Fotostory Caged

Innad

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Hallo ihr Lieben,

nachdem ich im blauen schon lange an der FS rumbastele, möchte ich sie endlich endlich auch mal hier hochladen. Da ich im Moment gerade einen technischen Problemfall habe, habe ich etwas Luft mit den FS und kann dann hier nach und nach etwas aufholen.

Ich war schon lange nicht mehr intensiv hier, aber einige "alten Gesichter" kennen mich bestimmt noch, und ich lese auch immer mal wieder bei den ganzen FS hier mit :) Jetzt hab ich doch auch wieder Lust, etwas eigenes zu posten :)

Mit Schreiben angefangen hatte ich bei dieser Story schon 2007, die meisten Kapitel sind aber in den letzten 2-3 Jahren entstanden.

Genug gequatscht, viel Spaß damit:

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These are the darkest clouds
To have surrounded me
Now I find my self alone caught in a cage
There's no flower to be found in here
Not withering
Or pale to me
Everyone with a friendly face
Seems to hide some secret inside

He told me he loved me
While he laughed in my face
He just led me astray
He took my virtue
I feel so cold inside
Sorrow has frozen my mind

My heart is covered
With thoughts entangled
How could it ever have felt so real
Is there a place more lonely than I feel within
Could I have seen
Could I have known
I just took it as the truth
Everyone with a friendly face
Seems to hide some secret inside
Always there to remind me
To keep me from believing
That someone might be there
Who'll free me and never ever leave me

~Within Temptation~



CAGED



Prolog

Grauer Regen. Schwere Tropfen, hämmernd, pochend an der Scheibe.
Die Welt um sie herum leer. Trostlos. All seines Sinnes beraubt.
Jeder Wimpernschlag schmerzlich. Jede Bewegung grausam.


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Warum nicht wieder zurückfallen in den Schlaf, zurück in liebevolle Erinnerungen, die sie warm umhüllen wie eine Decke aus weicher Wolle an einem kalten Herbsttag wie diesem.
Warum nicht zurückdenken, sich zurückfühlen in eine Zeit, in der in ihrem Herzen noch Licht und Glück herrschte?
Tränen, so bitter und voller Qual. Brennend rinnen sie an ihren Wangen herab, hinterlassen rotflammende Spuren auf ihren bleichen Wangen.
Sie sieht auf, als der Sturm scheppernd an den Fenstern rüttelt. Sehnsucht danach, sich von ihm hinwegreißen zu lassen, in eine Welt, die weniger hart und bitter, weniger grausam und ungerecht ist.


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Sie steht auf, wankt zum Fenster und legt die Stirn an die kühle Scheibe.
Es hat keinen Sinn mehr. Ihr Leben ist verlebt.
Der Donner eines Blitzschlags durchreißt die trübe Luft.
Ein qualvoller Schrei entrinnt ihrem Mund. „Warum? Warum hast du mir das angetan?“

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1.


Müdigkeit. Tag und Nacht nur Müdigkeit.
Schlaf ist die beste Medizin, hatte ihre Mutter immer zu sagen gepflegt. Doch Schlaf konnte keine Herzen heilen.
Aber er verschaffte einige Stunden Ablenkung von dem Schmerz, der in ihr loderte.
Im Schlaf konnte sie sich flüchten in ihre Träume, die so völlig anders waren als die Realität. Im Schlaf segnete sie eine dankbare Verdrängung und die Wirklichkeit schien ferner als alles andere.

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In ihren Träumen war sie nicht alleine. Dieses Bett war nicht kalt und leer, mit nichts darin als ihrem unscheinbaren Körper.
Nein, in ihren Träumen umfingen sie Arme, küssten sie sanfte, weiche Lippen. In ihren Träumen war ihr Leben warm und sonnig – und die dunklen Wolken noch weit fort am Horizont.
Und wenn es nach ihr gegangen wäre, dann wäre sie nie aufgewacht, um festzustellen, dass diese Wolken ihr Lebensfirmanent bereits so unendlich verdunkelt hatten.
Erneut schloss sie darum die Augen, versucht, die warmen, glückerfüllten Bilder wieder vor ihrem inneren Auge aufsteigen zu lassen.
Fast wäre es ihr gelungen, hätte in diesem Moment nicht das schrille Klingeln des Telefons alle ihre Versuche zunichte gemacht.
Empört riss sie die Augen auf und überlegte einen kleinen Moment, ob sie dem aufdringlichen Geräusch neben sich trotzen oder folgen sollte.
Es vergingen mehrere Sekunden, bis sie sich schweren Herzens entschied, aufzustehen und barfuss nach unten zu tapsen, wo sie brummelnd den Hörer abnahm.

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„Eileen, Schätzchen. Ich dachte schon, ich muss eine Vermisstenmeldung aufgeben“, schlug ihr eine fröhliche Stimme entgegen.
Es war Marlene, wer konnte es auch sonst sein. Wer kümmerte sich schon um sie, wem war sie noch wichtig?
“Hallo Marlene“, sagte Eileen leise. „Was gibt`s?“
„Was es gibt? Seit Tagen meldest du dich nicht. Das einzige, was man von dir hört oder sieht, ist deine Krankmeldung, die seit zwei Wochen regelmäßig durch meine Hände geht. Wieso rufst du nicht an?“
„Es tut mir leid, Marlene. Aber danach stand mir wirklich nicht der Kopf.“
Eileen seufzte.
„Ich habe versucht, Marcel zu erreichen. Doch er ist nicht an sein Handy gegangen“, plapperte Marlene weiter und kicherte dann: „Ich dachte schon, ihr zwei wärt endgültig auf eure einsame Insel ausgerückt. Aber nun wo ich dich dran habe, klingst du wirklich ziemlich krank. Ich hab mir echt Gedanken um dich gemacht. Sag nur, dich hat auch diese fiese Grippe erwischt?“

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Eileen antwortete nicht, was sich auch als unnötig erwies, denn Marlene hielt das Gespräch problemlos aufrecht: „Dann hoffe ich nur, dass du deinen geliebten Göttergatten nicht auch noch ansteckst, denn kranke Männer sind wirklich un-er-träglich!“
Wie immer, wenn Marlene einer bestimmten Sache ein ganz besonderes Gewicht verleihen wollte, betonte sie jede Silbe einzeln.
„Stell dir nur vor, Dirk hat sich letzte Woche mit dem Hammer am Finger verletzt. Nichts schlimmes, keine Bange, nur eine winzige Quetschung, aber du hättest mal erleben sollen, wie er danach gejammert hat. Man hätte tatsächlich fast meinen können, der ganze Finger müsse amputiert werden.“ Sie lachte leise. „Aber das kennst du ja.“
Als Eileen immer noch schwieg, wurde Marlene stutzig. „Sag mal, bist du überhaupt noch da?“
„Ja.“

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„Hast es dir die Sprache verschlagen?“
„Weiß nicht.“
„Mensch, Eileen, nun lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.“ Marlene wurde langsam nervös. Dass Eileen kein Plappermaul wie sie selbst war, das wusste sie, aber so schweigsam hatte sie die junge Frau bisher selten erlebt. „Was ist los, Eileen? Ist was geschehen? Du hast doch nur die Grippe, oder?“
Eileen lachte bitter auf. „Ich weiß nicht, ob man das so nennen kann.“
“Kann ich etwas für dich tun?“ fragte Marlene sanft. „Dir einen Saft bringen oder etwas einkaufen? Aber bestimmt bist du bestens von Marcel versorgt, nicht wahr?“
Eileen schluckte. „Nein“, erwiderte sie dann. „Nein, du kannst nichts für mich tun. Es geht schon, Marlene, wirklich.
Marlene atmete erleichtert auf. „Da bin ich aber froh, Süße. Ich dachte schon, es wäre was Schlimmeres. Wann denkst du, dass du wieder fit bist? Ich versinke hier ohne dich in Arbeit, was nicht heißen soll, dass du dich nicht auskurieren sollst. Nur ist es ohne dich richtig langweilig hier.“
„Ich weiß nicht, wann ich wiederkomme“, sagte Eileen und verbiss sich zu sagen. „Ich weiß nicht, ob ich jemals wiederkomme...“

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Marlene war einen Moment verdutzt und sagte dann schnell: „Du hast recht, kurier dich erst mal ordentlich aus. Mit solchen Grippewellen ist nicht zu spaßen. Und anstecken brauchst du mich auch nicht, bleib ruhig schön zu Hause und behalt deine Viren für dich, ich will nämlich am Wochenende mit Dirk weg fahren. Ach, noch was Eileen – bevor ich es vergesse – Dirk erreicht Marcel nicht auf dem Handy und er würde sich gerne seine Kletterausrüstung borgen. Meinst du, das geht?“
Eileen schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Ich denke nicht, dass ich dir darauf antworten kann, Marlene.“
Marlene schien verwirrt. „Aber warum nicht? Denkst du, er möchte es nicht?“

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“Das weiß ich nicht, Marlene. Es ist nur leider so, dass ich ihn wohl kaum fragen kann.“
“Und wieso nicht?“ Marlene wurde langsam ungeduldig. Eileen war heute aber auch wirklich seltsam.
„Ganz einfach“, sagte Eileen mit zitternder Stimme. „Weil Marcel mich vor zwei Wochen verlassen hat. Ich weiß nicht, wo er ist und was er tut. Er ist einfach – fort...“

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Und bevor Marlene noch etwas erwidern konnte, hatte Eileen den Hörer aufgelegt.

Fortsetzung folgt.
 

julsfels

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Hey, Innad! Wie schön, dass Du Caged jetzt auch hier postest. *froi*
Dann kann ich ja einfach meine Kommis zu den einzelnen Kapiteln aus dem Blauen kopieren und hier posten. :lol:
Nee, mach ich natürlich nicht, aber ich freue mich sehr, dass ich jetzt hier alles nochmal von vorne genießen kann.

Sei lieb gegrüßt!
 

Lynie

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Huhu Innad :)
deine Story klingt sehr interessant und Eileen tut mir ja schon richtig leid und man will sie am liebsten im Arm nehmen.. Auch wirft das Kapitel viele Fragen auf.. Warum hat Marcel sie verlassen und wo ist er???

Der Text ist sehr gut geschrieben und die Bilder sehr schön.. Sie passen auch sehr gut zum Text :up:
Ich werde wieder rein schauen und freue mich, wenn es weiter geht, auch wenn ich die kommende Woche nicht da bin..

lg lynie :hallo:
 

Innad

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@Lynie: Danke für Deinen Kommi!! :)
Ja, Eileen kann einem leid tun, das stimmt. Warum Marcel sie verlassen hat, was dem Ganzen vorausging, das werdet Ihr nach und nach erfahren :)


@Julsfels: Hihi, ja, ich konnte nicht widerstehen und nach meinem Schredder-Unfall muss ich jetzt alles wieder neu bauen, basteln... da dachte ich, ich kann die Pause ja vernünftig nutzen ;)
 

Innad

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2.


Marlene schlug die Autotür mit Wucht zu und ging entschlossenen Schrittes auf die dunkelrote Haustür zu.

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Der Kies knirschte unter den hohen Absätzen ihrer Stiefel und einige Regentropfen verfingen sich in ihrem Haar, doch sie beachtete sie nicht und drückte entschlossen ihren lackierten Fingernagel auf den bronzenen Klingelknopf, woraufhin ein deutliches „Ring!“ aus dem Hausinneren zu hören war.
Marlene war nicht überrascht, dass sich im Haus nichts regte. Doch ein Blick zur Garagenvorfahrt verriet, dass jemand zu Hause war, außerdem fiel Licht aus einem der Zimmer in das matschige Blumenbeet des Vorgartens.
Darum drückte Marlene erneut mehrmals auf die Klingel. Nach etwa fünf Minuten wurde ihre Ausdauer bezahlt.

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Inzwischen war das „Ring!“ zu einem unerträglichen Dauerton übergegangen, denn Marlene hatte den Finger nicht mehr vom Klingelknopf genommen.
Zaghaft öffnete sich die Tür und eine junge Frau mit zerzaustem Haar, mit nichts als einem Pyjama bekleidet, blickte Marlene ins Gesicht.
„Mein Gott, Eileen, du siehst ja furchtbar aus!“ rief Marlene erschrocken und machte einen großen Schritt in den Hausflur, um der Kälte und dem Regen endlich zu entkommen.

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Der Anblick ihrer Freundin schockierte sie mehr, als sie zugeben wollte. Jedwede Lebensfreude schien aus dem sonst so fröhlichen Gesicht Eileens entwichen zu sein.
Ihre sonst so bezaubernden blauen Augen wirkten nicht nur farblos, sondern waren durch das viele Weinen angeschwollen und stark gerötet.
Eileens braunes Haar hing ihr ungepflegt und zerzaust ins Gesicht und fiel glanzlos auf ihre Schultern. Unter den Augen hatten sich tiefe Schatten gebildet und ihre Wangen wirkten eingefallen. Ihre Lippen waren trocken, spröde und aufgerissen.

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Marlene erkannte sofort, dass Eileen in den letzten Tagen mehrere Kilo abgenommen haben musste. Die auch sonst recht schlanke Frau schien nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein.
„Hallo Marlene“, sagte Eileen mit dünner Stimme. „Was gibt`s`?“
Als ob sie einen Standardspruch abspulen würde, fuhr es Marlene durch den Kopf, denn am Telefon hatte Eileen genau dasselbe gesprochen.
„Das fragst du noch“, erwiderte Marlene und schalt sich direkt für die Barschheit in ihrer Stimme, die Eileen zusammenzucken lassen hatte.

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Mit sanfterem Ton sprach sie weiter. „Mensch, Eileen, wieso hast du mich denn nur nicht angerufen? Ich wäre doch sofort gekommen.“
Eileen zuckte mit den Schultern und schlurfte zurück ins Wohnzimmer. Marlene folgte ihr und runzelte die Stirn ob des Anblicks, der ihr sich bot.

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Das sonst so saubere und gemütliche Wohnzimmer glich heute einem Schlachtfeld – überall lagen Chipstüten verteilt, Coladosen standen auf Boden und Schränken, schmutziges Geschirr bedeckte fast jedwede Ablagefläche, es türmten sich Berge schmutziger Wäsche in kleinen Körben und überall auf dem Boden lagen ganze Haufen an Sammelsurien von allen erdenklichen Gegenständen verteilt, Bücher, Fotos … es sah aus, als habe eine Bombe eingeschlagen.
Doch Marlene verkniff sich jeden Kommentar und legte Eileen, die hilflos vor der Couch stehen geblieben war, sanft die Hand auf die Schulter.
„Hör zu, Süße. Wie wäre es, wenn du erst einmal unter die Dusche springst und dich ein wenig frisch machst und ich koch uns einen schönen Tee und mach uns etwas zu essen. Du hast sicher seit Tagen nichts Vernünftiges gegessen, hab ich recht?“

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Eileen dachte nach und versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas zu sich genommen hatte, doch sie fand es nicht heraus. Einzig ihr schmerzender und knurrender Magen zeigte ihr, dass es schon zu lange her sein musste.
Eigentlich wollte sie alleine sein, doch wenn sie ehrlich war, so musste sie zugeben, dass Marlenes Anwesenheit ihr gut zu tun schien, darum nickte sie stumm und sah Marlene nach, die schnellen Schrittes in die Küche ging, um Teewasser aufzusetzen. Dort bot sich ihr kein anderer Anblick als im Wohnzimmer – dreckiges Geschirr, Essenreste und Müll, so weit das Auge reichte. Um einen Teller mit verschimmelten alten Brotresten summten die letzten überlebenden Mücken des Sommers.

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Langsam ging Eileen derweil nach oben ins Badezimmer und begann sich aus dem ihrem Schlafanzug zu schälen. Irgendwie bildete sie sich ein, er rieche noch nach Marcel, denn in ihrer letzten gemeinsamen Nacht hatte sie diesen Schlafanzug getragen. Sie hatte sich an Marcels Haut gekuschelt und war friedlich eingeschlafen. Wie sehr ihre Welt zu diesem Zeitpunkt doch noch in Ordnung gewesen war… ihr stiegen die Tränen erneut auf, bevor die Kleidung schließlich mit einem dumpfen, kaum wahrnehmbaren Schlag auf den Fliesenboden rutschte.

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Unter der Dusche vermischten sich die salzigen Tränen mit dem heißen Wasser, das sie sich minutenlang über Gesicht und Körper streifen ließ. Ihre Hände fuhren sachte über ihre Haut und ertasteten Zentimeter für Zentimeter ihres Körpers, als wäre er Neuland für sie.
Marcel hatte ihren Körper geliebt, stundenlang hatte er sie oft nur gestreichelt oder bewundernd angesehen. An manchen Tagen war sie zu ihm unter die Dusche geschlüpft, sie hatten ihre Körper aneinandergepresst und das sanfte Plätschern des Wassers zu zweit genossen.
Eileen öffnete die Augen und fühlte sich in der großen, runden Dusche mit einemmal unendlich einsam – so wie sie sich in den vergangenen Tagen jede Sekunde in diesem Haus gefühlt hatte.

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Aus der Küche hörte man das Klappern von Töpfen und das warme Gefühl, in diesem Moment nicht gänzlich alleine zu sein, erfüllte Eileens trauriges Herz.
Sie schäumte sich kräftig ein und stellte die Dusche ab. In ein flauschiges Handtuch gehüllt verließ sie die Duschkabine und stellte fest, dass sie sich tatsächlich einen Tick besser fühlte als vor einigen Minuten.
Sie widerstand der Versuchung, erneut in den geliebten Schlafanzug zu schlüpfen. Nachdem sie sich die Haare getrocknet hatte, huschte sie ins Schlafzimmer und hüllte sich zum ersten Mal seit Tagen wieder in einigermaßen normale Kleidung.
In einen lockeren Jogginganzug gekleidet und deutlich frischer betrat sie kurz darauf das Wohnzimmer und staunte, denn Marlene hatte in Windeseile die gröbste Unordnung der letzten Tage entfernt, die stinkenden Essenreste waren verschwunden, die Getränkedosen waren alle in den Müll gewandert. Den Haufen aus Erinnerungen an bessere Zeiten hatte sie ein wenig zusammengeschoben, aber ansonsten unberührt gelassen.

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Aus der Küche drang der angenehme Duft von gebratenem Fleisch.
Marlene stand am Herd und kochte Spaghetti. Als Eileen eintrat, sah sie kurz auf und rief: „Halleluja, nun erkenne ich dich zumindest ansatzweise wieder. Fühlst du dich etwas besser?“
Eileen nickte zaghaft. „Ein wenig vielleicht schon“, erwiderte sie und ließ sich erschöpft auf den Küchenstuhl fallen. Sie fühlte sich wie nach einem 1000-Meter-Lauf, obwohl sie nur geduscht und sich angezogen hatte.
„Das hab ich mir gedacht.“
Marlene nahm die Schüssel mit Nudeln und brachte sie zum Esstisch. Eileen folgte ihr und nahm auf einem der weichen Stühle platz. Marlene hatte derweil zwei Teller aus dem Schrank geholt, schaufelte Spaghetti darauf und setzte sich dann Eileen gegenüber.

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„Das wird nun aber aufgegessen, klar. Sonst fällst du mir noch völlig vom Fleisch“, sagte sie streng. Eileen lächelte schwach. „Keine Angst, so schnell wird das nicht passieren“, erwiderte sie, begann aber brav zu essen.
Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie gewesen war.
Sie fragte sich, wo in aller Welt Marlene die Zutaten für das Essen herbekommen hatte. Ihr Kühlschrank war seit Tagen verwaist.
Als habe sie ihre Gedanken erraten, sagte Marlene in diesem Moment: „Ich war noch einkaufen, bevor ich hergekommen bin, denn ich dachte mir, dass du nichts im Kühlschrank hast.“ Sie wies mit der Hand zum Küchenschrank. „Da oben habe ich dir Brot und Müsli reingetan, im Kühlschrank ist Milch, ein wenig Wurst und Käse und Eier, damit du erst mal versorgt bist.“
Eileen schluckte und sagte gerührt: „Das ist echt lieb von dir, Marlene.“
Marlene winkte ab. „Ach was, das ist ja wohl selbstverständlich.“

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Schweigend aßen sie weiter. Irgendwann sah Marlene auf und sagte. „Willst du mir erzählen, was geschehen ist?“
Eileen atmete tief durch und legte das Besteck zur Seite. Sie sah unendlich hilflos und verloren aus, wie sie da so zusammengesunken auf ihrem Stuhl saß. Marlene musste schlucken und merkte, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen, als sie ihre Freundin so sah. Was hatte Marcel nur getan?
„Sollen wir uns vielleicht auf die Couch setzen?“, versuchte sie die Stille zu überbrücken. Eileen nickte stumm.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander auf der Couch, dann begann Eileen stockend zu sprechen.
„Es gibt eigentlich nicht viel zu erzählen. Marcel hat mich verlassen.“

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„Ja, aber – warum denn nur?“ Marlene schüttelte ratlos den Kopf. „Ihr beiden ward immer wie Pech und Schwefel, das perfekte Paar. Wie kann es denn sein, dass er einfach so geht? Hat er denn keine Begründung genannt?“
Eileen sah auf und ihre Miene war mit einemmal verbittert. „Oh doch, das hat er“, erwiderte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Er hat eine andere.“
Marlene starrte sie ungläubig an. „Er hat was?“ rief sie aus. „Nein, das kann doch nicht sein!“

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Traurig erwiderte Eileen: „Doch, es ist leider so, Lene. Es war am Sonntag vor einer Woche, als ich es herausgefunden habe. Es war eigentlich ein Zufall – ich wollte meine Mutter anrufen und habe statt meinem sein Handy erwischt - und seine SMS gelesen.“ Wie entschuldigend fügte sie hinzu: „Ich dachte wirklich, es wäre mein Handy – wir hatten ähnliche Modelle und ich war in Gedanken, habe einfach daneben gegriffen. Warum er sein Handy so herumliegen lassen hat, wo er doch wusste, dass...“, sie schluckte „, dass IHRE Nachrichten darauf sind, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich diese SMS gelesen – sie war eindeutig, eindeutiger ging es nicht mehr.“

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Marlene sah sie immer noch entsetzt an. „Und dann? Hast du ihn zur Rede gestellt?“
Eileen seufzte. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war völlig außer mir, ich wollte es nicht glaube – Marcel ... mich betrügen! Es war völlig undenkbar, dass das passieren konnte. Ich dachte, es müsse ein Missverständnis sein. Eine fehlgeleitete Nachricht – eine Verehrerin, von der er mir nicht hatte erzählen wollen...“


Eileen sah, wie Marlene ein wenig die Stirn runzelte und sagte aufgebracht: „Du musst das verstehen, ich wollte alles glauben, nur nicht das, was wirklich der Grund war.“
Sie atmete schwer und ihre Finger krallten sich in den samtenen Stoff ihres Oberteils. Als sie weitersprach, rollten ihr zwei Tränen die Wangen herab.
„Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte solche Angst, ihn darauf anzusprechen, Lene. Doch das ist mir erspart geblieben, denn natürlich hat er gemerkt, dass ich anders war als sonst und mich gefragt – da ist alles aus mir heraus geplatzt.“
„Was hat er gesagt?“
„Er war wütend, dass ich sein Handy benutzt habe“, lachte Eileen bitter. „Das war erst einmal alles. Aber ich habe weiter gebohrt – und na ja – nach einer Weile hat er zugegeben, dass er seit einem halben Jahr eine Affäre hat.“

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Marlene stieß einen verblüfften Laut aus. „Nein! Seit einem halben Jahr, das ist nicht dein Ernst... das... das bedeutet ja...“
Eileen lachte bitter auf und nickte. „Ja, Lene, völlig richtig.“
Ihr Blick wanderte zum Boden und sie schlug die Hände vors Gesicht. „Es war nur vier Wochen nachdem ich unser Baby verloren habe...“
Eileen schluchzte verzweifelt auf.
Marlene schluckte und eilte zu ihrer Freundin, zog sie in die Arme und wiegte sie wie ein kleines Kind. Sie fühlte ihren Schmerz am eigenen Körper und wusste, dass kein Wort, das sie sprach, Eileen würde trösten können.

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Also hielt sie die weinende Frau nur so fest sie konnte, bis ihr Schluchzen langsam leiser wurde und sich ihr Atem wieder beruhigte...






Fortsetzung folgt.
 

Innad

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3.​



„Ein frohes neues Jahr!“ posaunte Herr Kuhrmaier in den Raum.

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Marlene und Eileen standen auf und schüttelten ihrem Chef die Hand.
„Ihnen auch, Herr Kuhrmaier“, sagte Eileen fröhlich. „Wie war es beim Skifahren? Wir haben uns schon gesorgt, dass sie mit gebrochenen Knochen zurück kämen.“
Sie und Marlene kicherten. Auch ihr Chef lachte dröhnend mit und schüttelte dann den Kopf, während Eileen sich wieder zurück an ihren Schreibtisch begab. „Ich hab mich nicht auf diese Bretter gestellt, das war mir zu riskant“, sagte er dann zwinkernd. „Ich bin nur immer mit auf die Piste gefahren und während meine Frau und unsere Freunde ihre Runden gedreht haben, habe ich es mir in der Almhütte bei einem guten Gläschen gemütlich gemacht und viel gelesen. So einen entspannten Urlaub hatte ich schon seit Jahren nicht mehr!“

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Wieder lachten alle drei herzlich. „Sie sind schon ein Original“, meinte Marlene augenzwinkernd. „Sind sie denn dann wenigstens gut reingerutscht?“
„Und ob! Das Feuerwerk in den Bergen ist schon etwas besonderes“, antwortete er begeistert. „Das kann ich Ihnen nur empfehlen – vielleicht können Sie und ihre Männer das nächstes Jahr mal in Betracht ziehen? Es ist wirklich herrlich und viel schöner als in der Stadt, das können Sie mir glauben.“
Nachdem Herr Kuhrmaier noch ein wenig mit ihnen geplaudert hatte, schloss er die Tür wieder hinter sich und überließ die beiden ihrer Arbeit.
Konzentriert machte Eileen sich an die Abrechnungen, während Marlene verträumt aus dem Fenster blickte. Nach einer Weile sah Eileen auf und lachte. „Mensch, Marlene, so toll ist die Aussicht auch wieder nicht.“

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Sie wies auf die graue Straße, die nur spärlich mit den gerade herab fallenden Schnee bedeckt war. Vermutlich würde es in wenigen Stunden zu schneien aufhören und alles, was von den Flocken übrig blieb, wären grau matschige Pfützen, die in trüben Rinnsalen dahin schmolzen.
„Ach, ich dachte nur gerade, dass Herr Kuhrmaier gar nicht unrecht hat. Wieso sollten wir nicht einfach in die Berge fahren, du, Marcel, Dirk und ich? Nächstes Jahr zu Silvester, meine ich?“

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Eileen lachte glucksend. „Lene, wir schreiben heute gerade mal den 4. Januar! Und du willst schon wieder für nächstes Jahr planen?“
„Dieses Jahr“, belehrte Marlene sie augenzwinkernd. „Mal ehrlich, Eileen, das wäre doch eine feine Sache. Nicht, dass mir unsere standardmäßigen Fondue- oder Racletteparties zuhause nicht gefallen würden, aber so ein Wochenende in den Bergen – wenn alles verschneit ist und man vor dem Hintergrund der Berge dann um Mitternacht die Feuerwerkraketen aufsteigen sieht.“
„Du hörst dich an wie eine Werbetexterin für einen Reisekatalog“, grinste Eileen und widmete sich wieder dem Bildschirm, in dem Versuch, weiter zu arbeiten.
„Nun sei nicht so streberhaft“, keifte Marlene. „Es ist ohnehin nicht viel los, die meisten Leute kommen gerade erst aus dem Urlaub. Das Telefon hat heute noch kein einziges Mal geklingelt.“

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Eileen ließ wieder von ihrer Arbeit ab und sah Marlene aufmerksam an. „Nun, was meinst du?“ drängte diese sie. „Würde dich das nicht auch reizen?“
Eileen verdrehte die Augen. „Natürlich, es klingt nett, wirklich nett. Nur kann ich doch nicht heute schon planen, was ich Ende Dezember mache, oder?“
„Warum denn nicht? Sei spontan!“
Eileen lachte erneut. „Wenn du mich fragst, ist das genau das Gegenteil von Spontaneität! Aber ich kann Marcel ja mal fragen!“


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Marlene sprang auf und klatschte vergnügt in die Hände. „Hurra! Hurra! Wir fahren in die Berge!“
Eileen sah sie amüsiert an. „Nun mach mal halblang, es ist noch ein ganzes Jahr Zeit und wir haben noch nicht unsere Männer gefragt!“
“Egal, die sagen sowieso ja, wenn wir sie mit der Aussicht auf jede Menge Glühwein und Skifahren locken.“

Eileen grinste. Wo Marlene recht hatte...
Sie warf einen schnellen Blick auf die Uhr und sagte: „Ich werde heute etwas früher in die Mittagspause gehen, ich hab noch einen Termin.“
Marlene sah neugierig auf. „Aha, wo denn, wenn ich fragen darf? Triffst du dich etwa mit deinem heimlichen Verehrer?“
Eileen schnitt ihr eine Grimasse und sagte. „Ja klar, was denkst du denn. Nein, ich muss nur zum Arzt, nichts wildes. Also, wundere dich nicht, wenn ich etwas länger weg bin.“

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Marlene winkte ihr nach und machte sich dann wieder an ihre Arbeit, die trotz Urlaubspause nicht gerade wenig war. Zwischendurch konnte sie es sich natürlich nicht verkneifen, auch einmal im Internet nach Reiseangeboten in die Berge zu stöbern.
Sie merkte gar nicht, wie die Zeit verging und war erstaunt, als sie registrierte, dass es bereits weit nach ein Uhr war, als Eileen zur Tür herein kam.
„Nanu“, stieß Marlene hervor, ließ die Mappe, die sie gerade aus dem gegenüberliegenden Aktenschrank geholt hatte sinken und musterte Eileen mit skeptischem Blick. „Wie siehst du denn aus, du strahlst ja wie ein Honigkuchenpferd. Sicher, dass du dich in der Pause nicht doch mit deinem Verehrer getroffen hast?“

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Eileen grinste sie nur an und zeigte ihr einen Vogel. „Marcel und ich würden uns nie fremdgehen, das ist ja wohl klar. Aber ich muss dir sagen, dass ich eine echt schlechte Nachricht für dich habe.“

„Was denn? Ist was geschehen?“
“Naja, kann man sehen, wie man will“, erwiderte Eileen. „Auf jeden Fall kannst du dir die Idee mit dem Winterurlaub aus dem Kopf schlagen. Wir können nicht.“


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Marlene verzog das Gesicht. „Ach mensch, Eileen, was soll das denn nun heißen ? Hast du mit Marcel gesprochen und der will nicht oder was?“
“Jein.“ Eileen grinste übers ganze Gesicht. „Obwohl – das kommt schon hin. Ich hab mit ihm gesprochen und er will nicht, genau. Aber er hat einen sehr guten Grund dafür, denselben wie ich.“
Da in Marlenes Gesicht immer noch tausend Fragezeichen geschrieben zu stehen schienen, beschloss Eileen, ihre Freundin nicht noch länger auf die Folter zu spannen.


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„Ich komme gerade von meiner Frauenärztin!“ quietschte sie. Marlenes Augen weiteten sich.
„Nein!“ rief sie aus.

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„Doch! Doch!“ Eileen sprang vor Freude wie ein kleines Kind auf und ab. „Ich bin schwanger, Lene! In acht Monaten werden Marcel und ich Eltern! Ist das nicht wunderbar?“
Marlene klatschte in die Hände und rief : „Halleluja! Aber ich werde Patentante, damit das gleich klar ist!“
Und lachend fielen sich die beiden in die Arme.

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Lynie

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Huhu Innad,

die letzten zwei Kapitel waren sehr schön geschrieben und die Bilder passten mal wieder perfekt zum Text :up:

Also ich hätte jetzt nicht erwartet, dass Marcel fremdgegangen ist, aber dass ist wohl auch meistens die Sache, die die meisten Beziehungen kaputt macht.. Ich hoffe doch, dass sich Eileen langsam davon erholt und es ist schon schlimm genug, dass er sie ausgerechnet dann betrügt, als sie das Kind verliert..

Ich freue mich auf die Fortsetzung
lg lynie :hallo:
 

Innad

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@Lynie: Danke für Deinen Kommi!
Ja, es ist sicher ein typischer Grund zum Auseinanderbrechen der Beziehung, da hast Du recht.

@Mabra: Es freut mich, dass Du mitliest! Danke für Deinen Kommi!





4.


Marlene streichelte noch einmal sanft über Eileens Rücken, als diese sich wieder auf die Couch hatte sinken lassen. Dann setzte sie sich neben sie, schwieg einen Moment und sagte dann unsicher: „Weißt du, wer sie ist?“
Eileen schüttelte den Kopf. „Ich kenne sie nicht. Sie heißt Sabrina, ist dreiundzwanzig – mehr weiß ich auch nicht.“

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„Und Marcel – ich meine – er muss sich doch noch einmal bei dir gemeldet haben?“
Wieder schüttelte Eileen den Kopf und starrte mit trüben Augen zum Fenster hinaus, als könne sie dort ungeahnte Antworten entdecken. „Nachdem er mir an diesem Abend alles gestanden hatte, bin ich völlig ausgerastet. Ich habe geflucht und geschrien…“
„Wer hätte das nicht!“ unterbrach Marlene sie aufgebracht und schwieg dann wieder, um Eileen weiter zuzuhören.
„Ich habe viele böse Dinge gesagt…“ Eileen schluckte. „Wenn ich nicht so ausgerastet wäre, dann…“
„Nun hör aber auf, Eileen! Wenn jemanden die wenigste Schuld trifft, dann dich!“
Eileen seufzte. „Das sagst du so einfach. Aber ich mache mir Vorwürfe. Vielleicht hätte ich Marcel noch halten können. Vielleicht wäre zwischen uns wieder alles gut geworden…“
Doch Marlene schüttelte den Kopf. „Mal ganz abgesehen davon, dass ich persönlich niemals solch einen Fehltritt verzeihen könnte – wenn Marcel vorgehabt hätte, euch eine Chance zu geben, dann wäre er nicht gegangen. Oder zumindest zurückgekommen.“
Eileen zuckte ratlos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, Lene. Wir haben uns viele böse Worte an den Kopf geworfen und am Ende hat Marcel ein paar Sachen zusammengepackt und mir gesagt, dass er ausziehen wird – zu ihr.“

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Die letzten beiden Worte waren mühsam und gepresst aus ihrem Mund gedrungen.
Marlene schüttelte fassungslos den Kopf.
„Aber – ich meine … so einfach geht das doch alles gar nicht. Immerhin seid ihr verheiratet. Er hat dir gegenüber gewisse Pflichten.“
Eileen lachte bitter auf. „Ich glaube, das ist momentan das kleinste Problem.“
Sie sah Marlene traurig an und in ihren Augen schwammen erneut Tränen. „Das Problem ist, dass er mir so furchtbar fehlt, Lene. Ich vermisse ihn so sehr.“

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Marlene schnaubte. „Nach allem, was getan hat, vermisst du ihn immer noch? Ich würde für ihn nur noch Wut oder Hass empfinden!“
Doch Eileen schüttelte heftig den Kopf. „Das sagst du so einfach. Ich hätte vermutlich früher ganz genau dasselbe gesagt. Aber Liebe lässt sich nicht abstellen, wie ein Radio oder ein Fernseher. Und wenn man so viel Jahre gemeinsam verbracht hat, sich so geliebt hat wie wir beiden uns…“, sie stockte „oder zumindest ich ihn… dann kann man nicht einfach umschalten. Natürlich bin ich sauer, ich bin wütend und unendlich enttäuscht. Aber ich würde alles dafür geben, Marcel wieder bei mir zu haben. Ich würde ihm verzeihen, wenn er mir versprechen würde, mit dieser Sabrina Schluss zu machen.“
Marlene biss sich nervös auf der Unterlippe herum. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

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Zum einen konnte sie nicht nachvollziehen, wie Eileen so nachsichtig gegenüber Marcel sein konnte, zum anderen verstand sie durchaus, dass Eileen nicht von heute auf morgen aufhören konnte, ihren Mann zu lieben, sich nach ihm zu sehnen… sie hätte das bei Dirk wohl genauso wenig gekonnt. Und Eileen war soviel sensibler und zarter als sie – schon immer.
„Und du weißt nicht, wo er nun ist?“
„Diese Sabrina muss irgendwo hier in der Stadt wohnen, aber die genaue Adresse wollte er mir nicht geben. Er sagte, er wird sich melden, wenn ein wenig Gras über alles gewachsen ist und ich mich wieder beruhigt habe.“
„Er lässt sich ordentlich Zeit damit, muss ich sagen“, grummelte Marlene. „Es ist schon fast zwei Wochen her.“

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„Ich begreife es einfach nicht“, sagte Eileen leise. „Wie konnte er mir das nur antun, Lene? Wir haben uns geschworen, uns nie zu betrügen. Ich war mir seiner Treue und Liebe immer so sicher. An was soll ich in dieser Welt noch glauben, wenn er fort ist? Wenn er mir nicht mehr seine Liebe schenkt?“
Sie starrte gedankenverloren auf ihre Fußspitzen. „Ich mache mir solche Vorwürfe.“
„Vorwürfe? Weil du ihn angeschrien hast?“
„Nein“, sagte Eileen leise. „Wenn ich ihm damals gegeben hätte, was er sich gewünscht hat, dann wäre er bei mir geblieben.“
Marlene sog hörbar die Luft ein, doch bevor sie losposaunen konnte, hob Eileen die Hand und sagte schnell: „Ich war nicht fair zu ihm, Lene. Ich habe ihn ausgeschlossen aus meiner Trauer, das weiß ich heute. Ich habe es schon vor Wochen erkannt – aber das war offenbar zu spät.“
Sie sah Marlene traurig an. „Wir haben seit Monaten fast gar nicht mehr miteinander geschlafen. Ich hatte Angst, Angst erneut schwanger zu werden, wieder einen solchen Verlust ertragen zu müssen wie im Februar. Ich habe meinen Körper gehasst dafür, dass er es nicht geschafft hat, meinem Kind das zu geben, was es brauchte… und ich habe Marcel die Schuld gegeben, auch wenn er gar nichts dafür konnte. Nur – ich brauchte jemanden, der schuld war.“
Marlene schwieg betroffen. Sie hatte mit einemmal ein schlechtes Gewissen, dass sie sich in den letzten Monaten so wenig um Eileen gekümmert hatte.

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Und doch war sie nicht ganz einverstanden mit dem, was diese ihr gerade gesagt hatte.
„Das mag ja alles sein, Eileen. Aber das gibt ihm trotzdem nicht das Recht, dich zu betrügen – und das auch noch über so einen langen Zeitraum, mit solch einer Konsequenz – und so kurz nachdem es geschehen ist. Gerade dann hätte er seine Loyalität zu dir beweisen müssen…“
Sie schwieg, denn sie begriff, dass ihre Worte Eileens Schmerz nur noch größer machten.
Eileen wischte sich die Tränen, die schon wieder unaufhörlich flossen, aus dem Gesicht. „Ich weiß nicht, was ich nun machen soll. Wie soll ich denn ohne Marcel leben? Er ist meine große Liebe. Ich will ihn nicht aufgeben.“
Marlene seufzte. Sie wusste nicht genau, was sie Eileen sagen sollte.
„Hast du probiert, Marcel anzurufen?“

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Eileen nickte. „Mehrmals. Aber er geht nicht an sein Handy. Du hast doch selbst gesagt, dass du ihn nicht erreicht hast. Vermutlich dachte er, du rufst wegen mir an. Und bei Dirk wird es nicht anders gewesen sein.“
Marlene schluckte. An Dirk hatte sie noch gar nicht recht gedacht. Er und Marcel waren eigentlich sehr gut befreundet, auch wenn sie sich nur über die Frauen kennengelernt hatten. Ob Dirk etwa von der Affäre gewusst hatte…? Sie schüttelte energisch den Kopf. Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen.
Andererseits waren heute einige ihrer Glaubenssätze völlig über Bord geworfen worden und sie wusste selbst nicht recht, was noch sicher war oder nicht.
Vor einigen Stunden hätte sie auch noch die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass Marcel und Eileen das perfekte Paar waren, die ganz sicher noch als alte und klapprige Senioren zusammen in ihren Lehnstühlen sitzen, mit den Köpfen wackeln und über die guten alten Zeiten reden würden.

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„Kennst du den Nachnamen von dieser Sabrina?“
Wieder schüttelte Eileen den Kopf. „Ich habe keinen Anhaltspunkt, wo Marcel ist.“
Marlene seufzte. „Dann kannst du wohl nichts tun, als abzuwarten, dass er sich bei dir meldet.“
Eileen nickte langsam und dachte an jenen fast abstrakten Moment vor 2 Wochen, als Marcel ins Auto gestiegen war und einfach davon gebraust. Und sie selbst hatte nur dabei gestanden und zugesehen, fassungslos ob dem, was da gerade geschah. Zuerst hatte sie noch gedacht, er würde sicher bald wiederkommen – am nächsten Morgen, vielleicht schon in der Nacht. Aus den Stunden waren Tage geworden. Aus den Tagen inzwischen Wochen.

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Die beiden saßen noch eine Weile mehr oder minder schweigend nebeneinander auf der Couch, bis Marlene sich schweren Herzens erhob und sagte. „Es tut mir leid, Eileen, aber ich muss dann langsam los. Dirk wird mich schon suchen. Wenn du aber willst, dass ich bleibe, dann rufe ich ihn an.“
Eileen jedoch schüttelte den Kopf. „Nein, Lene, es ist schon in Ordnung. Danke, dass du da warst. Ich – ich möchte jetzt auch ganz gerne alleine sein, um ein bisschen nachdenken zu können.“
Marlene sah Eileen prüfend an und nickte dann. „Ich ruf dich morgen früh an, ja? Versprich mir, dass du was isst und mach keine Dummheiten … hörst du?“
Eileen nickte. „Versprochen.“
Sie schlurfte hinter Marlene her, bis beide gemeinsam vor der Haustüre stehen blieben.
„Lene – es tut mir leid, dass ich nicht angerufen habe“, sagte sie leise, als Marlene nach draußen getreten war. „Aber ich hab mich so geschämt.“
„Geschämt?“ sagte Marlene verblüfft. Eileen nickte betreten.

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Marlene strich ihr über die Schulter. „Mensch, Eileen. Dafür braucht man sich doch nicht zu schämen. Du kannst nichts dafür, hörst du. Hör auf, dir die Schuld zu geben, verstanden?“
Eileen nickte, wenn auch nur wenig überzeugend. „Bis dann, Lene.“

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Die beiden umarmten sich, dann ging Eileen langsam zurück ins Haus und schloss die Tür.
Marlene seufzte auf und ging schweren Herzens zurück zu ihrem Auto. An diesem Abend wusste sie es mit einemmal mehr als je zuvor zu schätzen, dass sie zu Hause jemand erwartete und in die Arme schließen würde.


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Fortsetzung folgt.

 

Lynie

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Huhu Innad,

wieder eine tolle Fortsetzung, auch dass sie traurig ist..
Ich hoffe ja irgendwie, dass Dirk mehr weist und es den beiden Frauen erzählt, aber wie Männer unter sich sind, rücken die ja meistens auch nicht sofort mit etwas raus..

Ich finde es wichtig, dass Marcel sich mal meldet bei Eileen.. Die beiden müssen unbedingt zusammen reden, auch wenn die Beziehung nicht mehr aufrecht erhalten werden kann..
Ich freue mich schon auf die Fortsetzung :)

lg lynie :hallo:
 

Arya28

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Hi
deine Story fängt echt deprimierend an. Liebeskummer ist so Sch***.
Aber mal unter uns...ich hätte diese Plappertante von Freundin sofort erschossen. :D
Holt die eigentlich mal Luft?


Was ist das den für ein A***ch? Wie kann man seine Liebste nach so einem Schicksalsschlag allein lassen bzw. , was noch schlimmer ist, betrügen??
Der Blitz soll ihn treffen! :polter:

Ich bin nur etwas irritiert von Kapitel 3. :???: Ist das ein Rückblick?
Ich gehe mal davon aus. :ohoh:

Auf jeden Fall bin ich neugierig wie es weiter geht.
 

Innad

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@Ayra: Ja, es ist ein Rückblick :)

@Lynie: Ja, es wäre wohl wichtig, miteinander zu sprechen... vielleicht kommt es ja bald dazu :)

Heute gibt es wieder einen Rückblick.

5.


Eileen spürte, wie ihr Mund trocken wurde, als die Ärztin die Stirn in besorgte Falten legte und ihr mit einer Handbewegung bedeutete, sich auf die Liege zum Ultraschall zu legen.

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Tausende von Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Sie wollte fragen: „Was ist los? Geht es meinem Baby gut?“ doch sie wagte es nicht, die Stimme zu erheben. Stattdessen hangelte sie sich nur zittrig vom dem monströsen Untersuchungsstuhl und tappte auf ihren eiskalten nackten Füßen über die sterilen Fliesen hinüber zu der ledernen Untersuchungsliege, die unter ihrem Gewicht empört zu knirschen begann.
Sie spürte, wie die Ärztin ihr wortlos das kalte Gel auf den Bauch drückte, wie bisher immer. Normalerweise war sie in freudiger Erwartung, das wachsende Leben in ihrem Bauch mit eigenen Augen auf dem Bildschirm betrachten zu können – auch wenn es sich eigentlich nur um einige Schatten handelte, die sie anfangs nur mit Müh und Not als Menschlein hatte ausmachen können.
Aber heute war alles anders. Sie schluckte hart gegen die aufkommenden Tränen an, ihr Hals schmerzte von diesem fast nutzlosen Versuch, stark zu sein.

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Es war Mitte Februar. Der Tag hatte für Eileen wie jeder andere begonnen, der Wecker hatte sie gegen sieben Uhr aus dem Schlaf gerissen, sie hatte sich brummelnd auf die Seite gedreht, einen sachten Kuss von Marcel auf ihrer Wange gespürt und seine obligatorischen Worte vernommen. „Steh auf, Prinzessin, ein wunderschöner neuer Tag wartet auf dich.“
Marcel versuchte jeden Morgen, sie aus dem Bett zu locken – meistens erfolglos. Eileen war und blieb ein Morgenmuffel und hasste nichts so sehr, als in der Dunkelheit die schützende Wärme des weichen Bettes verlassen und unter die kalte Dusche springen zu müssen.
Und seit sie schwanger war, hatte sie die Müdigkeit so fest im Griff, dass ihr das Aufstehen noch viel schwerer fiel.
Doch an diesem Morgen war im Vergleich zu den vorhergegangenen tatsächlich etwas anders gewesen – seit Wochen weckte Eileen eine unschöne Übelkeit, nicht selten war ihr erster Gang der zur Toilette, um sich würgend zu übergeben. Nach einem Zwieback und einer Tasse Tee, die dank Marcel meist schon direkt nachdem sie aus dem Bad kam bereit stand, kam sie aber glücklicherweise meist schnell wieder auf die Beine.
Doch diesen Morgen war etwas anders. Eileen richtete sich schlaftrunken auf, während Marcel schon auf dem Weg in die Küche war, um den obligatorischen Tee aufzugießen. Sie rieb sich müde die Augen und gähnte herzhaft. Dann stutzte sie. Ihr war nicht übel, kein bisschen. Nicht einmal Schwindel verspürte sie.

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Nun ja – sie war jetzt ja immerhin schon fast in der zwölften Woche und man sagte ja, dann verginge die Übelkeit zumeist. Erleichtert seufzte sie auf, der Tag fing somit schon einmal gut an, denn die morgendlichen Übelkeitsatttacken hatte sie langsam wirklich recht lästig gefunden.
Langsam stand sie aus dem Bett auf und tapste hinüber ins Badezimmer, wo sie unter die Dusche sprang. Als sie frisch angezogen vor dem Toilettenspiegel stand, um sich zu schminken, betrat Marcel verwundert das Badezimmer. „Was ist denn mit dir heute los? Seit wann umarmst du morgens nicht als erstes die Toilettenschüssel?“

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Sie lächelte und umarmte stattdessen ihn heftig. „Vielleicht hab ich mich entschieden, dass es bessere Möglichkeiten gibt“, lachte sie dabei und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Er war noch nicht rasiert und seine zahlreichen, kleinen Barthaare piekten sie gehässig, doch das störte sie nicht.
„Hey“, lachte Marcel. „Was ist los? Ist dir nicht schlecht?“
„Nein, stell dir vor – kein bisschen“, lachte Eileen.
„Ist das gut?“ fragte er nach einer Weile, in der er Eileen beobachtet hatte.

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Sie sah auf. „Wieso sollte das nicht gut sein? Irgendwann musste es ja aufhören. Ich hatte schon die Befürchtung, ich wäre eine dieser armen Frauen, denen es die kompletten neun Monate übel ist. Aber anscheinend hab ich noch mal Glück gehabt.“
Marcel schien nicht sonderlich überzeugt. „Nun schau nicht so“, sagte Eileen noch mal und ging auf ihn zu. „Ich bin fast in der zwölften Woche, da ist es normal, dass die Morgenübelkeit nicht mehr so häufig ist. Ich bin jedenfalls froh drum. Du etwa nicht?“
„Natürlich bin ich das“, sagte er schnell. „Ich mach mir eben nur Gedanken um unseren kleinen Maxemann.“ Und liebevoll tätschelte er ihren schon leicht nach vorne gewölbten Bauch.
„Maxemann? Wie kommst du denn darauf? Wir wissen doch noch gar nicht, was es ist“, lachte Eileen und zauste ihrem Mann durch das braune, wuschelige Haar. Er zog sie in seine Arme und der Geruch nach verschlafenem Mann lullte sie ein und ließ sie die Luft genießerisch einziehen.

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„Ist doch egal, irgendwie muss ich es ja nennen“, sagte Marcel und küsste seine Frau auf die Stirn. „Und nun geh ich duschen. Und du solltest dich beeilen, du bist auch spät dran.“
Eileen verdrehte die Augen. „Ja, Papa.“
Als sie angekleidet war, begann sie sich zu schminken, während Marcel ein Lied vor sich hinträllernd – wie jeden Morgen – unter der Dusche stand.
„Was magst du heute Abend essen?“ fragte sie mit lauter Stimme, um das Geprassel des Duschwassers zu übertönen.
„Weiß nicht, koch irgendwas schönes. Es kann sein, dass es später wird. Wir sind heute den ganzen Tag auf Kundenbesuch in Nürnberg.“

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Eileen verzog das Gesicht, sie hatte es nicht gerne, wenn Marcel abends viel später nach Hause kam als sie selbst und sie alleine in der Küche stehen musste.
„Mal sehen, wie fit ich heute Abend bin“, wich sie darum aus.
„Ich geb mich auch mit einer Scheibe Brot zufrieden“, sagte Marcel in seiner unkomplizierten Art und Weise und drückte mit Wucht auf die Flasche mit dem Duschgel, um die letzten Reste heraus zu quetschen, was diese mit seltsamen Geräuschen kommentierte.
Eileen nahm derweil letzte Handgriffe an ihrer Frisur vor und sah sich dann zufrieden im Spiegel an.

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„Schauen wir mal“, sagte sie in Richtung Dusche und ging hinüber ins Schlafzimmer, um das Bett zu machen und Ordnung zu schaffen. Bis sie fertig war, hatte sich auch Marcel angezogen und war in die Küche gegangen. Dort richtete er das Frühstück her.

„Ich mag heute nichts essen“, sagte Eileen schnell. „Ich bin spät dran.“
Irritiert sah er sie an. „Wie, nichts essen? Ich dachte, dein Schinkenbrot am Morgen ist die letzte Rettung?“

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„Nein, heute nicht“, lachte Eileen. „Ich muss los, soll ich dich heute Mittag anrufen?“
„Ich werde heute nicht erreichbar sein, sprich mir einfach auf die Mailbox, falls was ist“, sagte Marcel. „Der Termin in Nürnberg ist wichtig und da werde ich das private Handy lieber ausschalten. Wenn etwas ist, sprich mir einfach auf die Mailbox.2
„Was soll schon sein!“ lachte sie. „Ich werde es schon aushalten, ein paar Stunden nicht mit dir zu telefonieren, mein Schatz. Bis heute Abend!“
Sie gab ihm einen Kuss und verließ dann fröhlich pfeifend das Haus.

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All diese Szenen ging Eileen durch den Kopf, als sie den Druck des Ultraschallkopfes auf ihrem Bauch spürte. Sie zitterte merklich und die Ärztin sah sie einen Moment sanft an und sagte: „Tief durchatmen, gleich wissen wir mehr.“

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Eileen versuchte, diesen Rat zu befolgen, doch es nutzte nicht viel. Ihre Augen suchten hektisch die auf dem Bildschirm erscheinenden Schatten ab. Das kleine Menschlein war mit etwas Übung sogar für ihre Laienaugen schon zu erkennen. Doch diesmal schien irgendetwas anders zu sein als sonst.
Die Ärztin fuhr mit dem Ultraschallkopf mehrmals auf dem Bauch hin und her, ohne etwas zu sagen.
Eileen kam es vor, als würde sich diese Zeit ewig hinziehen. Irgendwann erhob die Ärztin ihre Stimme und fragte: „Seit wann haben Sie diese Blutungen, Frau Viersen?“
Eileen schluckte. Eigentlich hatte sie ihr diese Frage schon zweimal beantwortet, aber wenn es irgendetwas helfen konnte, wollte sie das gerne noch einmal tun.

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„Es muss irgendwann heute Morgen zwischen acht und zehn angefangen haben“, wiederholte sie darum langsam. „Ich habe sofort angerufen.“
Es war jetzt drei Uhr mittags. Eileen hatte gekämpft wie eine Löwin, um so schnell wie möglich einen Termin bei der Ärztin zu bekommen. Wie so oft hatte sie sich mit den übellaunigen Sprechstundenhilfen herumschlagen müssen.
Ihr stieg selbst jetzt noch die Empörungsröte ins Gesicht, wenn sie daran dachte, dass eine dieser Damen ihr tatsächlich vorgeschlagen hatte, am kommenden Dienstag – heute war Freitag! – vorbeizuschauen, vorher sei keine Zeit und alle Termine vergeben.
„Ich bin schwanger und blute seit heute Morgen, gute Frau!“ hatte sie mit zitternder Stimme in den Hörer gebrüllt. „Am Dienstag kann es schon zu spät sein, verstehen Sie das?“
Normalerweise hätte Eileen ihrer Ärztin zu diesem Vorfall ordentlich die Meinung gesagt, doch heute fehlte ihr dazu jede Kraft.
Marlene hatte ihr im Büro die Hand gehalten und sie mit vielen, aufmunternden Sätzen zu beruhigen versucht – das Blut konnte so viele verschiedene Ursachen haben, geplatzte Äderchen an der Gebärmutter beispielsweise. Das wusste Eileen selbst, sie hatte bereits in der achten Schwangerschaftswoche leichte Blutspuren im Slip gefunden und war ebenso aufgelöst zur Ärztin gekommen, die sie beruhigt hatte.

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Doch diesmal waren es keine Tröpfchen, die sie entdeckt hatte, es war frisches, rotes Blut – und nicht wenig davon. Bevor sie in die Praxis gefahren war, hatte Eileen zu Hause noch einmal ihre Unterwäsche wechseln und sich eine Einlage in den Slip legen müssen, um nicht ihre ganzen Hosen zu beschmutzen.
Das konnten keine geplatzten Äderchen sein – ihr Baby war in Gefahr und tief in sich wusste Eileen, was die grausame Wahrheit war.
Die Ärztin drehte sich zu ihr und ihr Gesicht sagte mehr als tausend Worte. Dennoch klammerte sich irgendetwas in Eileen an den letzten Funken Hoffnung, sie könne sich doch irren.
"Es tut mir wirklich leid, Ihnen das sagen zu müssen...“

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Eileen wollte sich die Ohren zuhalten, weg ignorieren, was nun kommen würde, doch sie lag wie versteinert auf der kalten Liege und zitterte wie Espenlaub, während die Worte der Ärztin langsam, wie schwer tropfender Teer in ihr Bewusstsein sickerten: „Das Herzchen schlägt nicht mehr – der Fötus lebt nicht mehr, es tut mir wirklich leid. Sie wissen ja, dass bis zur 12. Schwangerschaftswoche das Risiko eines Aborts nicht gering ist. Trotzdem ist es bestimmt ein Schock für Sie, ich kann das gut verstehen.“
Die Ärztin sah sie mitfühlend an. Eileens Augen waren weitaufgerissen und ihr Mund trocken. Sie wusste nicht, was sie erwidern sollte.
Bilder schossen durch ihren Kopf. Ihr Baby – sie sollte es in wenigen Monaten in den Armen halten. Ihr Baby. Das konnte nicht sein…

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Die Ärztin zupfte einige Papiertücher aus dem neben der Liege stehenden Spender und befreite Eileens Bauch vorsichtig vom Ultraschallgel.
„Ich werde Ihnen sofort einen Überweisungsschein zur Klinik schreiben. Möchten Sie vielleicht Ihren Mann anrufen?“
Eileen war immer noch damit beschäftigt zu verarbeiten, was sie gerade von der Ärztin gesagt bekommen hatte. Wie in Trance sah sie diese an und schüttelte langsam den Kopf.
„Nein – nein... er ist nicht da. Er ist nicht erreichbar.“
Verflucht, Marcel! Wieso ausgerechnet heute?
Sie hatte bereits vorhin mehrmals versucht, ihn zu erreichen, aber wie er prophezeit hatte, meldete sich jedes Mal nur die Mailbox. Und diese abzuhören, schien er keine Zeit gehabt zu haben.
„Sie können sich wieder anziehen.“

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Wie mechanisch stand Eileen auf. Ihre Beine fühlten sich ungewohnt schwer und träge an, ihr Herz klopfte schnell und jeder Atemzug schien ihr weh zu tun. Doch ohne ihre Miene zu verändern ging sie hinter die Schutzwand und schlüpfte wieder in ihre Wäsche.
Fast schlafwandlerisch betrat sie das Sprechzimmer, wo ihre Frauenärztin bereits einige Zeilen auf einen Zettel kritzelte.
Sie ließ sich kraftlos auf den gepolsterten Sessel vor dem Schreibtisch sinken und wartete darauf, dass die Ärztin ihr sagte, wie es weiterginge.
Während diese weiterhin vor sich hinschrieb, gingen Eileen ihre Worte durch den Kopf – Überweisungsschein für die Klinik? Vielleicht war dann noch nicht alles verloren, vielleicht könnte man ihr dort helfen, ihr Baby noch retten?
Im selben Augenblick wusste Eileen bereits, dass dieser Gedanke abstrus und hoffnungslos war. Es war vorbei.
Sie spürte, wie sich die Tränen in ihre Augen bahnten. Doch sie wollte nicht weinen – nicht jetzt und nicht hier, also schluckte sie tapfer gegen die Tränen an, wenn auch nicht ganz erfolgreich.

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In diesem Moment drehte sich die Ärztin zu ihr und schob ihr ein Papier zu.
„Bitte fahren Sie sofort in die Klinik, ich werde dort anrufen, damit man Bescheid weiß. Je schneller Sie es hinter sich bringen, desto besser.“
Eileen nahm die Überweisung in die Hand und las rasch die Worte, die oben im Betreff eingedruckt waren – „spontaner Abort – Abrasio erforderl.“.
„Was... was wird in der Klinik gemacht?“ stammelte sie nach einer kurzen Weile des Schweigens.
„Eine Ausschabung“, antwortete die Ärztin knapp. „Es muss sein, auch wenn es sich schrecklich für Sie anhören mag. Der Fötus ist glücklicherweise noch klein genug dazu.“
Eileen schauderte bei dem Gedanken, sich ihr Baby auf einem OP-Tisch aus dem Leib kratzen zu lassen.
„Gibt... es denn keine andere Möglichkeit?“ fragte sie mit dünner Stimme.

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„Nein, auf keinen Fall. Sie spielen doch nicht etwa mit dem Gedanken, auf die Ausschabung zu verzichten?“
Eileen schluckte. Sie wusste nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Wie sollte sie so eine Entscheidung in diesem Moment treffen? Sie hatte ja noch nicht einmal begriffen, dass das Leben in ihrem Bauch verwirkt war – wieso musste sie so rasch entscheiden, was sie mit diesem kleinen, winzigkleinen Körper in ihr tun sollte und was nicht?
Irgendwo in ihrem Hinterkopf erinnerte sie sich, Berichte im Internet gelesen zu haben, in denen Frauen, denen es wie ihr ergangen war, davon berichtet hatten, auf eine Ausschabung verzichtet zu haben, aber sie wusste nicht mehr, wieso und unter welchen Umständen.
Ihre Ärztin runzelte die Stirn, denn sie deutete Eileens Zögern als Antwort auf ihre Frage.
„Es kommt gar nicht in Frage, die Kürretage nicht vorzunehmen“, sagte sie barsch und dann etwas sanfter weiter: „Die Blutungen wären zu stark und es kann viel zu viel schief gehen. Ich gehe davon aus, dass der Fötus schon seit einigen Tagen abgestorben ist, die Abstoßungsreaktion hat bereits begonnen, was man an Ihren Blutungen sieht. Sie müssen so schnell es geht in die Klinik, um Komplikationen zu vermeiden. Ich werde dafür sorgen, dass Sie noch heute behandelt werden.“

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Eileen wusste nicht mehr, was sie denken oder fühlen sollte und nickte betäubt. Was sollte sie schon anderes sagen?
“Wie lange muss ich in der Klinik bleiben?“
“Es kann sein, dass man Sie über Nacht behält, das kommt darauf an, wie die Ausschabung verläuft“, erwiderte die Ärztin knapp. „Es wäre also gut, wenn Sie jemanden organisieren könnten, der Ihnen einige Sachen vorbeibringt.“
„Ich... kann ich nicht selbst noch nach Hause fahren?“
„Ich sagte bereits, Sie sollten sofort in die Klinik fahren.“
Eileen nickte ergeben. „In Ordnung, ich mache mich direkt auf den Weg.“
„Eine vernünftige Entscheidung“, sagte die Ärztin zufrieden. „Es tut mir wirklich leid.“

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Eileen sah sie an und spürte, dass es gelogen war. Für sie waren sie und ihr Baby nur ein Fall, ein weiterer Punkt auf der Tagesordnung, vielleicht nicht der schönste des Tages, aber auch nicht der schlimmste. Für sie ging das Leben normal weiter – doch für Eileen schien es an diesem Tag zu enden.
Eileen ging langsam aus dem Sprechzimmer heraus und zur Praxistür. Hinter ihr hörte sie die Ärztin in ihrem gewohnt freundlich-heiteren Ton „Die nächste bitte!“ rufen und als sie die Klinke der Praxistür in die Hand nahm, drehte sie sich noch einmal um und sah, wie ihre Frauenärztin fröhlich einer hochschwangeren Frau die Hand schüttelte.

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Eileen trat mit einem schnellen Schritt hinaus auf den Parkplatz und begann leise zu weinen, während sie sich auf den Weg in die Klinik machte.

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FS folgt.
 

BlackEve

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Oh man, das ist ja wirklich tragisch, was die Arme da erleben muss :( Und in so einer Phase beginnt ihr Mann mit einer Affäre *grummel*

Ich hoffe sehr, dass Eileen einmal gestärkt aus dieser Situation hervorgehen wird und mit der Tatsache einmal ganz gut leben kann. Aber bis dahin wird es nicht wirklich leicht für sie werden :(

Mir gefällt dein Schreibstil sehr. Der Text wirkt für mich, als hättest du z.B. zum Thema Schwangerschaft und Abort recherchiert, was ich sehr gut finde. Je nach Thematik muss ich für meine Doku auch etwas Recherche betreiben ^^

Mach weiter so! Kannst du mich benachrichtigen?

Liebe Grüße
BlackEve
 

Lynie

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Eine gute, aber sehr traurige Fortsetzung.. :(
Eileen tut mir so leid.. Sowas wünscht man keiner werdende Mutter und dann ist auch Marcel noch nicht mal erreichbar.. Das sie so unter Schock steht kann man absolut nachvollziehen und am liebsten würde man sie in den Arm nehmen und sie trösten..

Ich bin gespannt auf die Fortsetzung
lg lynie :)
 

Innad

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@BlackEve: Danke für Deinen Kommi. Recherchieren musste ich nicht viel, die Arbeit damit ist mein täglich Brot.

@Lynie: Danke für Deinen Kommi - ja man hat schon echt Mitleid mit ihr...

@Mabra: Danke für Deinen Kommi! Ja, das stimmt, ein traumatisches Erlebnis ist es auf jeden Fall für Eileen. Ich muss Marcel aber in Schutz nehmen, zumindest in diesem Fall :lol: Er kümmerte sich ja schon liebevoll um Eileen (Tee bringen, Brot machen usw.) aber dass er nun nicht erreichbar ist, dafür kann er nichts. Er hat es morgens ja sogar vorsichtshalber angesprochen, dass er ausnahmsweise nicht auf dem Handy zu erreichen sein wird. In diesem Moment ist er also noch nicht der Böse :rolleyes:
 

Innad

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6.

Lustlos stellte Eileen das Tablett mit Brot und Wurst auf der Arbeitsplatte ab. Während sie sich wie mechanisch Senf auf die Brotscheiben strich, begann ihr Magen unschön zu knurren.

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Sie hatte eigentlich keinerlei Appetit, aber sie wusste, dass sie etwas zu essen brauchte. Sie hatte den ganzen Tag außer ein paar Schlucken Wasser noch nichts zu sich genommen. Wenn Marlene gestern Abend nicht vorbeigekommen wäre und ihr etwas zu essen hergerichtet hätte, wäre die Zeitspanne wohl noch länger gewesen.

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Mit dem Teller in der Hand tapste sie ins Wohnzimmer und nahm am Esstisch platz. Sie spürte, wie hungrig sie war und aß das Brot schneller und gieriger, als sie es für möglich gehalten hätte.
Seufzend sah sie sich in der Wohnung um. Es sah schlimm aus, trotz Marlenes beherzten Rettungsversuchen am Vorabend. Der Boden war staubig und voller Krümel und Schmutz, sie hatte schon seit mehreren Tagen nicht mehr geputzt. Auch auf den Schränken war eine gut erkennbare Staubschicht auszumachen und als Eileen mit einer Fingerspitze über einen der Regalböden fuhr, konnte sie eine gut sichtbare Spur erkennen.
Eileen seufzte, sie wusste, dass es mehr als notwendig wäre, einmal ordentlich durchzuputzen, doch wen interessierte es schon, wie es hier aussah, wo ihr Leben mit einemmal so sinnlos geworden war?
Ihre Gedanken wurden vom schrillen Klingeln des Telefons unterbrochen.
„Eileen, Schatz. Wie geht es dir?“
Eileen schluckte. Es war die Stimme ihrer Mutter, der sie bisher noch nichts von Marcel gesagt hatte.
„Ganz gut – danke, Mama“, sie versuchte, ihre Stimme heiter klingen zu lassen. „Und euch?“

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„Bei uns ist alles in Butter. Das Wetter ist herrlich, Eileen, wirklich. Wenn du und Marcel es irgendwie schafft, euch frei zu nehmen, müsst ihr uns einfach besuchen kommen und dem grauen Schmuddelwetter entfliehen.“
Eileen versuchte, all ihre Selbstbeherrschung aufzubringen und antwortete betont gelassen. „Es ist schön, dass es euch so gut auf Lanzarote gefällt, Mama. Genießt eure Zeit! Was einen Besuch bei euch angeht, so kann ich dir da nichts versprechen. Ich hab zurzeit viel zu tun auf Arbeit und werde mir nicht einfach frei nehmen können.“
„Ach wie schade“, erwiderte ihre Mutter. „Dabei vermissen wir euch beiden so. Wie geht es euch denn?“

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„Alles wie immer“, erwiderte Eileen tapfer. „Nichts weiter nennenswertes.“
Sie schämte sich, ihre Mutter in diesem Moment so anzulügen. Doch ihre Eltern waren weit weg, in Spanien, was hätten sie schon für sie tun können?
Anfang des Jahres hatten sie sich einen Lebenstraum erfüllt und sich auf Lanzarote eine kleine Finca gekauft und nun verbrachten sie dort die meiste Zeit des Jahres und drängten Marcel und Eileen schon seit Wochen, sie doch endlich in ihrem neuen Domizil zu besuchen.
Eileen kämpfte erneut gegen die Tränen an, als sie daran dachte, dass Marcel und sie eigentlich vorgehabt hatten, ihre Eltern an Weihnachten mit einem ungeplanten Besuch zu überraschen – doch jetzt war alles anders.
Nein, sie wollte es ihren Eltern nicht sagen – noch nicht. Sie schämte sich, zuzugeben, dass ihr Mann sie verlassen hatte, wegen einer jüngeren, schöneren, besseren Frau... als sei es ihr Fehler. War es das nicht auch? Wäre sie fähig gewesen, ihm all das zu geben, was er gebraucht hatte, wäre er nicht gegangen, soviel stand fest.
Was war nur geschehen, dass die Liebe auf einmal gewelkt war wie eine ausgetrocknete Blüte? Eileen konnte nicht begreifen, wieso sie nichts von alledem gemerkt hatte.

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Aber sie war vermutlich zu sehr mit ihrer eigenen Trauer und ihrer Verbitterung beschäftigt gewesen. Natürlich war ihr aufgefallen, dass Marcel mehr und länger gearbeitet hatte als vorher. Und ihr war auch aufgefallen, dass er gerade in den letzten Wochen immer stiller geworden war – gerade als sie wieder anfing, sich ihm ein wenig zu öffnen.
Sie hatte ihm oft Vorwürfe gemacht, weil sie sich in ihrer Trauer um das verlorene Kind nicht so verstanden gefühlt hatte wie sie es wünschte.
Doch heute dachte sie oft, dass Marcel sich ja auch hatte verhalten können wie er wollte – eigentlich konnte er seine Sache nur falsch machen.
Wenn er sie in den Arm nahm, fühlte sie sich oft bedrängt von ihm, dachte, er wolle sich ihr körperlich nähern. Nahm er sie nicht in den Arm, warf sie ihm vor, sie nicht mehr zu lieben, fühlte sich einsam und alleine gelassen.
Eileen schüttelte den Kopf und dachte schmerzlich daran, wie oft sie aus Trotz oder Verbitterung gesagt hatte: „Du liebst mich doch gar nicht mehr!“ - natürlich nur, um zu hören, wie er ihr das Gegenteil beteuerte.
Wenn sie so darüber nachdachte, hatte er das in letzter Zeit wirklich nicht mehr so oft und enthusiastisch gemacht wie früher.

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Eileen seufzte.
„Eileen? Bist du noch dran?“
„Ja – ja, natürlich“, sagte Eileen hastig, aus ihren Gedanken aufgeschreckt.
Glücklicherweise plapperte ihre Mutter die nächsten fünf Minuten nur unbekümmert über Land und Leute und Eileen schaffte es, das Telefonat hinter sich zu bringen, ohne dass man ihr etwas anmerkte.Sie fühlte sich leer und erschöpft, als sie schließlich den Hörer auflegte und nachdenklich vor der Terrassentür stehenblieb, um die sich sanft im Wind hin- und her wiegenden bunten Blätter zu betrachten.

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Nachdem sie ihre Mutter belogen hatten, wurde Eileen erst mit aller Macht bewusst, was es für sie bedeuten würde, dass Marcel sie verlassen hatte.
Die letzten zwei Wochen hatte sie wie in Trance verbracht, ohne das Geschehen richtig fassen zu können. Sie war zwischen Selbstvorwürfen, Zweifel, Trauer, Wut, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit hin- und hergetaumelt wie ein unachtsam vom Wind herumgewirbeltes, totes Blatt herab gefallenen Laubes.
Doch nun begann die Gewissheit, dass Marcel und sie nicht mehr zusammen waren, erst richtig in ihr Bewusstsein zu sickern, Bestand zu bekommen, wahr zu werden.
Erst jetzt realisierte sie, was das alles für sie bedeuten würde. Was würde werden ohne ihn, wie sollte ihr Leben nun weitergehen?

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Da waren so viele Dinge, die auf sie zukamen, und von denen sie sich völlig überfordert fühlte – finanzielle Verpflichtungen, das Haus, das noch abbezahlt werden musste, genauso wie die Autos und Versicherungen.
Aber auch der Alltag, der drohend auf sie wartete. Wie sollte sie als Einzelmensch funktionieren? Sie war seit Jahren mit Marcel zusammen, war von zu Hause ausgezogen, um sofort mit ihm zusammen zu ziehen. Sie hatte nie mehr als zwei oder drei Wochen völlig alleine in einer Wohnung verbracht und alleine der Gedanke, niemanden zu haben, mit dem man am Abend sprechen konnte, der einen in den Arm nahm oder einfach nur da war, schreckte sie aufs tiefste.
Würde es nun immer so bleiben wie momentan? Würde ihr Leben eine Aneinanderreihung sinnloser, grauer, einsamer Tage bleiben? Was machte es dann noch lebenswert?
Was war nur geschehen mit ihnen – und warum?
War das alles nur wegen dieses einen furchtbaren Tages im Februar? Sie wusste es nicht...

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FS folgt.
 

Lynie

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Huhu Innad, :)
auch wenn nicht viel passiert, war es doch wieder eine tolle Fortsetzung..

Die Gedankengänge von Eileen waren sehr interessant und man kann es auch absolut nachvollziehen, was sie denkt.. Für sie geht im Moment eine Welt unter und dass ihr Leben ihr als sinnlos ist normal.. Aber ich hoffe dennoch, dass sie nicht aufgibt und ihr Leben in die Hand nimmt, auch wenn es ein schwerer Weg sein wird.. Vorallem bin ich gespannt, wie ihr Leben nun weiter geht.. Ob sie wieder auf Marcel stößt, oder sie einen neuen Mann kennenlernt..

Ich bin sehr gespannt..
lg lynie :hallo:
 

Innad

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@Lynie: danke für deinen Kommi! :)
Wie es weitergeht, werdet Ihr bald zumindest in Ansätzen erfahren. Es wird auf jeden Fall in ganz ganz kleinen Schritten weitergehen - jetzt gibt es aber erstmal wieder eiinen Rückblick.

7.


Eileen fluchte und wählte erneut mit zitternden Fingern Marcels Handynummer.
„Hallo, hier ist Marcel. Ich bin zurzeit nicht erreichbar, aber hinterlasst mir doch einfach eine Nachricht, dann melde ich mich, sobald ich kann.“
Seine Stimme klang fröhlich und unbekümmert, wirkte in diesem Moment fast wie ein Hohn auf die weinende Eileen.
„Marcel, ich bins noch mal, Eileen. Ich – ich bin jetzt am Krankenhaus angekommen und muss das Handy ausschalten. Ich werde versuchen, dir irgendwie eine SMS zu schicken, wo ich bin.“
Erneut flogen Eileens Finger über die Tasten, wählten Marlenes Nummer. Doch auch hier meldete sich dummerweise nur die Mailbox.
„*******!“ fluchte Eileen und starrte zur Windschutzscheibe die Straße hinunter.

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Wo Marlene nur steckte, sie hatte doch extra gesagt, Eileen solle sie anrufen, sobald sie aus der Praxis heraus war. Auch im Büro war sie leider nicht mehr, dort sprang nur der Anrufbeantworter an.
Eileen richtete einen bangen Blick auf die Klinik, die vor ihr lag. Sie strich sich nervös die Haare aus dem Gesicht, die sie sich eben an einer Ampel vor Aufregung aufgeknotet hatte und die ihr nun wirr in die Augen fielen. Schweren Herzens zog sie den Schlüssel aus dem Zündschloss und stieg langsam aus.

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Noch immer war sie nicht überzeugt, das richtige zu tun. Was, wenn ihre Ärztin sich geirrt hatte und es doch noch Hoffnung gab? Und ging das nicht alles zu schnell? Noch vor vier oder fünf Stunden hatte sie begeistert im Babykatalog nach zartgelben Himmelbettchen geschaut… und nun… sollte alles „aus und vorbei“ sein?

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Und wieso musste sie das nur alleine durchstehen? Wenn Marcel nun da wäre, würde er ihr beistehen, ihr die Entscheidungen abnehmen, wie er es so oft in brenzligen Situationen tat, denn dann war sie vollkommen unfähig, klar zu denken.
Er würde sie stützen und halten, ihr das Gefühl geben, alles werde wieder gut.
Doch sie stand hier mutterseelenallein und wusste nicht, ob sie wieder in den Wagen steigen oder weiter auf das Gebäude zugehen sollte.

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Ihr Unterleib hatte vor kurzem ein wenig zu krampfen begonnen und die Blutung schien stärker zu werden. Eileens Angst war stärker als das Widerstreben in ihr – schließlich hatte die Ärztin mehrmals betont, dass der Eingriff sofort gemacht werden musste.
Und wenn es doch noch Hoffnung gab, würden die fachlich geschulten Ärzte im Krankenhaus es sicher erkennen. Oder?
Langsam schritt Eileen auf die Eingangstüren zu.

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Sie trug nichts bei sich als die Kleider am Leib. Selbst ihre Handtasche hatte sie vor lauter Eile zu Hause stehen lassen, als sie zur Ärztin aufgebrochen war. Nur ihre Versichertenkarte hatte sie dabei – die hatte sie sich in einem Geistesblitz bereits im Büro griffbereit in die Hosentasche gesteckt, was sonst gar nicht ihre Art war.
In der Halle angekommen ging sie auf den Tresen zu, hinter dem eine mürrisch dreinblickende Krankenschwester saß und sie lustlos ansah.

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„Ich hab hier – ich hab hier eine Überweisung von meiner Gynäkologin“, sagte sie langsam und schob das schon leicht zerknitterte Stück Papier über den Tresen.
Die Krankenschwester musterte sie einen Moment und nahm das Papier dann zur Hand.
„1. Stock, rechter Flur“, erwiderte sie.
Da Eileen sich nicht rührte, fügte sie noch schnell hinzu: „Dort ist die gynäkologische Ambulanz.“

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Eileen nickte und machte sich auf den Weg zum ersten Stock, das Herz voller Angst und im Kopf eine unendliche Leere.
Die Tür ging mit einem Schwung auf und Eileen vernahm schnelle Schritte, die auf sie zukamen. Sie fühlte sich müde und schlapp und es fiel ihr schwer, die Augen zu öffnen, um zu sehen, wer ins Zimmer gekommen war.
„Eileen!“

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Sofort riss sie die Augen auf und richtete sich mühsam in den Kissen auf. Nach wenigen Sekunden fühlte sie sich von Marcels Armen umschlossen.
„Eileen“, sagte er wieder mit belegter Stimme. „Was- was um Himmels Willen ist denn passiert?“
Er ließ sie los und sah sie fragend und mit besorgtem Blick an. Eileen schluckte gegen die Tränen an, die sich ihren Weg nach oben bahnen wollten.
„Ich...“, stammelte sie. „Oh Marcel!“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte.
Marcel stand hilflos neben dem Bett und sah sie nur an. Wieso nahm er sie denn nicht in den Arm, sie sehnte sich so danach, von ihm gehalten und gewiegt zu werden, das Gefühl zu bekommen, alles würde schon wieder gut werden.

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„Was ist mit dem Baby?“ fragte er nach einer Weile tonlos, obwohl er die Antwort eigentlich schon kannte.
Eileen sah ihn an und schüttelte dann langsam den Kopf.
Marcel schluckte und Eileen sah, dass er schwer zu atmen begonnen hatte.
„Es tut mir so furchtbar leid“, flüsterte sie. Marcel sah sie an und versuchte, zu lächeln. Das wiederum fand Eileen in diesem Moment so unpassend wie sie selten eine Reaktion von ihm gefunden hatte.

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Sie senkte den Blick. Marcel nahm ihre Hand und drückte sie. „Musst du heute Nacht hier bleiben?“
Eileen schüttelte den Kopf. „Nein, wenn ich will darf ich auch nach Hause.“
„Aber vielleicht ist es besser, wenn du noch eine Nacht da bleibst“, sagte Marcel schnell. „Ich meine- falls noch etwas ist... oder?“
Eileen war verwirrt. Wieso war er so seltsam, wieso nahm er sie nicht in den Arm, wieso sagte er nichts zu dem, was geschehen war.

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„Ich fahre nach Haus und hol Dir ein paar frische Sachen zum Anziehen“, sagte er und stand abrupt auf. Noch bevor Eileen etwas sagen konnte, hatte sich die Tür hinter ihm bereits geschlossen.

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Am nächsten Tag holte er sie vom Krankenhaus ab. Er war nicht mehr ganz so seltsam wie am Vortag, und doch schien er verändert. Oder hatte sie selbst sich verändert?
Eileen konnte es nicht sagen.
Zu Hause angekommen legte sie sich sofort auf die Couch, denn sie blutete immer noch und ihr Unterleib schmerzte unschön, als wolle er die traurige Leere anklagen, die ihm so plötzlich angetan worden war.
Marcel war fürsorglich und sanft, aber er sprach nicht viel mit ihr. Er brachte ihr eine Decke, kochte ihr eine große Kanne Tee und stopfte ihr ein Kissen in den Rücken, doch er blieb unendlich wortkarg, was sonst nicht seine Art war.

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Eileen konnte sich den Kopf nicht darüber zerbrechen, zu sehr war sie mit dem Schmerz in sich beschäftigt, sowohl dem körperlichen als auch dem seelischen.
Der Eingriff war problemlos verlaufen, aber Eileen schien es, als habe man ihr das eigene Kind brutal aus dem Leib gerissen – alleine der Gedanke daran, dass dieser kleine Mensch in ihr wie Dreck aus ihr „gekratzt“ worden und in irgendeiner Petrischale „entsorgt“ worden war, brachte sie dazu, am liebsten laut aufschreien zu wollen.
Sie schloss erschöpft die Augen.
„Brauchst du noch etwas?“ fragte Marcel mit leiser Stimme.
Sie schüttelte den Kopf und sah ihn an. Keiner von beiden sagte ein Wort, nach einer Weile brach das Telefon schließlich ihr Schweigen. Es war Lene, die sich tausendmal bei Eileen dafür entschuldigte, am Vortag nicht erreichbar gewesen zu sein und ihr alle Hilfe anbot, die sie brauchen würde.

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Eileen war dankbar für ihre Aufmerksamkeit, aber am liebsten hätte sie gesagt: „Was willst du mir schon helfen – es gibt keine Hilfe mehr. Es ist zu spät.“
Sie verbrachten den Nachmittag auf der Couch, schweigend. Marcel berührte sie nicht einmal und irgendwie war Eileen dankbar dafür – auf der anderen Seite sehnte sie sich danach, gehalten zu werden.
So verging der Tag, ohne dass beiden auch nur ein Wort über das geschehene gesprochen hatten. Was geschehen war, hing wie ein Schatten über ihnen und beide verdrängten ihn auf ihre eigene Weise und fühlten sich dabei vom anderen auf seltsame Weise verlassen.
Sie wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass von nun an fast jeder Tag so beginnen und enden sollte – mit einem unausgesprochenen Vorwurf, der zwischen ihnen stand und immer mehr Platz einnahm, bis sie schließlich weit voneinander entfernt zu sein schienen.

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Fortsetzung folgt.​
 

Innad

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Ich mach direkt mal weiter, damit es auch in der "Gegenwart" etwas nach vorne geht :)

7.


Eileen war erneut auf der Couch eingeschlafen und wurde von dem quäkenden SMS-Ton ihres Handys, das achtlos auf dem Couchtisch lag, aus dem Schlaf geschreckt.
Sie rieb sich die Augen und warf einen verschlafenen Blick auf die Uhr. Es war neun Uhr morgens und einige tapfere Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch den Vorhang ins Zimmer.

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Langsam richtete sie sich auf und reckte sich. Ihr Rücken schmerzte, die Couch war zwar bequem, aber ihr weiches Bett tat ihr doch wohler.
Sie fühlte sich schwindelig und ihr war leicht übel. Es dauerte eine Weile, bis sie registrierte, was sie aus dem Schlaf gerissen hatte, aufstand und nach ihrem Handy fasste.
„Eine neue Kurzmitteilung“ las sie auf dem Display und als sie diese öffnete, fiel ihr vor Schreck fast das Handy aus der Hand. Sie spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann und ihr Mund sich trocken anfühlte.

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„Hallo Eileen. Ich möchte heute vorbeikommen, um einige Sachen zu holen. Vermutlich sollten wir auch mal miteinander reden. Passt es so um 12? Gruß, Marcel.“
Eileen ließ das Handy aus ihrer Hand gleiten, die inzwischen zu zittern begonnen hatte. Er hatte sich gemeldet – sie hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt, nach all den Tagen!
Sie ergriff das Handy wieder und starrte wie gebannt darauf. Immer und immer wieder flogen ihre Augen über die Worte auf dem Display. Er würde vorbeikommen – bald, hierher, zu ihr...
Ohne zu überlegen, drückte sie auf „Antworten“ und hackte schnell einige Wörter ein: „12 Uhr passt, kein Problem.“ Sie sah auf. Schon hatten ihre Finger wie aus Gewohnheit die Worte „Bis dann, ich liebe dich“, getippt. Sie hielt inne und mit aller Macht wurde ihr bewusst, dass sie ihm diese Worte nicht mehr schreiben durfte – auch wenn sie immer noch genauso wahr und richtig waren wie all die Jahre zuvor.

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Sie schluckte und meinte fast, vor Schmerz zu zerbrechen, als sie die letzten drei Worte wieder löschte und dann auf „Absenden“ drückte.
Wieder verharrte sie einige Minuten reglos und wartete auf eine Reaktion, die dann auch prompt kam: „In Ordnung. Bis dann.“
Ihr Herz sank. Kein „ich freu mich“ oder eine andere aufmunternde Wendung hatte er mitgeschickt. Sie seufzte. Warum sollte er auch?
Wieder starrte sie auf seine SMS und ihr schoss es durch den Kopf, wie verrückt das alles doch eigentlich war. Jahrelang war dieser Mann ihr Ein und Alles gewesen und nun schien er ihr so fremd wie noch nie, so weit fort. Er meldete sich in seinem eigenen Haus als Besucher an und sie musste sich schon bevor er überhaupt ankam ihm gegenüber so förmlich verhalten, als handele es sich bei ihm nicht um den Mann, mit dem sie vorm Altar gestanden hatte, sondern um irgendjemanden, den sie flüchtig kannte...

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Es war verrückt, geradezu surreal... und doch die bittere Wahrheit.
Diesmal kamen keine Tränen, zu bitter war die Empfindung, die ihr Herz in diesem Augenblick einnahm. Es vergingen weitere fünf Minuten, in denen Eileen einfach nur dasaß, das Handy lose in der Hand und vor sich hinstarrte.
Dann wurde ihr Blick mit einemmal wacher. Marcel würde hierher kommen – er hatte doch geschrieben, er wolle mit ihr reden... war das gut oder war das schlecht? Was würde er sagen? Ihr Herz zog sich bange zusammen. Würde er ihr die letzten Hoffnungen nehmen, dass doch noch alles gut werden könne – wieder gut werden könne?
Oder war es ein gutes Zeichen? Dass er mit ihr reden wollte, war von seiner Seite aus doch eigentlich ein Schritt auf sie zu... oder nicht?

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In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken geradezu, sie fühlte sich plötzlich völlig von dieser Situation überfordert. Ihr Blick fiel aufs Telefon und ohne weiter zu überlegen, wählte sie Lenes Nummer. Es tutete drei- oder viermal und schon sank Eileens Herz und ihr fiel ein, dass Lene irgendetwas von einem geplanten Wochenendurlaub erzählt hatte... hätte sie doch nur etwas genauer zugehört...
Schon wollte sie auflegen und es auf Lenes Handy probieren, als sich eine verschlafene Stimme am anderen Ende der Leitung meldete.
„Hallo?“
Es war Dirk. Eileen biss sich auf die Lippen, sie war sich nicht sicher, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte – schließlich waren er und Marcel immer gut befreundet gewesen.

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Aber auflegen konnte sie nun ja schlecht, abgesehen davon hatte Dirk ihr ja nichts getan. Also räusperte sie sich und sagte rasch: „Hier ist Eileen, hallo Dirk. Ich hab euch doch hoffentlich nicht geweckt?“
Dirks mürrische Stimme wurde sofort freundlicher. „Nicht wirklich“, Eileen musste grinsen, denn er war ein schlechter Lügner. „Und selbst wenn, ist kein Problem, es ist ja schon spät genug.“
Auch diesmal log er wieder – Eileen wusste genau, dass er und Lene gerne lange schliefen. Aber es handelte sich diesmal um einen Notfall.
„Willst du Lene sprechen?“ fragte Dirk dann auch sofort.
„Ja, ist sie denn da?“
“Ich werde sie rufen, warte...“ Sie hörte, wie er die Hand über den Hörer legte und lauthals „Lene! Es ist Eileen!“ brüllte.
Sie konnte sich die völlig verschlafene Lene direkt vorstellen, wie diese brummelnd aus dem Bett kroch und sich auf den Weg ins Wohnzimmer machte.
„Sie kommt“, sagte Dirk da auch schon und fügte dann nach einem kleinen Moment betretenen Schweigens hinzu: „Hör mal, Eileen, das mit Marcel und dir – das tut mir so leid. Ich hab wirklich nichts davon gewusst, das musst du mir glauben.“

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Eileen nickte, was Dirk natürlich nicht sehen konnte und erwiderte: „Ich glaub dir, Dirk, wirklich. Vielen Dank.“
„Sie ist da, ich geb sie dir.“
Und zwei Sekunden später hörte sie Lenes recht verschlafene Stimme. „Hey Süße, was gibt`s?“
“Wolltet ihr nicht übers Wochenende wegfahren oder so?“
“Doch, schon, aber uns ist irgendwie die Lust vergangen. Außerdem wollte ich nicht so weit weg sein, falls du mich brauchst.“
Eileen überkam schlechtes Gewissen. „Oh Lene, ihr habt doch nicht nur meinetwegen euren Urlaub abgesagt, oder?“
“Nein, mach dir keinen Kopf“, Lenes Stimme klang schon etwas wacher. „Wieso rufst du an? Brauchst du nur jemandem zum quatschen oder ist etwas geschehen?“

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“Beides“, sagte Eileen schnell und berichtete Lene sofort von der SMS.
„Was sagst du dazu?“ fragte sie am Ende zweifelnd. „Ist das gut?“
„Zumindest ist es mal gut, dass er sich endlich mal meldet“, knurrte Lene in den Hörer und musste sich schwer verkneifen, noch die Worte „der Penner“ hinzuzufügen. „Aber Eileen, du versprichst dir doch hoffentlich nicht allzu viel von diesem Treffen?“
Eileen schluckte. „Ich... ich weiß nicht. Es ist doch bestimmt ein gutes Zeichen, dass er mit mir sprechen will, oder? Vielleicht können wir ja alles klären, vielleicht hat er eingesehen, dass diese Sabrina nicht die richtige ist... ich meine, Lene – wir sind seit acht Jahren zusammen, seit fünf schon verheiratet... so was wirft man doch nicht einfach so ab, so von sich... oder?“

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Fortsetzung folgt.
 

Lynie

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Huhu Innad,
wieder zwei sehr schön geschrieben Kapiteln..

Beim Rückblick merkt man sofort, dass beide dieser Verlust sehr weh tut und weil beide sich alleine gefühlt hatten, obwohl sie sich gegenseitig in der schweren Zeit brauchten ist Marcel fremdgegangen um das zu suchen, was ihm fehlte.. Natürlich entschuldigt ihn das nicht, aber es ist schon verständlicher (auch wenn fremdgehen für mich nie eine Lösung wäre)..

Im Gegenwartskapitel bin ich froh, dass Marcel sich endlich mal gemeldet hat und das er mit Eileen reden möchte, aber so, wie ich die SMS deute, wird das Gespräch eher negativ verlaufen (ich hoffe ja nicht, würde Eileen es so sehr gönnen).. Und was Dirk anbelangt, da dneke ich schon, dass er die Wahrheit sagt..

Ich freue mich schon auf das nächste Kapitel :)
lg lynie :hallo:
 
  • Danke
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Innad

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@Lynie: Ja, das stimmt - ich denke auch, dass beide darunter gelitten haben, nur irgendwie anders. Ob Marcel jetzt deswegen fremdgegangen ist, weiß man nicht - es war ja sehr schnell nach dem Verlust (6 Wochen hat Eileen mal angedeutet in den ersten Kapiteln).
Und natürlich macht es das nicht weniger schlimm und "verwerflich".

Was die SMS angeht, so macht Eileen sich vielleicht wirklich zu viele Hoffnungen. Wer weiß - ihr werdet es bald erfahren. ;)
 

Innad

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8.

Lene biss sich auf die Lippen und war froh, dass Eileen sie nicht sehen konnte.
Dirk stand zwischenzeitlich wieder neben ihr und sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Er seufzte. Für ihn war es noch viel unbegreiflicher, was Marcel getan hatte.

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Sie waren die letzten Jahre sehr gut befreundet gewesen, hatten oft etwas zusammen unternommen. Es lag fast in der Natur der Sache, dass sie als „echte Kerle“ nicht viel über ihre Beziehung oder Gefühle sprachen, aber trotzdem konnte er nicht begreifen, dass er nicht bemerkt hatte, dass Marcel mit Eileen offenbar nicht mehr glücklich gewesen war und sich noch dazu eine andere gesucht hatte.
Freilich, Marcel hatte in den letzten Monaten immer weniger Zeit gehabt für gemeinsame Unternehmungen. Früher waren sie öfters mal abends zusammen ein Bierchen trinken oder Billard spielen gegangen, gerade wenn die Frauen zusammen unterwegs waren. Doch Eileen hatte ja auch gesagt, Marcel habe viel zu tun – nun wusste Dirk auch, um welche Art von „Überstunden“ es sich gehalten hatte.
Er verzog verächtlich das Gesicht und lauschte dann wieder Lene, die gerade möglichst behutsam sagte: „Eileen, Liebes, ich will dir nicht deine Hoffnung nehmen. Natürlich ist es ein gutes Zeichen, dass er einen Schritt auf dich zumacht. Aber vergiss nicht, er hat sich fast drei Wochen nicht gemeldet... ich weiß nicht, aber wenn ihm noch viel an dir liegt, meinst du, dann hätte er so lange nicht von sich hören lassen?“

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Eileen sank erneut das Herz. Lenes Worten klangen logisch – und doch wehrte sich alles in ihr dagegen. „Ich weiß nicht!“ Es klang fast trotzig.
Ihr Blick schweifte auf das Hochzeitsbild von ihnen beiden, das an der gegenüberliegenden Wand hing. Glücklich strahlten ihre beiden Gesichter auf Eileen herunter und mit einemmal ergriff diese ein warmes, entschlossenes Gefühl.
„Ich weiß nur eines sicher, Lene – ich werde ihn nicht einfach so kampflos aufgeben!! Es ist MEIN Mann, vergiss das nicht. Und ich liebe ihn trotz allem immer noch. Ich werde um ihn kämpfen.“

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Lene schluckte. Zum einen war sie froh, dass Eileen wieder etwas aufgeräumter klang, zum anderen hatte sie Angst, dass ihre Freundin zuviel Hoffnung in eine Sache setzte, die Lene selbst schon für verloren hielt. Trotzdem brachte sie es nicht übers Herz, Eileens Hoffnungen zu zerstören und so sagte sie. „Gut, Eileen, dann sag ihm das. Egal, wie euer Gespräch ausfallen wird, ich denke, danach wirst du klarer sein und kannst dann schauen, wie es weitergeht. Du rufst mich doch an, wenn du mehr weißt?“
Dirk warf ihr einen fragenden Blick zu, doch mit einer beschwichtigenden Handbewegung gab Lene ihm zu verstehen, dass er sich noch einen Augenblick gedulden musste.
„In Ordnung, Eileen. Dann bis nachher.“
Lene legte den Hörer auf und sah Dirk an. „Er hat sich gemeldet und wird um 12 Uhr zu ihr kommen.“
Die beiden jungen Menschen nahmen wie mechanisch auf der Couch Platz.

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„Das wird auch Zeit“, sagte Dirk mürrisch. „Ich kann das alles immer noch nicht glauben. Ich meine, mal ehrlich- Eileen und Marcel, sie waren immer ein so perfektes Pärchen.“
Lene nickte langsam. „Und ob...“ Sie sah Dirk an. „Du würdest mich doch nie verlassen, oder? Und wenn, dann doch nicht... nicht SO?“
Dirk blickte seiner Frau aufrichtig ins Gesicht. „Das fragst du noch?“
Lene seufzte und zuckte mit den Schultern.

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„Weißt du – nicht nur, dass Eileen mir so furchtbar leid tut. Das ganze hat echt an meinen Glaubensätzen gekratzt. Ich hätte so was nie für möglich gehalten. Okay, die beiden hatten Schwierigkeiten seit Eileens Fehlgeburt. Vielleicht hat sie recht, sie war seltsam und unzugänglich seitdem, vielleicht hat das ihrer Beziehung schwerer geschadet, als alle gedacht hätten...“
Dirk schnaubte. „Das mag ja alles wahr sein, Lene. Aber trotzdem finde ich, dass es nicht rechtfertigt, sich so zu verhalten, wie Marcel es tut.“
Lene sah Dirk aufmerksam an. Es überraschte sie, ihren sonst eher ruhigen Mann so klar in seiner Aussage, ja sogar so aufgebracht zu erleben.

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Dirk schien ihre Gedanken zu erraten und erklärte. „Es macht mich einfach wütend so etwas. Niemand kann garantieren, dass eine Liebe ein Leben lang hält. Natürlich kann jede Beziehung irgendwann einmal zerbrechen. Und in den allermeisten Fällen wird es dafür Gründe geben, umsonst geschieht ja nichts auf der Welt. Und trotzdem – was Marcel getan hat, kann ich nur zutiefst verurteilen. Fremdgehen ist nicht richtig und wenn es eben passiert, muss man auch den Mumm haben, Farbe zu bekennen. Wenn er sich eben in diese andere Frau verliebt hat - nun, es ist nicht gut, aber man kann es nicht ändern. Aber dann hätte er einen sauberen Schlussstrich ziehen sollen, statt Eileen monatelang zu hintergehen.“
Er schüttelte den Kopf und fuhr sich durch sein zerzaustes Haar. „Ich meine – ich finde das selbst unglaublich. Es ist ja nicht so, dass die beiden nur ein paar Monate zusammen waren. Sie waren seit acht Jahren zusammen und haben ihren fünften Hochzeitstags gefeiert. Man ist dann doch nahezu eins. Wie kann man einem Menschen, den man so lange an der Seite hatte und wohl auch geliebt hat, so was nur antun und dabei reinen Gewissens bleiben?“
Lene zuckte mit den Schultern. „Wer weiß, ob er das hat“, sagte sie nachdenklich. „Vielleicht belastet ihn das ja mehr als wir denken.“

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Dirk sah sie stirnrunzelnd an. „Sag mal, verteidigst du ihn jetzt auch noch?“
„Nein, keineswegs!“ rief Lene aufgebracht. „Ich kann auch nicht verstehen, wieso er sich so lange nicht bei ihr meldet – das kann man doch nicht machen! Wie kann man sich in einem Menschen nur so täuschen wie wir in Marcel?“
„Genau das frage ich mich ja schon die ganze Zeit“, seufzte Dirk.
Lene rückte näher zu ihm und kuschelte sich an ihn. Lächelnd küsste er sie.

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„Wie geht es jetzt weiter mit den beiden?“ fragte er dann nach einer Weile.
Ratlos antwortete Lene. „Wenn ich das wüsste. Eileen jedenfalls liebt ihn immer noch von ganzem Herzen. Ich wünschte, sie könnte ihn hassen, es wäre einfacher für sie. Ich fürchte, sie ist entschlossen, um ihn zu kämpfen – und ich fürchte auch, dass sie dabei verlieren wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nach allem, was gewesen ist, wieder vorhat, zu ihr zurück zu gehen. Meiner Meinung nach kann er sie nicht mehr lieben, nicht einmal ansatzweise. Selbst einem Menschen, den ich nur mag, würde ich so etwas niemals antun.“
Sie sah unglücklich aus. „Ich verstehe einfach nicht, dass sie ihn wirklich zurückhaben will!“
Dirk sah sie sanft an und strich ihr zart über die Wange.
„Doch, das kann ich schon verstehen“, sagte er zu Lenes Überraschung. „Du fragst dich warum?“ fuhr er fort. „Nun, meine liebe Lene – ich weiß, wie es ist, wenn man einen Menschen unendlich liebt. Ich fürchte, mir ginge es genauso wie Eileen – du könntest, nein, du müsstest mir sehr viele Dinge antun, bevor die Liebe in mir aufgebraucht wäre. So schnell würde auch ich dich nicht aufgeben.“
Er sah sie ernst an. Lene schluckte gerührt. „Das meinst du wirklich so?“
„Natürlich.“
Sie lächelte und küsste ihn überschwänglich. „Aber hab keine Angst“, sagte sie dann leise. „Ich werde dir so etwas nie antun. Nie.“
Die beiden nahmen sich fest in den Arm, bis Dirk verwundert aufsah. „Was war denn das für ein Geräusch gerade?“

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Lene lachte auf. „Mein Magen! Ich hab einen Bärenhunger!“
Dirk lachte ebenfalls. „Na gut, Lene, dann geh ich jetzt schnell duschen und hol dann frische Brötchen, was meinst du?“
„Eine gute Idee!“
Zwanzig Minuten später stand Lene frisch geduscht in der Küche und kochte Kaffee, während Dirk die Brötchen holte. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Inzwischen war es halb elf – noch anderthalb Stunden, bis Marcel zu Eileen kommen wollte.
Wie es dieser wohl gerade gehen mochte?


Fortsetzung folgt.
 

Innad

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9.


Hektisch hastete Eileen von einem Zimmer ins andere. Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte und Lenes Worte in ihrem Kopf verhallt waren, hatte sie sich mit wachen Augen umgesehen und mit Entsetzen festgestellt, dass das Haus immer noch einem Schlachtfeld glich. Ein Blick in den Spiegel hatte die zusätzliche Erkenntnis geliefert, dass auch sie selbst nicht gerade jugendlich, frisch und attraktiv aussah, sondern vielmehr krank, liederlich und ungepflegter denn je.

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Der nächste ihrer Blicke war der zur Uhr gewesen, der ihr klargemacht hatte, dass sie nur noch knappe zwei Stunden hatte, um beide Zustände zu ändern. Dies mit Bravour zu meistern, schien ein Ding der Unmöglichkeit. Doch mit den kämpferischen Worten, die Eileen an Lene gerichtet hatte, schienen in jener neue Lebenskräfte erwacht zu sein, und mit ihr Energien, von deren Existenz sie noch wenige Stunden zuvor wohl nichts geahnt hatte.
So sprang sie mit einem Satz auf die Beine und hastete von einem Zimmer ins andere, um zu entscheiden, wo ihr Einsatz am nötigsten sein würde. Die kurze Bestandaufnahme hatte sie zu der Erkenntnis gebracht, dass Wohnzimmer und Küche am meisten Zuwendung bedurften, danach das Badezimmer, das Schlafzimmer und gleich darauf sie selbst.
Also klaubte sie hastig den Stapel an Erinnerungen zusammen und stellte jedes Stück an genau die Stelle, wo es schon seit Jahren seinen Platz hatte. Danach saugte sie die komplette Wohnung ordentlich durch, wischte hastig den gröbsten Staub auf den Regalen fort, schüttelte die Decke und die Kissen auf der Couch ordentlich auf, drapierte die Decke dann sorgsam über der Seitenlehne, ganz genau so, wie sie es jeden Abend getan hatte, nachdem sie und Marcel stundenlang zusammen vor dem Fernseher auf dem Sofa gefaulenzt hatten. Zu guter letzt wischte sie das Zimmer noch feucht durch, bis das Parkett seidig schimmerte.

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Es war kurz vor elf, als sie mit dem Wohnzimmer fertig war und dessen Zustand für befriedigend befand. Ohne sich eine Pause zu gönnen, hastete sie weiter in die Küche, wo sie alles schmutzige Geschirr, das sich noch fand, rasch in die Spülmaschine stellte, diese in Betrieb setzte und dann den Boden der Küche wischte. Rasch putzte sie die Anrichte mit einem sauberen Schwamm ab, mehr brauchte sie hier nicht zu tun – es kam ihr zugute, dass sie in den letzten zwei Wochen wenig Interesse fürs Kochen gezeigt und die Küche somit nur sporadisch benutzt hatte.

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Ein gehetzter Blick auf die Uhr zeigte Eileen, dass sie für die restlichen beiden Zimmer sowie sich selbst nur noch eine gute Dreiviertelstunde Zeit haben würde.
Und da Marcel eigentlich immer zur übertriebenen Pünktlichkeit neigte, konnte sie davon ausgehen, dass er eher zehn Minuten zu früh als zu spät auftauchen würde.
Also rannte sie nur schnell ins Schlafzimmer, schüttelte die Betten auf und strich sie glatt und versuchte, den Stapel Dreckwäsche, der zum Großteil sogar noch Marcels Kleidung beinhaltete, in dem großen, geflochtenen Wäschekorb zu verbergen. Sie hoffte und betete, dass Marcel genau diese Kleidung nicht zu holen gedachte... aber eigentlich hoffte sie ja ohnehin, dass er gar keine Kleidung mehr mitnehmen wollte, weil er es sich anders überlegt hatte.

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Es blieb ihr nun nur noch eine knappe halbe Stunde, um sich selbst halbwegs ansehnlich zu machen. Als sie unter der Dusche stand und das warme Wasser über ihren schlanken Körper laufen ließ, fühlte sie eine aufgeregte Nervosität in sich aufsteigen, fast als handele es ich um das erste Date zwischen ihr und ihrem Mann. Als ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging, musste sie verbittert auflachen. Durfte sie diese Worte eigentlich noch in den Mund nehmen? „Mein Mann“ ... es war doch gar nicht mehr wirklich IHR Mann.
Sie seufzte und ballte dann die Fäuste. Aber vielleicht sollte, würde sich diese Tatsache bald wieder ändern! Natürlich konnte sie Marcel sein Verhalten nicht so einfach verzeihen! Aber sie wollte ihn auch nicht kampflos aufgeben!

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Flink rubbelte sie sich trocken und begann dann, sich zu schminken. Immer mit einem Auge den Zeiger der Uhr im Blick, ließ sie sich doch so viel Zeit wie möglich und gab sich besonders viel Mühe. Sie benutzte den bronzefarbenen Lidschatten, den Marcel so gerne an ihr gesehen hatte, ebenso wie die tiefschwarze Mascara, um ihre langen Wimpern hervorzuheben. Ihr blasses Gesicht brachte sie mit etwas dezentem MakeUp auf Vordermann, so dass sie nicht mehr so kränklich aussah wie in den letzten Tagen.
Das mehr als schulterlange braune Haar konnte sie nicht mehr komplett mit dem Föhn trocknen, ohne den Zeitrahmen zu sprengen, darum trocknete sie es nur kurz an, so dass es sich in kleinen Locken drehte. Rasch band sie sich das feuchte Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und zupfte sich einige Haarsträhnen heraus, um nicht zu streng auszusehen.
Nachdem sie in einen dunkelbraunen, enganliegenden Pullover und eine knallenge Jeans geschlüpft war, musste sie zufrieden feststellen, dass sie gut aussah. Da Marcel noch nicht aufgetaucht war, nutzte sie die Zeit, um die gröbste Unordnung im Badezimmer zu beseitigen. Zu guter letzt nahm sie einen Spritzer ihres Lieblingsparfums und trug einen sacht schimmernden hellbraunen Lippenstift auf ihre vollen Lippen, die nun noch voller wirkten und ihrem sonst sehr feinen Gesicht etwas Wildes gaben.
Dann nahm sie am Esstisch platz und wartete.

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Inzwischen war es bereits nach zwölf Uhr. Marcel kam nur sehr selten zu spät, was Eileen nervös machte. Für einen kleinen Moment überlegte sie, ob sie die Uhrzeit falsch verstanden hätte, aber ein erneuter Blick auf die ausgetauschten SMS zeigte, dass dies nicht der Fall war.
Ob Marcel sie versetzte? Bevor sie diesen Gedanken weiter ausführen konnte, hörte sie den Kies draußen unter der Last von Autoreifen knirschen- ein Geräusch, das ihr sehr bekannt war, ein vertrautes Geräusch, bis vor zwei Wochen sogar ein alltägliches Geräusch.
Meistens war Eileen als erste zuhause gewesen und hatte bereits in der Küche gestanden, um das Essen vorzubereiten, wenn Marcel nach Hause kam. Aus der gemütlichen Küche hatte genau jenes Geräusch von Marcels Autoreifen, die über die kiesige Auffahrt näher kamen, ihr die Ankunft ihres Mannes angekündigt.
Meistens war dieses Geräusch für sie mit einer freudigen Empfindung verbunden gewesen. In den letzten Monaten jedoch hatte sie es manchmal aber gereizt und übellaunig gemacht. In den ersten Wochen nach der Fehlgeburt hatte sie ohnehin selten in der Küche gestanden. Ihr hatte sowohl die Lust als auch die Kraft dazu gefehlt und abends hatte sie meist ihre Ruhe haben wollen. Gerade in den ersten Wochen hatte sie es fast als Affront gesehen, wenn Marcel gut gelaunt von der Arbeit gekommen war. Und somit war sie manchmal gar nicht unglücklich gewesen, wenn er ihr mitgeteilt hatte, dass er einmal mehr Überstunden machen musste und ihr einige Stunden mehr alleine zuhause blieben.
Heute jedoch löste das Geräusch des Wagens in ihr ein flatteriges Gefühl in der Magengrube aus und ihre Hände wurden feucht.

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Sie erhob sich langsam von der Couch und näherte sich vorsichtig dem Fenster, von dem aus sie einen Blick auf die Garagenzufahrt erhaschen konnte, wo Marcel den weinroten Van neben Eileens zartblauem Kleinwagen geparkt hatte. Eigentlich gehörten die Autos mehr oder minder beiden, aber es hatte sich so eingebürgert, dass Eileen das kleinere Auto fuhr und Marcel das größere. So war der Kombi auch auf ihn, der Kleinwagen auf Eileen zugelassen. Als Eileen den Kombi vor dem Haus betrachtete, ging ihr zum ersten Mal der Gedanke durch den Kopf, dass sie dieses Auto prinzipiell wohl auch nicht mehr oder nicht mehr lange als ihr Auto sehen konnte – und sie mit dem Kleinwagen den schlechteren Tausch gemacht haben würde.
Alleine dieser Gedanke, die Autos, die eigentlich wie selbstverständlich ihnen beiden gehörten, nun aufteilen zu müssen, erschien ihr völlig abstrus.
Die Autotür öffnete sich in diesem Moment und unterbrach somit Eileens Gedankengänge. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie Marcels hochgewachsene, schlanke Gestalt aussteigen sah. Er strich sich in einer für ihn typischen Geste das halblange dunkelblonde Haar aus dem Gesicht, schloss den Wagen ab und kam auf die Haustür zu.
Unsicher blieb er davor stehen und klingelte schließlich.

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Das war sonst nur vorgekommen, wenn er einmal seinen Haustürschlüssel vergessen hatte. Es wirkte genau so surreal wie alles andere.
Hastig ging Eileen zur Tür, atmete einmal tief durch und öffnete dann mit einem Ruck.Schweigend blieben die beiden jungen Menschen voreinander stehen und musterten sich einen Moment, als sähen sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder – und in etwa so war es ja auch. Es schienen nicht nur Welten zwischen damals, als sie sich zum letzten Mal gesehen hatten, und heute zu liegen, sondern auch zwischen ihnen beiden selbst.
„Hallo Eileen“, brach Marcel schließlich das Schweigen. Eileen versuchte zu lächeln, was ihr kläglich misslang.
„Hallo“, krächzte sie und trat zur Seite, um Marcel in den Hausflur treten zu lassen.
Gemeinsam betraten sie das Wohnzimmer, wo Marcel sich kurz umschaute, fast so, als suche er nach Veränderungen, die das, was geschehen war, andeuteten. Doch es sah alles aus wie immer.

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Unsicher standen beide einen Moment in ihrem Wohnzimmer, ohne etwas zu sagen. Dann deutete Marcel auf die Couch und sagte: „Setzen wir uns, Eileen.“
Sie nahm Platz und bemerkte schmerzlich, dass er bewusst den Platz am anderen Ende der Couch wählte, fast so, als ob er so viel Abstand wie möglich zwischen sich und seine Frau – als die sich Eileen in diesem Moment absolut nicht mehr fühlte – bringen wollte.
„Wie geht es dir?“ fragte er nach einer weiteren, unangenehmen Zeitspanne voller Schweigen.
Eileen schluckte und wusste nicht recht, was sie antworten sollte, darum zuckte sie mit den Schultern und sagte nur leise. „Naja, es geht so. Und dir?“
Er nickte und schwieg dann wieder.

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Eileens Finger krampften sich in ihren Pulloverärmel und ihre Augen wanderten unruhig über das Gesicht des ihr eigentlich so vertrauten Menschen.
Sie sehnte sich danach, Marcel näher zu kommen. Alles an ihm war so vertraut und mit einemmal doch wieder so fremd. Es war doch das natürlichste der Welt gewesen, ihn zu berühren, ihm nahe zu sein. All das schien vergangen, schien auf paradoxeste Weise zwar noch existent und doch nicht mehr wirklich.
Wie ein verrückter Traum, der im Erwachen noch weitergeht und dessen Übergang man nur schwerlich mitbekommt, weil das Unterscheiden zwischen Schlafen und Wachen nahezu unmöglich ist, zumindest eine Zeitlang. Wann würde sie endlich aufwachen?

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„Eileen“, setzte Marcel in diesem Moment an. „Ich denke, wir haben einiges zu klären...“
Eileens Herz sank. Marcel sah sie bei den gesprochenen Worten nicht an. Er hatte sich nach vorne gelehnt, die Ellbogen auf die Schenkel gestützt und die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt. Er sprach nüchtern und ruhig, und Eileens Hoffnung darauf, er könne seine Entscheidung revidieren, sank sekündlich immer mehr.
„Wie es weitergeht, meine ich“, fuhr Marcel fort, setzte sich aufrecht hin und sah Eileen nun endlich an. Der Blick seiner brauner Augen schnürte ihr die Kehle zu und sie wich ihm aus.

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“Was meinst du?“ sagte sie nur langsam und fast tonlos.
„Nun, wie es mit uns weitergeht“, erwiderte er langsam und für einen Moment keimte doch wieder Hoffnung in Eileen auf.
„Ich meine... es gibt einige Dinge, die wir besprechen müssen, oder? Was machen wir mit dem Haus, dem Auto... all diesen Dingen eben.“
Eileen griff haltsuchend nach der Couchlehne und sog die Luft tief ein. Dass er so einfach zu diesen „Dingen“ übergehen würde, ohne ein Wort darüber zu verlieren, was geschehen war, warum es geschehen war... und ob man nicht noch etwas ändern könnte, schockierte sie zutiefst.
Es dauerte einige Sekunden, bis sie sich gefangen hatte, dann sah sie ihn fest an und sagte mit schneidender Stimme: „Heißt das etwa, dass du unsere Beziehung und mich aufgeben willst? So einfach ist das also, Marcel? Acht Jahre gemeinsamen Lebens und wie ich eigentlich einmal dachte auch Lieben einfach so beenden? Ohne noch ein weiteres Wort darüber zu verlieren? So einfach ist das?“

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Die letzten Worte waren bebend über ihre Lippen gedrungen und sie konnte ihren Schmerz, ihre Wut und ihre Enttäuschung kaum mehr verbergen.
Marcel sah sie einen Moment unbehaglich an und zuckte dann mit den Schultern, was Eileen fast zum Ausrasten brachte.
„Nun sag doch etwas dazu!“ rief sie aus und sprang auf. „Wenigstens das solltest du mir doch schuldig sein! Du kommst hier einfach so her, um einige Details zu besprechen, wie das Haus oder das Auto, so als ob schon alles gesagt, getan und geklärt wäre! Zwei Wochen hast du keinen Ton von dir hören lassen, nachdem du hier so sang- und klanglos verschwunden bist. Was wäre eigentlich gewesen, wenn ich diese SMS von deiner Tussi nicht entdeckt hätte vor zwei Wochen? Wie lange hättest du dieses Schauspiel noch mit mir voran getrieben?“
Funkelnd sah sie ihn an, doch er erwiderte nichts.

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Eileens Stimme war leise und traurig, als sie weiter sprach: „Das hab ich nicht verdient, Marcel. Ich mag nicht alles richtig gemacht haben in letzter Zeit, aber ich habe dich immer geliebt, respektiert und geschätzt, und vor allem habe ich dir immer vertraut. Ich bin fassungslos, dass du es fertig bringst, mir so weh zu tun und mir nicht einmal die Chance zu geben, es zu verstehen. Dass du mich und uns so einfach aufgibst, ist etwas, das mich zutiefst erschüttert und das ich absolut nicht begreifen kann...“
Eileens Stimme brach und die Tränen stiegen ihr in die Augen, wofür sie sich selbst schalt. Das alles hier lief ganz und gar nicht so wie sie es sich erhofft oder es geplant hatte!
Sie starrte Marcel lange an und wartete auf eine Antwort, während sie nervös im Zimmer hin- und herlief und sich schließlich wieder setzte. Nach schier endloser Zeit erhob dieser schließlich die Stimme und erwiderte: „Eileen... es tut mir wirklich leid, wie das alles gelaufen ist. So wollte ich es auch nicht, das musst du mir glauben.“ Er warf ihr einen hilflosen Blick zu. „Das mit Bettina und mir...“

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Eileen ignorierte den Stich in der Brust und blickte ihn fest an.
“Es hat sich einfach irgendwann so ergeben... ich wollte es dir sagen, aber ich fand nicht den Mut, schon gar nicht nach allem, was geschehen war.“ Er senkte erneut den Blick. „Aber ich kann nun mal nichts mehr ungeschehen machen, Eileen.“
Nun sah er ihr wieder fest in die Augen. „Es ist einfach passiert. Und nun ist die Situation nun einmal so wie sie ist.“
„Heißt das... du willst mit dieser... anderen... zusammenbleiben?“ stieß Eileen mühsam hervor.
Marcel sah sie fest an und nickte dann. „Ja, Eileen. Ich liebe Bettina und sie liebt mich.“
Es war wie ein Schlag in die Magengrube, es war, als zerbreche ihr Herz in noch mehr Scherben als es ohnehin schon war.
„Aber...“, stammelte sie hilflos. „Was ist – was ist mit UNS? Willst du das einfach alles so hinwerfen? Lohnt es sich nicht dafür zu kämpfen, Marcel?“
Sie stand auf, lief wieder im Zimmer auf und ab und sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an. Er schluckte und schüttelte dann den Kopf.

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„Dazu hab ich keine Kraft mehr, Eileen. Vielleicht vor einem halben Jahr... da wäre das noch möglich gewesen. Aber jetzt ist es einfach zu spät. Ich möchte noch einmal ganz von vorne anfangen, Eileen. Es tut mir leid.“
Eileen konnte und wollte nicht verstehen, was er ihr sagte.„Aber... das kann doch jetzt nicht alles gewesen sein“, erwiderte sie. Ihr Blick fiel auf das Hochzeitsfoto an der Wand. Sie deutete darauf und rief aufgewühlt:
„Was ist damit? Waren das denn alles nur leere Worte?“

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Marcel seufzte und stand ebenfalls auf, fasste Eileen an den Schultern. Seine Berührung löste einen wohligen Schauer in dieser aus und für ein winzigen Moment dachte sie, ihre Worte haben ihn endlich zur Vernunft gebracht, so dass er sie endlich an sich ziehen und sie um Verzeihung bitten würde. Doch stattdessen wurde sein Griff ungewöhnlich fest und er zwang sie, ihm in die Augen zu sehen.
„Eileen! Menschen ändern sich... Gefühle ändern sich. Ich finde das auch nicht schön. Ich hätte mein Leben gerne mit dir verbracht und damals hatte ich das auch wirklich vor. Aber die Zeiten ändern sich nun mal. Es ist eben einfach anders gekommen. Verstehst du?“
Eileen sah ihn entgeistert an.

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„Aber Marcel – das mag ja alles sein, nur... wieso kämpfst du nicht für uns? Wieso gibst du uns nicht wenigstens eine Chance, nach all der Zeit? Wieso hast du nie etwas zu mir gesagt, wieso hast du nicht schon früher versucht, etwas zu unternehmen? Gefühle verschwinden mit der Zeit, aber doch nicht von heute auf morgen, oder?“
Marcel sah sie ernst an. „Ich hatte nicht die Kraft und den Mut, etwas zu ändern. Und dann kam SIE... Eileen, es tut mir leid. Aber ich fand bei ihr einfach, was ich bei dir nicht bekam.“
Er sah sie fest an und sagte: „Du darfst dir aber keine Vorwürfe machen! Es ist nicht deine Schuld... es ist niemandes Schuld.“

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„Aber wieso Marcel? Wieso kämpfst du nicht um uns?“ wiederholte Eileen ihre Frage und sah Marcel mit tränengefüllten Augen an. Sie war verzweifelt und man sah es ihr auch an.
Marcel schluckte schwer und sah Eileen dann ernst an. Dann sagte er langsam und mit fester Stimme:
“Weil ich dich nicht mehr liebe, Eileen... es tut mir leid.“
In diesem Moment wurde es dunkel um Eileen und die Welt um sie versank in schwarzer Nacht.

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Fortsetzung folgt.​
 
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Lynie

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Huhu Innad, :)

Eileen kann einem so leid tun, aber ich hätte mir denken können, dass das Gespräch negativ verlaufen würde.. :argh:
Ich habe was im Text gesehen.. Zuerst sagt Marcel das sie Bettina heißt und danach Sabrina.. Ist das Absicht oder hast du dich vielleicht vertan??? ;)

lg lynie :hallo:
 

Innad

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@Mabra: Ja, es sieht wirklich so aus, als habe Marcel eine endgültige Entscheidung getroffen. Und ja, Eileen ist echt nicht zu beneiden. Noch sind die Hintergründe sehr verworren, aber nach und nach werden wir vielleicht herausfinden, was passiert ist... :)
 

Innad

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10.

Eine Hand strich ihr über den Kopf, immer und immer wieder. Und eine sanfte Stimme flüsterte beruhigende, weiche Worte. Eileen seufzte und weigerte sich einen kleinen Moment, die Augen zu öffnen. Ihr Kopf stach und schmerzte, als habe sie einen in voller Geschwindigkeit durch die Luft sausenden Fußball abbekommen.

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„Es wird alles wieder gut, Schätzchen… es wird ja alles wieder gut“, flüsterte die sanfte Stimme. War das Marcel? Eileen sog die Luft tief ein. Es roch nach ihm. Doch die Hand fühlte sich nicht nach seiner an. Sie war… zu schmal und zart.
Eileen öffnete langsam und träge die Augen. Im Zimmer war es schummrig dunkel. Irgendjemand hatte die Nachttischlampe auf der anderen Seite des Bettes angemacht, ansonsten erhellte kein Licht das kleine Schlafzimmer. Das Rollo war heruntergelassen und durch die kleinen Schlitze drang kein Licht. Es musste Nacht sein.

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Eileens Augen wanderten zu der Person neben ihrem Bett, die sie im Dunkeln kaum erkannte.
„Marcel?“ flüsterte sie mit schwacher Stimme.
„Nein, Schätzchen. Ich bin´s. Mami.“
„Mami?“
Eileen rieb sich verwirrt die Augen und erkannte schließlich das Gesicht ihrer Mutter, die neben dem Bett saß und sie sanft ansah.
„Mami?“ wiederholte sie wieder verwirrt. „Was… was machst du hier? Ich… ich dachte, du bist in Spanien… wie… was ist passiert?“
Sie richtete sich langsam auf, was ihr Kopf mit hämmernden Schmerzen beantwortete.
„Schhhh…“, beruhigte ihre Mutter sie. „Bleib noch ein Weilchen liegen. Du bist ziemlich heftig auf den Kopf gefallen.“

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„Sturz?“ wiederholte Eileen verwirrt und fasste sich an den schmerzenden Schädel. „Was für ein Sturz?“ Sie versuchte krampfhaft sich zu erinnern, was geschehen war. Sie dachte an Marcel… er war hier gewesen. Sie hatten geredet… doch danach wusste sie nicht weiter.
„Und wie kommst du hierher?“ wiederholte sie ihre Frage und sah ihre Mutter verständnislos an. Diese tätschelte ihrer Tochter beruhigend die Hand.
„Marlene hat uns angerufen“, erwiderte sie dann.
Von draußen hörte man Schritte, die Schlafzimmertür wurde sachte ein Stück geöffnet. Das helle Licht aus dem Flur fiel grell ins Zimmer, so dass Eileen einen Moment blinzeln musste.

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„Ist sie wach? Ich hab jemanden reden hören.“
Das war die Stimme ihres Vaters, der nun ins Zimmer kam. Seine hochgewachsene Gestalt hob sich gegen den nun wieder schwächer werdenden Lichtschein aus dem Flur ab.
„Ja, eben ist sie aufgewacht.“
„Eileen, Schätzchen…“, mit wenigen Schritten war ihr Vater an ihr Bett geeilt, während ihre Mutter wie selbstverständlich aufstand und mit dem Glas in der Hand das Zimmer verließ, wobei sie schnell murmelte: „Ich hol ein Glas Wasser…“

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Eileens Vater sah seine Tochter traurig an.
„Du hast uns einen hübschen Schrecken eingejagt, Kleines“, sagte er dann. „Wie fühlst du dich?“
„Ganz gut… mein Kopf tut weh“, erwiderte Eileen langsam. „Aber vielmehr macht mich verrückt, dass mir hier niemand sagt, was eigentlich geschehen ist? Was macht ihr hier? Ich dachte, ihr seid in Spanien? Ich… ich kann mich nicht erinnern, was los war. Ich weiß nur noch, dass Marcel hier war und…“
Eileen stockte. Ihr schoss plötzlich die Frage durch den Kopf, ob ihre Eltern alles wussten.
Sie sah ihren Vater fragend an. „Ich… Marcel und ich..“
Ihr Vater nickte gütig und sah sie kummervoll an. „Ich weiß – wir wissen alles, Schatz. Wieso hast du uns denn nicht angerufen und alles gesagt? Wir wären doch sofort nach Haus gekommen.“
„Ich wollte euch euren Urlaub nicht verderben“, erwiderte Eileen und besann sich wieder auf ihre eigentliche Frage. „Aber was macht ihr hier? Bitte, Papa, sag mir doch, was geschehen ist.“
„Heute Nachmittag hat uns ein Anruf deiner Freundin Marlene erreicht, dass wir wenn möglich nach Haus kommen sollten, weil du zusammengebrochen wärst. Wir haben natürlich den ersten Flug nach Haus genommen und sind vor wenigen Stunden hier angekommen.“
„Wie… wie spät ist es?“ fragte Eileen irritiert.
„Es ist ein Uhr in der Nacht.“

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„Aber… Marcel war um die Mittagszeit da. Was ist danach passiert?“
„Ich weiß es nicht genau. Marcel hat Marlene erzählt, dass du auf einmal während eures Gespräches ohnmächtig geworden bist. Er hat natürlich sofort den Arzt gerufen. Du warst dann wohl auch ein- oder zweimal wach, hast aber nur bitterlich geweint, sagte Marlene. Weißt du das denn nicht mehr?“
Eileen sah ihn erstaunt an. „Nein… nein… ich kann mich nicht daran erinnern…“
„Nun … du hast dir bei deinem Sturz den Kopf angeschlagen, warst aber laut Marcel nur kurz weggetreten… der Arzt sagte, es sei nicht weiter schlimm… aber du musst so sehr geweint haben, dass er dir eine Beruhigungsspritze gegeben hat. Vermutlich bist du deswegen noch ein wenig benebelt.“
Eileen fuhr sich verwirrt über die Stirn und versuchte sich zu erinnern, was nicht gelingen wollte. Auf der anderen Seite war nicht verwunderlich, dass einem bei derartigen Kopfschmerzen keine vernünftigen Gedanken kommen konnten.
Eileen seufzte wieder und ihr Vater strich ihr hilflos über die Schulter.
„Brauchst du irgendetwas, Schätzchen? Hast du Hunger?“
„Nein“, erwiderte Eileen langsam, obwohl sie spürte, dass ihr leicht übel war und ihr Magen krampfte. Doch der Gedanke an Essen schien ihr völlig abwegig.
„Aber ein Kopfschmerztablette wäre super… ich hab das Gefühl, mir platzt der Schädel.“

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„Ich sag schnell deiner Mutter Bescheid“, erwiderte ihr Vater sanft und verschwand für einen Moment aus dem Zimmer. Gleich darauf kam er gemeinsam mit Eileens Mutter zurück.
Sie hielt ein Glas Wasser in der Hand, während ihr Vater ihr eine Schmerztablette reichte.
„Marcel hat ein paar Sachen mitgenommen“, sagte ihre Mutter langsam. „Ich vermute, er kommt die nächsten Tage noch einmal, um den Rest zu holen. Jedenfalls hat das Marlene gesagt…“
Eileen schluckte. Ihr Hals schien wie zugeschnürt.
„Ich wollte es euch sagen… aber ich hatte irgendwie die Hoffnung, er würde seine Meinung noch ändern. Es war noch so frisch“, versuchte sie langsam zu erklären. „Und ich hab mich auch geschämt.“
„Geschämt? Ach Schatz, warum denn das? Du hast doch nichts verbrochen…“
„Genau!“ pflichtete ihr Vater bei. „Das alles ist Marcels Schuld! Ich hätte so was nie von ihm erwartet.“ Er sah sich grimmig im Zimmer um, als erwarte er, Marcel hocke in irgendeiner Ecke und verstecke sich vor ihm. „Der Kerl kann froh sein, dass er nicht mehr hier war, als wir ankamen…“
„Günther“, ertönte die beschwichtigende Stimme von Eileens Mutter. „Das bringt niemanden weiter…“

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Eileen musste gegen ihren Willen lächeln. Sie wusste nicht recht, ob sie ihrer Mutter Recht geben oder sich von der Wut ihres Vaters geborgen und geschmeichelt fühlen sollte.
Seltsamerweise waren sowohl der Impuls, Marcel vor ihrem Vater zu verteidigen, wie sie es früher immer getan hätte, und ihn dazu zu ermuntern, sich ins Auto zu setzen, Marcel aufzusuchen und ihm den Hosenboden zu verprügeln, in ihr zugegen, was sich verwirrend und paradox anfühlte.
Sie nahm die Tablette dankbar von ihrem Vater entgegen und spülte sie mit einem großen Schluck Wasser runter. In ihrem Magen krampfte sich etwas zusammen und Eileen begriff, dass sie etwas essen musste, auch wenn ihr nicht danach war.
„Mama – ich hätte jetzt doch ein wenig Hunger“, sagte sie dann vorsichtig. Ihre Mutter nickte und erwiderte. „Das ist gut. Was magst du denn haben?“
„Es ist wohl mit den Essensvorräten nicht so gut bestellt“, gab Eileen beschämt zu. Jetzt wo ihre Eltern da waren, kam ihr das Verhalten, welches sie in den letzten zwei Wochen an den Tag gelegen hatte, fast blamabel vor. So sehr sie beide auch liebte und ihnen vertraute, sie war eine erwachsene Frau und es war nur natürlich, dass es ihr nicht wirklich behagte, so viel von sich preis zu geben. Sie stand nicht gerne als Schwächling vor ihren Eltern da.

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Wieder waren zwei widersprüchliche Gefühle in ihr zugegen – ein Teil von ihr war froh und dankbar um die Anwesenheit ihrer Eltern, der andere schämte sich, fühlte sich unangenehm berührt und hätte sie am liebsten sofort freundlich aus dem Haus komplimentiert. Ja, ein Teil von ihr wollte jetzt allein sein – Ruhe haben.
Doch zuerst musste sie etwas essen und dann konnte sie versuchen, ihre Eltern nach Haus zu schicken. Auch wenn sie stark bezweifelte, dass diese sich überzeugen lassen würden…
Ihre Mutter lächelte derweil und sagte: „Naja – wir werden schon ein bisschen etwas auftreiben. Dein Vater war vorhin an der Tankstelle und hat uns Brötchen geholt. Magst du vielleicht eines davon haben? Mit Honig oder Butter?“
Marlene nickte. „Ja – aber bitte nicht viel. Ich hab schon ein Weilchen nichts mehr gegessen und sollte von daher wohl langsam machen…“
Ihre Mutter nickte und verschwand aus dem Zimmer, während ihr Vater immer noch an der Tür stand und irgendwie ratlos wirkte.
„Weißt du, Schatz…“, sagte er schließlich. „Ich bin ein wenig hilflos, weiß nicht recht, was ich sagen soll…“

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„Ist schon okay, Papa“, erwiderte Eileen und lächelte ihn an. „Du musst auch nicht viel sagen. Es … ist eben einfach passiert...“
Sie schluckte. Sie sprach fast, als wolle sie jetzt ihren Vater trösten, dabei war sie es ja eigentlich, die Trost brauchte.
Sie war dankbar, als ihre Mutter zurück ins Zimmer kam und ihr einen Teller mit einem Honigbrötchen gab. Eileen aß langsam und schweigend. Zuerst musste sie sich zu jedem Bissen zwingen, aber das hörte nach der Hälfte des Brötchens auf und bald war es komplett aufgegessen.
Sie reichte ihrer Mutter dankend den Teller und sagte dann möglichst entschieden: „Ihr beiden – ich bin echt dankbar, dass ihr gekommen seid, aber ihr könnt jetzt wirklich nach Haus fahren. Ich lege mir das Telefon hier ans Bett und wenn etwas sein sollte, rufe ich sofort an, versprochen. Ich würde jetzt einfach gerne etwas Ruhe haben und noch ein bisschen weiterschlafen. Morgen früh rufe ich euch dann an und dann können wir ja weitersehen…“
Ihre Eltern wechselten vielsagende Blicke und Eileen machte sich schon auf eine Welle an Argumenten gefasst, die gegen ihren Vorschlag sprechen würden.
Doch zu ihrem Erstaunen nickte ihr Vater langsam und sagte: „Gut, Eileen, wenn du es so willst, werden wir auch nach Haus fahren. Aber bitte ruf sofort an, wenn irgendetwas ist. Bist du dir sicher, dass du aufstehen kannst, wenn du zur Toilette musst?“
„Ich bin nicht krank, nur ein bisschen schwach. Und wenn ich schlafe, muss ich nicht zur Toilette – ihr könnt unbesorgt nach Haus fahren, wirklich.“

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Sie sah ihre Eltern fest an, bis diese nickten, sich zu ihr beugten und ihre Wangen küssten und dann leise das Schlafzimmer verließen.
Wenige Sekunden später hörte Eileen das Türschloss zuschnappen.
Erleichtert atmete sie tief durch und lehnte sich in den Kissen zurück. Es war still in der Wohnung, so still, dass es sie mit einemmal fast erdrückte.
Sie spürte, wie der Schmerz in ihrer Kehle zunahm, der ihr baldige Tränen anzukündigen schien. Dabei hatte sie doch schon so viel geweint, dass man hätte meinen können, es seien keine Tränen mehr vorhanden.
Sie fühlte sich müde und gleichzeitig nervös. Mühsam versuchte sie sich zu erinnern, was geschehen war und langsam wurde sie sich des Inhalts ihres Gespräches mit Marcel wieder bewusst.
Sie schnaubte aus, als sie an seine Worte zurück dachte. Wie konnte man sich nur so sehr in einem Menschen täuschen? Der Mensch, der ihr so vertraut gewesen war. Mehr als nur ein Teil von ihr. Ihr Gegenstück. Ihr Freund, ihr Partner, ihre Welt, zumindest zum Großteil. So wie das nun einmal in guten Beziehungen ist. Eileen schüttelte verständnislos den Kopf und spürte, wie der Schmerz allmählich zur Wut wurde.

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Er hatte sich einfach hier hingesetzt und von Autos zu sprechen angefangen. Wo waren Worte der Erklärung, der Verzeihung?
Er hatte gesagt, er liebe sie nicht mehr. Eileen schluckte hart. Diese Worte erschienen ihr wie ein Hohn. Wie konnte man so schnell aufhören, jemanden zu lieben? War Marcel einer jener Menschen, die für Liebe einen Knopf hatten, sie beliebig ein- und ausschalten konnten?
Und wieso hatte er nicht früher etwas gesagt? Es hätte nicht so kommen müssen.
Bitter zog Eileen die Decke bis ans Kinn und rutschte tiefer in die Kissen. Sie spürte, wie die bleierne Müdigkeit zurück kam. Was auch immer der Arzt ihr gegeben hatte, es musste ein Teufelszeug sein. Wenn sie sich doch wenigstens hätte erinnern können, was nach diesem Gespräch geschehen war.
Doch noch war sie zu müde und schummrig, das war ihr klar. Draußen trommelte erneut Regen gegen die Fensterscheiben und auf das Dach. Sein Geräusch schien Eileen langsam in den Schlaf zu singen. Sie wehrte sich nicht dagegen.
Morgen würde sie klarer denken können, so viel war klar. Morgen würde die Welt anders aussehen.

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Fortsetzung folgt.
 

Lynie

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Huhu Innad,
wieder eine tolle Fortsetzung.. :)

Ich finde es rührend, wie sich die Eltern um Eileen kümmern, aber das ist ja für Eltern selbstverständlich.. Und Eileen braucht sich wirklich nicht zu schämen, es ist ja nicht ihre Schuld, dass Marcel sie betrogen und verlassen hat..

Ich hoffe, dass irgendwann auch positivere Kapiteln kommen und Eileen es schafft, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen :)

lg lyn :)
 

Innad

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@Llynie: Danke für Deinen Kommi! Ich hoffe, das heutige Kapitel ist so ein bißchen positiver :)

11.


Müde starrte Eileen in den Spiegel und rieb sich die Augen.
„Eileen, du siehst erbärmlich aus, wenn ich das sagen darf“, raunte sie ihrem Spiegelbild zu und schnitt sich dann eine Grimasse. Gut, dass Marcel sie so nicht sehen konnte.

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Obwohl – in all den Jahren ihrer Beziehung hatte er schon schlimmeres erlebt. Vor einigen Jahren war sie zwei Wochen furchtbar krank gewesen und hatte es kaum geschafft, das Bett zu verlassen. Marcel war furchtbar besorgt um sie, brachte ihr Tee, schüttelte ihr die Kissen auf, spielte die fürsorglichste Krankenschwester auf der weiten Welt.
Da hatte sie schlimmer ausgesehen. Der Liebe zu ihr hatte das keinen Abbruch getan.
Eileen schnaubte verächtlich durch die Nase.
Und dann kam irgendeine junge, blonde Tussi und schon war Marcel nichts mehr wichtig. Nicht all die Jahre, die sie zusammen verbracht, die Höhen und Tiefen, die sie zusammen durchstanden hatten.
Aber die letzte Tiefe, die hatten sie nicht durchstanden. War die Fehlgeburt damals wirklich der Auslöser für alles gewesen? Hätte eine gute Beziehung diesen Schicksalsschlag, der schließlich fast jede Frau statistisch gesehen einmal im Leben ereilte, nicht einfach verkraften, an ihr reifen, vielleicht sogar wachsen müssen?

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Eileen stellte sich diese Frage zum ersten Mal seit Tagen. Bisher hatte sie sich immer alleinig die Schuld gegeben. Sie hätte Marcel nicht so abweisen dürfen in den Monaten danach. Doch sie hatte sich so unverstanden gefühlt. Für ihn war das Leben schon wenige Tage danach weiter gegangen wie immer. Sie konnte sich noch genau daran erinnern.
Sie war gerade ein paar Tage aus der Klinik zurück und noch krank geschrieben, da war Marcel schon wieder mit seinen besten Freunden auf den Fußballplatz und danach auf Tour gegangen, um ein bisschen den „Kopf frei zu kriegen“.
Und sie? Sie hatte weinend zu Hause auf dem Sofa gesessen. Alleine.

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Für Marcel war all das wohl nur ein missglückter Versuch gewesen. Für sie selbst jedoch war es mehr als das. Für sie war nicht nur eine Hoffnung gestorben, sondern ein Stückweit tatsächlich ihr Kind, ihr Baby. Wenn es auch noch so winzig gewesen sein mochte.
Damals hatten die Ärzte im Krankenhaus ihr gesagt, es sei wohl schon etwas länger nicht mehr am Leben gewesen. Man schätzte, dass sein kleines Herzchen schon mindestens eine oder sogar zwei Wochen nicht mehr geschlagen hatte, bevor bei Eileen die Blutungen eingesetzt hatten. Der Körper brauchte laut den Ärzten wohl manchmal ein wenig Zeit um zu begreifen, dass die Schwangerschaft nicht mehr intakt war.
Eileen seufzte und öffnete die runde Dusche, um hinein zu steigen. Das warme Wasser entspannte ihren Rücken, der ihr seit dem Aufstehen schmerzte. Vermutlich hatte sie sich einfach zu wenig bewegt in den letzten Tagen.

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Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie sich beeilen musste.
Sie duschte sich schnell ab und verzichtete diesmal darauf, die Haare zu waschen. Rasch schminkte sie sich, band sich die Haare in einen dicken Zopf, der ihr seitlich über die Schulter fiel und ging dann ins Schlafzimmer, um sich anzukleiden.
Draußen war ein fahler Herbsttag angebrochen.
Sie ging hinunter in die Küche, um sich einen Espresso zu machen. Das würde ihren Kreislauf sicher auf Schwung bringen, denn seit sie aufgestanden war, fühlte sie sich seltsam schwindelig und flau. Das lag sicher immer noch an dem Mittel und der Aufregung der letzten Tage. Gestern hatte sie fast den ganzen Tag durchgeschlafen, und trotzdem schien sie immer noch Schlafbedarf zu haben. Wenn sie sich überlegte, wie viel sie in den letzten Wochen geschlafen hatte, könnte sie fast meinen, zum Siebenschläfer geworden zu sein.

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Doch nun war das vorbei. Eileen nahm einen großen Schluck des bitteren schwarzen Getränks und merkte, wie sich ihr Magen darunter zusammen zog, ignorierte es aber. Es war kaum etwas zu Essen im Haus, sie musste sich gleich auf dem Weg etwas besorgen.
Grübelnd starrte sie zum Fenster hinaus. Im Nachbarhaus waren die Lichter an und in der Küche bewegten sich Gestalten. Sicher brachten sie ihre Kinder gleich zur Schule, wie jeden Morgen. Er stand an der Küchentheke und schmierte Brote, während sie das Frühstücksgeschirr verteilte. Die kleine Klara – die Eileen immer so freundlich zuwinkte, wenn man sie auf der Straße traf – hatte ihre Haare zu Rattenschwänzen gebunden und hüpfte zwischen ihren beiden Eltern hin und her.
Eigentlich hatte Eileen sich ihr Leben ähnlich vorgestellt. Mit Marcel in einigen Jahren genauso – mit ein oder zwei Kindern, einem ruhigen Leben, Familienidyll…

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Vielleicht war das alles aber nur eine Illusion gewesen? Sie spürte einen Stich im Herzen. Was wäre gewesen, wenn diese Schwangerschaft nicht zu Ende gegangen wäre? Sie hätte vor wenigen Tagen entbunden, fiel ihr erschrocken auf. Es kam ihr völlig surreal vor, dies zu denken. Nicht nur weil sie sich so etwas allgemein nicht vorstellen konnte, sondern weil doch schon so viel mehr Zeit, ja fast Jahre, seither vergangen zu sein schienen…
Sie schüttelte den Kopf und wandte den Blick vom Nachbarfenster ab, um den letzten Tropfen Espresso ihre Kehle hinunter laufen zu lassen.

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Während sie die Tasse in die Spülmaschine stellte, verzog sie verächtlich das Gesicht.
Dieses Idyll war vorbei. Marcel hatte sein Idyll mit einer anderen gefunden. Er hatte entschieden, dass Eileen nicht mehr zu seinem Leben gehörte. Sie war sozusagen ausgemustert. Hastig schlüpfte sie in ihre Jacke, griff nach ihrer Tasche und dem Autoschlüssel und zog die Haustür hinter sich zu.
Draußen atmete sie tief die frische nach Regen duftende Luft ein. Ihr fiel auf, dass sie vermutlich zum ersten Mal seit zwei Wochen vor die Tür getreten war.

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Marcel wollte sein Leben also ohne sie bestreiten. Das bedeutete, es gab für sie nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie brachte ihn doch noch dazu, wieder ein Bestandteil seines Lebens zu sein.
Oder sie strich ihn eben auch aus ihrem Leben, wie er es mit ihr getan hatte.
Eine andere Möglichkeit würde es nicht geben. Jene, die sie in den letzten Wochen gelebt hatte – nämlich die, dass es für sie ohne ihn kein Leben mehr zu geben schien, erschien Eileen nun nicht mehr attraktiv.
Sie hob das Kinn und strich sich mit einer entschlossenen Geste das Haar aus der Stirn. Sie würde sich nicht so leicht unterbuttern lassen!
Entschlossen schritt sie über den Kiesweg zu ihrem Auto. Es schien, als ginge sie Stück für Stück in eines neues Leben – ob mit oder ohne Marcel, würde sich noch zeigen.


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Fortsetzung folgt.
 

Lynie

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Huhu Innad,

es ist diesmal wieder nicht so viel passiert, aber ich freue mich, das Eileen merkt, dass das Leben weiter geht und sich nicht mehr so hängen lässt.. Das es aber noch weh tut, kann ich absolut nachvollziehen, aber die Zeit heilt ja bekanntlich alle Wunden..

Ich freue mich auf die Fortsetzung :)

lg lyn :hallo:
 

Innad

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@Lynie: Ja, die erste Betäubung scheint bei Eileen langsam abzuklingen.

Viel passieren im Sinne von aufregenden Handlungen wird übrigens in eher weniger Kapiteln. Die Fotostory erzählt mehr einfach eine Geschichte in ganz langsam Schritten, ich hoffe, dass es Euch Lesern trotzdem gefällt. Ich bin weniger die Action-Autorin und eher Anhängerin der leisen Töne und langsamen Handlungsverläufe, so wie es im real life ja doch auch ist.:cool:
 

Innad

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12.


Marlene hob erstaunt den Kopf und blickte Eileen mit offenem Mund an.
„Was machst denn du hier?“, fragte sie verständnislos.
„Arbeiten, was sonst. Dasselbe wie du“, erwiderte diese schlicht, während sie ihren Mantel auszog und an den Garderobenständer hängte.
„Ich bin leider ein bisschen spät dran“, sagte sie entschuldigend und nahm am Schreibtisch platz. „Tut mir leid.“

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„Ich… habe ehrlich gesagt überhaupt nicht mit dir gerechnet“, stieß Marlene verdutzt hervor.
„Nun, ich hab dich lange genug in Arbeit versinken lassen, während ich dasselbe in meinem Selbstmitleid getan habe“, erwiderte ihr Gegenüber mit fester Stimme.
Marlene runzelte die Stirn.
„Aber… du solltest dich doch noch schonen, Eileen“, sagte sie streng. „Der Arzt hat am Samstag gesagt, du brauchst viel Ruhe – all das war sehr viel auf einmal und…“
„Ich hatte genug Ruhe“, fiel ihr Eileen ins Wort. „Ich… ich glaube, das am Wochenende hat mich aufgerüttelt. Ich will nicht vor die Hunde gehen, mich nicht kaputt machen lassen.“
„Das ist schön und gut, aber Eileen, ich meine – du bist am Samstag einfach umgekippt…“
„Mit mir ist alles in Ordnung“, sagte Eileen entschieden. „Ich will auf keinen Fall weiter zu Hause sitzen, mir fällt die Decke auf den Kopf.“
„Warst du wenigstens noch einmal beim Arzt?“, fragte Marlene besorgt nach. „Er meinte, du solltest heute zu deinem Hausarzt gehen.“

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„Hör mir auf, der würde mir nur irgendwelche Pillen gegen Depressionen geben“, winkte Eileen ab.
„Und… wäre das schlimm?“
Aufgebracht sah Eileen sie an. „Mein Mann hat mich verlassen, Marlene. Von heute auf morgen, mir nichts, dir nichts. Praktisch ohne Vorankündigung. Nach etlichen Jahren Zusammensein, gemeinsame Plänen, Träumen und Verpflichtungen, die man eingegangen ist. Dass man dann nicht am nächsten Morgen gut gelaunt weiter macht als sei nichts gewesen, dürfte doch nicht überraschend sein, oder? Das ist noch lange keine Depression… und selbst wenn, ich wüsste nicht, wann man depressiv werden dürfte, wenn nicht dann. Es wäre wirklich nett, wenn ihr alle mir zumindest noch ein bisschen Zeit gebt, damit klar zu kommen und mich zu sortieren.“

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Eileen schlug wie zur Untermalung ihrer Rede ihren Terminkalender auf und drückte den Power-Knopf ihres PCs.
„Und jetzt wäre ich dankbar, wenn du mich auf den neusten Stand bringen würdest“, wechselte sie dann scheinbar gelassen das Thema. „Wie sieht es mit den KD-Rechnungen der letzten 2 Wochen aus? Muss ich da noch etwas nacharbeiten?“
Marlene wusste nicht recht, was sie antworten sollte, also entschied sie sich, erst einmal zum Geschäftlichen überzugehen und erklärte ihrer Freundin, was in den letzten zwei Wochen an Arbeit angefallen war. Dann verfielen beide in konzentriertes, schweigsames Arbeiten.

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Nach einer Weile sah Marlene von ihrem Bildschirm auf und beobachtete Eileen schweigend. Sie hatte sich geschminkt und ihre gewaschenen Haare ordentlich zu einem Zopf geflochten, ihre Augen waren nicht mehr derart stumpf und trübe wie vor zwei Tagen, überhaupt schien ein neuer Lebens- und Kampfeswillen in ihr aufgeflammt zu sein.
Marlene fragte sich jedoch, ob dies nicht nur Fassade war… machte sich Eileen vielleicht etwas vor? Und was genau war zwischen ihr und Marcel am Wochenende gelaufen?
Sie selbst wusste nur, dass irgendwann gegen halb eins das Telefon geklingelt hatte und Marcel sich gemeldet hatte. Zuerst war ihr durch den Kopf geschossen, dass dies wohl ein gutes Zeichen war. Vielleicht hatte Eileen doch recht behalten und diese seltsame Affäre war nur ein Strohfeuer, beide hatten sich wieder versöhnt.

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Auf der anderen Seite konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Eileen ihm so schnell vergeben hatte. Das lag aber vielleicht auch an ihrer eigenen Sicht der Dinge, die schon von Beginn an wesentlich unversöhnlicher gewesen war als die Eileens.
Wobei sich von außen ja auch immer alles sehr leicht und konkret beurteilen ließ.
Doch dann hatte Marcel ihr aufgeregt gesagt, dass sie sofort herkommen müsse. Es sei etwas mit Eileen.
Mit einem Schaudern erinnerte sie sich daran, wie abgebrüht er dabei gewirkt hatte. Zwar hatte man ihm eine gewisse Sorge und Aufregung über die Wendung der Dinge und das plötzliche Zusammenbrechen seiner Frau angemerkt, ja … aber wenn sie sich vorstellte, wie sehr die beiden sich einst geliebt hatten, wie zusammengehörig sie ja eigentlich gewesen waren… erschreckte sie die Gelassenheit Marcels selbst heute noch.
Als sie angekommen war, stand der Wagen des Notarztes vor dem Haus.

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Ihr war das Herz in die Hose gerutscht, aber im Haus angekommen wurde sie sofort beruhigt, als dieser ihr bereits im Flur gemeinsam mit Marcel entgegen kam und erklärte, dass Eileen nur sehr kurz das Bewusstsein verloren, dann einen kleinen Nervenzusammenbruch gehabt hatte und von ihm mit Beruhigungsmitteln in einen leichten Schlaf versetzt worden war.
Er vermutete offenbar einen kleinen, relativ harmlosen Ehestreit und „Stress auf der Arbeit“ hinter allem – Marlene konnte nur raten, was Marcel ihm erzählt hatte.
Marcel selbst war stumm und unbeteiligt dabei gestanden, hatte gewartet, bis der Notarzt gegangen war und Marlene dann eine Weile angeschwiegen.

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Schließlich hatte Marcel seine Autoschlüssel genommen und gesagt: „Eileen liegt oben und schläft- Kannst du dich bitte um sie kümmern – ich muss leider weg, aber ich werde sie nächste Woche anrufen. Sollte irgend etwas mit ihr sein, dass es ihr schlechter geht oder so, kannst du mich ja anrufen, ich hab mein Handy dabei.“
Mit diesen Worten hatte er die Haustüre geöffnet und war mit einer schier unfassbaren Gelassenheit zum Auto gegangen, während sie – Marlene- ihm von der Haustüre aus hinter her sah und nicht wusste, was sie denken oder tun sollte.

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Da Eileen tief und fest schlief, beschloss sie schließlich, ihre Eltern zu benachrichtigen. Sie wusste ja nicht, wie es Eileen weiterhin gehen, wie sie sich verhalten würde und ob sie nicht doch noch ins Krankenhaus musste.
In ihrer Hilflosigkeit fiel ihr nichts anderes ein, als die Handynummer von Eileens Eltern zu wählen. Erst als sie mit deren Mutter sprach, erfuhr sie, dass beide zurzeit auf Lanzarote waren – aber nun war es zu spät, sie waren informiert und nichts und niemand hielt sie davon ab, sofort in den nächsten Flieger zu steigen.

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Marlene seufzte und warf Eileen erneut einen Blick zu.
Sie spürte, dass sie sich ein wenig überfordert mit allem fühlte, was in den letzten Wochen und Monaten geschehen war. Sie konnte nicht recht nachvollziehen, wieso Eileen so sehr um ihre missglückte Schwangerschaft trauerte – aber sie hatte so etwas ja auch noch nie selbst erlebt. Noch weniger verstand sie, was da genau zwischen ihr und Marcel passiert sein mochte.
Seit letztem Wochenende hatte Marlene manchesmal das Gefühl, ein wenig verrückt geworden zu sein, so sehr hatte sich auch ihr Weltbild verschoben. Das perfekte Paar, das Eileen und Marcel für sie gewesen waren, hatte sich als Trugschluss heraus gestellt. Ihr Verstand sagte ihr, dass Eileen sich Marcel gegenüber anders verhalten sollte, ihr Herz begriff aber dennoch, dass dem nicht so einfach war.
Sie konnte sich nach wie vor nicht erklären, wie sie sich in diesem Menschen so sehr geirrt zu haben schien, dass er derart eiskalt geworden war, derart unbesonnen und hart seine Linie durchzog.

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Dass Liebe verging und verwelkte, war nichts neues – es geschah jeden Tag aufs neue, das wusste auch Marlene gut. Aber dies war nicht eine lockere Beziehung über einige Monate, sondern eine feste Gemeinschaft gewesen. Neben der emotionalen und menschlichen Verpflichtung gab es tatsächlich auch rein gesetzliche, über die Marcel sich einfach nicht klar zu sein schien.
Eileen derweil schien in eine tiefe Depression verfallen zu sein und dies zurzeit zu ignorieren. Marlene trommelte nervös mit den Fingern auf ihrem Schreibblock herum. Was konnte man tun, um ihr zu helfen? War sie dazu überhaupt in der Lage? Vielleicht würde Eileen ein Psychologe oder Berater besser helfen können. Auch in Hinblick auf all die rechtlichen Schritte, die jetzt zu tun waren.
So wie Marlene das sah, gab es für Eileen und Marcel kein Zurück mehr. Seit sie Marcel am Wochenende selbst begegnet war, bestand für Marlene kein Zweifel mehr daran.
Sicherlich würde er bald eine Scheidung vorschlagen. Es war unbedingt erforderlich, dass Eileen sich der Tatsache stellte, dass ihr Mann sie endgültig für eine andere verlassen hatte und dass sie sich einen Rechtsbeistand suchte, bevor Marcel am Ende völlig ausflippen und ihr das Haus, die Autos und ihr Eigentum strittig zu machen begann.
Inzwischen hielt Marlene alles für möglich. Seufzend hackte sie auf den Tasten herum, ohne wirklich zu realisieren, was genau sie arbeitete.

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Wie sollte sie Eileen dazu bringen, sich dieser Tatsache zu stellen? Sie konnte ihr Gegenüber überhaupt nicht einschätzen.
Dann war da ja auch immer noch Eileens Zusammenbruch, den Marlene nach wie vor nicht so leicht abtun konnte wie Eileen selbst.
Natürlich ging einem all das an die Nerven und konnte einen schwach machen, aber wer kippte schon so mir nichts-dir nichts am helllichten Tage einfach um und schlief dann wie ein Toter fast zwei Tage lang?
„Eileen, ich…“, begann sie nach einigen weiteren Minuten des Grübelns. „Ich… ich weiß gerade nicht, wie ich dir helfen kann, Süße… ich… ich weiß nicht genau, was du brauchst und wo du stehst und…“
Eileen sah auf und wirkte mit einemmal sehr müde.

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„Ach, Lene“, seufzte sie. „Glaub mir – ich wünschte, ich könnte es dir sagen. Aber ich kann es nicht.“
Sie starrte auf ihren Bildschirm und stand dann abrupt auf.
„Ich… ich fühl mich wohl doch nicht ganz so gut“, murmelte sie,und lächelte Marlene müde an. „Ich… ruf dich an, ja? Entschuldigst du mich beim Chef? Ich… versuche morgen wieder zu kommen und länger durchzuhalten.“
Marlene schluckte und nickte unbeholfen. „Klar… geh nach Hause und ruh dich ein wenig aus…“

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Eileen nickte. schlüpfte in ihre Jacke und ließ wortlos die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

Fortsetzung folgt.
 

Innad

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13.


Eileen ließ sich müde auf den Fahrersitz ihres zartblauen kleinen Wagens fallen, steckte den Schlüssel ins Zündloch und startete den Wagen, ohne recht zu wissen, was sie nun eigentlich anstellen sollte.
Sie sah das Bürogebäude hinter sich im Rückspiegel langsam kleiner werden.
Ein schlechtes Gewissen übermannte sie, dass sie nun doch nicht durchgehalten hatte und der Arbeit wieder fernblieb. Nicht einmal Herrn Kuhrmaier hatte sie mehr sprechen können.
Was der wohl von ihr dachte?

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Eileen biss sich auf die Lippen und mit erschreckender Klarheit wurde ihr bewusst, dass sie nun noch mehr darauf achten musste, den Job nicht zu verlieren.
Bisher war Marcel der Hauptverdiener der Familie gewesen. Er arbeitete in einem Architekturbüro. Den Job dort hatte er schon kurz nach der Hochzeit bekommen und in den letzten Jahren hatte er sich einen guten Rang dort verschafft. Die Bezahlung stimmte dementsprechend.
Was sie selbst mit ihrem Job als Buchhalterin verdiente, war dagegen fast nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Sie erinnerte sich noch gut an seinen ersten Arbeitstag. Damals hatten sie noch in einer kleinen, einfachen Wohnung gelebt und hatten eifrig Pläne geschmiedet, wie es bald – aufgrund der besseren finanziellen Lage – weitergehen könnte.

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Ein Jahr später hatten sie das Haus gekauft.
Eileen seufzte und hielt an einer roten Ampel an. Sie wusste nicht einmal genau, wohin sie fahren sollte. Ihre Gedanken schienen Karussell zu fahren.
Zurück in das leere Haus wollte auf keinen Fall. Also wartete sie, bis die Ampel grün wurde und fuhr dann einfach ziellos weiter.
Angestrengt dachte sie wieder über ihre finanzielle Lage nach und mit Schrecken wurde ihr bewusst, dass sie seit Wochen nicht mehr auf das Konto geschaut hatte. Sie und Marcel besaßen ein gemeinsames Konto, auf welches am Ende des Monats alle Gehälter überwiesen wurden.
Was, wenn Marcel das Konto gesperrt hatte oder seinen Lohn schon auf ein anderes überweisen ließ?

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Und würde sie von ihrem kleinen Gehalt überhaupt das Haus halten können? Hatte sie irgendwelche Ansprüche auf Zuschüsse von Marcel?
Sie hatte sich noch nie mit derartigen Fragen auseinander gesetzt. Sie waren nicht geschieden. Musste er da etwas an sie zahlen? Sie hatten ja nicht einmal ein Kind zusammen – jedenfalls keines, das lebte. Tränen stiegen in ihre Augen, als sie diesen Satz zu Ende gedacht hatte.
Sie bog erneut ab und brachte den Wagen am Straßenrand zum Stehen. Rasch legte sie eine Parkscheibe hinter die Windschutzscheibe und stieg aus. Obwohl es schon fast Oktober war, meinte die Sonne es heute gut und die Luft war mild.
Eileen schloss das Auto ab und ging ziellos den Weg entlang.
Sie versuchte sich daran zu erinnern, was am Wochenende geschehen war. Ihr plötzlicher Zusammenbruch hatte es unmöglich gemacht, alle wichtigen Fragen zu klären.
Sie schluckte und betrachtete mit schmerzerfülltem Herzen das bunte Laub des Baumes, der vor ihr stand. Wie konnte sie sich nur über solche Dinge Gedanken machen müssen? Noch vor etwas mehr als zwei Wochen hatte sie sich für eine – mehr oder weniger – glücklich verheiratete Frau gehalten, und an dieser Tatsache nur wenig zu rütteln befunden.

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Es konnte doch nicht so mir nichts-dir nichts aus sein. Das zu glauben weigerte sie sich immer noch.
Sie spürte, wie Wut in ihr aufstieg und sich ihre Hände zu Fäusten ballten.
Marcel konnte es sich doch nicht so einfach machen! Sie hatte mehr als nur ein Recht darauf zu erfahren, was geschehen war, mit wem er zusammen war und wieso er ihrer Beziehung nicht einmal mehr eine Chance gab?
Seine Worte hallten in ihrem Kopf nach „Ich liebe dich nicht mehr, Eileen“ und erneut hatte sie das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen.
Wie konnte man einfach aufhören jemanden zu lieben? Und wieso hatte sie das nicht früher gemerkt?

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Eileen seufzte. „Immer wieder dieselben Fragen. Nutzlos, einfach nutzlos“, flüsterte sie grimmig vor sich her.
Sie spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog und fühlte sich mit einemmal äußerst flau und schwach. Mit mehreren tiefen Atemzügen schaffte sie es, das dumpfe Gefühl des Schwindels, das sie für einen Moment überkommen hatte, wieder in den Griff zu bekommen.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es schon nach Mittag war. Sie musste dringend etwas zu sich nehmen, wenn sie nicht schon wieder den Boden unter den Füßen verlieren wollte – und nicht nur symbolisch.
Sie steuerte das nächstbeste Café an und setzte sich trotz des frischen Wetters an einen der auf der Terrasse stehenden Tische.

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Während sie auf den schnell bestellten Snack wartete und gedankenverloren an ihrem Wasser nippte, fragte sie sich, wie es nun weitergehen sollte.
Auf jeden Fall, das war ihr klar, musste sie zusehen, dass sie Marcel so schnell wie möglich erreichte. Es gab einiges zu klären zwischen ihnen.
Noch konnte sie den Gedanken, ihn nicht doch wieder zurück zu erobern, nicht ganz aufgeben. Und doch machte ihr alleine Marcels Verhalten nach ihrem Zusammenbruch klar, dass sie ihm tatsächlich nicht mehr allzu viel bedeuten konnte.
Sie spürte die Fassungslosigkeit, die sie angesichts dieser Tatsache übermannte. Liebe mochte aufhören, aber wie konnte es sein, dass einem ein Mensch, mit dem man jahrelang jeden Tag geteilt hatte, auf einmal so gleichgültig war?

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Marcel hatte nicht einmal angerufen seit Samstag. Was, wenn ihr Zusammenbruch schlimmere Ursachen und Folgen gehabt hätte? Wie konnte man es schaffen, nicht einmal den Hauch von Besorgnis zu zeigen?
„Das liegt bestimmt alles an dieser dummen Tussi“, zischte Eileen in ihr Wasserglas und erntete einen argwöhnischen Blick von einer älteren Dame am Nachbartisch.
Sie biss sich auf die Lippen und starrte ebenfalls argwöhnisch zurück.
Nachdem sie eine Weile ohne einen rechten Gedanken fassen zu wollen auf ihre Fußspitzen gestarrt hatte, suchte sie in ihrer Jackentasche nach ihrem Handy und gab Marcels Nummer ein.
Doch dann steckte sie das Telefon seufzend wieder ein, ohne auf „Verbinden“ gedrückt zu haben. Sie konnte es nicht. Noch nicht. Nicht heute. Und doch war ihr klar, dass sie auf ein Treffen bestehen musste.

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Denn sollte es wirklich Tatsache sein, dass sie und Marcel ab sofort endgültig getrennte Wege gehen würden, so war einiges abzusprechen. Und ganz nebenbei hatte sie ein Recht darauf zu erfahren, wo er wohnte und wie er erreichbar war. Sie war schließlich immer noch seine Frau und er hatte ihr gegenüber zumindest noch ein paar wenige Verpflichtungen, auch wenn er diese vielleicht gerne lieber heute als morgen abgeschafft hätte.
Der Kellner stellte Eileen einen Teller des Mittagsangebotes vor die Nase. Diese spürte nun noch mehr ihren Hunger und aß gierig auf.
Dann zahlte sie und schlug den Weg zurück zum Auto ein.

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„Und nun?“, fragte sie sich seufzend, als sie wieder hinter dem Steuer saß.
Ihre Gedanken wollten und wollten nicht aufhören sich zu drehen. Sie warf den Motor an und ihr Blick fiel auf den glänzenden Ehering an ihrer Hand. Sie schluckte.
„Bis dass der Tod uns scheidet“, murmelte sie und grummelte dann: „… oder eine andere Frau…“
Aber war es wirklich nur das? Eine andere Frau? Wer mochte diese Frau sein? Aus dem Büro? Wo hatte Marcel sie kennen gelernt?
Und wie konnte es sein, dass sie es nicht bemerkt hatte?
Nur wenige Wochen nachdem sie ihr Baby hatte gehen lassen müssen.
Sie versuchte nachzurechen, wann in etwa das ganze angefangen haben könnte. Im frühen Frühjahr vermutlich. Passend zu dem Sprießen und Treiben um sie herum.
Sie konnte sich noch genau erinnern, welch ein Hohn die explodierende Natur für sie gewesen zu sein schien.
Alles schien Fruchtbarkeit und Nachkommenschaft zu verheißen – und ihr Bauch war immer noch so furchtbar leer.
Sonst hatte Eileen sich über die eifrig den Kopf aus der Erde streckenden Krokusse und Narzissen gefreut wie ein kleines Kind.
Im vergangenen Frühling, nur so kurz nachdem sie aus der Klinik gekommen war, mit leerem Bauch und noch viel leereren Armen, hatte sie manchmal das Bedürfnis gehabt, die Blumen zu zertrampeln. Wie konnte es sein, dass alles um sie herum auf Fröhlichkeit und Lebhaftigkeit geschaltet war, wo es in ihr doch oftmals immer noch so fruchtbar trüb und wund ausgesehen hatte?
Erst nach und nach hatte sie sich mit dem explodierenden Leben um sich abfinden und schließlich auch selbst wieder Freude und Leichtigkeit empfinden können.
Inzwischen war Eileen ausgestiegen und stand schon ein ganzes Weilchen unbeweglich neben dem Wagen.

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Erst jetzt realisierte sie selbst, wohin sie wie automatisch gefahren war.
Sie blickte an dem schmiedeisernen Tor nach oben und öffnete es dann langsam.
Es war ruhig und still.
Friedlich. Ein Gefühl von Ruhe überkam sie.
Hinter ihr fiel das Eisentor mit einem dumpfen „Plong“ wieder ins Schloss.

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Fortsetzung folgt.
 

Innad

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14.


Als sie vor dem Tor stand, schweiften Eileens Gedanken in eine erinnerung an einen Samstagmorgen vor etwa fünf Monaten...

Sie erwachte von dem fröhlichen Gezwitscher eines Vogels, der den Frühling zu verkünden schien und sich auf einem Zweig im Baum vor ihrem Fenster sein Liedchen sang.
Sie drehte sich zur Seite und griff wie automatisch nach Marcel, doch ihre Hand fand nur das leere Kopfkissen.
Müde rieb sie sich die Augen und stellte fest, dass das Bett neben ihr leer war. Ein kaltes Gefühl überkam sie, wie schon so oft in letzter Zeit.
Unten hörte sie die Klappe des Briefkastens quietschen.

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Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war bereits nach zehn. Schnell schlug sie die Bettdecke zurück, schlüpfte in ihre Puschelpantoffeln und ging nach unten. Im Flur traf sie auf Marcel, der gerade mit den Briefen in der Hand wieder ins Haus kam.
„Guten Morgen, Schatz“, sagte sie und Marcel gab ihr einen flüchtigen Kuss.
„Gut geschlafen?“, fragte er, während sie ihm ins Wohnzimmer folgte.
„Es geht. Ich bin erst um vier Uhr eingeschlafen.“
„Schon wieder?“ Marcel zog die Brauen hoch und sie merkte, wie sehr sie dies reizte, schwieg jedoch vorerst. „Du warst doch so müde gestern Abend.“
„Ja … aber mir ist so viel durch den Kopf gegangen…“, setzte sie an.

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Marcel murmelte nur irgendetwas von „wie immer“ und ging mit der Zeitung hinüber in die Küche.
Dass sie sich in den Schlaf geweint hatte, verschwieg Eileen… wie schon so oft.
„Naja… es ist heute ja Samstag“, sagte sie und versuchte unbekümmert zu klingen. „Da kann man ja ausschlafen, nicht wahr?“
„Was du ja getan hast“, erwiderte Marcel trocken.
Eileen schluckte und merkte, dass sie ihre Gereiztheit nicht mehr verstecken konnte.
„Was dagegen?“, gab sie darum nur pampig zurück und öffnete den Kühlschrank, ohne recht zu wissen, was sie eigentlich darin suchte.

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„Nein, keineswegs“, erwiderte Marcel und sah ihr zu, wie sie mit Milch und Cornflakes hantierte. „Allerdings dachte ich, wir wollten ganz früh zum Baumarkt fahren.“
„Zum Baumarkt?“, fragte Eileen verwirrt. „Achso – du hast gestern was davon erzählt. Entschuldige, ich hab nicht alles mitbekommen… was wolltest du da noch mal?“
Genervt sah Marcel von seiner Zeitung auf, mit der es sich inzwischen bequem gemacht hatte.
„Ich wollte das Zimmer neu streichen, das habe ich dir doch schon etliche Male gesagt.“
„Das Zimmer… ich… ich dachte, das war nur so ein Gedanke“, erwiderte Eileen überrascht und schockiert in einem. „Ich dachte, du willst es irgendwann streichen…“

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„Was ist da der Unterschied?“, meinte Marcel unbekümmert und faltete die Zeitung wieder zusammen.
„Das… ist ein gewaltiger Unterschied“, sagte Eileen leise und verteilte die gefüllten Schüsseln auf dem Tresen. „Ich meine… ich… dachte… dass… wir brauchen das doch noch nicht jetzt zu tun.“
„Was spricht dagegen?“, fragte Marcel und begann hungrig zu löffeln. „Es ist schon lange überfällig, die Tapeten sind einfach hässlich.“
„Ja… aber… Marcel, ich meine… das sollte doch… es sollte das Zimmer für… du weißt schon…“
„Ja – und da sich das ja nun erledigt hat, ist die Renovierung trotzdem nicht unnötig geworden“, meinte Marcel und wischte ein paar Milchtropfen vom Tisch. „Oder?“

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Eileen starrte auf ihr Müsli und hatte das Gefühl, jeden Moment hinein spucken zu müssen, so schlecht war ihr mit einemmal geworden.
Sie konnte ihn einfach nicht verstehen. Die Fehlgeburt war noch keine zwei Monate her und für Marcel war schon alles schon lange wieder beim Alten. Das versuchte sie inzwischen zu akzeptieren, denn sich ständig innerlich darüber aufzuregen war ihr zu kraftraubend.
Aber dass er nun wirklich das Zimmer neu streichen wollte… das Zimmer… sie konnte es nicht verstehen. Wieso konnte er sich damit nicht noch Zeit lassen…
Es war eigentlich ihr Hobby- und Büroraum und ja – die Tapete hatte einen neuen Anstrich nötig, vor allem, weil Marcel dort ständig rauchte, wenn er am PC saß und „zockte“, wie er es gerne nannte oder aber mit seinen Freunden Pokerrunden veranstaltete, was sein neuster „Spleen“, wie Lene es immer augen-verdrehend nannte, war.

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Eigentlich war die Renovierung für dieses Frühjahr geplant gewesen – im Rahmen der Einrichtung eben jenes Zimmers als Kinderzimmer…
Aber nun brauchten sie kein Kinderzimmer mehr. Nicht mehr. Oder noch nicht wieder? Eileen war sich nicht sicher, ob sich Marcel darüber klar war, dass sie eigentlich gerne bald wieder schwanger werden wollte. Sie hatten bisher fast noch nie über dieses Thema gesprochen. Und selbst wenn nicht… selbst wenn sie sich noch etwas Zeit geben würden… dann war die Tatsache, jetzt zu renovieren, wie ein Faustschlag ins Gesicht für sie, als wolle er ihr damit noch einmal zeigen, dass ein Kinderzimmer nun ja überflüssig sei.
„War was in der Post?“, fragte Eileen, weil sie nicht recht wusste, was sie nun noch sagen sollte, ohne schon wieder Diskussionen auszulösen.

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„Ja – ein Brief vom Krankenhaus. Hab ihn auf den Tisch gelegt“, sagte Marcel und schlürfte die letzten Reste Milch aus der Schüssel.
„Was war es denn?“, wollte Eileen wissen.
„Keine Ahnung, hab es nicht aufgemacht“, sagte er schnell.
Eileen sah ihn irritiert an. „Und wieso nicht?“
„Er ist für dich, oder nicht?“
„Seit wann halten wir es so, dass wir nicht die Post des anderen aufmachen, vor allem, wenn es offizielle Sachen sind?“, wollte Eileen verwirrt wissen.
„Was soll ich mit Post aus dem Krankenhaus anfangen?“, meinte Marcel harmlos. „Das ist sicher noch eine Rechnung oder so was… von… damals halt.“
„Aber… wieso sollte das eine Rechnung sein, ich bin schließlich krankenversichert und habe nichts in Anspruch genommen, was nicht Kassenleistung wäre“, erwiderte Eileen.
„Mach ihn auf, dann weißt du es.“ Marcel zwinkerte und versuchte amüsiert zu wirken, was nicht recht gelang. Er stand auf und küsste Eileen, die es ihm nach tat, schnell auf die Wange.
„Ich fahre jetzt zum Baumarkt“, sagte er.
„Ich dachte, ich soll mit?“ Eileen sah ihn irritiert an.

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„Schätzchen, du bist ja nicht einmal angezogen und es ist schon fast elf Uhr“, sagte er in tadelndem Ton, der offenbar auch schon wieder amüsant wirken sollte, es aber nicht wirklich war. „Ich muss um ein Uhr doch zum Spiel, ich hab nicht mehr so viel Zeit.“
„Du hast heute Spiel?“
Marcel seufzte. „Ja – das hab ich dir auch gefühlte hundert Mal gesagt. Vielleicht solltest du einfach mal besser zuhören und dir nicht mehr so viele Gedanken um… du weißt schon was machen, dann schläfst du auch wieder besser.“
Eileen schluckte. „Was willst du damit sagen?“
„Nichts, nichts“, meinte Marcel und wirkte plötzlich müde. „Auf jeden Fall hab ich heute Spiel, ja – wir spielen gegen den Fußballclub Hechtingen.“
Eileen ging wieder zurück in die Küche, um die Milch in den Kühlschrank zu stellen.
„Und… wieso musst du dann so dringend Farben kaufen?“
„Das Wochenende hat erst angefangen und wenn du mir heute Nachmittag alles da oben ausräumst, kann ich morgen alles streichen.“
Ich… heute Mittag?“
Eileen starrte ihn entsetzt an. Der Gedanke, sich den ganzen Nachmittag alleine durch das Chaos zu wühlen, war alles andere als attraktiv. Vor allem, da sie ja ohnehin gegen die Renovierung war.
„Danke, dass du mich gefragt hast“, sagte sie schnippisch. „Ich hab ja auch sonst nichts Besseres zu tun. Ich habe auch die ganze Woche gearbeitet, oder?“
„Schon gut, schon gut, dann mach ich es eben selbst, wenn ich zurück bin“, erwiderte Marcel entschuldigend.

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„Aber… was ist mit uns? Also- ich meine… ich dachte, wir könnten morgen vielleicht was Schönes unternehmen…“
„Ach, Schatz, das können wir doch auch kommendes Wochenende. Abgesehen davon wolltest du in den letzten Wochen nie raus, oder? Und… ich will da oben endlich wieder Ordnung haben. Nächste Woche wollten die Jungs zum Pokern kommen und ich hab mit ihnen gewettet, dass bis dahin die olle Tapete weg ist.“
Eileen wusste nicht mehr, was sie noch sagen sollte und offenbar wartete Marcel auch keine Antwort ab. Er drückte ihr noch einen Kuss auf die Backe und verließ dann ohne ein weiteres Wort den Raum, während Eileen ihm hinterher sah.

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Eileen seufzte und spürte, dass Wut und Traurigkeit in ihr aufstiegen. Aber sie wollte nicht schon wieder weinen. Sie hatte in den letzten Wochen oft geweint. Es änderte nichts an der Sache, das sah sie selbst ein.
Also ging sie nach oben und sprang unter die Dusche.
Als sie kurz darauf frisch geduscht und angekleidet im Wohnzimmer Ordnung schaffte, fiel ihr Blick auf den Brief vom Krankenhaus.

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Sie setzte sich auf die Couch und öffnete ihn. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie den Inhalt begriff.
Langsam ließ sie den Brief wieder sinken und legte ihn beiseite.
Als Marcel etwa eine halbe Stunde später mit Farbeimern beladen zurück kehrte, saß sie immer noch reglos da, den Kopf in die Hände gestützt.
Er trat ins Wohnzimmer und rief: „Schau mal, Schatz, ich hab maisgelb bekommen, ist das okay?“ und blieb erstaunt stehen, als er sie wie eine Ölgötze auf der Couch sitzen sah.

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„Ist was passiert?“, fragte er erschrocken.
„Nein… ich… ich habe nur… den Brief vom Krankenhaus geöffnet.“
„Und? Doch eine Rechnung? So hoch?“
Er versuchte scherzhaft zu klingen.
„Nein, natürlich nicht“, sagte sie scharf und stand auf. „Es geht um die Bestattung.“
Marcel sah sie an, als habe er sich verhört. „Um was???“
„Um die Bestattung.“
„Bestattung. Wer wird bestattet?“
Eileen sah ihn an, als habe er den Verstand verloren.
„Na… die Sammelbestattung.“
„Was?“
„Ich… hab dir doch gesagt, dass… ich habe doch im Internet schon davon gelesen und … ich war mir nur nicht sicher, ob diese Klinik das auch macht und wollte auch nicht anrufen, weil… es zuviel hoch gewühlt hätte.“

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Marcel stand immer noch da und sah völlig ratlos aus.
„Wovon bitte redest du da eigentlich?“, sagte er nach einer Weile des Schweigens und klang gereizt. „Welche Bestattung?“
„Na, die Bestattung unseres… unseres Babys!“, brach es aus Eileen heraus.
„Baby? Du meinst… aber… Eileen, das wird doch sicher nicht… bestattet“, sagte Marcel. „Ich meine… es war ja noch kein Baby in dem Sinne und…“
Eileen krallte ihre Fingernägel in ihren Ärmel, schwieg aber.
„Alle Fehlgeburten, egal wie weit man war, werden sammelbestattet“, versuchte sie mit möglichst ruhiger Stimme zu erklären. „Das … habe ich dir doch erzählt, dass das oft so gemacht wird. Und es ist ja auch eine wunderbare Sache, ich meine…“
Sie drehte sich wieder zu ihm um, ging auf ihn zu und nahm seine Hände. „Ich meine, Marcel… egal, wie weit oder nicht… es war unser Kind und…“
Marcel winkte ab. „Na gut – fangen wir nicht wieder davon an. Was ist jetzt jedenfalls damit? Kostet das nun auch noch etwas oder wie? Ich meine, die können einem doch nichts berechnen. Hast du damals etwas unterschrieben? Ich nicht!“

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Eileen starrte ihn entgeistert an.
„Manchmal denke ich wirklich, ich kenne dich nicht“, sagte sie verbittert.
„Was denn?“, rief er aus. „Ich will das doch nur wissen. Bestattungen sind oft teuer. Und wieso kommen die auch erst jetzt damit?“
„Weil die Trauerfeier nächstes Wochenende ist“, sagte Eileen. „Und natürlich kostet das nichts. Es wird von der Gemeinde oder dem Krankenhaus getragen, nehme ich an. Es ist ja auch keine wirkliche Bestattung wie bei einem Erwachsenen. Alle Fehlgeborenen der letzten Monate werden gemeinsam auf einem Sternschnuppengrabfeld hier in der Stadt begraben. Anonym sozusagen.“

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Sie gab ihm den Brief und er überflog die Zeilen mit versteinerter Miene.
Als er gelesen hatte, schien er erleichterter zu sein.
„Achso – das ist also eigentlich nur eine Formsache.“
„Ja… irgendwie schon…“
„Na gut, nun wissen wir das und da es uns nichts kostet, müssen wir darüber nicht mehr weiter nachdenken“, sagte Marcel und lächelte. „Also – mal zurück zu den Farben. Maisgelb hab ich und blau. Meinst du, das geht?“
Eileen starrte ihn an. „Was… ich meine… was?“
„Die Farben. Für das Zimmer. Komm, ich zeig sie dir.“
Eileen schüttelte den Kopf. „Nein… Marcel, nun warte doch mal. Ich… nun hör doch mal mit deinen Farben auf. Die laufen schon nicht weg. Wegen der Bestattung, ich… hör mal, ich möchte da gerne hingehen.“
Marcel sah sie an, als habe sie nun völlig den Verstand verloren.
„Was? Aber… wieso denn das? Eileen, ich meine… es ist schon fast zwei Monate her. Das wird dir nur weh tun. Und das ist doch sicher eher für Leute, deren Kinder schon älter waren oder die… einfach… ich weiß auch nicht… das ist doch Unsinn, Eileen… ich meine…“
Eileen unterbrach ihn. „Hör mal, Marcel… ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit habe, mich noch mal von unserem Kind zu verabschieden… wenn auch nur so… und ich will da nicht alleine hin.“

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„Was? Du willst dass ich mitgehe? Aber… ich habe am Samstag ein ganz wichtiges Heimspiel… das weißt du doch. Und danach kommen die Jungs pokern, darum will ich ja auch das Zimmer machen. Tut mir leid, Eileen, aber das geht nicht. Die hätten den Termin wohl früher schicken müssen.“
Eileen schlug wütend auf den Rand des Sofas.
„Sag mal, Marcel – merkst du eigentlich, was du da sagst?! Ich meine… das ist ja wohl wichtiger… es ist unser… es ist wichtig und… wie kannst du da ans Pokern denken?“
Marcel seufzte. „Eileen – du steigerst dich da in etwas rein. Das wird ein bisschen Musik sein, ein Pfarrer wird ein oder zwei Gebete sagen und dann ist es schon wieder vorbei. Dafür lasse ich nicht ein Spiel und einen Pokerabend sausen, wirklich…“
„Aber…“ Eileen stiegen die Tränen in die Augen. „Aber … es ist wichtig… es ist doch unser… Baby gewesen. Es ist wichtig!“
Marcel sah sie resigniert an. „Dir ist es wichtig, Eileen. Mir nicht.“

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Eileen schluckte bitter. „Na gut. Dann gehe ich eben alleine.“
Marcel seufzte tief. „Nein… das ist auch nicht gut. Ich werde mitkommen. Ich sage das Spiel eben ab. Und das Pokern.“
Doch Eileen schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, ist schon gut. Wenn es dir nicht wichtig ist, macht es auch keinen Sinn.“
„Es ist doch auch nicht so wichtig, Eileen.“ Er nahm ihre Hand, was sie nur mühsam zulassen konnte. „Hör mal… es ist vorbei. Lass es gut sein, ja? Wir sollten in die Zukunft schauen. Das macht dich doch nur fertig, wenn du da hin gehst… bleib lieber hier und geh zusammen mit Lene auf das Spiel, uns anfeuern. Ich brauch dich da.“
Er versuchte aufmunternd zu lächeln.
Eileen nickte unter Tränen. „Ich überleg´s mir“, sagte sie mühsam.

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„Gut.“ Er lächelte zufrieden. „Ich geh mich jetzt für das Spiel umziehen.“
Er drehte sich um und auf dem Weg zur Tür nahm er die Zeitung und den Brief und ließ sie fast unbemerkt im Müll verschwinden.
Eileen stand derweil mit dem Rückem zu ihm und weinte – leise und ohne es ihm zu zeigen.

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Fs folgt.​
 

Innad

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16.



Eileen atmete die frische Herbstluft tief ein. Der Wind rauschte in den Blättern.
Es war so still hier.
Ihre Augen fixierten sofort den Punkt, der relativ mittig des Friedhofes lag. Eine unscheinbare Rasenfläche, hier und da mit einigen Blumen geschmückt, von Herbstlaub bedeckt. Nur die Statue in der Mitte ließ aus dieser Entfernung erahnen, dass es sich bei diesem Platz nicht nur um eine einfache Grünfläche handelte.

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Der Kies knirschte unter Eileens Schritten, als sie langsam auf die Fläche zuschritt.
Es war nicht weit und schon bald war sie angekommen. Sie blieb vor der Figur stehen und las die Inschrift, die auf einem kleinen bronzefarbenen Schild geprägt worden war.
„Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, so wird es Dir sein, als leuchten tausend Sterne, weil ich auf einem von ihnen lache, weil ich auf einem von ihnen wohne. A.d. Saint-Exupéry. Dies ist eine Gedenkstätte für all jene Kinder, die nicht bei uns bleiben durften, weil sie zu klein oder krank waren.“

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Eileen schluckte und ihr stiegen bei diesen so wehmütigen Worten die Tränen in die Augen.
Ihr Blick schweifte langsam über die Rasenfläche. Hier und da lagen kleine Steine, überall brannten bunte Kerzen – an etlichen Stellen verteilt auf dem Rasen, aber auch auf dem Sockel um die Statue herum – und hier und da saßen Teddybären und Kuscheltiere, teils liebevoll dekoriert zwischen frischen oder schon verwelkten Blumen.
Ihr wurde bewusst, dass viele Menschen, denen es ähnlich wie ihr ging, oft hierher zu kommen schienen und an das dachten, was sie einst gehabt hatten und was ihnen verloren ging.
Sie wusste nicht, an welcher Stelle des Grüns sie ihr eigenes Kind vermuten sollte.
Sie war nicht dabei gewesen, als es zusammen mit den anderen verlorenen Hoffnungen beigesetzt worden war.
Sie seufzte. Wieso hatte sie sich damals nur nicht durchgesetzt und war wenigstens alleine hergekommen?

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Für Marcel war es nicht wichtig gewesen, aber für sie.
Nun stand sie auch alleine hier, so wie sie es damals getan hätte, wäre sie nicht ihm zuliebe zu Hause geblieben. Nach dem Desaster an jenem Samstagmorgen, als die Einladung zur Trauerfeier in ihrem Briefkasten gelandet war, hatte sie das Thema nie wieder angesprochen.
Eigentlich hatte sie nicht nur das Thema der Bestattung nie wieder angesprochen, nein – sie hatte versucht, wieder die Alte zu sein, sie hatte Marcel gegenüber so getan, als sei nie etwas geschehen.
Zu schmerzhaft und bitter war es für sie gewesen, mit seinem deutlichen Unverständnis, seiner Gleichgültigkeit konfrontiert zu werden, fast so, als habe er gar nichts verloren und sie genauso wenig, als sei all das nur ein fixer Gedanke gewesen, den man einfach wieder hatte fallen lassen.
Die Blätter der Bäume rauschten und wurden vom Wind tanzend zu Boden getragen.

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Irgendwo krächzte eine Krähe.
Eileen fragte sich, ob es nicht vielleicht wirklich so war. Vielleicht war es gar kein Verlust in dem Sinne. Hatte sie ein Kind verloren oder nur eine Idee, eine Vorstellung und eine Möglichkeit?
Hatte sie etwas darin gesehen, was nie existiert hatte?
Ihr Herz schien ein Klumpen zu werden bei diesem Gedanken. Wieder schossen ihr die Bilder an jenes verzauberte kleine Wesen im Ultraschall durch den Kopf. Wie es mit seinen kleinen Armen und Beinchen gerudert hatte, das noch zu große Köpfchen hin und hergewogen.
Wie konnte man da nicht von einem Kind, einem Baby sprechen, wo es doch genau das gewesen war – nicht nur in ihren Gedanken, sondern tatsächlich, eben nur verborgen in ihr, in ihrem Bauch, zum Schutz.
Sie fühlte sich verwirrt und machte einige Schritte auf dem Rasen hin und her und blieb schließlich vor dem von dem letzten Regen noch feuchten Teddybären stehen.

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Er wirkte einsam und verlassen an diesem Ort, so als würde auch er darum trauern, nie seiner eigentlichen Bestimmung zugekommen sein zu dürfen.
Eileen setzte sich auf eine der Bänke am Rande der Grabstelle und ließ ihre Gedanken schweifen. Eine Zeitlang saß sie einfach nur da und schien gar nichts zu denken, nahm nur das Rauschen der Blätter und die weiteren Umgebungsgeräusche wahr.
Dann überkam sie urplötzlich eine schmerzhafte Erkenntnis, so schmerzhaft, dass sie ihr die Tränen in die Augen trieb: Hier lag ihre einzige Hoffnung begraben – ihr einziges Kind, das sie mit Marcel je gehabt haben würde.

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Die ganze Zeit hatte sie die Hoffnung auf ein neues Leben, das aus ihr und ihm entstehen würde, über den Verlust trösten können – zumindest ein wenig, auch wenn ihr ein neues Baby dieses verlorene ja niemals zurückbringen würde.
Aber die Zukunft, die sie sich erträumt hatte – sie war nicht verloren, sie und Marcel konnten noch viele Kinder bekommen… doch auch das war nun nicht mehr gegeben.
Eileen überlief ein Schauder und sie musste sich das Schluchzen unterdrücken, als diese schmerzliche Erkenntnis in ihr Bewusstsein zu sickern begann.
Würde sie jemals Kinder haben? Mit Marcel ganz sicher nie mehr … und vielleicht auch sonst nie mehr.
Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke an einen neuen Mann, an eine neue Beziehung in den Sinn – in ihr schien sich alles gegen diesen Gedanken zu wehren, allein der Gedanke an sich erschien ihr schon unpassend und falsch, aus einer alten Gewohnheit heraus, die sich „Treue“ nannte. Sie spürte, wie ihr eine Träne still und leise über die Wange lief und seufzte.

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Und doch – sie wollte nicht ihr Leben lang alleine bleiben. War sie überhaupt noch attraktiv für irgendjemanden?
Alleine die Vorstellung, irgendwo einen neuen Mann kennen lernen zu müssen, sich neu auf ihn einzulassen schien ihr vollständig unmöglich.
Und es war ja auch noch viel zu früh daran zu denken – sie hatte es bisher ja noch nicht einmal begreifen können, dass sie und Marcel kein Paar mehr waren. Die Liebe ließ sich nicht ausschalten, nicht von jetzt auf gleich. Jedenfalls nicht bei ihr.

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Aber als sie nun so hier saß und die Trauer um den Verlust des einzigen gemeinsamen Kindes empfand, wurde ihr auch klar, dass sie ihren Traum von Mutterschaft nicht aufgeben wollte.
Er war nicht mehr so diffus wie noch vor ihrer Schwangerschaft. Da war er eher eine Vorstellung oder ein Wunsch gewesen. Jetzt schien es fast ein körperliches Sehnen zu sein, so als habe sie ein Stück des großen Glücks begriffen – ohne es auskosten zu dürfen. Sie zog ihr Bein an, schüttelte verwirrt den Kopf und flüsterte: „Es nutzt nichts, jetzt darüber nachzudenken.“ Ihr Blick heftete sich auf die flackernden Lichter der etlichen Kerzen um sie. Sie schienen ihr ein Stück Wärme und Geborgenheit zu bringen.

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Wie lange sie dort saß und ihre Gedanken wieder in Ordnung zu bringen versuchte, wusste sie nicht. Nach einer Weile jedoch schien sich das Gedankenkarussell in ihrem Kopf zu beruhigen.
„Ein Schritt nach dem anderen“, sagte Eileen leise zu sich selbst und atmete tief ein.
Ein Gefühl von Friede erfüllte sie. Vielleicht hing es mit dem besonderen Ort zusammen, vielleicht damit, dass sie begriffen hatte, nicht alles direkt regeln und verstehen zu müssen.
Vor ihren Füßen landete ein kleiner Spatz und pickte im Gras nach Würmern, ohne sich dabei von Eileens Anwesenheit stören zu lassen.

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Sie beobachtete das kleine Tier eine ganze Weile, bis es sich aufgescheucht durch ein lautes Geräusch von der Straße wieder erhob und zwitschernd davon flatterte.
Auch Eileen erhob sich fast zeitgleich mit dem Spatz und ging zurück zum Haupttor. Als sie den Friedhof verließ, drehte sie sich noch einmal um und blickte auf die Grabstelle zurück.
Ein Lächeln überflog ihr Gesicht, ehe sie sich auf den Weg zurück zum Auto machte.

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Fortsetzung folgt.​
 

Lynie

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Huhu Innad,
ich hoffe, du bist mir nicht böse, dass ich solange nichts mehr geschrieben habe.. Aber jetzt habe ich die restlichen Kapiteln durchgelesen ;)

Wieder alles sehr schön beschrieben und tolle, passende Bilder..
Ich finde es süss von Marlene, dass sie sich viele Gedanken um Eileen macht.. Sie kann von Glück reden, dass sie so eine wahre Freundin hat.. Heutzutage gibt es das ja nicht mehr so oft..

Auch die Rückblicke waren sehr interessant und schon damals ging Marcel sehr schnell zur Tagesordnung rüber.. Ich kann selber auch nicht verstehen, warum es ihm so egal war.. Das jeder auf seiner weise trauert, ist verständlich, aber ich hätte gedacht, dass Marcel sie verstehen würde :nonono:..

Ich werde versuchen, wieder regelmässiger zu lesen und zu kommentieren ;) .. Freue mich schon auf das neue Kapitel..

lg lyn :hallo:
 

Innad

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@Lynie: Es freut mich, dass Du noch mitliest :) Ich bin auch etwas langsam mit dem Posten, obwohl die Kapitel schon fertig sind, aber ich bin mir nie so sicher, ob sich der Aufwand lohnt, es hier zu posten. Aber heute kommt ein neues Kapitel.

Was Du schreibst, ist wahr - Marcel scheint es sehr schnell abgeschlossen zu haben, aber für Eileen war das anders. Warum? Vielelicht erfährt man das ja noch...



16.

Als am nächsten Morgen Eileens Wecker klingelte, riss sie die Augen auf und tastete aus einer alten Gewohnheit zuerst mit ihrer rechten Hand nach dem warmen Männerkörper, den sie nicht fand. Doch diesmal durchfuhr sie kein Schmerz, sondern nur Verbitterung, eine Verbitterung, die sie ruckartig aufsitzen ließ, die Bettdecke zur Seite schwingen und mit einem Schwung aus dem Bett steigen.

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Für einen Moment wurde ihr ob dieses Manövers schwindelig und flau, doch dann straffte sie die Schultern. „Es ist jetzt genug damit, sich schlecht zu fühlen!“, murmelte sie. „Es reicht!“
Und wie zu ihrer eigenen Bestätigung ging sie rasch zum Fenster und riss das Rollo nach oben, um die ersten fahlen Lichtstrahlen des Morgens ins Zimmer zu lassen.
Eileen verharrte einen Augenblick vorm Fenster und ließ ihren Blick über die buntgefärbten Bäume schweifen, die von den Nebelschwaden des frühen Herbstmorgens wie von feenartigen Geschöpfen umsponnen waren.
Sie schlüpfte in ihre Pantoffeln und ging entschlossen hinunter ins Wohnzimmer, wo sie sofort nach dem Telefon griff.
Es dauerte ein oder zwei Minuten, bis sich jemand am anderen Ende der Leitung meldete.
„Hallo Dirk“, sagte sie freundlich. „Ist Lene da oder ist sie schon los?“
Dirk verneinte und kurz darauf meldete sich Lenes noch etwas verschlafene Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Eileen? Ist was passiert?“

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„Nein, nein“, erwiderte diese schnell. „Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich heute etwas später ins Büro kommen werde. Ich hoffe, du kannst mich noch einmal bei Herrn Kuhrmaier entschuldigen… ich habe etwas Angst, dass er das ganze nicht gut aufnimmt und denkt, ich bin nicht mehr zuverlässig…“
„Da brauchst du dir gar keine Sorgen zu machen“, erwiderte Lene schnell. „Ich habe mit ihm gesprochen und er bedauert sehr, was geschehen ist. Er sagt, du sollst dich ruhig noch ein oder zwei Wochen krankschreiben lassen…“
„Nein, nein, das ist gar nicht nötig!“, fiel Eileen ihr schnell ins Wort. „Ich muss heute Morgen nur einige wichtige Dinge erledigen, die keinen Aufschub dulden. Aber ich schätze, dass ich spätestens um zehn oder elf Uhr da sein werde.“

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„Was… was musst du denn so dringendes erledigen?“, fragte Lene verwirrt nach. „Und… magst du dich nicht doch noch krankmelden, ich meine… du sahst gestern dann doch recht müde aus.“
„Ich hab heute Nacht gut geschlafen und mich sehr gut erholt“, erwiderte Eileen schnell.
„Ja, aber… denkst du, dass eine Nacht reicht… ich meine…“, setzte Lene an.
„Lene, wirklich, es ist in Ordnung. Ich komme nachher auf jeden Fall. Ich habe lange genug zu Hause herum gegessen. Es geht mir nur darum, dass ich es nicht pünktlich schaffen könnte.“
Lene schluckte am anderen Ende der Leitung und sagte dann: „Gut… ich kann ihm natürlich Bescheid sagen, dass du einfach nur etwas später kommst. Aber ist wirklich alles in Ordnung? Soll ich vielleicht vorbei kommen und dich abholen, kann ich dir bei irgendetwas helfen?“

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„Nein, nein! Mach dir mal keine Sorgen. Und alles Weitere kann ich dir dann ja nachher erzählen. Sei nicht böse, aber ich bin spät dran, darum kann ich jetzt nicht reden, okay?“
Und ehe Lene viel widersprechen konnte, hatte Eileen sich rasch verabschiedet und aufgelegt.
Sie warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass sie Lene noch nicht einmal angeflunkert hatte – sie war wirklich spät dran. Rasch ging sie wieder nach oben und trat etwa fünfundzwanzig Minuten später frisch geduscht wieder ins Schlafzimmer. Dort strich sie noch ihre Seite des Bettes glatt und schüttelte das Kissen auf – denn schließlich musste sie ja nun nicht alle Gewohnheiten aufgeben, nur weil nichts mehr so war wie vorher – und eilte dann nach unten. Seufzend stellte sie fest, dass ihr schon wieder keine Zeit zum Frühstück blieb. Kein Wunder, dass ihr ununterbrochen flau war, so wenig wie sie in letzter Zeit zu sich nahm. Ein rascher Blick in den Kühlschrank bestätigte ihre Befürchtung, dass selbst wenn die Zeit noch ausgereicht hätte, nichts mehr zu essen im Haus gewesen wäre.

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Rasch zog Eileen einen kleinen Kalender aus ihrer Handtasche und notierte sich „Einkaufen gehen!“ darauf. Im Moment war sie derart vergesslich, dass es sie nicht gewundert hätte, wenn der Kühlschrank morgen früh noch genauso aussähe, nur weil sie wieder vergessen hatte, dem Supermarkt einen Besuch abzustatten.
Doch für weitere Überlegungen war nun wirklich keine Zeit mehr, eilig schloss Eileen die Haustüre ab und ließ sich in ihren Wagen fallen und setzte mit aufheulendem Gas zurück auf die Straße.

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Sie brauchte einige Minuten, um die gewünschte Adresse, die relativ mittig in der Stadt lag, zu finden und einen geeigneten Parkplatz zu ergattern, und so stand sie genau fünf Minuten nach acht vor dem mehrstöckigen modernen Bürogebäude und fühlte ihre Hände feucht werden.

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„Dass dieser Tag kommen würde…“, dachte sie bei sich, straffte dann aber die Schultern und murmelte: „Ist er aber nun einmal… also bringen wir es hinter uns…“ und öffnete mit einem Ruck die Tür zum Gebäude und wartete nervös auf den Aufzug, der nach einer fast ewigen Zeit endlich das Erdgeschoß erreichte.

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Nachdem sie in den dritten Stock gefahren war, klingelte sie an der Türe des Büros mit der Aufschrift „Walter und Hausmann“ und wartete nervös, bis eine junge blonde Frau ihr öffnete und sie freundlich hereinbat.
„Frau Viersen, nehme ich an?“, begrüßte sie Eileen freundlich.
Eileen nickte. „Wir haben gestern telefoniert…“
„Ja, ich weiß, Sie haben einen Termin bei Frau Walter.“ Die blonde Dame lächelte.

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„Ich bin Frau Walters Sekretärin, Frau Schmidt. Wenn Sie mir bitte folgen würden.“
Sie führte Eileen durch den langen schmalen Gang, der voller moderner Bilder hing, bis sie am Ende einen Konferenzraum erreichten.
„Nehmen Sie doch einen Moment Platz, ich werde Frau Walter Bescheid geben und Sie wird dann gleich bei Ihnen sein.“

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Eileen lächelte beklommen und setzte sich auf einen der schwarzen Stühle.
Ihr Blick wanderte zum Fenster hinaus, inzwischen schien die Sonne und beleuchtete die bunten Blätter an den Bäumen in den herrlichsten Farben. Eileen seufzte unmerklich. Das alles kam ihr wie ein seltsamer Traum vor, und doch wusste sie, dass es keiner war und dass sie sich dem stellen musste.
Es blieb ihr nicht lange Zeit zum Grübeln, denn kurz darauf wurde die Tür erneut schwungvoll geöffnet und eine Frau in den vierziger Jahren mit goldblonden Haaren und Brille betrat den Raum.
„Frau Viersen? Ich bin Frau Walter!“

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Lächelnd schüttelten sich beide die Hand und Frau Walter nahm Eileen gegenüber Platz.
„Sie haben mich gestern angerufen und um einen Termin gebeten…“, sie schaute in die Unterlagen, die bereits auf dem Tisch für sie vorbereitet worden waren. „Es geht soweit ich weiß um einen Scheidungsprozess?“
Eileen schluckte. „Nun… nicht ganz“, erwiderte sie langsam und versuchte, ihre Stimme fest klingen zu lassen. „Soweit ist es noch nicht …“

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Frau Walter sah sie forschend an. „Aber?“
„Aber… ich fürchte, dass es dazu kommen wird“, sagte Eileen langsam.
Die Anwältin lehnte sich zurück und schien einen Moment nachzudenken, dann sagte sie mit sehr viel weicherer Stimme: „Ich glaube, Frau Viersen, es wäre am vernünftigsten, wenn Sie einfach einmal erzählen, wie Ihre momentane Situation ist und was ich für Sie tun kann. Ich vermute, die ganze Trennung ist noch recht frisch?“

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Eileen nickte langsam und erzählte dann stockend, was in den letzten zweieinhalb Wochen vorgefallen war. Nachdem sie geendet hatte, schwieg die Anwältin einen Moment und sagte dann: „Sie wissen also im Prinzip noch überhaupt nicht, was Ihr Mann vorhat und wie es weitergehen soll?“
Eileen nickte. „Ja… aber… ich bin mir recht sicher, dass es für unsere Beziehung keine Hoffnung mehr gibt und für den Fall, dass… er irgendwelche Forderungen stellt, möchte ich wissen, wie meine Rechtslage aussieht.“ Sie seufzte. „Sie müssen mich für recht naiv halten, dass ich mich damit nie beschäftigt habe, aber… ich war mir sicher, dass wir nie an diesen Punkt kommen.“
Frau Walter lächelte gütig. „Ach, Frau Viersen, was denken Sie, wie oft ich das von meinen Klientinnen höre? Und es ist auch vollkommen normal, dass man sich darüber keine Gedanken macht, so lange man in einer glücklichen oder auch vermeintlich glücklichen Ehe lebt. Dafür brauchen Sie sich nun wirklich nicht zu schämen oder sich Vorwürfe zu machen.“

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Sie zog ihr Notebook heran und begann einige Dinge einzugeben, dann sagte sie: „Gut, Frau Viersen, ich bräuchte erst einmal Auskünfte über Ihre genauen Vermögens- und Besitzverhältnisse, soweit Sie diese kennen. Sind Sie berufstätig?“
Eileen nickte und gab der Anwältin Auskunft über ihren und Marcels Verdienst, die Hypotheken auf das Haus, über die Autos, Versicherungen und alle möglichen anderen wichtigen Dinge, die diese von ihr wissen wollte.
Als sie fertig waren, nahm die Anwältin die Brille ab und sah Eileen an.
„Frau Viersen, ich denke, Sie müssen sich als erstes klar darüber werden, wie es weitergehen soll. Es wäre wichtig, ein Gespräch mit Ihrem Mann zu führen und die Verhältnisse zu allererst zu klären. Will er eine Scheidung, will er nur eine Trennung… und was wollen SIE…?“
Eileen schluckte. „Ich… ich weiß es nicht genau.“

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„Dann sollten Sie sich darüber klar werden. Was auf jeden Fall nötig ist, ist das Gespräch mit Ihrem Mann. Lassen Sie sich nicht mehr abwimmeln. Er hat Ihnen gegenüber Verpflichtungen, die er nicht wegignorieren kann. Nötigerweise könnten wir ihn auch rechtlich dazu auffordern, aber meine Erfahrung ist, dass der sanftere Weg meist der bessere ist. Zu einem Rosenkrieg kommt es vielleicht noch früh genug – und der wird meist unschön für beide Parteien, also sollten wir versuchen, ihn zu verhindern.“
Sie sah Eileen aufmunternd an. „Das ist sicher alles sehr schwer für Sie. Aber es ist wichtig, dass Sie und Ihr Mann klare Verhältnisse schaffen. Dass er eine andere liebt, das können wir ihm leider nicht verbieten. Aber trotzdem hat er sich rechtlich auf gewisse Verpflichtungen gegenüber Ihnen eingelassen, die er wahren muss. Die finanziellen und bürokratischen Dinge müssen geklärt werden. Meinen Sie, dass Sie dies schaffen?“

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Eileen nickte langsam.
„Gut“, sagte Frau Walter aufmunternd und stand auf, um Eileen erneut die Hand zu schütteln. „Dann würde ich vorschlagen, Sie rufen mich an, sobald Sie mit Ihrem Mann gesprochen haben. Und dann sehen wir weiter.“
Sie lächelte Eileen an. „Und Sie können stolz auf sich sein, den Schritt zu mir gewagt zu haben. Auch wenn man dem anderen Menschen noch so wenig Unschönes zutraut – in einer Trennung verschwimmen die Grenzen von Moral und Anstand nur allzu oft. Da ist es immer mehr als empfehlenswert, von Anfang an gewappnet und über seine Rechte informiert zu sein. Das haben Sie gut entschieden.“
Eileen lächelte, schwieg jedoch und folgte der Anwältin zur Tür hinaus.

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„Wir telefonieren, ja?“, sagte diese noch einmal freundlich, bevor Sie die Tür hinter Eileen schloss.
Als Eileen wenig später wieder vor die Tür trat und die frische Luft einatmete, überlief sie ein seltsamer Schauder und als sie noch einen Blick auf das Bürogebäude warf, schien es ihr, als sei sie einen Schritt weiter gegangen – und als sei eine Tür zugefallen, die sich nie wieder öffnen lassen würde.
Und seltsamerweise tat das nicht weh, und es fühlte sich auch nicht gut an. Es war einfach wie es war – ob gut oder schlecht war dabei nicht mehr von Bedeutung.

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Fortsetzung folgt.
 

julsfels

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Ich bin auch etwas langsam mit dem Posten, obwohl die Kapitel schon fertig sind, aber ich bin mir nie so sicher, ob sich der Aufwand lohnt, es hier zu posten.
Also, ich lese auch hier mit Freude alles nochmal. :D Allerdings hab ich bislang hier nix geschrieben, weil ich die Kapitel ja alle drüben schon mal kommentiert habe.
Aber dennoch wollte ich Dich mal wissen lassen, dass ich hier mitlese. ;) Und zwar sehr gerne, wie immer bei Dir.
 

Lynie

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Huhu Innad,
wieder ein toll geschriebenes Kapitel..

Ich finde es gut, was Eileen gemacht hat, auch wenn es sich komisch und schmerzhaft anfühlt.. So kann Eileen das Kapitel "Marcel " besser und hoffentlich bald komplett abschliessen und dann hat sie die volle Zeit sich um ihr Leben zu kümmern..

Ich bin nun sehr gespannt, wie das Gespräch mit Marcel ablaufen wird.. Ob er nur die Trennung will oder vielleicht die Scheidung.. Ich denke eher Letzteres, aber ich lasse mich überraschen :)
Ich bin auch etwas langsam mit dem Posten, obwohl die Kapitel schon fertig sind, aber ich bin mir nie so sicher, ob sich der Aufwand lohnt, es hier zu posten.
Ich kenne das selber nur zu gut.. Bei mir schreiben auch nicht viele Kommis und es demotivierd auch, aber ich lese hier sehr gerne mit und bin weiterhin gespannt, wie die Geschichte weitergeht :)

lg lyn :hallo:
 

Liadan

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Hallo, Innad!

Ich springe mal eben nur aus dem Gebüsch, um dir zu sagen, dass du bitte bitte weiterposten sollst! =)

Deine Geschichte gefällt mir sehr gut, aber mit dem Kommischreiben habe ich es nicht so, ich finde für Kommis nicht die richtigen Worte und "tolle Bilder" und "gute Story" reichen meiner Meinung nach einfach nicht für die viele Mühe, die ihr euch alle mit euren Fotostorys macht, ihr habt diese schönen und konstruktiven Kommis verdient, die andere schreiben können, deshalb lasse ich es meistens. ( Ich hocke übrigens auch still bei julsfels und bei lynie im Gebüsch.)

Also, lass dich bitte nicht von fehlenden Kommis am Posten hindern!

Liebe Grüße, Liadan :hallo:
 

Innad

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Ihr Lieben,

danke für Eure Worte, das motiviert doch, ich war mir eben nicht sicher, weil wir "drüben" doch schon arg viel weiter sind :cool:

Heute gibt es Kapitel 17, ist eigentlich die Fortsetzung von Kapitel 16, Eileens Tour ist noch nicht zu Ende... ;)


17.


„Guten Tag, Frau Viersen. Setzen Sie sich doch“, sagte der junge Mann im Designeranzug freundlich und wies Eileen den Platz gegenüber seines gläsernen Schreibtisches zu. „Was kann ich für Sie tun?“

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„Ich möchte gerne ein Konto eröffnen“, sagte Eileen mit fester Stimme.
„Sie sind bereits Kunde bei uns?“, fragte der junge Mann höflich und wandte sich seinem Computerbildschirm zu.
„Ja, seit einigen Jahren. Aber das Konto, das bereits besteht, ist ein Gemeinschaftskonto und… ich möchte nun ein eigenes haben.“
Der junge Mann hackte irgendetwas in seinen Computer und nickte dann.
„Ja, ich habe es hier gefunden. Das Konto ist ein Gemeinschaftskonto von Ihnen und Ihrem Ehemann, Herrn Marcel Viersen, richtig?“

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Eileen biss sich auf die Lippen. „Richtig“, sagte sie dann knapp. „Ich möchte ein eigenes für meinen Lohn und meine Ausgaben haben.“
Sie versuchte den neugierigen Blick des jungen Burschen zu ignorieren und ärgerte sich, dass sie nicht wie sonst zu ihrem treuen alten Bankberater Herrn Schott hatte gehen können. Dieser befand sich dummerweise in Urlaub.
Auf der anderen Seite kannte dieser sie und Marcel schon seit sie verheiratet waren und hätte vermutlich nicht nur neugierig geschaut, so wie dieser junge Mann es tat.
„Wie lange der wohl überhaupt schon seine Ausbildung abgeschlossen hat?“, dachte Eileen bei sich. Sie hatte ihn hier noch nie gesehen.
„Frau Viersen?“

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Eileen schreckte hoch und schämte sich dafür, abermals in irgendwelchen abstrusen Gedanken versunken zu sein. Was war nur mit ihrer Konzentration los?
„Ja… also, wie gesagt, ich brauche ein eigenes Girokonto für meinen Lohn und meine Ausgaben.“
„Das bestehende Konto soll aufgelöst werden?“
Eileen sah den jungen Mann verwirrt an. „Nein… nein, natürlich nicht… ich meine… geht das denn so einfach?“
„Nun, da sie beide verfügungs- und entscheidungsberechtigt sind, wäre das machbar…“
Eileen schüttelte den Kopf. „Nein, nein – das Konto soll vorerst bestehen bleiben.“
„Ihr Lohn soll dann aber nicht mehr dort gebucht werden?“

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Eileen schüttelte den Kopf. „Wieso? Ist das in irgendeiner Form problematisch?“
„Nun, es wird geringe Auswirkungen auf die Höhe des Dispositionskredites haben, wobei Sie schon so lange Kunde sind, dass man das nicht so eng sehen muss. Allerdings müsste ich da noch einmal Rücksprache mit meinem Chef halten.“
„Mir ist das gleich, setzen Sie den Dispo so wie es die Vorschriften verlangen“, sagte Eileen müde und im Bestreben, das hier so schnell als möglich hinter sich zu bringen.
„Das neue Konto soll dann auch wieder auf sie beide laufen?“ Der junge Mann sah sie interessiert an und Eileen fragte sich für einen Augenblick, ob er diese Frage nur stellte, um seinen Verdacht zu bestätigen.

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„Nein“, erwiderte sie kühl und zog die Brauen hoch. „Nur auf mich, das habe ich ja bereits gesagt.“
Wortlos schob er ihr ein Formular über den Tisch zu. „Dann seien Sie doch so nett und füllen Sie das hier aus. Sie werden Ihre Karte dann in den nächsten Tagen zugeschickt bekommen. Falls Sie das Konto per Onlinebanking verwalten, spart dies Kontoführungsgebühren. Sie müssen das einfach nur rechts unten ankreuzen, dann schicken wir Ihnen auch die Daten für das Banking zu.“
Eileen überflog das Formular kurz und trug dann rasch und in geschwungener Schrift die nötigen Daten ein. Ihre Unterschrift setzte sie mit solch einem verbitterten Schwung, dass ihr um ein Haar der Kugelschreiber aus der Hand geflogen wäre.
Mit verbissener Miene schob sie dem jungen Bankangestellten das Formular wieder über den Tisch hinweg zu.
„Bitteschön“, sagte sie dabei. „Wäre das alles? Kann ich das Gehalt von unserer Buchhaltung jetzt schon darauf überweisen lassen?“
„Aber natürlich“, erwiderte ihr Gegenüber höflich. „Ich gebe das jetzt weiter und spätestens ab morgen ist das Konto geschaltet.“

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„Vielen Dank“, antwortete Eileen und stand auf.
„Immer gerne, hat mich gefreut“, sagte der junge Mann und schüttelte ihr zum Abschied die Hand. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und…“, er schien einen Augenblick zu zögern und sprach dann weiter: „… auch sonst alles Gute.“
Eileen schluckte und nickte dann, ohne weiter darauf einzugehen.
Sie seufzte tief, als sie die Bank verließ. Unschlüssig blieb sie einen Moment auf der Straße stehen und blickte sich um. Die morgendliche Sonne hatte sich inzwischen hinter einem Gebirge von dunkel aussehenden Wolken versteckt und vermutlich würde es jeden Moment zu regnen anfangen.
Rasch hastete sie zum Auto und schaffte es gerade noch, bevor die ersten schweren Tropfen zu fallen begannen. Müde blieb sie einen Moment sitzen, bevor sie den Motor anwarf. Es war bereits nach zehn Uhr und sie musste sich beeilen, damit sie nicht vollkommen zu spät zur Arbeit kam.
Eine knappe Viertelstunde später öffnete sie die Tür zu dem kleinen Büro, das sie sich mit Marlene teilte.

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Der Schreibtisch ihr gegenüber war leer, aber bereits von dem allmorgendlichen Chaos, das Marlene zu verbreiten verstand wie keine andere, gekennzeichnet. Während sie ihren Mantel auszog, lauschte sie den schmalen Korridor hinunter und vernahm sowohl Lenes als auch die Stimme ihres Chefs aus dem kleinen Meetingraum.
Sie warf einen raschen Blick auf den Kalender und stellte fest, dass heute ein Meeting mit einem wichtigen Kunden angesetzt war.
Da sie dazu nach mehr als zwei Wochen Abwesenheit ohnehin nichts beitragen konnte, setzte sie sich an ihren Schreibtisch und dachte einen Moment nach.

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Schließlich griff sie entschlossen nach dem Telefon und wählte eine ihr sehr vertraute Nummer. Es klingelte einige Male und sie befürchtete schon, dass erneut wieder niemand abnehmen würde, bis sich schließlich die vertraute Stimme am anderen Ende meldete.
„Marcel Viersen, hallo?“
Ihr Herz schien einen seltsamen Sprung zu machen, ihr Magen zog sich zusammen wie ein kleiner Felsbrocken und ihre Hände wurden mit einemmal schwitzig.
Wie konnten drei kleine Worte nur eine solche Woge von Gefühlen auslösen? In ihr schwappte eine Welle der Zuneigung auf, ein warmes, tiefes Gefühl, das sie so gut kannte, das zu ihr zu gehören schien wie ein Fuß oder ihre Hand.
„Hier… ich… ich bin´s“, krächzte sie mit dünner Stimme.
„Eileen?“
„Ja.“
„Achso. Grüß dich.“

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Es fühlte sich amputiert an. Dieses Gefühl der Zuneigung. Das warme verwandelte sich in irgendetwas, das weder warm noch kalt war. Es begann bitter zu schmecken, als hätte man einen Schuss Wermut zuviel hinein getan.
Einen Moment herrschte Schweigen, dann sagte Eileen: „Ich… muss mit dir reden.“
„Das ist gerade sehr ungünstig, Eileen. Du weißt doch, dass ich um diese Zeit arbeite.“
Nun begann es sich zu verwandeln. Es wurde noch bitterer, aber auch wieder wärmer, um nicht zu sagen: es wurde heiß. Ihre Wangen wurden rot und glühend und dann begriff sie, was sich in ihr hoch zu kämpfen begann: Es war Wut.
„Ach nein, und was meinst du, was ich tu? Zuhause sitzen und mit meinen Zehen spielen?“, giftete sie zurück und war im selben Moment über sich selbst überrascht.

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„Hör mal, ich…“
„Nein, du hörst mir jetzt mal zu“, schnitt sie ihm das Wort ab und ballte ihre Faust um einen Bleistift, der ihr gerade in die Finger gekommen war. „Wir müssen uns unterhalten. Nicht jetzt und nicht am Telefon, ich habe genauso wenig Zeit wie du und kann schlecht reden. Aber es ist wichtig.“
„Eileen, ich denke nicht, dass das Sinn macht… du weißt doch zu gut, was am Samstag gesche…“
Wieder fuhr sie ihm über den Mund: „Das tut nichts zur Sache und es wird auch nicht mehr geschehen. Ich denke, du hast deinen Standpunkt eindrucksvoll klar gemacht, so dass auch ich vollständig begriffen habe.“ Erst jetzt, da sie es sagte, wurde ihr klar, dass dem wirklich so war. Und im selben Moment schien sie ein Schmerz zu ergreifen, der ihr fast den Atem raubte. Marcel würde nicht zurückkehren. Es gab keine Rettung mehr für sie und ihre Beziehung. Es war wohl wirklich… ja, es war wohl vorbei.

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Sie schluckte gegen den Kloß im Hals an, der so plötzlich aufgetaucht war und nun sekundenschnell die Größe eines Felsklotzes anzunehmen schien.
„Wir müssen einige Dinge klären – vor allem unsere Finanzlage und unsere Verpflichtungen. Das duldet keinen Aufschub mehr“, versuchte sie fest weiterzusprechen. „Kannst du heute Abend vorbeikommen?“
„Nun… das passt nicht wirklich…“, wich er aus.
„Dann mach es passend!“, gab sie barsch zurück. „Ich will damit nicht tagelang warten, nur weil du etwas Besseres vorhast. Glaub mir, ich bin auch nicht scharf auf ein solches Gespräch, aber es ist nun einmal nötig.“
Da er schwieg, fügte sie hinzu: „Wenigstens dazu solltest du den Mut haben, findest du nicht auch?“
Marcel seufzte am anderen Ende der Leitung und Eileen konnte ihn sich bildlich vorstellen, wie er sich in einer für ihn so typischen Weise verwirrt durchs Haar fuhr und vermutlich sogar mit den Achseln zuckte, obwohl er genau wusste, dass sein Gesprächspartner ihn nicht sehen konnte. Sie blinzelte heftig gegen die aufsteigenden Tränen an und doch plumpste eine von ihnen ungebremst auf ihre Schreibtischunterlage und zerfiel in viele kleine Tröpfchen.
„Ist gut, Eileen“, sagte er nun ruhig. „Du hast recht. Lass uns heute Abend die wichtigsten Dinge klären. Passt dir so um sechs?“

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„Ja, das wird gehen“, sagte sie rasch. „Sollen wir uns irgendwo treffen oder... kommst du zu… uns nach Hause… zu mir… ich meine…“
„Ich muss ohnehin noch einige Sachen holen, von daher…“, erwiderte er und klang mit einemmal auch etwas verunsichert. „Treffen wir uns zuhau… ich meine… ich komme zu… äh, zu dir.“
„Gut“, antwortete sie knapp. „Dann bis nachher.“

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Und schon hatte sie aufgelegt.
Für einen Augenblick saß sie schwer atmend da und krallte sich an ihrem Bleistift fest. Erst als sie draußen das Geräusch von sich öffnenden Türen hörte und dann mehrere Stimmen im Korridor erklangen, fing sie sich, schüttelte den Kopf, als wolle sie die vielen Empfindungen, die in ihr wie ein Sturm tobten, abschütteln, legte den Bleistift zur Seite und fuhr ihren PC hoch.
Als Lene fünf Minuten später ins Zimmer kam, saß sie ruhig am Schreibtisch und war in ihren Akten versunken, als sei nichts geschehen.

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Fortsetzung folgt.
 

Lynie

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Huhu Innad, :)
wieder toll geschriebe.. Ich finde, das Eileen den richtigen Weg geht, auch wenn er noch schmerzhaft ist.. Jetzt bin ich auch gespannt, wie das Gespräch abläuft..

lg lyn :hallo:
 
  • Danke
Reaktionen: Innad

Innad

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@Lynie: Hihi, das wirst Du heute schon erfahren. :)

18.

Es war bereits dunkel, als Eileen nach Hause kam und ihren kleinen Wagen vor dem Haus parkte. Sie stieg aus und fuhr sich müde über die Stirn. Im Büro hatte sich durch ihre lange Abwesenheit viel Arbeit angehäuft und sie fühlte sich von den Aktenbergen, die sich immer noch auf ihrem Schreibtisch türmten, wirklich überfordert. Normalerweise hatte sie keine Probleme mit reichlich Arbeit, aber über den ganzen Tag hatte sie gemerkt, wie überaus anstrengend es war, sich zu konzentrieren und nicht ablenken zu lassen.

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Manche Dinge hatte sie vier- oder fünfmal neu beginnen müssen, da sie durcheinander gekommen war.
Dazu war sie so schlapp und müde wie selten zuvor in ihrem Leben. Irgendwann gegen Nachmittag hatte es eine Phase gegeben, wo sie all ihre Kraft dafür hatte aufwenden müssen, nicht vornüber auf die Schreibtischplatte zu kippen und einzuschlafen.
Dazu war ihr den ganzen Tag schon übel und ihr Magen krampfte – was aber kein Wunder angesichts der Tatsache war, dass sie mal wieder fast nichts zu sich genommen hatte.
Die frische Luft tat ihr wohl und sie atmete tief ein.
Ihr Magen gab ein wütendes Knurrgeräusch von sich.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihr jedoch, dass sie keine Zeit mehr hatte, um sich zu stärken – es war bereits kurz vor sechs und Marcel würde jeden Moment eintreffen.
Sie schloss das Auto ab und ging über den knirschenden Kies zur Haustür. Seufzend realisierte sie, dass es dringend Zeit war, die Blätter der Bäume zu entfernen. Eigentlich hatte das meist Marcel übernommen.

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Einen Moment dachte sie daran, dass sie ihn ja trotzdem darum bitten könnte. Schließlich war das auch immer noch sein Haus – wieso sollte sie nun alle Pflichten alleine übernehmen müssen?
Aber dann schob sie den Gedanken beiseite. Es gab wohl wirklich wichtigeres zu besprechen als das welke Laub auf dem Boden.
Sie öffnete die Haustüre, schälte sich aus ihrem Mantel und widerstand nur mühsam dem Wunsch, sich wenigsten für ein oder zwei Minuten auf der Couch auszustrecken.

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Zielstrebig nahm sie sich stattdessen ihr Notizbuch und setzte sich vorsorglich im Schneidersitz auf den Boden – sie wollte auf keinen Fall in die Versuchung geraten, doch noch einzudösen. Und auf der Couch wäre dies vermutlich passiert, bevor sie auch nur darüber hätte nachdenken können.
Rasch schrieb sie stichpunktartig auf, welche Dinge heute Abend dringend geklärt werden mussten.
Nach einigen Minuten war sie fertig und ging ihre Liste noch einmal durch. Dann stand sie auf und warf noch einmal einen Blick in den Kühlschrank, denn der Hunger ließ ihren Magen noch immer knurren. Während sie erneut feststellte, dass sich nichts Anziehendes darin befand, schweiften ihre Gedanken zurück zu den Notizen, die sie sich eben gemacht hatte.

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Eigentlich hätte sie als obersten Punkt am liebsten dick und fett eingetragen: „Warum?!“ und „Was ist nur geschehen?“.
Wenn sie es sich recht überlegte, begriff sie das immer noch nicht. Und wie sollte sie mit allem fertig werden, wenn sie überhaupt nicht wusste, was geschehen war. Wie und wo und unter welchen Umständen? Wie lange hatte Marcel sie schon zum Narren gehalten?
Ihr schoss mit einemmal ein Gedanke durch den Kopf, der ihr den Magen zusammenschnürte: Was, wenn das ganze nicht erst ein paar Wochen nach dem Verlust ihres Kindes, sondern viel mehr sogar schon DAVOR begonnen hatte?
Ihr wurde speiübel bei dem Gedanken, dass Marcel vielleicht schon mit dieser anderen im Bett gelegen hatte, während in ihrem Bauch das gemeinsame Kind heranwuchs.
Was, wenn es wirklich so gewesen wäre? Sie malte sich aus, wie sie gefühlt hätte, wenn sie es währenddessen erfahren hätte. Sie konnte sich vorstellen, dass sie das Kind dann abgelehnt, vielleicht sogar gehasst hätte. Ein Kind von einem Mann, der zur selben Zeit mit einer anderen schläft.
Auf der anderen Seite – hätte das Kind denn etwas dafür gekonnt? Nein.
Verwirrt lehnte sich Eileen gegen den Kühlschrank und starrte auf die ordentlich über die Couch drapierte Decke im Wohnzimmer, während sie versuchte, ihre Gedanken wieder zu bündeln.

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Wichtiger als die Klärung der emotionalen Dinge waren erst einmal die ganz irdischen.
Müde stieß sie sich vom Schrank ab und wanderte eine Weile ziellos durch die Küche, bis sie ihre schmerzenden Füße ins Wohnzimmer trieben, wo sie am Esstisch platz nahm. Sie dachte daran, wie hektisch sie noch vor wenigen Tagen durchs Haus gehastet war, als sie auf Marcel wartete. Wie sie alles aufgeräumt hatte, sich selbst herausgeputzt. Heute wollte sie nicht einmal einen Blick in den Spiegel werfen. Sie wusste, dass der lange Tag ihre Spuren an ihr hinterlassen hatte, aber es war ihr egal.
Inzwischen schien sich ein Teil ihres Herzens verschlossen zu haben – nein, sie hielt es nicht mehr für denkbar, dass Marcel und sie noch einmal zueinander fänden.
Für einen Augenblick blieb sie verblüfft stehen, als sie diesen Gedanken in seiner ganzen Aussagekraft begriff. Dann setzte sie ihren stillen Spaziergang durch das Wohnzimmer fort.
Es stimmte. Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, dass es noch eine Chance gäbe.
Und wenn sie ehrlich zu sich war, so war sie sich auch alles andere als sicher, ob sie diese denn noch wollte.

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Ihre Augen weiteten sich, als sie Schritte auf der Vortreppe hörte. Gleich darauf klingelte es – wieder fuhr ihr durch den Kopf, wie albern das eigentlich war, wo dies doch immer noch Marcels Zuhause war.
Im selben Moment dachte sie daran, dass sie es mehr als angebracht empfand, dass er nicht seinen Schlüssel benutzte und einfach hier eintrat, als könne er noch tun und lassen, was er wolle. Um sich zu versichern, warf sie einen raschen Blick aus dem Fenster und sah Marcel draußen stehen, während hinter ihm der Regen in Fäden vom Himmel rannte und auf dem Vordach ein trommelndes Geräusch machte.

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Sie ging raschen Schrittes zur Tür und öffnete.
Eine halbe Minute später standen sie sich gegenüber, wortlos.
„Hallo“, sagte Marcel schlicht und starrte auf seine Fußspitzen.
„Hallo“, erwiderte Eileen ebenso nüchtern.

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„Wollen wir uns setzen?“ Eileen öffnete die Tür zum Wohnzimmer und deutete absichtlich auf die Ess-Ecke, da sie eine Unterhaltung auf der Couch nicht für angebracht angesichts der Situation hielt.
Marcel schien ähnlich zu empfinden und nahm zielstrebig auf einem der Stühle Platz.
Eileen wählte den Stuhl, der den größten Abstand zu ihm aufwies und nahm ebenfalls Platz. Für einen Moment saßen beide stillschweigend und starrten ins Leere.

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Eileen ging für einen Augenblick der Gedanke durch den Kopf, dass es vielleicht höflich wäre, Marcel etwas zu trinken anzubieten. Aber ihr stand der Sinn gerade nicht nach Höflichkeiten und sie war zu müde und schlapp, um sich dazu aufzuraffen, in die Küche zu gehen und Kaffee aufzusetzen.
Für einen Moment verlor sie sich erneut in Vergangenem, dachte daran, wie sehr Marcel es geliebt hatte, wenn sie ihn im Urlaub oder am Wochenende mit dem Duft frischen Kaffees weckte. Er war ein Kaffee-Liebhaber, wie er im Buche stand.
Als sie vor einigen Jahren eine zweiwöchige Reise durch Italien gemacht hatten, war Marcel danach in den Schilderungen der Reise oftmals mehr ins Schwärmen über die vielen köstlichen Espresso-Spezialitäten verfallen als in begeisterte Beschreibungen von Land und Leuten, dem Meer oder den idyllischen kleinen Städtchen, die sie besucht hatten.
Eileens Herz wurde schwer, als sie an diese glücklichen Zeiten zurück dachte. Es kam ihr vor, als sie dies alles in einem anderen Leben geschehen. Das ganze fühlte sich wie ein seltsamer Traum an, den sie irgendwann einmal geträumt hatte – der aber nicht zur Realität zu gehören schien. Und doch waren die Erinnerungen intensiver und näher als je zuvor, fast so, als könne sie danach greifen und sich in jene Zeit zurück katapultieren.

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Wie zerbrechlich Glück doch war.
Sie musterte Marcel, der immer noch stillschweigend da saß und seinen Blick durch das Zimmer schweifen ließ.
War dies immer noch derselbe Mann wie jener, mit dem sie damals lachend und glücklich am Strand gelegen hatte?
Was war es gewesen, dass ihn so verändert hatte? War es der Lauf der Zeit? War sie es gewesen? Oder er selbst?
Eileen wusste es nicht und fragte sich, ob Marcel während seine Augen durch das Zimmer streiften und alles musterten, als sähe er es zum ersten Mal, wohl ebenfalls irgendwelchen Erinnerungen nach hing.
Und wenn ja, ob diese wohl glücklich waren? Oder versuchte er sich alle schlechten Augenblicke ins Gedächtnis zu rufen, um es sich leichter zu machen? Um sein Verhalten und seine Entscheidungen zu rechtfertigen?
Sie wusste es nicht. Mühsam unterdrückte sie einen Seufzer und hob den Kopf nach oben.
„Marcel“, sagte sie dann mit möglichst fester Stimme. „Ich denke, wir haben einiges zu besprechen.“

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Marcel sah sie einen Augenblick lang fest an und für den Hauch einer Sekunde schien es wieder wie früher zu sein. Seine Augen und ihre Augen versanken ineinander und Eileen fühlte in sich eine Wärme aufsteigen, die sich wie Nach-Hause-Kommen anfühlte.
Doch der Augenblick war schnell wieder vorbei. Marcel richtete den Blick wieder auf die gläserne Tischplatte und sagte mit nüchterner Stimme: „Du hast recht.“
Eileen schluckte und hatte das Gefühl, auf etwas furchtbar bitteres gebissen zu haben.
„Gut“, sagte sie dann, ohne sich etwas anmerken zu lassen. „Bevor wir irgendetwas Genaueres besprechen, würde ich gerne von dir hören, wie es deiner Meinung nach weitergehen soll?“
Marcel blickte erneut auf und sagte dann langsam: „Eileen, ich habe dir doch schon gesagt, dass … ich… mit uns ist es…“
„Das meine ich nicht“, erwiderte Eileen und sah ihn hart an. „Dass es mit uns beiden aus ist, brauchst du mir nicht sagen. Es ist aus – egal, was du sagen würdest.“
Sie spürte ein Gefühl von Triumph in sich aufsteigen, als sich Marcels Augen auf ihre Aussage hin für einen Moment weiteten und er unbequem schluckten musste.

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„Vielmehr möchte ich wissen, wie du dir vorgestellt hast weiterzumachen, was unsere gemeinschaftlichen Verpflichtungen angeht. Ziehst du zu deiner… äh, wie hieß sie doch gleich… nun ja, ist ja auch nicht so wichtig… ich gehe mal davon aus, dass du bereits dort eine neue Bleibe gefunden hast“, sagte sie möglichst gelassen und genoss es dabei zu beobachten, wie Marcels Gesichtszüge immer länger wurden. „Von daher gehe ich davon aus, dass du möglichst rasch vollständig aus diesem Haus ausziehen kannst. Du hast jedoch noch recht viele Sachen hier und einiges gehört natürlich uns beiden. Wir haben also jede Menge Klärungsbedarf - oder sehe ich das falsch?“
Marcel schluckte hart, fasste sich dann jedoch wieder und sagte: „Ja – ja, du hast natürlich recht.“
Eileen nickte und lächelte dabei höflich. „Gut, dann sind wir uns wenigstens in diesem Punkt ja einig. Ich hätte gerne, dass du am Samstag zwischen neun und zwei Uhr mittags herkommst und deine Sachen holst. In dieser Zeit werde ich bei meinen Eltern zum Frühstück sein.“
Sie sprach ruhig und so, als sei alles schon lange von ihr geplant – aber jetzt, wo sie zu sprechen angefangen hatte, schien alles von alleine zu laufen.
„Wir werden außerdem eine Vereinbarung treffen müssen, welche Verbindlichkeiten du bezüglich der Hausraten noch übernehmen wirst.“

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„Ich… darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, stammelte Marcel.
Eileen zog die Augenbrauen hoch. „Nun, dann solltest du das wohl tun“, erwiderte sie dann leichthin. „Natürlich werde ich den Großteil der Rate weiter abbezahlen, schließlich nutze ich das Haus auch noch.“
Marcel schien einen Moment heftig nachzudenken und sagte dann: „Aber… wenn ich das Haus nicht mehr nutze, möchte ich auch nicht mehr dafür zahlen.“
„Ich denke, dass das nicht so einfach sein wird“, erwiderte Eileen und lächelte ihn scheinbar freundlich an. „Du hast die Finanzierung gemeinsam mit mir aufgenommen und das nicht von Nutzungsrechten abhängig gemacht. Natürlich steht dir frei, das ganze mit einem Anwalt zu besprechen. Grundlegend kannst Du natürlich auch hier wohnen bleiben, wir müssten dann eben zwei verschiedene Wohnbereiche schaffen.“
Sie sah ihn offen an. Er starrte sie derweil an und machte den Eindruck, als habe er sie noch nie gesehen. Wie gut, dass er nicht wusste, dass ihr Herz in ihrer Brust so schnell schlug, dass sie fürchtete, es würde jeden Moment aus ihr herausspringen oder er müsse es selbst von außen sehen können.

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Sie hatte sich nicht viele Gedanken im Vorfeld darüber gemacht, was sie sagen wollte oder welche genauen Vereinbarungen zu treffen waren. Doch nun schien sie Oberhand zu gewinnen und ihr wurde klar, was sie wollte und was sie zu fordern hatte, ohne dass sie vorher darüber nachdenken musste. In ihr machte sich ein wohltuendes Gefühl breit, dass sie wohl am ehesten als eine Art Rachegelüst definieren konnte.
Ein anderer Teil in ihr, gegen den ihr Inneres mit aller Kraft ankämpfte, wäre am liebsten aufgesprungen und hätte Marcel umarmt und ihn um Verzeihung gebeten – und gleichzeitig gehofft, dass er nun – wo er zu spüren bekam, dass all das nicht so einfach ablief wie er sich das vielleicht vorgestellt hatte – doch zu ihr zurück käme und den Unsinn mit dieser anderen Frau beendete.
Doch davon ließ sie nichts nach außen dringen. Sie blieb ruhig sitzen und wartete darauf, dass er etwas erwiderte.
„Ich… ich denke nicht, dass ich wieder einziehen werde“, sagte er schließlich. „Es… das würde doch keinen Sinn machen. Wegen dem Geld… darüber muss ich nachdenken.“

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„Gut, dann tu das, aber tu es bald“, sagte sie dann fest. „Du ziehst dann am Samstag aus, ja?“
Marcel nickte langsam. „Ja… ich werde wohl noch einiges organisieren müssen, aber… ich denke, das wird machbar sein.“
„In Ordnung. Ich würde dir vorschlagen, dass du sämtliche Möbel aus dem Arbeitszimmer mitnimmst, inklusive des Computers. Im Gegenzug würde ich gerne das Laptop behalten. Die Küche muss natürlich komplett hier bleiben, aber wenn du dir irgendwelche Küchengegenstände mitnehmen möchtest…“
„Nein“, erwiderte er langsam und starrte sie wieder verständnislos an. „Bettina ist voll ausgerüstet.“
„Ah, Bettina ist also ihr Name. Ich dachte, sie heißt Sabrina“, sagte Eileen und versuchte die Bitterkeit in ihrer Stimme zu unterdrücken. „Nett.“
Es entstand einen Moment lang Schweigen und Marcel begann sich aufzurichten. Eileen wurde klar, dass sie weitersprechen und zu ihrer Gelassenheit zurück finden musste, wenn sie nicht alles, was sie sich eben an Oberwasser erarbeitet hatte, verlieren wollte.
„Also gut – was möchtest du aus dem Wohnzimmer mitnehmen? Die Couch oder den Tisch oder…?“

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„Nichts – vorerst“, erwiderte Marcel. „Dafür habe ich keinen Platz. Ich werde meine Bücher, meine CDs und den ganzen Kleinkram mitnehmen und das Arbeitszimmer, so wie du gesagt hast. Außerdem meine Werkzeuge und diesen ganzen Kram eben. Den Rest… lassen wir erstmal hier, bis… wir mehr entschieden haben.“
„Gut“, erwiderte Eileen. „Dann haben wir das ja geklärt. Zu den Finanzen – ich habe heute Morgen ein eigenes Konto eingerichtet.“
Wieder sah Marcel sie an, als sei sie vom guten Geist verlassen. Eileen gab dies nur noch mehr Kraft und sie sagte: „Ich denke, dass auch du dir nun ein eigenes Konto einrichten solltest und wir unser gemeinsames auflösen sollten. Was wir mit unserem Ersparten machen, können wir später noch sehen.“
Sie stockte einen Moment. „Wir… sollten uns vielleicht erst eine Weile Zeit geben, diese Trennung zu verdauen und uns neue Strukturen aufzubauen und dann entscheiden, wie es weitergeht.“
„Was meinst du?“, wollte Marcel wissen.
„Ich spreche von Scheidung.“

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Marcel sprang auf und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Eileen begann nun auch sich unwohl in ihrer Haut zu fühlen und stand ebenfalls auf.
„Eileen… findest du es nicht… etwas zu früh, sich darüber Gedanken zu machen?“, stieß Marcel dann hervor.
Eileen zuckte mit den Achseln.
„Ich weiß nicht“, sagte sie dann. „Was denkst du denn?“
„Ich… ich weiß nicht, ich dachte… ich meine…“
Er unterbrach seine Wanderung und blieb vor ihrem Hochzeitsbild stehen, dass er eine Weile versunken betrachtete.
Dann versuchte er sich zu fassen und erwiderte: „Ich denke, dass eine Scheidung sehr teuer und aufwendig ist.“
„Das ist richtig. Darum sagte ich ja, dass wir uns erst einmal an alles gewöhnen sollten. So lange sollten wir unser Erspartes unberührt lassen.“

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Marcel nickte langsam. „In Ordnung. Das halte ich auch für vernünftig.“
Er ging wieder im Zimmer auf und ab. Eileen blieb still stehen. Nach einigen Minuten des Schweigens sagte sie: „Bleiben noch die Autos… ich wäre dir dankbar, wenn du das große übernehmen würdest. Die Halterrechte können wir ja erst einmal so lassen wie sie sind.“
Marcel starrte sie wieder irritiert an und nickte dann langsam. „Ja. Gut. Machen wir es so.“

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Eileen holte tief Luft und warf einen Blick auf die Uhr.
„Es ist schon nach sieben“, sagte sie. „Ich bin ziemlich müde. Hatte einen langen Tag.“
Marcel sah sie an und sagte plötzlich mit sehr viel weicherer Stimme als zuvor: „Dir geht es nicht gut… oder?“
Nun starrte Eileen ihn an. Was sollte das denn nun?
„Nun… ich bin einfach müde“, sagte sie schnell und versuchte, möglichst gefasst zu klingen. „Und wir haben ja nun auch alles besprochen, nicht wahr. Also machen wir es so – du holst am Samstag deine Sachen und ich werde mich in dieser Zeit vom Haus fernhalten. Wir sollten nächste Woche noch einmal telefonieren, wenn du dir etwas wegen der Hausraten überlegt hast.“

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Marcel schluckte und sah Eileen irritiert an, die nun langsam zur Haustür ging, um anzudeuten, dass er nun gehen könne.
Langsam folgte er ihr. Er trat hinaus in die frische kühle Luft. Es hatte wieder zu regnen begonnen.
„Also dann…“, setzte er an.
„Ja, bis dann“, erwiderte Eileen und wollte schon die Tür schließen, da hielt er sie zurück.
„Was?“ Sie sah ihn irritiert an.
„Eileen… ich…“, er strich sich verwirrt durchs Haar. „Willst… du denn gar nicht wissen, was geschehen ist … warum und…“

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Eileen unterbrach ihn forsch. „Nein – nicht jetzt. Nicht heute.“
Sie starrte auf den Boden und sagte dann: „Vielleicht ist es dazu einfach zu spät, Marcel.“
Er schluckte, rieb sich die Arme, drehte sich um und ging die Treppen hinunter.
„Bis bald, Eileen“, sagte er langsam mit warmer Stimme und einem sanften Lächeln, als er sich noch einmal zu ihr umdrehte.

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„Bis bald, Marcel“, sagte sie mit dünner Stimme und schloss die Türe hinter ihm.
Atemlos lauschte sie seinen Schritten auf dem Kies, der Autotür und schließlich dem leiser werdenden Motorengeräusch und schien dabei zur Salzsäule erstarrt.

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Erst als kein Laut mehr zu hören war, sackte sie zusammen und begann laut zu schluchzen und zu schluchzen, bis keine Träne mehr in ihr zu sein schien.

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FS folgt.​
 

Lynie

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Huhu Innad :),

Tolle Fortsetzung.. Eileen ist eine taffe Frau und ich bin stolz auf sie, dass sie es so souverän über die Bühne gebracht hat.. Die Tränen sieht er ja nicht und es tut auch mal gut, den ganzen Druck rauszulassen.. Jetzt bin ich gespannt, welche Schritte sie jetzt als Nächstes macht und wie die beiden sich auch wegen dem Kredit einig werden und die noch nicht gelösten Probleme regeln..

Bei Marcel hatte ich den Eindruck, dass es ihm zu schnell geht.. Er war nicht wirklich darauf vorbereitet und hatte gedacht, das Emotionale zu besprechen.. Vielleicht hat er aber noch wenige Gefühle für Eileen, aber will es nicht zu geben???

Ich bin sehr gespannt auf die Fortsetzung :)
lg lyn :hallo:
 

Innad

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@Lynie: Ja, es wird nun spannend, zu sehen, wie Marcel sich verhält. Und ich denke auch, dass Eileen ihn etwas überfahren hat. Es war für ihn sicher komisch, dass sie plötzlich Oberwasser hatte ;)


19.

Sie konnte nicht genau sagen, wie viel Zeit sie dort unten auf den kalten Fliesen verbracht hatte, die kühle Holztür in ihrem Rücken und die Stille des Herbstabends um sich – nur unterbrochen von dem ein oder anderen Schluchzer.

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Doch als alle Tränen aus ihr herausgeweint waren, blieb sie noch eine unbestimmte Zeit einfach sitzen und starrte ins Leere.
Sie fühlte sich wie in einen Wattebausch gehüllt, doch das Gefühl hatte nichts von der Geborgenheit, die eine solche Vorstellung vermitteln mochte.
Es fühlte sich viel mehr an wie dichter, klebriger Nebel oder der Anfang einer Besinnungslosigkeit.
Mühsam versuchte sie sich dazu zwingen, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch es schien ihr, als sei ihr Kopf mit einemmal um das neunzigfache geschrumpft und selbst für die einfachsten Gedankengänge zu klein geworden.

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Irgendwann bemerkte sie zumindest die Kälte, die ihr die Glieder herauf kroch und einen dumpfen Schmerz im Unterleib mit sich brachte.
Sie hatte Mühe, auf die Beine zu kommen, denn diese fühlten sich wie Pudding an.
Langsam ging sie ins Wohnzimmer und ließ sich dort erschöpft auf die Couch fallen.
Zorn begann in ihr aufzusteigen; Zorn auf diese erneute Kraftlosigkeit.

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Sie schloss für einen Moment die Augen und sah Marcels Gesicht vor ihrem inneren Auge auftauchen. Wie er sie betrachtet hatte – sie hörte seine Worte nachhallen: „Es geht dir nicht gut, oder?“
Zum ersten Mal seit Wochen hatte er wieder diesen Tonfall gehabt. Diesen Tonfall, den sie so gut kannte und den sie so geliebt hatte.
Besorgt, liebevoll. Aber wieso jetzt? Wieso jetzt, wo sie gerade dabei war, sich damit abzufinden, dass es kein gemeinsames Leben mehr geben würde?
Wieso begann er genau in diesem Augenblick wieder jene Züge herausblitzen zu lassen, die sie an ihm kannte und liebte?
War sie ihm doch nicht ganz gleichgültig?
Eileen fühlte sich unendlich verwirrt, ihre Gedanken schienen sich zu überstürzen, aber keinen Sinn zu geben.

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Sie spürte, wie die bleierne Müdigkeit, die sie bereits vor dem Gespräch erfasst hatte, die Überhand gewann und ehe sie noch einen weiteren Gedanken zu fassen vermochte, war sie eingeschlafen.


Es war noch immer stockdunkel draußen, als sie aus einem unruhigen Schlaf hoch schreckte.
Zerstreut sah sie sich um und begriff zuerst nicht, wo sie war, geschweige denn, wie viel Uhr es sein mochte.
Dann erinnerte sie sich wieder an den vergangenen Abend und seine seltsame Wendung. Ihr Magen knurrte und sie fror, als sie sich aufrichtete und sich müde über die Augen fuhr. Es war finster im Wohnzimmer und nur durch die Terrassentür drang spärlich das silbrige Mondlicht.

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Ein mulmiges Gefühl überkam sie, als sie sich im dunklen Raum umschaute. Sie war nie gerne über Nacht alleine geblieben, aber da Marcel durchaus ab und an auf Geschäftsreisen war, hatte sie sich damit abgefunden.
Trotzdem war ihr immer unwohl gewesen, so alleine in dem großen Haus, und sie hatte es vor allem vermieden, in der Nacht ins dunkle, große Wohnzimmer zu gehen.
In den letzten Nächten hatte sie dafür kaum einen Gedanken gehabt, da Tag und Nacht für sie in ihrem depressiven Schockzustand ohnehin verschwommen waren. Aber nun wurde ihr bewusst, dass sie gänzlich alleine war und ein Gefühl von Furcht überkam sie.
Rasch stand sie auf und tastete sich vorsichtig in die Küche, wo sie das Licht einschaltete.

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Als der Raum mit dem warmen Licht durchflutet wurde, fühlte sie sich schon etwas besser. Schnell machte sie nun auch alle verfügbaren Lichter im Wohnzimmer und im Flur an und schaute vorsorglich auch in die dunklen Ecken, als wolle sie sich vergewissern, dass dort kein Attentäter hockte und nur darauf wartete, sie zu überfallen.

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Doch alles war ruhig und wie immer.
Sie atmete auf, konnte das klamme Gefühl jedoch nicht ganz abschütteln. Sie hatte das Bedürfnis, mit einem Menschen zu sprechen – mit Lene oder ihrer Mutter – doch ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es mitten in der Nacht war – die Zeiger standen auf kurz nach drei.
Eileen seufzte tief – in nicht ganz vier Stunden musste sie schon wieder aufstehen und sich für die Arbeit fertig machen. Sie war zu früh eingeschlafen und hatte auf der Couch nicht den bequemen Schlaf gefunden, der ihr Bett ihr sonst versprach.
Ihr Magen knurrte erneut und ihr wurde übel. Resigniert öffnete sie den Kühlschrank, obwohl sie sich im Klaren darüber war, dass dieser genau so leer sein musste wie am Morgen zuvor.
Sie griff schließlich zu dem letzten Rest Milch, der noch von Lene übrig war, und schüttete diese über etwas Müsli.

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Die kalte Milch und das Müsli widerten sie an, doch sie versuchte sich zu überwinden und sie tapfer zu essen. Nach der Hälfte der Schüssel ging die kalte Nahrung in ihrem seit mehr als anderthalb Tagen leeren Magen jedoch vollständig gegen sie und sie schob die Schüssel mit der Übelkeit kämpfend von sich.
Erschöpft rieb sie sich die Arme. Ihr war kalt. Draußen waren es nicht einmal mehr zehn Grad, die Heizung war auf Nachtbetrieb und sie hatte ohne Decke auf der Couch geschlafen.
Hoffentlich hatte sie sich nicht auch noch erkältet. Wie zur Bestätigung musste sie niesen.
„Auch das noch“, seufzte sie, schüttete das Müsli in den Ausguss und beschloss dann, nach oben zu gehen, sich in ihren Schlafanzug zu hüllen und sich ins warme Bett zu kuscheln.
Da sie das unheimliche Gefühl immer noch nicht ganz hatte abschütteln können, ließ sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit das Licht in Flur und Wohnzimmer an und ging dann nach oben.
Im Bad angekommen löste sie ihre Frisur, schälte sich aus den Kleidern und begann sich die Zähne zu putzen. Ihr Magen schien ihr das unangebrachte Nachtmahl noch immer leicht übel zu nehmen und zwickte unangenehm vor sich hin. Aber wenigstens war ihr jetzt nicht mehr übel.

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Sie versuchte bewusst die Gedanken an das Gespräch am Abend zu verdrängen, um nicht schon wieder in sinnlose Grübeleien zu fallen. Vielmehr nahm sie sich vor, morgen mit Lene über alles zu sprechen, was vorgefallen war. Diese würde vermutlich einen klareren Kopf bewahren als sie selbst das jemals gekonnt hätte.
So sehr sie sich jedoch auch bemühte, immer wieder kehrten ihre Überlegungen zu jenem Satz zurück „Dir geht es nicht gut, oder?“ – es ging nicht um die Worte an sich, sondern in welchem Ton, mit welchem Gesichtsausdruck er sie ausgesprochen hatte.
Eileen verließ das Badezimmer und holte ihren Schlafanzug aus dem Schrank.

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Dann löschte sie die Lichter – nur die Nachttischlampe auf ihrer Seite ließ sie brennen – und legte sich mittig aufs das Bett, starrte auf die trotzdem noch leere Hälfte neben sich und berührte die Bettwäsche sanft mit der Hand.
Ein schmerzlich-sehnsuchtsvolles Gefühl ergriff sie mit voller Wucht und schien ihr Herz zu zermalmen.
Was, wenn es doch noch eine Chance gab?
Für einen Moment schien ihr Herz wieder leichter zu werden.
Vielleicht hatte Marcel erst durch ihre harten Ausführungen begriffen, was für einen Fehler er begangen hatte?
Wieder dachte sie an die so sanft ausgesprochenen Worte, den liebevollen Blick…

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Dann schoss ihr jedoch ein anderer Gedanke durch den Kopf: Vielleicht hatte sie ihn mit ihren harten Ausführungen auch nur in die Enge getrieben und er versuchte durch seine freundliche Umwandlung nur, ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen?
Aber war er etwa so berechnend?
Sie versuchte sich an irgendeine Gelegenheit ihrer gemeinsamen Zeit zu erinnern, an der sie diese Frage hätte messen können – doch sie kam zu keinem Ergebnis.
Sie wusste schlichtweg nicht, ob sie ihn für so etwas fähig hielt oder nicht.
Wieder einmal wurde ihr klar, wie fremd er ihr geworden zu sein schien… oder war er es in gewissen Punkten vielleicht sogar immer gewesen?

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Sie fühlte sich abermals bis aufs unermesslich verwirrt und beschloss, sich nun wirklich keine Gedanken mehr darüber zu machen. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass ihr Wecker in weniger als drei Stunden klingeln würde.
Also kroch sie unter die Decke, lösche tapfer das Licht, schloss sofort die Augen und versuchte, ihre Gedanken abzuschalten. Das gelang mehr schlecht als recht, aber schließlich siegte doch die Müdigkeit und sie sank in einen traumlosen, tiefen Schlaf.

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Fortsetzung folgt.​
 

Lynie

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Huhu Innad,

wieder ein sehr gefühlvolles Kapitel.. Du beschreibst die Gefühle von Eileen sehr gut und sehr tiefgründig.. Man kann sich wirklich gut in sie hineinversetzen.. Sie glaubt ja eventuell, dass Marcel sie noch liebt.. Aber es ist auch normal, dass man Angewohnheiten nicht einfach so abstellen kann.. Natürlich kann es gut möglich sein, dass er noch was für sie empfindet, aber dann werden wohl die Gefühle für einen Neuanfang nicht reichen.. Sowieso glaube ich auch nicht, dass Marcel sie wieder zurück haben will, aber ich lasse mich gerne überraschen ;)

Ich freue mich schon auf das nächste Kapitel :)
lg lyn :hallo:
 

Innad

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20.

Günther warf seiner Frau einen unsicheren Blick zu und rutschte unbequem auf dem natur gebeizten Landstuhl hin und her.
Der Tisch bog sich förmlich unter einer Vielzahl an Köstlichkeiten – Anita hatte all ihre Künste spielen lassen und ein Frühstück der Königsklasse auf den Tisch gezaubert.
Sie sah ihren Mann an und warf ihm ein angespanntes Lächeln zu.
Dann richteten beide wieder ihre Blicke auf ihre einzige Tochter, die still und in Gedanken versunken auf ihrem Stuhl saß und auf den Tisch starrte.

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„Liebling, möchtest du denn nichts essen?“, fragte Anita sanft. Eileen riss die Augen auf und sah sie erschrocken an.
Sie hatte sich wieder in ihren Gedanken verloren und schämte sich dessen.
„Doch… doch, Mama. Gerne. Du hast dir wirklich so viel Mühe gegeben“, sagte sie mit einem matten Lächeln und ließ ihren Blick über den reichlich gedeckten Tisch schweifen. Dabei hatte sie selbst gerade gar keinen Appetit. Viel mehr fand sie den Duft des frischen Kaffees fast schon penetrant in ihrer Nase und ihr Magen drehte sich um, wenn sie daran dachte, auch nur einen Schluck davon trinken zu müssen.
„Ich… hast du vielleicht einen Tee für mich?“, fragte sie nach einer kleinen Weile des Schweigens.
„Aber natürlich, Schatz“, antwortete ihre Mutter nickend und wollte aufstehen, doch ihr Mann war schneller.

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„Ich… ich mach das schon“, sagte er schnell und stand auf, offenbar froh darum, das unangenehme Schweigen eine Weile verlassen zu können.
Anita griff derweil nach Eileens Hand und sah sie offen an.
„Es muss furchtbar schwer für dich sein, mein Kleines“, sagte sie liebevoll.
Eileen wusste nicht recht, was sie antworten sollte. Zum einen tat ihr die Zuneigung und die Sorge ihrer Mutter gut, zum anderen fühlte sie sich davon seltsam beschämt.
„Es… ist nun einmal wie es ist“, sagte sie langsam und versuchte zu lächeln.
„Du musst nicht stark sein, Eileen“, sagte ihre Mutter sanft. „Du machst im Moment eine unheimlich schwere Zeit durch und da ist es normal, schwach zu sein und traurig zu sein, nicht mit allem direkt fertig zu werden.“
Eileen schluckte und nickte.

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„Wenn ich es doch nur… begreifen könnte, was geschehen ist“, stammelte sie dann leise. „Ich… ich habe wirklich nichts gemerkt, Mama. Ich hätte nie gedacht, dass uns, dass mir so etwas passiert.“
Anita seufzte und nickte. „Ich weiß, Schatz. Das ging uns genauso. Marcel war für uns immer wie ein Sohn.“
Eileen nickte und realisierte, dass diese Trennung auch für ihre Eltern schmerzhaft und seltsam sein musste. Immerhin war Marcel seit fast zehn Jahren Bestandteil der Familie.
Eine Weile herrschte wieder Schweigen am Tisch, in das Eileens Vater mit einer Tasse frisch aufgebrühtem Tee platzte. Eileen nahm ihn dankend entgegen und spürte, wie die heiße, duftende Flüssigkeit ihren Magen füllte und entspannte.
Ihr Vater hatte ihr derweil ganz wie früher, als sie noch ein kleines Kind gewesen war, ein Brot geschmiert und ihr auf den Teller gelegt.
„Das wird jetzt gegessen“, sagte er und versuchte streng zu klingen. „Du brauchst Kraft, Kind, Du bist schon jetzt ein Strich in der Landschaft.“
Eileen musste gegen ihren Willen lächeln und sagte: „Nun mach mal halblang, Papa. Ich falle schon nicht vom Fleisch.“

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Er lächelte zurück und sah zufrieden zu, wie sie – zwar immer noch mit gemäßigtem Appetit, aber mit gutem Willen – ein großes Stück Brot abbiss.
Dann warf sie einen Blick zur Uhr. Der Zeiger wollte sich offenbar nicht fort bewegen.
„Wie lange wird Marcel in etwa brauchen, was meinst du?“, fragte ihre Mutter, die ihrem Blick zur Uhr gefolgt zu sein schien.
„Ich bin nicht ganz sicher. Wir hatten vereinbart, dass er bis etwa zwei Uhr alles geschafft haben sollte.“ Und jetzt war es gerade erst zehn.
Eileen schauderte bei dem Gedanken daran, wie es zu Hause wohl aussehen mochte, wenn sie zurück kehrte. Die leeren Zimmer, die leeren Schränke.
Dann war endgültig. Dann gab es kein Zurück mehr…
„Eileen, Schatz…“, ihre Mutter sah sie sanft an. „Ich möchte dir nicht zu nahe treten, aber… ist dieser Entschluss des Auszugs nicht vielleicht übereilt?“

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Eileen sah ihre Mutter überrascht an.
„Mama, was meinst du damit?“
„Ich… ich meine ja nur…“, Anita warf ihrem Mann einen Blick zu und er half ihr weiter, indem er langsam sagte: „Weißt du, Eileen… jede Ehe hat ihre schlechten Zeiten und wir haben uns einfach nur gefragt, ob es wirklich überhaupt keine Chance mehr für Marcel und dich gibt?“
Eileen schluckte. Einen Moment war sie selbst unsicher, aber dann kam der Zorn zurück.
„Nein“, sagte sie darum fest und schob ihre Unterlippe nach vorne. „Er hat mich hintergangen, das dürft ihr nicht vergessen. Er hat diese Affäre seit Monaten.“
Ihre Eltern sahen sie erstaunt an und Eileen wurde bewusst, dass sie seit dem Vorfall an jenem Wochenende, als ihre Eltern aus Lanzarote zurück gekehrt waren, nicht mehr detailliert mit ihnen gesprochen hatte.
Aber sie kannte ja selbst so wenige Details…
„Es… er hat diese andere Frau schon lange“, erwiderte sie. „Ich hab es nicht gewusst. Ich hab es erst vor kurzem erfahren, und unmittelbar danach haben wir uns getrennt. Was heißt – er hat mich verlassen, ist einfach gegangen. Den Rest kennt ihr ja.“

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„Wie lange?“, wollte Günther scharf wissen.
Eileen zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht genau. Eine ganze Weile schon.“
Irgendetwas in ihr hinderte sie daran zu erzählen, dass die Affäre wohl schon kurz nach ihrer Fehlgeburt angefangen haben mochte.
Vielleicht weil sie Marcel aus einem alten Impuls heraus immer noch in Schutz nehmen mochte.
Vielleicht aber auch, weil sie sich dafür schämte und weil sie Angst hatte, ihre Eltern könnten ihr die Schuld geben, könnten ihr nun sagen, dass auch sie sich von ihm abgewendet und entfremdet habe.
Es fühlte sich für sie an, als würde sie sich nackt ausziehen, wenn sie dies zugab. Und dafür war sie nicht bereit, noch nicht.
Eine Weile herrschte wieder Schweigen am Tisch, dann stieß ihr Vater hervor: „Das ist ja ungeheuerlich.“

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Anita seufzte. „Das hätte ich Marcel niemals zugetraut.“
Eileen nickte. „Ich weiß. Das ist es ja, was es so schwer macht.“
Sie stand auf und ging einige Schritte, ließ ihren Blick durch den gut gepflegten, mediterran bepflanzten Garten schweifen.
„Wenn wir uns einfach auseinander gelebt hätten, wenn die Liebe eingeschlafen wäre, wenn wir gemerkt hätten, es macht keinen Sinn mehr – dann könnte ich es sicher verstehen, weil es auch für mich einen Prozess dargestellt hätte. Aber so kam es für mich aus dem Nichts.“

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„Hattet… ihr denn vorher oft Streit, gab es Probleme?“, fragte ihre Mutter sanft.
„Und wenn schon! Das gibt ihm noch lange kein Recht, sie zu betrügen!“, fiel ihr Vater aufgebracht ein.
Eileen drehte sich wieder um und sagte langsam: „Ja – wir hatten eine schlechte Phase und… ja, es gab Probleme. Aber ich hätte nie gedacht, dass sie so… schwerwiegend sind. Ich dachte, es ist eben eine Phase, die wieder vergeht, wie so viele Phasen in den letzten Jahren. Ich meine, es ist doch immer mal ein Auf und Ab, wenn man mit einander verheiratet ist, oder?“
Ihre Eltern nickten zustimmend. „Ja, natürlich. Wo Licht ist, ist auch Schatten“, sagte ihre Mutter.
„Ja… aber bei uns war wohl doch mehr Schatten als ich dachte“, seufzte Eileen.
„Habt… habt ihr denn schon das rechtliche geregelt?“, fragte ihre Mutter langsam.
„Einiges, ja. Ich habe mir eine Anwältin genommen.“
Eileen war erstaunt, wie klar und nüchtern ihre Stimme mit einemmal wieder klang.

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„Das… war sehr klug von dir“, sagte ihr Vater. „Wenn du irgendwelche Unterstützung brauchst, Eileen – du weißt, wie sind für dich da. Ich meine… was das Haus und die Raten angeht oder die Autos, die Gebühren für deine Anwältin… du weißt, wir helfen dir, wo wir können.“
Eileen lächelte dankbar. „Danke, Papa, es ist gut, das zu wissen. Ich glaube aber, im Moment schaffe ich das schon alleine. Ich habe ja noch mein Gehalt und Marcel wird seinen Anteil der Rate wohl erst einmal weiter bezahlen. Ich denke, das Haus werde ich erst einmal halten können.“
„Es wird sehr groß für dich werden…“, setzte ihr Vater an, schwieg aber sofort, als er einen strafenden Blick von Anita erhielt.
Eileen nickte jedoch und setzte sich wieder. „Das stimmt, aber ich kann es nicht verkaufen. Noch nicht. Alles Schritt für Schritt. Und die Miete für eine kleinere Wohnung wäre wohl auch nicht um so vieles geringer als die Hälfte der Rate und die Nebenkosten für das Haus.“
Sie seufzte. „Ich weiß zurzeit noch nicht genau, wie es weitergehen soll. Ich bin froh, dass wir das mit dem Auszug jetzt schon regeln konnten. Alles andere wird sich wohl ergeben…“
„Aber natürlich, Schatz“, sagte ihre Mutter sanft. „Eins nach dem anderen.“

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Eileen nickte. „Genau, eins nach dem anderen.“ Sie versuchte zu lächeln und sah erneut auf die Uhr. Viertel nach zehn.
„Wie wäre es, wenn wir ein wenig shoppen gehen?“, fragte Anita aufmunternd.
Eileen zuckte die Achseln.
„Nun komm, Kleines. Davon dass du da sitzt und die Uhr anstarrst, wird es nicht schneller gehen. Ein wenig Ablenkung tut dir gut und für eine Frau ist es immer noch am heilsamsten, sich neu einzukleiden.“
Eileen lächelte. „Warum eigentlich nicht?“, sagte sie dann und stand auf.
Marcel war gerade zu Hause seine Sachen am Ausräumen. Sie würde in ein halb-leeres Haus zurückkehren und er… in die Arme seiner „Tussi“.
Sie spürte wieder den Zorn in sich, diesen kräftigen, guten Zorn, der sie mit Kraft und Kampfeswillen zu betanken schien.
Gut, Mama. Du hast recht. Könnten wir vorher vielleicht auch noch zum Frisör gehen?“
Anita lächelte. „Aber natürlich, Schatz. Ich zieh mir nur rasch andere Schuhe an und dann geht´s los.“

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Günther sah verdattert von einer zu anderen.
„Und wer räumt das alles hier weg?“, fragte er empört.
Beide Frauen lächelten ihn an. „Na, du bist doch noch hier“, sagte Anita zwinkernd.

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Günther kratzte sich am Kopf.
„Ihr wollt mich hier jetzt so ganz alleine mit diesem Chaos lassen?“, fragte er fast ungläubig.
„Du schaffst das schon, mein Lieber“, sagte Anita zwinkernd und drückte ihrem Mann einen Kuss auf die Wange, dann verließ sie das Zimmer.
Ratlos sah er Eileen an, die im Durchgang zum Wohnzimmer stand und lächeln musste.
„Tut mir leid, Papa“, zwinkerte auch sie. „Da gebe ich Mama vollkommen recht.“

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Und mit diesen Worten folgte sie ihrer Mutter lachend zur Tür hinaus.
Günther derweil seufzte, fügte sich grummelnd in sein Schicksal und begann das Geschirr zusammen zu räumen, während Eileen und seine Frau sich auf den Weg machten.
Irgendwie hatte er sich diesen Morgen etwas anders vorgestellt.

FS folgt.
 
  • Danke
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Lynie

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Huhu Innad :)
es freut mich sehr, dass es hier weiter geht..

Das Kapitel war wieder super schön geschrieben.. Die Ablenkung wird ihr gut tun und so ein Frauentag schadet ja nicht ;)
Ich kann sie aber schon verstehen, dass es ihr was mulmig ist, dass Marcel auszieht und somit das Haus halb leer ist.. Immerhin war sie 10 Jahre mit ihm zusammen und sie haben sich eine gemeinsame Zukunft aufgebaut..

Ich freue mich schon auf das neue Kapitel :)
lg lyn :hallo:
 

Innad

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@Lynie: Ja, das stimmt - es ist schon komisch, nach so einer langen Zeit auf einmal ins leere Haus zu kommen... wenn es denn leer ist ;) Aber lies selbst!


21.

Eileen parkte den Wagen vorsichtig ein und schluckte.
Einen Moment lang blieb sie unbeweglich sitzen und starrte das neben ihrem Kleinwagen parkende Auto an.
Marcel war noch nicht fertig, sein Auto stand noch in der Einfahrt.
Es schien für einen Moment, als sei es ein ganz normaler Samstag, an dem sie von einer Shoppingtour mit Lene oder ihrer Mutter zurück kam, vom Einkaufen fürs Wochenende oder vom Yogakurs im Fitnesscenter, den sie eine Weile sporadisch besucht hatte.
Sie sah sich fast mit Einkaufstüten beladen aus dem Wagen steigen, ganz so wie früher, die Vortreppe nach oben gehen, die Haustüre aufschließen und fröhlich „Bin wieder da-haaa!“ rufen.
Marcel fand sich meist in seinem Büro, saß vor dem Fernseher und spielte Playstation oder war ab und an auch auf der Terrasse oder im Garten am Werkeln.

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„Na, Schatz, hast du wieder Geld ausgegeben?“, hatte er dann zu sticheln gepflegt. Danach hatte sie ihm meist ihre erstandenen Kleider gezeigt, sie hatten es sich den Rest des Tages im Garten oder auf der Couch gemütlich gemacht, waren abends ausgegangen oder hatten sich eine Pizza bestellt und einen netten Film geschaut.
Das waren sie gewesen, die typischen Samstage, einer wie der andere, die Höhepunkte der Woche.
Seit sich das Leben jedoch so sehr geändert hatte, schienen die Wochentage zu einem verschmolzen zu sein, der sich fast immer wie Montag anfühlte, nur noch grausiger.
Eileen stellte immer öfter fest, dass sie morgens nach dem Aufwachen erst einige Sekunden angestrengt nachdenken musste, um den Wochentag zu bestimmen.
Die normalen Rituale, welche jeden Tag typischerweise gekennzeichnet hatten, waren fast alle verloren gegangen, genauso wie sie fast jedes Zeitgefühl verloren hatte.
Müde seufzte sie und starrte den Wagen weiterhin an, als könnte sie ihn mitsamt Marcel nur durch ihre Gedankenkraft entweder verschwinden lassen oder aber die Zeit zurückdrehen und einfach wie nach einem seltsamen, ängstigenden Traum wieder ins „normale Leben“ zurückkehren – mit all seinen schönen Momenten, seiner Leichtigkeit.

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Dass das aber niemals mehr möglich sein würde, das war ihr inzwischen klar geworden.
Ihr Blick fiel auf die digitale Zeitanzeige in ihrem Wagen. Es war schon fast vier Uhr – Marcel war sehr viel länger im Haus als vereinbart.
Einen Moment lang ärgerte sich Eileen maßlos darüber, dann seufzte sie jedoch und zuckte die Achseln. Sie wusste ja selbst gut genug, dass vier Stunden nicht ausreichend Zeit waren, um all die Sachen einzupacken und wegzuräumen.
Deswegen hatte sie sogar schon fast zwei Stunden länger gewartet als vereinbart, aber schließlich waren ihre Mutter und sie durch alle Geschäfte der Innenstadt gewandert, hatten zu Mittag gegessen und fanden ihre Füße schmerzend vor, so dass es Zeit wurde, nach Haus zu fahren. Darüber hinaus hatte sie selbst auch noch einiges zu tun, sie musste einige Tabellen für ihre Anwältin fertig stellen, um die genauen Vermögensverhältnisse zu klären.
Außerdem hatte sie sich ein wenig Arbeit aus dem Büro mit nach Haus genommen, denn während ihrer Krankheit war viel liegen geblieben. Und immerhin brauchte sie ihren Job jetzt dringend!
Eileen seufzte noch einmal tief. Eben hatte sie sich noch so gut gefühlt, voller Tatendrang und neuem Mut.

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Sie war mit ihrer Mutter durch sämtliche Geschäfte gegangen und hatte sich ausgiebig neue Kleidung gekauft – sie empfand das fast wie einen Befreiungsschlag.
Und vorher war sie noch zum Friseur gegangen und hatte sich in einem Anfall von Veränderungswillen ihr langes Haar sehr viel kürzer schneiden lassen. Es fiel ihr jetzt fransig und frech in die Stirn und gab ihr einen wilden, entschlossenen Ausdruck.
Das hatte zumindest der Frisör gesagt, als er mit ihr fertig gewesen war.
Jetzt gerade fühlte Eileen sich gar nicht mehr wild und entschlossen. Am liebsten hätte sie den Zündschlüssel wieder umgedreht und wäre noch einmal weggefahren. Aber sie wusste nicht recht wohin.
Lene war heute den ganzen Tag mit Dirk unterwegs, zu ihren Eltern zurück wollte Eileen nicht mehr, alle Einkäufe hatte sie getätigt.
Und was half es schon, der Konfrontation aus dem Weg zu gehen?
Also straffte sie die Schultern, öffnete die Wagentür und stieg aus. Die Luft roch nach frischem Regen, auch wenn die Sonne kräftig und warm schien, und das welke Laub klebte auf den Bordsteinen des Gehwegs, was es zu einer rutschigen Matte werden ließ.
Erneut dachte Eileen daran, dass sie es unbedingt entfernen musste.

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Ob Marcel auch die Gartengeräte mitgenommen hatte oder sie mitnehmen wollte? Einmal mehr wurde ihr bewusst, dass sie auf Dauer nicht in diesem Haus würde wohnen bleiben können. Es war ihr einfach zu groß – und das nicht nur in räumlicher Hinsicht. Viele Aufgaben daran hatte ihr Mann übernommen, wogegen ja auch gar nichts einzuwenden war.
Eileen hatte handwerklich gesehen zwei linke Hände und konnte sich auch für nichts davon begeistern. Natürlich, einen Nagel in die Wand schlagen oder ein einfaches Möbelstück zusammenzuschrauben war auch für sie relativ mühelos machbar. Aber damit hörte es auch schon auf.
Sie stieg die Vortreppen nach oben und zögerte einen Augenblick. Sollte sie klingeln, um sich anzukündigen? Oder einfach aufschließen?
Dann schnaubte sie und warf einen Blick auf die Uhr. Es war bereits nach vier, Marcel war nun schon mehr als zwei Stunden über der Zeit, da musste sie sich wirklich nicht auch noch ankündigen – schon gar nicht in ihrem eigenen Haus.

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Immerhin war Marcel gegangen, nicht sie!
Also steckte sie wie gewohnt den Schlüssel ins Türschloss und öffnete die Türe.
Einen Moment lang blieb sie im Vorraum stehen und lauschte in alle Richtungen. Es war still.
Verwirrt sah sie sich um. Ob Marcel vielleicht gar nicht mehr da war?
Vielleicht hatte er ein größeres Auto für den Umzug besorgt, war mit diesem jetzt zu seiner neuen Wohnung gefahren und lud es dort aus – und hatte den Van darum erst einmal hier stehen lassen, um ihn später wieder zu holen?
Da sie wirklich keinen Laut hörte, schien ihr diese Möglichkeit am schlüssigsten.

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Sie schälte sich aus ihrem Mantel, legte die Handtasche ab und ging ins Wohnzimmer. Auch hier war kein Mensch zu sehen.
Ihre Augen fuhren durch den Raum und blieben an den Stellen hängen, die leerer waren als am Morgen. Sie schluckte bitter. Es fühlte sich ein wenig an wie in ihrem Innern – als seien gewisse Fragmente einfach aus dem Gesamtbild heraus gerissen worden.
Müde strich sie sich über die Augen und ging dann nach oben, direkt ins ehemalige Arbeitszimmer. Einen Moment musste sie tief durchatmen, als sie in dem fast leeren Raum stand. Dies war wirklich immer Marcels Reich gewesen.
Eileen arbeitete meist unten im Wohn- und Esszimmer am Notebook, wenn sie etwas zu tun hatte.
Marcel hatte sich hier stundenlang vergraben, im Internet gesurft, Onlinespiele gespielt und zuletzt mit seinen Jungs gepokert. Entsprechend chaotisch hatte es hier immer ausgesehen, und irgendwann hatte Eileen aufgegeben, Ordnung und Sauberkeit in diesem Raum bringen zu wollen und Marcel gebeten, einfach in Zukunft selbst zu putzen, was er dann nur sporadisch getan hatte – einmal im Jahr vielleicht und dann auch nur, indem er mit dem Staubsauger über den von Chipskrümeln gesäumten Boden gefahren war.
Sie seufzte, als sie den leeren Raum so betrachtete. Bis auf einige wenige Überbleibsel war er fast komplett leer geräumt.

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Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sie ein Geräusch vernahm.
Sie horchte auf, doch nun war es wieder still. Für einen Moment dachte sie schon, sie habe irgendwelche Einbildungen, doch dann hörte sie es wieder – ein Geräusch, das aus dem Schlafzimmer kam.
Zielstrebig ging sie darauf zu und überlegte zuerst noch zu klopfen, was sie dann aber doch ließ – statt dessen schnappte sie sich einen Regenschirm, der verlassen in der dunkelsten Flurecke stand und stieß die Türe zum Schlafzimmer mit einem Ruck auf.
„Heiliger….!“, schrie sie auf und ließ den Regenschirm vor Schreck mit einem lauten Knall auf den Boden fallen.

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Dann wich sie entsetzt zurück, drehte sich um und schlug die Türe mit einem lauten Knall hinter sich zu.


Fortsetzung folgt.​
 
  • Danke
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Lynie

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Huhu Innad,

wieder ein toll geschriebenes Update.. Du hast den Rückblick sehr schön beschrieben und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich Eileen sehr einsam und traurig fühlt, wenn sie an die damals schönen Erinnerungen denkt.. Das ihr das Haus auch ziemlich leer vorkommt ist normal, da habe ich auch nichts anderes erwartet..

Ich kann mir ja schon denken, was jetzt im Schlafzimmer passiert ist und zwar vergnügt sich grade Marcel mit seiner neuen Flamme, oder?? Wenn ja, finde ich das unter aller Sau.. Sowas macht man doch nicht, der soll es bei seiner Freundin zu Hause machen :mad: :polter: ..

Ich bin ja gespannt, ob ich mit meiner Vermutung richtig liege..
lg lyn :hallo:
 

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