sollte sich jemand theatralisch auf irgendeinen Sitz niederlassen?

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«Psst!», begann es plötzlich überall im Saal zu flüstern. Ich wunderte mich, schliesslich hatte – ungewöhnlich für uns pubertierende Teenager – kaum jemand ein Wort gesagt. Aber anscheinend war das die Art, seinen Respekt gegenüber dem Höchsten, dem Wunderbarsten, dem Unfehlbarsten, auszudrücken: unserem Direktor.
Der Herr Direktor trat nämlich angemessenen Schrittes auf die Bühne, auf der schon ein Rednerpult und einige Staffeleien standen. Ich vermutete, dass das die Bilder der (mehr oder weniger) glücklichen Gewinner waren. Wie unlustig, denn so wussten die Sieger ja von Anfang an, dass es sie getroffen hat! Aber vielleicht wollte man ihnen auch noch die Gelegenheit geben, in letzter Sekunde eine Sieges- und Ich-bin-ja-so-überrascht-und-hätte-nie-damit-gerechnet-und-danke-allen-die-mir-geholfen-haben-Rede vorzubereiten.
«Ist deins dabei?», fragte Adrian und deutete auf die Bilder.
Ich kniff die Augen zusammen, aber von hier hinten konnte ich es nicht so recht erkennen. «Keine Ahnung. Ich glaube eher nicht.»

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«Tja, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer und natürlich vor allem liebe Künstlerinnen und Künstler. Vielen Dank, dass ihr alle den Weg hierher gefunden habt. Es ist eine wahre Freude, euch alle im Rahmen eines so grossen Ereignisses begrüssen zu dürfen.»
Ich bemühte mich um ein ernstes Gesicht, obwohl er mich so weit hinten sicher ohnehin nicht sehen konnte. Aber dafür, dass es ein «so grosses Ereignis» war, war die Aula relativ schlecht gefüllt.
«Lange haben wir gezögert. Wir waren uns nicht sicher, ob wir den Wettbewerb tatsächlich starten lassen wollen. Mangelndes Interesse, Faulheit, äh…» Wahrscheinlich fiel ihm nichts mehr ein. «Jedenfalls, ich war mehr als nur skeptisch. Umso mehr hat es Frau Lüthy, die Jurorin, und mich gefreut, dass so viele daran teilgenommen haben.
Es war uns sehr wichtig, dass…»

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Ich stöhnte auf. Wie lange noch? Wie lange kann ein Mensch eine Rede halten, ohne umzukippen?
Immerhin muss man hin und wieder etwas trinken. Aber leider hatte Herr Vonlanthen eine Wasserflasche neben sich stehen. Konnte ich ihn ertragen, bis er verhungerte?
Frau Lüthy, die auch irgendwo im Publikum sass (um die Aula etwas voller scheinen zu lassen vielleicht), machte ihm die ganze Zeit unauffällige Zeichen, er solle mal zum Punkt kommen, die alle bemerkten. Nur Herr Vonlanthen nicht.
«Es ist wichtig, ach, so wichtig…»
«…dass die Teilnehmer endlich erfahren, wer gewonnen hat!», unterbrach sie ihn schliesslich. Das war zwar kein besonders logisches Argument, weil man es sich ja schon wegen der Staffeleien auf der Bühne denken konnte, aber sie kletterte dennoch einige Plätze auf Jessicas Beliebtheitsliste nach oben.

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Sie schob mühsam eine Staffelei neben das Pult.
«So, der Direktor Friedrich Vonlanthen hat euch viel darüber erzählt, wie wichtig das für den schulischen Sozialismus ist», sagte sie und ihre Stimme klang nach Vonlanthens monotonem Gerede ziemlich angenehm. «Ich sage euch jetzt, welche vier einen kleinen Preis gewonnen haben – und wer mit seiner Arbeit einen ganz grossen Gewinn abgestaubt hat.
Als ich die Bilder gesehen hatte, dachte ich nur: ‹Wow, unsere Schüler haben es ja echt drauf!›» Ich hasste es zwar, wenn erwachsene Menschen einen auf locker-spritzig machten, aber immerhin gab sie sich Mühe.
«Jeder einzelne Teilnehmer hat ein Kunstwerk geschaffen. Und die Bilder, die hinter mir auf der Bühne stehen, gehören den Siegern! Zum Beispiel Vincent N’Dour – komm doch bitte nach vorne und erzähl uns, wie es zu diesem Bild gekommen ist.»
Mir fiel der Kinnladen runter. Nicht im Ernst mussten wir jetzt fünf eingebildeten «Künstlern» zuhören, wie sie die Farbe von diesem Fleckchen links unten gemischt hatten?

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Vincent ging tatsächlich nach vorne, behauptete, nie mit einem Sieg gerechnet zu haben, und begann lang und breit zu erklären, wie ihn die Blume in seinem Matheklassenzimmer und das «Licht der Nacht» (was immer das sein sollte) zu diesem wahren Meisterwerk inspiriert habe. Er habe viele Stunden daran gearbeitet und wolle umgehend betonen, dass seine Grossmutter ihm den Tipp gegeben habe, doch Zeitungspapier als Unterlage zu benutzen, um nicht so viel Zeit mit dem Bodenputzen zu verschwenden.
Und so kam ein Gewinner nach dem anderen auf die Bühne, hielt einen Vortrag, holte den Preis ab, dankte artig allen, die ihm geholfen haben und lächelte bescheiden.
Die Zeit rann davon wie das Wasser in der Dachrinne ins Regenfass (wenn man denn den Regen in einem Fass sammelt, wie mein Grosspapa das tut).
Doch schliesslich hatte auch die vierte talentierte Künstlerin ein letztes Mal bescheiden ins Publikum gesehen und Frau Lüthy trat freudestrahlend nochmals selbst ans Rednerpult.

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«Und jetzt seid ihr sicher gespannt, wer das letzte, das unserer Meinung nach beste Bild gemalt hat. Nun, ich will euch nicht länger auf die Folter spannen.»
Sie schob die letzte Staffelei nach vorne.
«Das ist es: ‹Die Buche› von Liliana Moor!»
Ich klatschte und tat ganz begeistert. Wie beeindruckend von dieser Liliana Moor!
Bis mich Jessica anstiess. «Lilly, du musst nach vorne!»
Da fiel mir schlagartig wieder ein: Liliana Moor, das bin ja ich!
Ich hatte den «Wettbewerb für begabte Künstlerinnen und Künstler der Bernoulli-Schule» gewonnen! Fast in Trance stieg ich zur Bühne hinauf. Es half mir auch nicht, dass Frau Lüthy zur Überbrückung der langen Wartezeit, weil ich ja so unsagbar langsam war, «Liliana kann uns sicher viel über dieses Bild berichten, schon nur wie es zu diesem erstaunlichen Namen kam» sagte.
«Wie? Ein erstaunlicher Name? Wieso denn das?», wollte ich verständnislos wissen. «Die Buche» – so spannend klang das nicht.
«Nun ja, immerhin ist dieser Baum im Vordergrund ja keine Buche», rechtfertigte sich Frau Lüthy.

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Ups. Verlegen setzte ich ein dümmliches Dauergrinsen auf und tat so, als ob ich das Mikrophon für meine Grösse einstellte, weil das sicher sehr professionell ausgesehen hätte, wenn ich nicht aus Versehen eine Schraube lockerte, sodass das blöde Mikro anfangs gen Boden sackte.
Dann räusperte ich mich (auch sehr professionell!) und begann zu improvisieren. «Äh, also, ja», teilte ich meinen Zuhörern mit. «Mh-hm. Ja. Also. Was ich sagen wollte… äh… ja. Ich hätte nie damit gerechnet, dass ausgerechnet ich etwas gewinne. Und schon gar nicht den ersten Platz.» Ich schluckte. Okay. Ich war also auch eine von denen. «Der Name… der Name…» Was um Himmelswillen soll schon mit dem Namen sein? Ich bin schlecht in Bio, das ist alles. «Natürlich… ist der Baum da im Vordergrund keine Buche», wiederholte ich vorsichtshalber Frau Lüthys Worte.
Diese nickte bekräftigend. «Man sieht sofort, dass es eine Birke sein muss», sagte sie leise.
Ich beschloss, sie ab sofort toll zu finden. Auch wenn es schwer fiel.

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«Es ist natürlich eine Birke», sagte ich und hoffte, Frau Lüthy irrte sich nicht. «Aber wer sagt denn, dass man einer Birke unbedingt ‹Birke› sagen muss? Wenn ich sie ‹Buche› nennen will, nenne ich sie ‹Buche›. Das ist das, was ich unter künstlerischer Freiheit verstehe. Und deshalb habe ich sie so genannt.» Jetzt kam ich so richtig in Fahrt. Ich fand mein Argument toll. «Und meine Grossmutter hat…» Fieberhaft suchte ich nach einem Rat, den mir meine Grossmutter hätte geben können, denn bisher hatten alle ihre Grossmütter in irgendeiner Form erwähnt.
«Nun, meine Grossmutter war halt immer für mich da. Als ich das erste Grundkonzept fertig hatte, bemerkte ich einen Fehler und wollte schon wieder von vorne anfangen, und da gab sie mir den entscheidenden Hinweis.»
«Nämlich?», wollte Frau Lüthy wissen.
«Äh…» Jetzt hatte sie mich endgültig aus der Fassung gebracht. «Sie sagte… Sie sagte, ich solle das Bild doch einfach… umdrehen

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«Umdrehen?» Damit hatte Frau Lüthy wohl nicht gerechnet. Und im Nachhinein musste ich zugeben, dass es sich nicht so wirklich glaubhaft anhörte.
«Ja, und es hat wieder prima gestimmt.» Ich schenkte dem Publikum, das erschreckenderweise – von ein paar Ausnahmen mal abgesehen – aufmerksam zuhörte, ein bezauberndes Lächeln, damit sie glaubten, ich sei nett. Mich schauderte. Bei Referaten und ähnlichem in der Schule tröstete ich mich wenigstens mit dem Gedanken, dass die meisten ohnehin heimlich Musik hörten und nichts von alldem verstanden, was ich ihnen vortrug. Aber jetzt hatte die ganze Schule – na ja, ein Teil der Schule, ein kleiner Teil – gehört, was ich für einen unerträglichen Unsinn verzapft hatte.
«Na ja, das war es denn wohl. Vielen Dank, dass ihr zugehört habt», endete ich angesichts dieser Tatsachen ziemlich kleinlaut und wollte schon von der Bühne verschwinden.

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«Warte, Liliana!», hielt mich der Direktor auf. «Hier bekommst du noch deinen Preis.» Er lächelte, wohl aus dem gleichen Grund wie ich vorhin.
«Oh, äh, danke. Das wäre doch nicht nötig…» Ich brach ab, als mir einfiel, dass es ja mein Gewinn war und man diesen Satz bei Gewinnen grundsätzlich nicht sagt. «Ja, vielen Dank auch.»
Und schon war ich von der Bühne verschwunden. Schnell weg von hier! Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Sämtliche Mitstreiter kamen vorbei, um mir zu gratulieren. Sie schienen nicht einmal neidisch zu sein, was mich sehr verwunderte, schliesslich hatten die diesen Wettbewerb ernst genommen.
Und, glaubt mir, es können noch so wenige Schüler zu dieser Veranstaltung gekommen sein, aber wenn jeder Einzelne einem von seinen persönlichen Erfahrungen im Bildumdrehen berichtet und einen fragt, ob man sich denn über den ersten Platz freue, kann es ganz schön lange dauern.
Mal abgesehen davon, dass ich log, wenn ich die letzte Frage mit «Ja» beantwortete.

Denn nicht ich hatte das Bild gemalt.
 

Frée

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*reinschleich* Darf ich hier schon posten? Falls nicht, kann ich den Beitrag auf Wunsch wieder löschen.


Oooh, da ist sie ja, deine tolle Tassen-Geschichte, die mich so zum Lachen gebracht hat, und die völlig verdient noch mit aufs Treppchen gesprungen ist! :D
Dein Schreibstil ist echt wunderbar erfrischend, und so witzig, ohne gestellt zu wirken. Allein schon der erste Abschnitt über blauen Lippenstift, herrlich! :lol:

Noch einmal: Herzlichen Glückwunsch!!

Ich hoffe, du lädst bald den Rest auch noch hoch! (Ich hatte ja meinen Text schon in dem Html-Dinges abgespeichert, nur so konnte ich es so schnell posten. :ohoh:)
 
S

S-sanne

Uhh..Toll, dass du noch eine Story schreibst:)

Jaja..Die Bäume sind heute unglaublich grün..garnicht zu fassen, wo es doch die ganze Zeit regent;)(Zumindest bei mir hier)

Momentan kann man ja noch nicht viel sagen, aber ganzganzsupermegahammertoll geschrieben:)

Und ich mag deine Darsteller..Besonders deine Hauptdarstellerin:):)

Schreib weiter und VERGISS JA NICHT MICH ZU BENACHRICHTIGEN!!!:eek:;):)


AllerLiebste Herzensgrüße..

Susi♥♥♥
 

Thalassa

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@Frée :)
*reinschleich* Darf ich hier schon posten? Falls nicht, kann ich den Beitrag auf Wunsch wieder löschen.
Klar, lass bloss stehen! :D

Oooh, da ist sie ja, deine tolle Tassen-Geschichte, die mich so zum Lachen gebracht hat, und die völlig verdient noch mit aufs Treppchen gesprungen ist! :D
Dein Schreibstil ist echt wunderbar erfrischend, und so witzig, ohne gestellt zu wirken. Allein schon der erste Abschnitt über blauen Lippenstift, herrlich! :lol:
Wenn ich jemanden zum Lachen bringen konnte, bin ich glücklich. :) Ich habe mich auch wahnsinnig über meinen dritten Platz gefreut. Mit lustigen Sachen ist es ja nicht so einfach, ernst genommen zu werden (irgendwie logisch, oder? :D), weil Storys über die Schicksale von Menschen einfach mehr zum Nachdenken anregen, weil sie mehr berühren können (wenn sie so toll geschrieben sind wie zum Beispiel deine), während Lustiges reine Unterhaltung ist. Damit will ich aber keinenfalls deine oder Chiis Leistung herabmindern, auch wenn es vielleicht gerade so klingt… Noooin, ich liebe eure Storys ja, ihr habt eure Platzierungen mehr als verdient! Und nein, ich schleime nicht. =)

Noch einmal: Herzlichen Glückwunsch!!
Danke und dreifach zurück! :)

Ich hoffe, du lädst bald den Rest auch noch hoch! (Ich hatte ja meinen Text schon in dem Html-Dinges abgespeichert, nur so konnte ich es so schnell posten. :ohoh:)
So intelligent war ich leider nicht, ich muss alles nochmals neu einfügen. Ich kann froh sein, dass ich nicht einfach alles gelöscht habe, weil ich es ja eh nicht mehr brauche und ich ja soo wenig Platz auf der Festplatte habe. :D Und weil ich sehr faul bin und das Posten ja eine sehr anstrengende Tätigkeit ist, dauert das halt eine Weile…

@Susi :)
Uhh..Toll, dass du noch eine Story schreibst:)
Wie gesagt, nur eine Ich-muss-nicht-nur-der-Jury-und-meinen-Mitstreitern-das-antun-sondern-auch-noch-der-übrigen-Community-Story. Eine längere FS kommt dann später – viiiel später. Erst muss ich ja fünfhundertachtundsiebzig FSs beginnen und wieder von vorne anfangen, bis ich endlich poste. Logisch, oder?

Jaja..Die Bäume sind heute unglaublich grün..garnicht zu fassen, wo es doch die ganze Zeit regent;)(Zumindest bei mir hier)

Momentan kann man ja noch nicht viel sagen, aber ganzganzsupermegahammertoll geschrieben:)

Und ich mag deine Darsteller..Besonders deine Hauptdarstellerin:):)
Uaah, bei uns schneit es zeitweise sogar noch ein bisschen. Aber zum Glück regnet es gleichzeitig dazu, dann kann er sich nicht festsetzen, dieser blöde Schnee. :naja:
Juhuu, du magst sie… :) Das ist ja schon mal ein Anfang.

Schreib weiter und VERGISS JA NICHT MICH ZU BENACHRICHTIGEN!!!:eek:;):)
Aye, aye! :D
 

Thalassa

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Juni 2007
Kapitel 2

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Ich rang mit mir.
Zuhause angekommen, hatte ich das Paket betont achtlos unters Bett geschoben, und ich redete mir ein, dass ich ohnehin nicht wissen wollte, was drin war. Es interessierte mich nicht. Nein, wirklich nicht. Gar nicht.
Es gehörte mir nicht einmal.
Und tatsächlich schaffte ich es, es den ganzen Tag zu ignorieren. Ich sah bis in alle Nacht fern, konzentrierte mich auf den unerträglichen Mist, der ausgestrahlt wurde, und dachte nicht daran. Dann legte ich mich ins Bett, versuchte, mich an die Abendessen der letzten Woche zu erinnern, und dachte nicht daran. Ich gab mir wirklich grosse Mühe. Und es klappte…

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Okay, zumindest klappte es, bis ich tags darauf von der Schule kam. Ich war gerannt, den ganzen Weg vom Bahnhof zu unserem Haus. Den ganzen Tag hatte ich an nichts anderes als dieses verdammte Päckchen denken können. Sein Bild hatte sich vor mein inneres Auge gebrannt wie damals die Glut der Zigarette ins Tischtuch (das ist schon lange her), und dass mich alle (selbst die, die bisher keinen Blick für mich übrig hatten) fragten, welches denn nun der erste Preis gewesen sein sollte, machte mir die Sache auch nicht gerade leichter.
Ich kroch also unter das Bett und holte das Geschenkpäckchen hervor. Sachte stellte ich es aufs Bett. Nein. Es gehörte mir nicht. Ich durfte es nicht öffnen.
Stattdessen tauschte ich meinen Paradiesvogelrock gegen ein leichtes Sommerkleidchen aus weil es a) heiss war und ich b) ja nun eine bekannte Künstlerin war. Sozusagen.

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Mein Blick fiel zurück zum Päckchen.
Wobei… Vielleicht war ja etwas Tolles drin? Etwas ganz Grandioses?
Wenn die Schulleitung mir beispielsweise einen Gutschein zum Schuleschwänzen plus die neue Version vom Videospiel SSX geschenkt hätte, würde ich es mir nie verzeihen, wenn ich das Geschenk nicht auspackte.
Eigentlich konnte ich ja zumindest die rote Schleife abmachen. Rot und weiss – diese Kombination passte nicht so wirklich zu mir, beschloss ich.
Na ja, und wenige Sekunden später war das Paket mit der roten Schleife kein Paket mit einer roten Schleife mehr. Es war nicht einmal mehr ein Paket ohne rote Schleife, sondern eher eine auf dem Boden liegende Schleife, ein auf dem Boden liegendes Geschenkpapier und…
…jede Menge Verpackungsmaterial. Frechheit! Empört liess ich es auch einfach fallen.
Und was blieb übrig? Nun, es war nichts anderes als –

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– eine Tasse. Eine Tasse!
Fassungslos vor Freude machte ich einen Luftsprung, obwohl das sonst gar nicht so meine Art ist. Eine Tasse! Eine tolle unifarbene gräulich-weisse Lehrerzimmerkaffeetasse mit Henkel! Noch dazu abgewaschen!
Ich könnte Wasser hineinfüllen und Wasser trinken.
Ich könnte Saft hineinfüllen und Saft trinken.
Ich könnte Cola hineinfüllen und Cola trinken.
Oder natürlich könnte ich Kaffee hineinfüllen. Kaffee in eine Kaffeetasse füllen! Das wollte ich schon immer mal tun.

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Doch mein unfassbares Gefühl für übersinnliche Dinge (zum Beispiel Horoskope) sagte mir, dass das nicht alles war, was diese Kaffeetasse zu bieten hatte. Schliesslich war es nicht irgendeine Kaffeetasse. Es war eine Lehrerzimmerkaffeetasse. Und ich wusste, dass das mit besonderen Fähigkeiten verbunden sein musste. Oder warum sonst hatte ich sie bei dem Kunstwettbewerb unserer Schule gewonnen?

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Einige Stunden später traf ich mich mit meiner Clique im Park. Schon lange gehörte es zu unserer Tradition, uns dort gegenseitig von den drohenden Hausaufgaben abzulenken, nicht, dass wir noch auf die Idee kämen, sie rechtzeitig zu erledigen.

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Ich setzte mich auf die Bank und musste sogleich die Erfahrung machen, dass diese natürlich genau an dem Ort im Park stand, wo der Boden auch bei heissem Wetter matschte. Meine neuen Sandalen verschwanden im Dreck, genau gleich wie die Hoffnung, meine besten Freunde hätten mal so etwas wie Verständnis für mich.
«Ratet mal, was ich bekommen habe», forderte ich sie also zur Begrüssung noch völlig optimistisch auf.
«Bekommen? Hast du Geburtstag? Tut mir leid, habe ich wohl vergessen», war Adrians zerknirschte Antwort. «Dann möchte ich dir noch gratulieren. Vielleicht etwas spät, aber es kommt von Herzen.»
«Nein, ich habe nicht Geburtstag», fauchte ich. «Ich meine den Preis! Den Preis der besten Künstlerin der Bernoulli-Schule.»
«‹Der besten Künstlerin der Bernoulli-Schule›», äffte mich Saskia nach. «Jetzt werd mal nicht so eingebildet!»
«Oh, ich bin nicht eingebildet! Bist du etwa neidisch, dass mich heute mal einige coole Leute angesprochen haben?» Oh nein. Ich merkte schon, dass das Gespräch in eine ganz falsche Richtung ging. Wir zickten rum wie… Na ja, wie unreife Teenager halt.

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«Okay, was hast du bekommen?», fragte Adrian aus lauter Höflichkeit.
«Oh Mann. Es ist toll. Einfach nur toll! Ihr werdet es kaum glauben!»
«Was hast du bekommen?», fragte Saskia eiskalt. «Spuck’s raus. Wir hören.»
«Ich…», sagte ich, leicht irritiert. Es passte gar nicht zu Saskia, anderen Leuten etwas zu missgönnen. «Es ist… eine Tasse.»
«Eine Tasse?» Saskia schüttelte den Kopf.
«Äh… echt cool…», machte Adrian.
«Wow. Da bin ich ja mal echt beeindruckt», sagte Jessica und zog eine Augenbraue hoch. «Toll.»
«Ja, nicht wahr?», strahlte ich und hatte den Streit von vorhin schon fast vergessen. «Eine Kaffeetasse! Genau eine solche, wie es sie im Lehrerzimmer gibt. Stellt euch mal vor, ich besitze jetzt eine Tasse aus dem Lehrerzimmer!»
«Ähem, Lilly…?», begann Jessica langsam und bedächtig. «Es ist nichts Besonderes, eine Tasse aus dem Lehrerzimmer zu besitzen. Die kann man in jedem Haushaltswarengeschäft kaufen. Es ist eine stinknormale 08/15-Tasse. Und wenn du mit dem ersten Preis etwas so Wert- und Fantasieloses erhalten hast, will ich gar nicht wissen, was die anderen vier bekommen haben.»

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Ich seufzte. Jessicas Gespür für Esoterisches war noch nie besonders ausgeprägt gewesen, und damit meine ich nicht nur, dass sie eine schwarze Katze als Haustier besass.
«Es geht ja nicht um die Sorte der Tasse, sondern darum, dass sie aus dem Lehrerzimmer kommt.»
«Na und? Was soll damit sein? Was willst du schon mit so einer bescheuerten Tasse anfangen? Ich finde es eigentlich ziemlich dreist von denen. Auf dem Anmeldezettel stand etwas von ‹tollen Superpreisen› oder so.»
«‹Wertvolle Preise›», korrigierte ich sie, «nicht ‹tolle Superpreise›.»
«Ach, und so eine stinknormale Tasse findest du wertvoll? Eine, von denen man vierzig, fünfzig Stück auf einmal für ’nen Zwanziger kauft?»
«Ich sage es dir nochmals», knurrte ich ungeduldig, «es geht einzig und allein darum, dass sie aus dem Lehrerzimmer kommt!»

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«Na und? Lehrer kommen auch aus dem Lehrerzimmer, und deswegen möchtest du sie ja trotzdem nicht haben.» So langsam klang sie auch etwas ärgerlich.
«Das ist auch etwas anderes! Aber stell dir mal vor, was Lehrer für Macht haben! Sie können das Leben eines jeden Schülers drastisch manipulieren! Was wissen wir von Lehrern? Sie trinken immer aus Lehrerzimmerkaffeetassen! Und wenn ich jetzt eine Lehrerzimmerkaffeetasse besitze, besitze ich gleichzeitig auch etwas von dieser Macht. Und da die Tasse ja jetzt nicht nur in der Schule ist, sondern im echten Leben», ich betonte den letzten Begriff dramatisch, «ist es nun damit möglich, ebendiese Macht auch im echten Leben auszuüben.» Ich war stolz auf diese Rede.
Jessica nicht so.
«Aha. Dann bin ich ja jetzt mal beeindruckt. Wow. Eine Tasse mit Macht. Super. Okay, ich gebe zu, du hast schon mal mehr gesponnen. Allerdings nicht so oft.»
Adrian und Saskia, die unserem Dialog nur stumm gelauscht hatten, lachten auf. «Dieser Sieg hat dir echt nicht gut getan», meinte Adrian.

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«Was soll denn das bitte heissen?», zischte ich beleidigt. «Ihr seid neidisch, das ist alles.»
«Weil du ach so gut zeichnen kannst? So plötzlich? Hast du überhaupt dein eigenes Bild eingeschickt?», warf Saskia ein.
Mir wurde schwummrig. «Na… natürlich! Was willst du damit sagen?»
Ich wusste zwar, dass sie mich als eine meiner besten Freundinnen fast besser kannte als ich mich selber, aber ich hoffte dennoch, dass sie nicht bemerkte, wie ich log. Es war nicht mein eigenes Bild.
Aber ihr müsst mich doch auch verstehen! Meiner Mutter war es mehr als nur wichtig gewesen, dass ich es zumindest versuchte, als sie dummerweise den Anmeldezettel auf meinem Pult gefunden hatte. Doch da ich weder Lust noch Zeit noch Begabung hatte, ein Bild zu malen und ich stattdessen ein altes Bild meines Vaters auf dem Dachboden fand…
Ich wusste, dass es nicht richtig war. Aber meine Mutter hatte sich so darüber gefreut, dass ich doch teilnahm. Und so schickte ich Papas Bild ein.

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«Damit will ich sagen, dass es ziemlich unlogisch ist, dass du plötzlich so ein Talent entwickelt haben solltest. Aber bitte. Ist mir doch egal. Falls du geschwindelt hast, merk dir: Lügen haben kurze Beine. Irgendeinmal kommt es raus. Und dann kannst du dir deine blöde Lehrerzimmerkaffeetasse sonst wohin stecken.»
«Halt bloss die Klappe, kleine Diva!», schrie ich sie an. «Du fühlst dich mal wieder besonders überlegen, oder? Du kannst dich mal mit deinem Gehabe! Brezelst dich immer schön auf, ziehst feine Kleidchen an, dabei bist du hässlich wie die Nacht!»
Saskia funkelte mich an.
«Hört auf!», versuchte Adrian zu schlichten. «Lilly, das war jetzt unter aller Gürtellinie. Vielleicht wäre eine Entschuldigung angebracht.»
Bei diesen Worten platzte mein Kragen endgültig. Wer war er, wenn er mir vorschreiben wollte, wann ich mich zu entschuldigen hatte? «Das glaube ich nicht. Ihr könnt mir alle gestohlen bleiben.»
Und ich rauschte beleidigt davon. Ich war mir nicht sicher, ob es tatsächlich die Wirkung hatte, die ich mir erhoffte. Wohl eher nicht.

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Völlig kraftlos ging ich wieder in mein Zimmer. Ich konnte mich nicht entscheiden zwischen Heulen, weil ich mich gerade mit meiner gesamten Clique zerstritten hatte, und unbändiger Wut, weil ich mich gedemütigt fühlte. Ich entschliess mich schlussendlich zu Letzterem. Besonders der Gedanke an Saskia liess mich fast wahnsinnig werden. Vielleicht, weil sie eigentlich recht hatte? Nicht nur mit der Vermutung, dass ich nicht die wahre Gewinnerin des Wettbewerbs war, sondern auch, dass ich mich besser vorsehen sollte? Dass ich eine unerträgliche, eingebildete Tussi geworden war?

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Egal. Energisch schob ich alle Gedanken beiseite.
Ich nahm die Tasse in meine Hand und stellte mich gerade hin. Sie musste irgendwelche besonderen Fähigkeiten haben, da war ich mir sicher. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich. Was wünschte ich mir?
Meine Freunde. Sie sollen hineinkommen und sich mit mir versöhnen.
Bildlich stellte ich mir erst Adrian, dann Jessica und schliesslich Saskia vor. Wie sie ins Zimmer traten. Wie sie mich umarmten. Mir sagten, wie sehr leid es ihnen tue. Dass sie Frieden schliessen wollten.

Ich hörte, wie jemand an die Zimmertür klopfte.
 
S

S-sanne

Warum habe ich von diesem Wettbewerb eigl. nichts mitbekommen:D

Ich bin ja sooo uninformiert..;)

trotzdem tolle Story...auch wenn sie total verrückt ist..(was positiv gemeint ist:))

Ach übrigens HERZLICHEN♥GLÜCKWUNSCH♥ZUM♥3♥PLATZ

:):):):)

Ach und allerliebsten herzlichen Dank für die SupiDupi Spezialbenachrichtigungsliste:)

Allerliebste Grüße
Susi♥♥

PS:Böses Mädchen einfach so ein Bild von ihrem Vater zu nehmen und dann zu gewinnen..Und dann noch so einen superpreis;):)
 

Thalassa

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@Susi

Warum habe ich von diesem Wettbewerb eigl. nichts mitbekommen:D
Hmm… Vielleicht, weil mein Franzwörtlibuch auf Seite 122 aufgeschlagen auf dem Pult liegt?

trotzdem tolle Story...auch wenn sie total verrückt ist..(was positiv gemeint ist:))
Verrückt ist toll und meine Spezialität. :)

Ach übrigens HERZLICHEN♥GLÜCKWUNSCH♥ZUM♥3♥PLATZ
Dankeee! :)

Ach und allerliebsten herzlichen Dank für die SupiDupi Spezialbenachrichtigungsliste:)
Bitteee! :)

PS:Böses Mädchen einfach so ein Bild von ihrem Vater zu nehmen und dann zu gewinnen..Und dann noch so einen superpreis;):)
Ja, nicht wahr? Diese Jugend von heute…
 

Thalassa

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Kapitel 3

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«Lilly, das Abendessen ist fertig», informierte mich meine Mutter, während sie mein Zimmer betrat. «Findest du nicht, dass du hier wieder einmal etwas ausmisten könntest? Es passt gar nichts zusammen.»
«Mir gefällt es so», gab ich als patzige Antwort.
Sie seufzte angesichts der schwierigen (Teenager-)Phase, in der ich mich gerade befand. «Aber komm gleich.»

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Ich schnitt eine Grimasse. Meine Mutter sollte jetzt plötzlich meine Freundin sein? Oder was hat die Lehrerzimmerkaffeetasse damit gemeint? Aber immerhin. Es funktionierte! Vielleicht musste ich noch etwas üben, bis die Tasse hundertprozentig auf meine Wünsche einging, aber das war doch schon mal ein Anfang. Ich konnte mir Personen herbeirufen?
Wegen dieser Entdeckung ziemlich gut gelaunt, folgte ich meiner Mutter in die Küche. Der ganze Rest der Familie war schon versammelt. Sie sahen zu mir hoch. Was war los? Hat mein Vater… Hat er herausgefunden, dass ich sein Bild… ausgeliehen habe? Bestimmt. ********. Seine Bilder waren ihm mehr als wichtig.
«Ist was?», fragte ich schüchtern.
Papa zuckte mit den Schultern. «Nein. Aber wie wär’s mit ‹Hallo!›?»
«Ja… Hi…» War er gereizt? Es schien nicht so. Etwas müde vielleicht.
Wir begannen zu essen.

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«Duuu…» Rebecca sah plötzlich von ihrem Pizzabrot auf. «Duuu, Lilly, heute war doch die Rangverkündigung oder so vom Malwettbewerb. Hast du da nicht teilgenommen? Warst du an der Versammlung? Wer hat gewonnen? Die wievielte warst du?»
Ich stützte den Kopf ab. Rebecca stellte immer mindestens drei bis vier Fragen gleichzeitig.
«Doch. Ja. Ich. Erste», antwortete ich also möglichst kurz angebunden. Hoffentlich hörte Papa nicht zu. Hoffentlich war er zu sehr in das Gespräch mit Mama vertieft, um von uns Notiz nehmen zu können. Hoffentlich war das Thema schnell vom Tisch. Nicht, dass er an das Bild erinnert wurde, an das Bild, das ihm fehlte und das ich genommen habe und… Ich hielt den Atem an.
Sag nichts mehr, Rebi, sag nichts mehr!, beschwor ich meine kleine Schwester. Halt die Klappe. Wechsle das Thema. Was hast du heute gemacht? Erzähl mir davon. Bitte.
Natürlich erhörte sie mich nicht. «Eeeecht?», kreischte sie stattdessen. «Mama, Papa, hört mal, Lilly hat den Malwettbewerb gewonnen!»

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Ich warf ihr einen grimmigen Blick zu, den sie aber leider nicht sah.
«Stimmt das? Wow, Lilly, das ist ja fantastisch! Ich bin stolz auf dich, so stolz», stimmten meine Eltern auch gleich ein Jubelgeheul an.
«Ja, ist toll…», brummte ich.
«Nein, wirklich! Hast du also doch etwas Künstlerblut in dir drin», strahlte Papa. «Ich wusste es doch immer. Ich hab aber gar nie gesehen, wie du daran gemalt hast.»
Er wusste es! Warum tat er bloss so scheinheilig? Er wusste es. Und Rebecca hat ihn auch noch daran erinnert.
«Ja, kann sein, dass du mich nie gesehen hast», bestätigte ich. Komisch, gell?
Eine Weile schwieg die ganze Familie. Es war nur Rebeccas gelegentliche Schmatzer zu hören, wenn sie wieder einen Bissen von ihrem Pizzabrot nahm. Ich sah sie entnervt an. «Hör auf!»
Unbeirrt frass sie gut hörbar weiter. Kuh. Blöde.

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Papa, der wohl schon einen Streit befürchtete (bei uns kann man ja nie wissen), lenkte schnell ab: «Ach, übrigens, seit gestern vermisse ich etwas. Aber wenn…»
Vor lauter Schreck zuckte ich zusammen. Jetzt kommt’s, dachte ich. Er vermisst das Bild. Dabei lag das doch schon seit Jahren unberührt auf dem Dachboden! Warum ausgerechnet jetzt?
«Oder du, Lilly?»
Mein Herz raste. «I… ich weiss nich’…», stammelte ich. «Keine Ahnung, wo es sein könnte.»
«Alles okay? Du siehst aus wie ein verschrecktes Kaninchen», informierte mich Mama freundlicherweise.
Ich nickte. Nochmals Glück gehabt?
«Dürfen wir uns das Bild eigentlich mal ansehen?», fragte sie plötzlich. «Ich meine das, das du gemalt hast, Lilly. Für den Wettbewerb.»
«N… n… n… A-a-also… Momentan leider nicht… Wegen des Watching-Schutzes, ihr wisst schon.»
Den Blicken meiner Familie zufolge traf genau das nicht zu. «Ja, der Watching-Schutz, das ist so ein… ein… Man soll die Bilder halt noch nicht sehen», erklärte ich geistreich.
«Hey, Lilly, das ist schon okay, wenn wir es nicht sehen sollten», sagte Papa, aber seiner Miene entnahm ich tiefste Gekränktheit.
«Doch, aber… Ich kann ja nichts für diesen Watching-Schutz! Und ausserdem hab ich noch viele… äh… Hausaufgaben.» Ich erhob mich und gab mir Mühe, nicht allzu schnell zu verschwinden. Sonst hätte es ja gleich nach Flucht ausgesehen.

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Zugegeben, es schmerzte mehr, als ich mir selbst zugestand.

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Saskia, Adrian und Jessica setzten sich am nächsten Tag in die erste Reihe. In die erste Reihe! Das hatten sie noch nie getan. Keiner von uns hätte sich freiwillig in die erste Reihe gesetzt. Und mir war klar, dass sie das aus nur einem Grund getan hatten: Ich sass zuhinterst auf unserem Stammplatz.
Es ist mir egal. Es ist mir egal. Es ist mir egal, redete ich mir selber ein. Ich kann gut auf die verzichten. Hier zeigt sich wahre Freundschaft wieder. Aus lauter Neid wollen sie nichts mehr von mir wissen.
Es war trotzdem der grausamste Schulmorgen meines Lebens. Und das will schon was heissen.

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Es tat immer noch weh, als ich mutterseelenallein in der Mensa an einem Tisch sitzen musste. Das Essen schmeckte mir überhaupt nicht – okay, das tat es nie, aber an diesem Tag war es besonders schlimm. Und ich spielte mit dem Gedanken, mir mit meiner Tasse wieder jemanden hervorzuwünschen.
Vielleicht würde es wieder nicht meine alte Clique sein, aber Unterhaltung war immer gut. Ich packte die Tasse aus meinem Rucksack und konzentrierte mich. Unterhaltung. Nette Leute. Neue Freunde.
Nichts geschah. Enttäuscht nahm ich einen Bissen von diesem fantasievollen Speck-Spiegelei-Brot, das sie uns heute in der Mensa unter anderem angeboten hatten. Nicht einmal das mit der Lehrerzimmerkaffeetasse klappte.
Oder war ich bloss zu ungeduldig? Kommt schneller. Seid sofort da, wünschte ich mir noch.

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Trotzdem liess ich fast mein Brot fallen, als zwei Schüsseln Gemüsesuppe neben mir abgestellt wurden.
«Hallo, hier ist sicher noch frei», lautete die freundliche Begrüssung. Josephine. Josephine! Sie zog neckisch ihr grünes Top etwas nach unten, damit man auch sicher einen Blick auf ihren BH erwischen konnte, und lächelte mich an. «Du bist doch Liliana Moor, die den Wettbewerb gewonnen hat. Wow. Tony und ich dachten uns, wir setzen uns mal zu dir.»
«Ja, hi», grüsste mich ihre Freundin. Antonia. Die hatte ich auch schon oft gesehen. Aber sie mich anscheinend noch nie – zumindest taten sie so. Mich liess das Gefühl nicht los, dass ihr plötzliches Interesse nur mit meinem Sieg zu tun hatte.
Doch dann fiel mir die Lehrerzimmerkaffeetasse wieder ein und ich beschloss, dieses Gefühl mal zu ignorieren. Was immer die Tasse im Sinn hatte.
«Hallo, ja klar, ihr könnt euch setzten», lud ich sie deshalb unnötigerweise ein. Sie wirkten nicht so, als ob sie sich von etwas abbringen liessen. Aber was machte das schon? Ich ass mit der Schulprominenz zu Mittag!

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Ich drehte mich um und versuchte möglichst unauffällig, nach meiner alten Clique zu sehen. Hoffentlich bemerkten sie, mit welchen Leuten ich ohne sie verkehrte! Aber leider waren sie sehr beschäftigt – mit sich selber und dem Rest der Klasse, der an ihrem Tisch sass. Egal. Ich wandte mich wieder Antonia und Josephine zu.
«Tony, hast du ihn endlich rumgekriegt?» – «Nee, wird aber nicht mehr lange dauern.» – «Cool. Oh Mann, ich sollte das besser nicht mehr essen, ich bin schon so fett!» – «Du, fett?» Ungläubiger Gesichtsausdruck. «Nein, gar nicht! Du bist so dünn! Du hast so ’ne tolle Figur!» – «Meinst du?» – «Aber ja! Sieh mich doch mal an.» – «Du bist aber auch nicht fett. Und deine Halskette ist ja toll. Woher ist die?» – «Hab ich im H&M bekommen. War ganz billig.» – «Ach? Also im H&M kaufe ich nie etwas.» – «Ich normalerweise auch nicht. War ein Zufall.»
Ach nee? Ich zwang mich, die Augen nicht zu verdrehen, sondern bemühte mich um einen interessierten Gesichtsausdruck. Allzu intelligente Gespräche führte die schulische Prominenz ja nicht, fand ich.

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«Ach, Liliana!» Antonia war anscheinend gerade aufgefallen, dass ich ja auch noch anwesend war. «Warum hängst du eigentlich nicht mit deinen Leuten ab? Ist da nicht noch ein Typ dabei? Hattest du mal was mit dem?»
Ich runzelte die Stirn. Antonia erinnerte mich an Rebecca. «Die sind sauer auf mich. Und ja, Adrian ist auch ganz nett, aber ich war nie mit ihm zusammen.»
«Warum denn nicht?»
Ich zuckte die Achseln. «Passt halt nicht.»
«Und deine Leute sind sauer auf dich? Das kann ja nicht sein», fand Josephine.
«Oh doch. Wahrscheinlich sind sie eifersüchtig, weil ich den Wettbewerb gewonnen habe und ihnen nie etwas gelingt.» Ich wollte nicht so gemein hinter dem Rücken meiner Clique über sie reden, aber wann werde ich wieder die Gelegenheit bekommen, mit solchen Leuten wie Josephine und Antonia zu reden?

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«Oh ja, das glaube ich auch», bestätigte Antonia. Wie schön, dass mal wieder jemand meiner Meinung war!
«Aber ich dachte schon immer, dass du die in den Wind schiessen solltest.» Sie nahm einen Löffel von ihrer Suppe. «Mit denen ist eh nix los. Aber häng doch ein bisschen mit uns ab, wenn du willst.»
«Oh, gern. Danke.» Hoffentlich klang das nicht zu bieder!
«Cool. Du bist echt geil», kommentierte Josephine. «Wie dein Bild. Das ist auch geil.»
«Äh… ja.» Wenn sie nur nicht immer von diesem verdammten Bild reden würde! «Ihr seid ja auch recht… geil
«Yo, logo. Und das mit deinem Freund renkt sich schon wieder ein.» Josephine deutete auf Adrian.
«Er ist nicht mein Freund», verbesserte ich sie irritiert.
«Sag so was nicht. Es gibt immer ’nen Weg, glaub mir.»
Klar. Josephines Lebensweisheiten sollte man sich schon zu Herzen nehmen.

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«Weiss jemand, wie spät es ist?», fragte Antonia. «Ich muss mal wieder rechtzeitig kommen. Sonst schliessen die mich vom Volleyball aus. Hat die Tussi echt gesagt! Und ich werd dann fett.»
«Ich hab eine Uhr», erwiderte ich. Ich sah auf mein Handgelenk.
Doch da war nichts.
 

Thalassa

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Kapitel 4

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«Meine Uhr! Sie ist weg!» Antonias und Josephines Gesichter verschwammen vor meinen Augen. Durfte man als It-Girl weinen? Wohl eher nicht. Allerhöchstens wahrscheinlich ein hysterisches Schluchzen, wenn der Freund Schluss gemacht hat, ansonsten hiess es sicher cool bleiben. Ich versuchte, nicht zu blinzeln, damit sich die Tränen nicht überliefen und die Wange herunter rollten.

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Zu spät. «Mein Gott, sie heult ja», bemerkte Josephine. «Was hat sie denn?»
«Diese Uhr hat mir meine Oma geschenkt. Es war das letzte Geschenk von ihr – kaum hatte sie mir es gegeben, starb sie. Einfach so», erklärte ich.
«Das ist ja krass», sagte Josephine lediglich darauf, Antonia schwieg und starrte mich an, als hätte sie noch nie von einer toten Grossmutter gehört und wüsste nicht, wie sie mit meiner Mitteilung umzugehen hatte.
«Tja… Vielleicht sollten wir…» Antonia liess den Satz unbeendet.
«Oh ja… Wir sollten…», begann dafür Josephine.
Ich unterbrach sie. «Ich muss die Uhr verloren haben. Wie kann ich nur so unvorsichtig sein?» Ich wischte mir die salzigen Tränen weg.

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«Verloren? Bist du dir da sicher?» Plötzlich war Antonia wieder voll und ganz bei der Sache.
«Was soll denn das heissen?», fragte ich irritiert. Witterte sie eine brandheisse Story, die all ihren coolen Freunden erzählen konnte?
«Bestimmt wurde sie gestohlen.»
«Gestohlen?» Ich verschluckte mich fast am letzten Bissen meines Brotes. «Wie kommst du darauf?»
«Ich glaube… War deine Uhr nicht rosa? Ich meine das Dings-Dings drin, du weisst schon, wo es die Zeit anzeigt…»
«Das Zifferblatt?», half ich.
«Ja, genau. Ist das nicht rosa? Aussenrum grau?»
«Doch», bestätigte ich. «Hast du sie gesehen?»

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«Ja, ich…»
«Ich auch!», fuhr Josephine dazwischen. «Jetzt, wo du’s sagst. Irgendjemand hatte auch so eine…»
«Es ist ein Unikat», korrigierte ich trotzig. «Die hat nicht einfach jemand auch.»
«Aber ich bin mir doch sicher! Wer war es bloss…? Vielleicht… Ach, mir fällt’s nicht ein!»
Ich hätte die Information am liebsten aus ihrem Mund geschütelt. Sie musste sich erinnern! Denn wenn jemand dieselbe Uhr wie ich trug, konnte das nur zwei Dinge bedeuten: Entweder war es bloss eine ähnliche – oder diese Person hatte sich meiner Uhr angeeignet. Natürlich klang die erste Variante plausibler, vor allem, weil ich normalerweise nicht immer sofort den Teufel an die Wand malte, doch ich klammerte mich an diesen kleinen Hinweis wie ein durchfrorener Ertrinkender an einen Strohhalm.

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«Diese aufgetakelte Tussi da!» Josephine deutete mit dem Finger auf Saskia, die an einem Tisch wenige Meter von unserem entfernt ausdruckslos in die Ferne sah. Und in diesem Moment hasste ich sie so sehr, wie ich noch nie jemanden gehasst hatte.
«Saskia?» Natürlich. Sie kannte die Story von Oma. Sie wusste, wie sehr es mich verletzen würde. Und verletzen wollte sie mich. Sie hatte es getan.
«Ja, genau!», bestätigte auch Antonia. «Ich glaube, ich hab sie auch an ihr gesehen. Diese Zicke kann sie mal auf was gefasst machen, ey. Nach der Schule knöpfen wir uns die vor.»
«Ich bin dabei», sagte Josephine. «Und du kommst natürlich auch, Lile.»
Mir gefiel dieses Rumkommandieren nicht – wer war sie, Majestät Herr Direktor etwa? –, doch ich nickte trotzdem. «Ja.» Nach einem Zögern fügte ich noch hinzu: «Ey.» Damit es etwas cooler klang.

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Nach dem Unterricht fanden wir Saskia mit Jessica und Adrian auf den Bänken vor der Schule sitzend. Das hatten wir oft getan, wenn wir noch nicht nach Hause gewollt hatten. Und das war natürlich oft der Fall gewesen.

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Adrian sah auf, als wir uns näherten. «Oh, wir bekommen Besuch. Von drei holden Damen.» Saskia und Jessica kicherten wie über einen guten Witz.
«Halt die Klappe, du Schwuchtel. Hängst ja nur mit Mädchen ab», konterte Antonia. Ich runzelte die Stirn. Das gefiel mir gar nicht.
«Und dich sieht man glücklicherweise nie mit Jungs. Aber klar, die brauchst du ja, um sie nach und nach rumzukriegen, auf deiner Liste abzukreuzen und dir den Nächsten zu suchen.»
«Du stehst ganz sicher nicht auf meiner Liste», sagte Antonia von oben herab, als ob Adrian es darauf abgesehen hätte.
«Was wollt ihr überhaupt hier? Es war bisher ganz toll ohne euch», fragte Saskia gelangweilt.

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«Eigentlich sind wir wegen dir hier», antwortete ihr Josephine mit einem betont überfreundlichen Lächeln.
«Oh, soll ich mich jetzt geehrt fühlen? Ich geb mir ja grosse Mühe, aber das klappt leider nicht.»
Josephine ignorierte ihren Kommentar. «Wir wissen, was du getan hast. Rück sie raus, dann verpetzten wir dich nicht.»
Saskia lachte auf. «Ihr droht mir? Wie witzig. Hm, was hab ich wohl getan? Ich hab in Geschichte zu laut geredet, das stimmt, tut mir leid. Aber womit ich rausrücken soll, weiss ich leider nicht. Vielleicht fragst du mal deine neue Freundin Lilly?»
«Tu doch nicht so unschuldig, Süsse. Wir wissen, dass du Liles Uhr geklaut hast. Also, zick nicht rum.»
Saskia brach in schallendes Gelächter aus. «Lile? Was soll denn das für ein Name sein? Wow, echt cooler Name, Lile», wandte sie sich an mich. Ich brachte keinen zusammenhängenden Satz heraus: «Du… meine Uhr… Ich weiss, dass… dass du… du hast sie geklaut.» Warum stotterte ich immer, wenn ich aufgeregt war? Und warum war ich überhaupt aufgeregt? Mit Antonia und Josephine an meiner Seite war ich doch gegen alles gerüstet. Schliesslich hatte sie mir die Lehrerzimmerkaffeetasse beschert. Oder?

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Adrian runzelte die Stirn. «Ich weiss nicht, was in letzter Zeit in dich gefahren ist, Lilly – oder soll ich Lile sagen? –, aber langsam wird das echt lächerlich! Ich wüsste echt gerne, worum es geht.»
Jessica nickte. «Ich auch.»
«Tut nicht so unschuldig. Ich hab Liles Uhr am Handgelenk der Blonden» – Josephine deutete sicherheitshalber noch auf Saskia, als ihr auffiel, dass Jessicas Haar auch sehr hell war – «da gesehen. Natürlich trägt sie es jetzt natürlich nicht mehr, aber ich hab es gesehen. Und Tony auch.»
«Genau. Und wir verstehen keinen Spass.» Antonia guckte grimmig, und sogar ich, die ich mich an eine schlechte Fernsehserie erinnert fühlte, musste mir ein anzügliches Grinsen verkneifen. Auch wenn die Lage mehr als ernst war. Natürlich stritt sie es ab, unsere kleine Diva, und die anderen, die sicher mit ihr unter einer Decke steckten, hielten zu ihr. Es gab mir einen Stich ins Herz, den ich mir nicht so recht erklären konnte.

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Auch Saskia musste lachen. Breit lächelnd sagte sie: «Ja, Krimikommissarin. Dann hast du halt deinen Täter gefunden, aber spiel mit deinen Freundinnen jetzt bitte woanders. Das ist echt lächerlich – ihr alle drei seid lächerlich!»
«Provozier nur.» Ich brachte diese ganzen zwei Worte ohne Stottern zustande. «Aber es ist verdammt jämmerlich, mich erst von der Clique auszuschliessen und mich dann noch zu beklauen. Du weisst, wie viel mir diese Uhr bedeutet, also rück raus damit. An… äh, Tony und Josy haben dich beide gesehen damit. Ich habe Zeugen, Saskia, und es ist bedauernswert, wie du mit deiner Eifersucht umgehst.»
«Lilly!», rief Saskia aus. Sie wirkte nun doch etwas aufgewühlt. «Du drehst dich im Kreis herum. Ich habe dir nichts geklaut. Das würde ich niemals tun. Ich stehle nicht, und schon gar nicht dir! Und ich bin nicht auf dich eifersüchtig, ich finde nur dein Benehmen höchst merkwürdig – und schlussendlich hast du mich beleidigt.»
«Hat sie nicht», behauptete Antonia.
«Keine weiteren Argumente?» Saskia sah sie zweifelnd an. «Das ist ja nicht besonders überzeugend.»

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Ich schnaubte und machte eine wegwerfende Handbewegung. «Ist schon okay. Ich glaub der kein Wort.»
«Ich fass es nicht, dass du mir so was zutraust. Ehrlich.» Saskia schüttelte den Kopf. «Du…»
«Halt die Klappe. Entweder gibst du es jetzt zu, oder ich geh zum Direktor», drohte ich.
«Na dann, geh doch. Du musst ohnehin zu ihm. Steht auf der Anzeigetafel.»
«I… ich muss?» Das Bild! Schlagartig trat es wieder in mein Bewusstsein. Das hatte ich ganz vergessen. Sie haben es gemerkt. Sie müssen es gemerkt haben. Und wenn erst bekannt würde, dass ich gemogelt hatte, würde alles aus sein. Das wusste ich.
 

Thalassa

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Kapitel 5

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Ich klopfte an die Bürotür, aber niemand antwortete. Sollte ich einfach hineingehen? Und was, wenn Herr Vonlanthen gerade im Geheimen jemanden mit einer Voodoopuppe ins Verderben führte und dann mich als Mitwisserin zur Seite schaffen musste? Egal. So schlimm wäre das ja auch nicht.

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Ich drückte langsam die Klinke herunter und öffnete die Tür. Ein Schwall schlechter Luft kam mir entgegen. Ohnehin machte der Raum keinen besonders sauberen Eindruck, auch wenn er, wenn man mal von ein paar Büchern absah, ganz aufgeräumt war. Aber überall hingen Staubpartikel herum. Herr Vonlanthen litt also sicher an keiner Hausstauballergie. Und ich – glücklicherweise – auch nicht.

Auf der linken Seite stand eine Reihe von Bücherregalen, in den Ecken Pflanzen oder Statuen – und natürlich der Volleyballpokal, den einmal unser Team vor vielen Jahren gewonnen hatte. Seither ging es bergab.
Meine Glückssträhne hätte auch mal wieder ein paar Höhepunkte vertragen. Ich setzte mich auf einen der drei Stühle, die ich als Besuchersitzplätze interpretierte. Etwas war schiefgegangen, und zwar gewaltig. Und alles nur wegen meiner Mutter, die unbedingt mich hatte teilnehmen lassen wollen! Oder eher wegen meines Vaters. Schliesslich hatte er das Bild gemalt, und ohne ihn hätte ich gar nicht seines einschicken können. Wobei es ohne die Zeichnungslehrer keinen Wettbewerb gegeben hätte. Aber wenn ich nicht die Bernoulli-Schule besuchte, hätten ich oder meine Mutter gar nie davon erfahren. Und wenn die Bernoulli-Schule nicht gegründet worden wäre, hätte ich sie nicht besuchen können.
Und wenn die Erde nicht entstanden wäre… Ich seufzte. Es machte keinen Sinn, einen Schuldigen zu suchen. Ich hatte das zu verantworten.

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In diesem Moment betrat endlich der Direktor sein Büro und setzte sich mir vis-à-vis hinter seinen Computer. «Hallo, du musst Liliana sein. Tut mir leid, dass du warten musstest.»
«Äh… guten Tag.» Dabei beliess ich es.
«Du weisst, weshalb wir dich hierhin gebeten haben?», fragte er.
Ich schüttelte den Kopf, obwohl ich es ja eigentlich genau wusste. Das Bild. Mein unrechtsmässiger Sieg.
«Nicht? Na ja, ich würde an deiner Stelle wohl auch nicht damit rechnen. Du hast ja bekanntlich den ersten Platz bei unserem Zeichnungswettbewerb belegt.»
Ich schluckte. Jetzt. Es war soweit.
«Niemand möchte dir etwas Böses anhängen, Liliana. Aber…»

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Von seinem Gesicht konnte ich lediglich die Augen und die Nase sehen, der Mund blieb hinter dem Computerbildschirm verborgen, doch ich merkte trotzdem, wie er mit sich rang. Keine so einfache Aufgabe, Schülerinnen zu unfairem Sieg zu beschuldigen?
«Ja?», forderte ich ihn auf, weiterzusprechen. Besser kurz und schmerzlos.
«Tja. Deine Zeichnungslehrerin sagte mir, deine Bilder im Fach Bildnerisches Gestalten seien… nicht so herausragend.»
Er machte eine kurze Pause und sah mich auffordernd an. Sollte ich etwas sagen? «Miserabel, meinen Sie», verbesserte ich ihn schliesslich.
Er lächelte (zumindest sahen seine Augen danach aus, den Mund konnte ich ja nicht sehen). «So ähnlich, ja.» Er wurde wieder ernst. «Damit gibst du also zu, dass BiG wirklich nicht gerade dein bestes Fach ist?»
Ich nickte – was blieb mir auch anderes übrig?

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«Hör zu, Liliana – das sind Dinge, die ich an meinem Job wirklich hasse. Aber Frau Lüthy ist der Meinung, dass für dein Wettbewerbsbild ganz andere Techniken und ein ganz anderer Stil verwendet wurde, als sie es bei dir gewohnt ist. Natürlich kann es sein, dass du zu Hause, wo du ungestört bist, dich viel besser konzentrieren und auf eine andere Weise arbeiten kannst, aber uns liegt doch der Verdacht nahe, dass du… Dass das Bild nicht aus dem Hause Moor kommt», schloss er.
Ich atmete erleichtert aus. Jetzt brauchte ich nicht einmal zu lügen. «Doch, es kommt aus dem Hause Moor», sagte ich schnell, vielleicht etwas zu schnell. «Das ist die Wahrheit.»
«Aber… welche Moor hat es gemalt?»
Ich wich seinem Blick aus.

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Am liebsten wäre ich aufgestanden und gegangen, doch vermutlich wäre das gleichzeitig auch das Schlimmste gewesen, was ich hätte tun können. Dafür bewegte ich meine Augen wieder in seine Richtung. «Daniel Moor hat es gemalt», flüsterte ich.
Herr Vonlanthen nickte. «Dein Vater.»
«Ja. Aber verstehen Sie doch!», rief ich verzweifelt aus. «Meiner Mutter war es so wichtig, dass ich teilnahm! Sie war so glücklich, dass ich irgendetwas eingereicht habe. Und ich hätte ohnehin nie gedacht, dass ich dabei noch etwas gewinnen würde.» Ich senkte den Kopf. «Es tut mir so leid.»

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«Das hoffe ich. Es ist kein Weltuntergang, aber diese Nachricht wird sich ohnehin wie das Lauffeuer in der Schule ausbreiten. Und deine Mitschüler werden dir sicher nicht dankbar für diese Tat sein.»
Ich schüttelte den Kopf. Natürlich nicht.
«Werde ich… Gibt es irgendeine Strafe oder so?», fragte ich ihn.
«Die Verachtung der Schüler wird wohl schon schlimm genug sein. Wie gesagt, es ist kein Weltuntergang. Aber natürlich muss ich den Preis zurückfordern.»

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«Die Lehrerzimmerkaffeetasse?!» Mir blieb vor lauter Schreck der Mund offen stehen.
«Lehrerzimmerkaffeetasse?», echote Herr Vonlanthen verwirrt. «Was meinst du damit?»
«Mein Preis! Eine Kaffeetasse aus dem Lehrerzimmer», antwortete ich.
«Nein, die ist doch nicht aus dem Lehrerzimmer. Vielleicht haben wir ähnliche dort, aber natürlich haben wir dir eine neue geschenkt. Was dachtest du denn?» Der Direktor musste lachen.
Dazu war es mir aber nicht zumute. Eine gewöhnliche Tasse. Und ich hab mir Zauberkräfte eingebildet wie ein kleines Kind. Kein Wunder, dass mich meine alte Clique nicht mehr ernst nahm. Dass sie sich über mich lustig gemacht hatte. Dass sie mir vorgeworfen hatten, mich verändert zu haben.

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«Alles okay?», riss mich Herr Vonlanthen aus den Gedanken.
«Ja… ja… Ich bring sie dann mal vorbei.» Ich konnte ihm ja schlecht zugeben, dass ich sie wie eine Fetischistin die ganze Zeit über in meiner Tasche mit mir trug.
«Gut. Dann – ich hoffe, das wird dir eine Lehre sein. Manchmal ist es besser, wenn man sich Müttern einfach widersetzt.» Er zwinkerte mir zu. «Tschüs.»
«Auf Wiedersehen», murmelte ich und erhob mich. Jetzt brauchte ich Antonia und Josephine. Sie mussten mir meine Gedanken ordnen helfen.

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Leider traf ich erst nach dem Nachmittagsunterricht auf die beiden.
«Lile, während du beim Vonlanthen warst, haben wir nochmals versucht, deine Uhr zurückzukriegen, aber es ging leider nicht. Und die Tussi – wie hiess sie noch mal? – hat sie dann weggeworfen», sagte Antonia.
«Weggeworfen?»
«Ja. In den Teich im Wald hinter der Schule.»
«Teich…?» Ich runzelte die Stirn. Irgendetwas kam mir spanisch vor.
«Was hast du übrigens bei ihm machen müssen?», wechselte Josephine abrupt das Thema.

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«Ich…» Ein leiser Seufzer entfuhr mir. «Okay, ihr werdet es ohnehin erfahren. Bei…»
«Komm schon! Du hast den Zeichnungswettbewerb gewonnen! Deshalb lieben wir dich! Jetzt sag schon, raus damit!», munterte mich Antonia auf.
«Eben nicht.»
«Wie? Was ‹eben nicht›? Komm schon, meine Süsse!» Josephine grinste mich an.
«Ich hab den Zeichnungswettbewerb nicht gewonnen. Zumindest nicht mit meinem eigenen Bild.»
Antonia und Josephine wechselten einen Blick.
«Heisst das, du kannst gar nicht so toll malen?», fragte Josephine leicht dümmlich.
«Genau. Das Bild ist von meinem Vater.»

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«Puuh…», machte Antonia. «Du kannst also… gar nichts?» Wieder sah sie zu Josephine, die verächtlich die Nase zu rümpfen begann. «Du bist doch so eine ganz gewöhnliche Lo…?» Sie beendete das Wort nicht, aber ich wusste, was sie hatte sagen wollen. Loserin. Ich war eine Loserin.
«Na, dann…» Josephine zuckte mit den Schultern. «Ich dachte, du seiest in Wirklichkeit etwas Besonderes! Aber du bist trotzdem nur langweilig. Das ist zum Einschlafen. Komm, Tony.»
Ich sah die beiden mit offenem Mund an. Darum ging es? Dass ich angeblich gut malen konnte? Wenn sie wenigstens enttäuscht gewesen wären, weil ich sie belogen hatte. Aber nein, es ging nur darum, etwas «Besonderes» zu sein. Wie auch immer man das definieren konnte.

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Antonia und Josephine standen auf. Ich sah zu ihnen hoch. «Ich dachte, ihr fändet mich irgendwie… nett oder so.»
Josephine lachte, Antonia guckte mitleidig. «Du schadest unserem Ruf. Bald wird es die ganze Schule wissen. Wir wollen uns nicht von dir in den Dreck ziehen lassen, tut mir leid», erklärte Antonia. «Komm schon, bald wird sowieso niemand mehr mit dir zusammen sein wollen, da sind wir beide doch nur der Anfang.»
Anscheinend hatte sie eine ganz andere Einstellung zu Freundschaft als ich. Aber was hatte ich geglaubt? Ich hatte einer gewöhnlichen Kaffeetasse vertraut. Ich dachte, die beiden oberflächlichsten Mädchen der Schule seien plötzlich wegen einer Tasse die besten Freundinnen.
Antonia und Josephine gingen laut gackernd davon. Und plötzlich wusste ich, was mir bei ihrer Erklärung vom Teich vorhin so seltsam vorgekommen war: Es gab gar keinen. Keinen Teich.
Nicht, dass ich täglich in diesem Wald war. Aber trotzdem hatte ich noch nie auch nur die kleinste Pfütze gesehen. Antonia hatte gelogen.

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Ich rannte ihnen nach. «Saskia konnte die Uhr gar nicht in einen Teich werfen, der gar nicht existiert!»
Die beiden waren aber scheinbar in ein anregendes Gespräch vertieft und ignorierten mich einfach. «Hallo! Jemand zu Hause? Hört mir doch einfach mal zu! Ihr…» Ich brach ab. Zwecklos.
Lange Zeit überlegte ich, was ich tun sollte. Wegrennen? Kindisch. Ausserdem würden es die beiden ohnehin nicht kümmern. Ansprechen? Hatte ich ja schon getan.
Doch anscheinend waren sie nicht gerade Meister im Ignorieren. Nach wenigen Minuten hielt es Josephine nicht mehr aus und sagte: «Was bist du noch hier? Hau ab!»
«Ihr habt gelogen. Das mit dem Teich ist gelogen. Und» – ich geriet richtig in Fahrt – «welchen Grund habt ihr, zu erfinden, dass die Uhr weg ist?»

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Natürlich schwiegen Antonia und Josephine.
«Welchen Grund habt ihr? Was nützt euch das?» Da die beiden noch immer keine Anstalten machten, meine Fragen zu beantworteten, tat ich es gleich selbst. «Weil das andere auch gelogen ist. Saskia hat mir die Uhr gar nicht geklaut, oder? Das habt ihr erfunden!»
Weder Antonia noch Josephine sprachen ein Wort.
«Ihr habt es erfunden!», schrie ich. Tränen der Wut traten mir in die Augen. Genervt wischte ich sie weg. Ich hasste es, wenn ich in solchen Momenten zu heulen begann. Es fiel schwer, irgendwie autoritär zu wirken. «Und warum habt ihr es erfunden? Warum habt ihr das erfunden? Zwischen mir und Saskia war schon zuvor alles zerstört! Ihr habt dem bloss noch den Rest gegeben. Und warum? WARUM?!»
Auch diese Antwort konnte ich mir selbst geben; ich sah auf Josephines Handgelenk.

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Meine Uhr.
«Du hast sie selbst geklaut», flüsterte ich. «Du warst es. Du Heuchlerin! Ein Tartuffe der Neuzeit!»
Josephine wirkte erstaunlicherweise kurz verunsichert. «Wir hätten sie dir sicher mal zurückgegeben. Etwas später vielleicht. Und dir gesagt, dass wir extra im Brunnen getaucht haben oder so was.» Sie lachte. «Oh Gott, du hättest uns danach sicher aus der Hand gefressen.»
Ich wurde ganz ruhig. «Okay», sagte ich beherrscht. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. «Okay», wiederholte ich nach einer Weile. «Du findest es also noch lustig. Ich muss dir wohl nicht sagen, dass du die abscheulichste Person bist, die ich je getroffen hatte? Oberflächlich, verlogen, heuchlerisch. Ehrlich, ich bin froh, dass ich mit euch beiden abgeschlossen habe. Und am besten gehe ich gleich nochmals zurück zu Vonlanthen.»
«Es tut uns ja so leid!», behaupteten sie, aber ich sah ihnen an, dass kein Wort ernst gemeint war. Ich drehte mich um. Diesmal war ich diejenige, die einfach wegging.
«Die kann doch nicht einfach zum Vonlanthen gehen!» Antonias Worte liessen mich nur nochmals naserümpfend grinsen.

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Drei, vier Meter konnte ich mich beherrschen, würdig davonzuschreiten, aber danach hielt ich es nicht mehr aus und begann zu rennen. Ich fühlte mich seltsam frei, obwohl ich meine Uhr jetzt wohl wirklich nicht mehr zurückbekommen würde. Aber Es fühlte sich gut an, mit den beiden eingebildeten Schnepfen fertig zu sein.
Und dass ich in meinem Lauf fast Adrian umstiess, machte auch nichts. Wir sprachen noch lange miteinander. Über Vertrauen. Über Veränderung. Über Sieg und Niederlage. Über glückliche und unglückliche Menschen. Über Freundschaft.
Und über eine bestimmte Sorte Tasse. Die doch gar keine Rolle spielte.

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Das ist also das Ende dieser kurzen FS. Sie ist sicher kein literarisches Meisterwerk, aber das soll sie auch nicht sein. Sie handelt nicht von einem schweren Schicksal eines Menschen, dafür von der etwas überspitzt formulierte Erfahrung eines jungen Mädchens, die viele Leute an vielen Tagen auch machen müssen. Und von der Tatsache, dass wahre Freundschaft alles ist.
 
S

S-sanne

War länger nicht mehr on;)..

Hab das dritte Kapitel jetzt durch.Tolle neue Freunde hat sie da:naja::naja:

Und wo ist ihre Uhr..

Meld mich bald wieder, wenn ich den rest durch hab:)

♥♥

So hab das 4. durch..DIese dummen Schnepfen sind soo dumm..Hetzten sie gegen irhe anderen, richtigen Freunde auf...Echt toll sowas:naja::naja:
 
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